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Reisebericht: ...ja der Chiantiwein... - eine Reise in die Toskana

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Horst Wehrse

ein Reiseführer

aus Bremen

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Endlich geht es wieder los. Nach einer Übernachtung in Karlsruhe erreiche ich gegen Mittag des zweiten Tages die Schweiz. 35,- Euro kostet eine Autobahnvignette. Die Kantonhauptstadt Schaffhausen bedeutet keinen großen Umweg und so komme ich noch einmal in den Genuss des bekannten Rheinfalls und bestaune, wie der Strom auf einer Breite von 150 m über eine 23 m hohe Wand hinunterrauscht. Obwohl ich dieses Schauspiel schon zweimal erleben durfte, ist es doch wieder sehr eindrucksvoll. Allerdings habe ich die Umgebung anders in Erinnerung. Ich orientiere mich dann in Richtung Luzern und erreiche in Weggis das Ufer des wunderschönen Vierwaldstädter Sees. Jetzt heißt es, das Dach des Autos zurückklappen und die Landschaft genießen. Manchmal schieben sich ein paar Wolken vor die Sonne, aber das stört mich nicht. Die Lage des Sees, umgeben von hohen, teils schneebedeckten Bergen, könnte schöner nicht sein und so nutze ich viele Parkbuchten, um das herrliche Panorama auf mich einwirken zu lassen. Nach Passieren des fast 17 km langen St.-Gotthard-Tunnels bin ich im Tessin angelangt, ab hier wird nur noch italienisch gesprochen. Den Rest des Tages bleibe ich in Bellinzona, der Hauptstadt des Kantons. Bellinzona Das Hotel „Union“ hat noch ein Einzelzimmer zu vergeben und so checke ich hier für die nächste Nacht ein. Die Stadt zählt etwa 17.300 Einwohner. Ihre drei Trutzburgen gehören zum UNESCO – Weltkulturerbe. Die mittelalterlichen Wehranlagen Castelgrande, Castello di Montebello und Castello die Sasso Corbano sind weithin sichtbar. Adrette Bürgerhäuser und mittelalterliche Bauten bestimmen die Altstadt. Es heißt, dass sich Bellinzona gegen die mondänen Urlaubshochburgen Locarno und Lugano nicht durchsetzen konnte, ich habe mich hier jedoch sehr wohl gefühlt und nichts vermisst. Ein Espresso im Café, ein Gläschen Wein auf der Piazza oder ein leckeres Abendbrot mit einer Flasche hiesigem Merlot in der Altstadt. Ich hatte nichts auszustehen, aber immer das Gefühl, schon in Italien zu sein. Am nächsten Morgen fahre ich bis Locarno und dann, mit etliche Fotopausen, am Ostufer des Lago Maggiore entlang. Wieder entzückt mich das Panorama des Sees, die schmucken Orte und die malerischen Buchten. Eine längere Pause lege ich in Luino, schon auf italienischer Seite, ein. Und dann geht es auf der gebührenpflichtigen Autobahn weiter bis Florenz. Gegen Abend habe ich die Gegend, wo der herrliche Chiantiwein angebaut wird, erreicht und fahre auf einer kleinen Landstraße meinem nächsten Ziel, Greve in Chianti, entgegen. Junge afrikanische Frauen warten am Waldrand auf Kundschaft. Greve in Chianti Das Hotel „Giovanni da Verrazzano“ liegt direkt im Zentrum des Ortes an der Piazza Matteotti. Seinem Namen verdankt das Haus dem gleichnamigen Seefahrer, eine Statue erinnert an den Sohn des Ortes. Zum Entladen meines Gepäcks finde ich einen Kurzparkplatz vor der Herberge, später parke ich mein Auto etwas abgelegen auf einem kostenfreien öffentlichen Parkplatz. Es ist das erste Mal auf meinen Reisen, dass die Preisangabe im Reiseführer für eine Übernachtung hundertprozentig stimmt. Greves Weingenossenschaft mit etwa 170 Bauern ist eine der bedeutendsten Chiantiproduzenten, etwa 2,5 Mio. Flaschen des edlen Getränks werden hier jährlich gekeltert. Einen guten Eindruck der heimischen Gewächse kann man sich in den Enoteche des Ortes verschaffen. Gegen einen Obolus dürfen verschiedene Sorten probiert und verkostet werden, ich mache mich in der Enoteca „Le Cantine“ kundig und konstatiere, am Vino Rosso ist nichts auszusetzen. Etwas beseelt von den guten Tropfen wandere ich durch die Straßen, überquere den Fluss Greve und steige auf einen Hügel, der sich am Rand des Ortes erhebt und eine wunderbare Sicht auf die Häuser und die Weinberge in der Umgebung erlaubt. Nach dem Abendessen schlendere ich noch durch die Gassen und verweile in einigen Weinlokalen, es ist noch sehr warm und viele Menschen genießen die Abendstimmung auf der Piazza. Das letzte Glas Wein gönne ich mir, auch an den folgenden Tagen, im Restaurant meines Hotels und beobachte von der Terrasse aus das Treiben auf dem Marktplatz. Im Sommer 1984 besuchte ich mit Elisabeth die Toskana erstmals, später, im April 1993, waren wir ein weiteres Mal in dieser Gegend. Die wunderschöne Umgebung mit ihren Olivenbäumen, Weinbergen und Zypressen, die hügelige Landschaft mit den vereinzelten Gehöften, hatte sich nachhaltig in mein Gedächtnis eingeprägt. Die jetzige Reise soll aber beileibe kein Erinnerungsbesuch sein. Auf drei der bekannteren toskanischen Orte verzichte ich, nämlich auf Livorno, Lucca und Pisa. Hier waren wir u. a. in der Vergangenheit und die Besteigung des Schiefen Turms ist ja auch nicht ganz billig. So klappe ich am nächsten Morgen das Autodach wieder nach hinten und fahre über kleine Straßen durch die Weinberge, halte häufig an für ein Foto oder einen Cafè, wie die Italiener ihren Espresso bezeichnen. Das Wetter meint es auch heute gut und das Thermometer nähert sich gegen Mittag der 30–Grad–Marke – und das im Mai (2011)! Viele Radfahrer kommen mir in atemberaubender Geschwindigkeit entgegen, jeder im professionellen Outfit. Siena habe ich in bester Erinnerung und so freue ich mich darauf, der Stadt wieder einen Besuch abzustatten. Aber was ist hier nur los! Auto über Auto quält sich zu den Parkplätzen, ich suche über eine Stunde und stelle mein Fahrzeug dann völlig entnervt aber halbwegs zentral im Halteverbot ab. Bis zum berühmten Hauptplatz der Stadt, Piazza del Campo, ist es nicht weit. Ich kann ihn aber auch gar nicht verfehlen, weil die lange Touristenströme, vorneweg ein Anführer mit Schirm, darauf zusteuern. Die Piazza besticht durch seinen muschelförmigen Grundriss, er gilt als einer der schönsten Plätze Europas. Das Rathaus, Palazzo Pubblico, und weitere mittelalterliche Paläste, heute Heimat von Cafés und Ristorantes, verleihen ein besonderes Flair und bilden eine Kulisse, die man so schnell nicht vergessen wird. Den Dom hatten wir bei unserer bereits erwähnten ersten Reise besichtigt und so versage ich mir angesichts der Menschenschlange einen weiteren Besuch. Es ist aber auch ein Erlebnis, das Gebäude mit seiner Zuckerbäckerfassade nur von außen anzusehen. Mein Auto wurde zwischenzeitlich nicht abgeschleppt und auch nicht mit einem Bon wegen Falschparkens versehen und so setze ich meine Fahrt frohen Mutes fort. Wieder halte ich mich vorwiegend auf kleineren Straßen auf und erreiche eine Stunde später den Ort Poggibonsi. Hier hatten wir 1984 einige Tage unser Quartier aufgeschlagen. Ein paar Kilometer weiter erscheinen schon die berühmten Geschlechtertürme von San Gimignano in der Ferne. Diese bis zu 50 m hohen Türme, die dem Örtchen seine charakteristische Silhouette verleihen, wurden von wohlhabenden Familien aus Prestigegründen erbaut. Mir fällt auf, dass die Geschäfte nicht mehr, wie früher, bauchige Korbflaschen mit Wein minderer Güte im Angebot haben. Wenn meine Erinnerung nicht trügt, hat früher jeder gefühlte zweite Tourist ein solches Objekt als Souvenir erworben. San Gimignano gilt als die besterhaltene mittelalterliche Stadt der Toskana. Florenz Der Linienbus von Greve nach Florenz, den ich am nächsten Morgen besteige, benötigt rund 60 Minuten, eine Einfachfahrt kostet 3,30 Euro. Vom Bahnhof sind es nur ein paar Schritte bis zum touristischen Zentrum. So erreiche ich bereits nach einigen Minuten San Lorenzo, die Grabeskirche der Medici. Und dann stehe ich auch schon vor dem Wahrzeichen der Stadt, dem Dom, der viertgrößten Kirche der christlichen Welt. Über 4.000 Menschen finden hier Platz. Der über 100 m hohe Kuppelbau mit der 35 m hohen rötlichen Kuppel ist nicht zu verfehlen. Nicht weniger eindrucksvoll ist der Campanile, der 122 m hohe Turm der Kirche. Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber auch Florenz scheint nur aus Besuchern zu bestehen und so verzichte ich darauf, das Innere des Kirchengebäudes zu besichtigen, die Schlange der Wartenden ist einfach zu lang. Beim letzten Mal hatten wir sofort Einlass gefunden. Direkt vor dem Dom ist die achteckige Taufkirche, das Baptisterium oder Battistero San Giovanni, angesiedelt. Sie zählt zu den ältesten Gebäuden der Stadt. Berühmt sind ihre drei Bronzeportale. Einmal gelingt mir doch tatsächlich ein Foto der goldenen Porta del Paradiso, ohne dass Menschen in Pose davor stehen. Ich bleibe geraume Zeit auf der Piazza del Duomo und gehe dann zum Dantehaus. Als nächstes orientiere ich mich zur Piazza della Signoria, dem politischen Zentrum der Stadt. Es wird u. a. vom Palazzo Vecchio, heute Museum und Kommunalverwaltung, dem Palast des Handelsgerichts und den Uffizien begrenzt. Viele Skulpturen, so eine Nachbildung des David, und der Neptunbrunnen verleihen diesem Platz den einzigartigen Charme. Da mir ein Besuch der Uffizien, der Galleria degli Uffizi, eine der weltweit bekanntesten und größten Gemäldesammlung aus vorgenannten Gründen nicht zweckmäßig erscheint, entscheide ich mich, im Winter, außerhalb der touristischen Saison, noch einmal wieder zu kommen. Man muss sich vorstellen, Florenz zählt 370.000 Einwohner, muss aber jährlich etwa 5 Mio. Besucher verkraften. Mich wundert es nicht angesichts dieser einmaligen Ansammlung von Kunst und Kultur. Schließlich sind über 70 Museen zu bestaunen, von den unzähligen Palästen, Kirchen und Plätzen ganz zu schweigen. Nun ist es nicht mehr weit bis zur alten Brücke über den Arno, der Ponte Veccio. Mit ihrem Bau wurde 1345 begonnen, sie wurde während des 2. Weltkrieges nicht zerstört. Auf beiden Seiten sind Juwelierläden angesiedelt und von den Touristen bei der Suche nach Souveniren sehr begehrt. Als letzter Punkt des heutigen Besichtigungsprogramms steht der Besuch der Galleria dell´Accademia auf dem Programm. Hier ist Michelangelos weltberühmter David im Original ausgestellt. Aber auch vor diesem Gebäude warten so viele Menschen auf Öffnung des Ticketschalters, dass ich schnurstracks zum Bahnhof gehe und mich auf die Ruhe in Greve freue. Zurück im Hotel ist es aber leider mit der ländlichen Stille vorbei, denn etwa 20 Landwirte blockieren den Marktplatz mit ihren Traktoren und demonstrieren für bessere Preise. Auf dem Rückweg nach Deutschland fahre ich bei einigen Weinbauern vorbei, erwerbe ein paar Flaschen des köstlichen Produkts und stocke auch meinen Vorrat an Olivenöl auf. In Südtirol verlasse ich die Autobahn und fahre auf engen Gebirgsstraßen über den Gampenpass nach Meran. Ein Zimmer ist im Hotel „Graf von Meran“ schnell gefunden. Nur mit Mühe erwische ich einen freien Platz vor einem Lokal in der Fußgängerzone. Die meisten Gäste trinken einen Veneziano, einen Aperitif, der für meinen Geschmack etwas zu süß ist. Später erzählt mir der Hotelier, dass die Kinder in Südtirol, in Alto Adige, zweisprachige Schulen besuchen. Angeblich zieht es Akademiker in den deutschsprachigen Raum, so sollen vor kurzer Zeit 20 Ärzte Meran den Rücken gekehrt haben. Über den Brenner geht es nach Österreich. War es in Südtirol noch knapp 30 Grad warm, so zeigt das Thermometer in Kufstein etwas mehr als 10 Grad an. Hier fallen mir die vielen leer stehenden Ladenlokale auf. Ein Schild am 600 Jahre alten „Auracher Löchl“ informiert, dass hier das Kufsteinlied entstanden ist. Auf dem Weg nach Hause mache ich noch einen Abstecher nach Eger/Tschechien und besuche an einem der nächsten Tage die Kartenstadt Altenburg und die Lutherstadt Wittenberg. Der in Greve eingekaufte Chiantiwein lagert noch im Keller und ich freue mich schon auf nächstes Jahr, dann ist er nämlich trinkreif. PS: Drei Monate nach meiner Rückkehr erhielt ich Post von der Polizei Schaffhausen: Anzeige wegen Übertretung der Geschwindigkeit um 8 km/h d. h. nach Abzug der Toleranz Überschreitung von 3 km/h: 40 CHF, das entspricht 31,50 EUR – und das für drei Stundenkilometer!



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