Wie kommt eigentlich Sir Toby´s, Ausgeburt britischen Humors des südenglischen Autors Lauri Wylie, ausgerechnet nach Prag? Dort, wo man ein „Kafka“, ein „Golem“ und natürlich noch einen „Gasthof zum braven Soladaten Schwejk“ erwarten darf! Erfunden hat es kein Schweizer, sondern der schwäbische Hostelbauer Mathias Schwender. Und ganz offensichtlich hat der Butler aus Deutschlands beliebtestem Silvester-Klassiker soviel Glück gebracht, wie das Shamrock, das der Bar-Keeper im Keller-Pub auf den Guiness-Schaum zapft. Seit 1998 heißt es Jahr für Jahr: „Same procedure as last year“ – die Gästezahlen steigen, es folgte das Miss Sophie’s und mittlerweile zwei weitere Etablissements: Czech Inn und Mosaic House.
Zugegeben, man muss die Baugeschichte dieses britischsten aller Prager Hostels nicht kennen, um sich im liebevoll renovierten Jahrhundertwende-Haus im Wohnviertel Holešovice wohlzufühlen – zehn Minuten mit der Tram von der Altstadt entfernt: „Wir haben alle Möbel und Accessoires aus Antiquitätengeschäften und Flohmärkten zusammengesucht“, erzählt Mathias, „nicht um zu sparen, sondern weil mir eben ein gemütliches Hostel mit viel Holz und Pub-Atmosphäre vorschwebte.“

Auch die Details sind very british.
Mehr Midsommer als Slavia Der Plan ist aufgegangen. Schon an der Rezeption fühlt man sich eher im County Midsomer als in der tschechischen Hauptstadt, und das nicht nur wegen des britischen Akzents der Concierge. An den Wänden prangen alte Ausgaben der Times, die gemütlichen Ohrensessel, Biedermeier-Bänke und –Tische sehen aus, als hätten sich auf ihnen bereits Generationen von Oxford-Studenten zu Brandy und Zigarre niedergelassen. Auf jedem Sims, jedem Fenterbrett, jedem der dunklen Merantiholz-Regale, kunterbunte Alltagsnostalgie, Erinnerungen längst verstorbener Zeitzeugen.

Sir Toby´s Vorbild: "I will kill that cat."
Man muss die Gründerzeit dieses ersten Schwender’schen Hostels nicht kennen, aber sie ist amüsant wie die Entstehungsgeschichte von „Dinner for one“, das kurioserweise seinen Triumphzug 1963 im Deutschen Fernsehen antrat und erst 2007 von Journalisten des Daily Telegraph entdeckt wurde. Sie empfahlen dem BBC die Ausstrahlung der Sendung, „da der typisch britische Humor die wohlwollende Beachtung der Briten verdiene“. Ein kurzer Blick auf die ersten beiden Google-Seiten mit Suchergebnissen zu „Sir Toby’s“ zeigt: Auch der britische Hotel- und Gaststättenverband hätte bei der Namensgebung seiner Inns und B&Bs noch Toby-Potenzial. Und auch die Eröffnung eines britischen Hostels in der Tschechischen Republik durch einen schwäbischen Malermeistersohn provoziert nicht gleich den Ausruf: Das musste ja so kommen!

Sir Toby´s Erfinder Mathias Schwender.
Hobby: Alte Häuser sammeln Doch Mathias hatte auf der familieneigenen Hühnerfarm in Königsbach bei Pforzheim nicht nur das Malerhandwerk gelernt, sondern auch das Hobby des Vaters geerbt: „Der hat ständig alte Häuser gekauft und sie umgebaut, mein Bruder und ich mussten das seit Kindestagen mitmachen.“ Also wandte der Theologe auf dem zweiten Bildungsweg das erworbene Sanierungs-Know-how auf das Haus in der Dělnicka 24 an einer Flussbiegung der Moldau im Norden von Prag an und knüpfte auch an eine andere Familientradition an: „Meine Eltern waren stark in der Kirchengemeinde engagiert, sie hatten immer Gäste zu Hause.“ Anstatt Missionar zu werden, wie ursprünglich beim Studium in der Schweiz geplant, investierte der schwäbische Pietist sein kommunikatives Sendungsbewusstsein in das Hostel: „Unser Stammhaus ist ein gemütliches Hostel für Leute mit begrenztem Budget, die kulturell interessiert sind, den sozialen Aspekt schätzen und gerne zusammen kochen und schwätzen.“

Eine Fassade wie gezeichnet.
Sehen Sie, und deshalb ist es gut, die Geschichte hinter diesem Haus zu kennen, weil sich so erschließt, warum das Sir Toby’s mehr ist als nur eine Übernachtungsgelegenheit für junge Leute mit Ebbe in der Kasse. Es ist Anlaufstation für Prag-Entdecker aus aller Welt, multikulturelles Kommunikationszentrum und manchmal sogar Jobbörse für Weltenbummler, die ihre Reisekasse auffüllen wollen. Der fleißige Exil-Schwabe hatte die Marktlücke schnell erkannt: Es gibt keine besseren Reiseführer, als seine lebenslustigen Angestellten, die mit jeder Kneipe zwischen Višehrad und Petřín auf du und du sind. Wer nicht nur auf den ausgetrampelten Touristenpfaden vom Wenzelsplatz zur Karlsbrücke laufen, sondern das Prag der Insider entdecken möchte, ist in diesem Refugium des Non-Konformen bestens aufgehoben.

Sicher kein Dinner for one: Im Sir Toby´s findet man immer Anschluss.
Auch Alt-68er dürfen hier rein Und falls nun jemand befürchtet, dass hier ein Messigschild mit „Trau keinem über 30“ überm Eingang prangt, täuscht sich. Hier können auch Alt-68er mit Bölls „Irischem Tagebuch“ unterm Arm ihre Aussteiger-Fantasien von anno dazumal auffrischen, ohne schief angeguckt zu werden. Und trotz des gutmenschlich-protestantischen Hintergrunds des Hausherrn, besteht keine Gefahr, an den Händen gefasst und in ein gemeinsames „Laudatus sum“ gezwungen zu werden.

Wer möchte, kann im Sir Toby´s auch bürgerlich dekadent nächtigen.
Wer möchte, darf für schlappe 95 Euro die Kommune 1 ins Zehnbettzimmer zum Sleep-in laden. Wer sich aber bereits bürgerlich auf eine Partnerin festgelegt hat, wird sich über ein gediegenes Doppelzimmer für schottische 40 Euro freuen. Und auch alle, die Prag schon kennen, können ihren ganzen Aufenthalt in Sir Toby’s verbringen, ohne sich zu langweilen: Etwa mit Zeitungslektüre bei english breakfast bis 11 Uhr, anschließend schreibt der ambitionierte Autor an der James-Joyce-Fortsetzung „Ulysses in Prague“, ab 18.30 Uhr öffnet das Pub – je nach Geschmack locken dort Dart-Pfeile, Filme oder Live-Konzerte. Fehlt eigentlich nur noch das Fell des Tigers, das Butler James an jedem New Years Eve ins Straucheln bringt – aber vielleicht hat er ja auch seine Drohung endlich wahrgemacht: „I will kill that cat!“