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Reisebericht: Nordindien November 2006
In den letzten beiden Wochen haben wir knapp 3.000 km Landstrasse zurueckgelegt. Wir hatten uns in Delhi kurzerhand dafuer entschieden, ein Auto zu mieten, um flexibler zu sein, vor allem wegen Petra, die ja ihre professionelle Fotoausruestung dabei hat und insbesondere das einfache Landleben als Motiv interessiert.
Bei unserer Ankunft in Delhi war ein dreitaegiger Streik ausgerufen: tausende hablegale Haendler haben gegen die Regierung protestiert, die zu den Commonwealth Games 2010 diese bislang - auf Duldung & Bakschisch basierenden - Geschaefte einschraenken will. Das haette eine Flut von Arbeitslosen zur Folge. Fuer uns bedeutete dies ein Viertel des Verkehrs- und Verkaufsaufkommens. Fuer Petra als ersten Eindruck von Indien war dies mehr als genug, fuer mich willkommene Ruhe. So hatten wir genug Zeit, uns die groesste indische Moschee anzusehen, in der noch einige Tage zuvor 25.000 Moslems das Ende des Ramadans gefeiert haben. Das haette ich gern als Zaungast erlebt.
Unsere erste grosse Fahrt brachte uns ins 10h entfernte Amritsar im Norden Indiens: eine Millionenmetropole, die als einzigen Blickfang den beruehmten Goldenen Tempel inmitten eines kleinen, kuenstlich angelegten Sees bot. Es ist die heilige Stadt der Sikhs (der Klischee-Turban-Inder), die weder rauchen noch trinken und dies auch sonst argwoehnisch beaeugen. Wir haben uns also gefuehlt wie Halbstarke, die sich zum heimlichen Rauchen in einer dunklen Gasse verstecken. In einem Restaurant ausserhalb der Bannmeile des Tempels gab es unerwartet Wein zu meinem Geburtstag. Ein Geschenk. Allerdings von kurzer Dauer, da eine Bande aufgekratzter Amerikanerinnen mit laecherlichen Hueten den Gastraum in Beschlag nahmen. Sie waren zum Sikkhismus konvertiert und - wie in vielen solcher Faellen - besonders bemueht, die besseren Glaeubigen zu sein. Keine ab-originale Sikh-Frau stuelpt sich eine derartig alberne Kopfbedeckung auf. Diese Huehner liessen uns vom Kellner ausrichten, dass sie den Wein- und Zigarettenkonsum unsererseits missbilligten. Wir schluckten unsere Missbilligung mit dem letzten Schluck Rotwein runter.
Unser naechstes Ziel war Chandigarh, die Hauptstadt des Bundesstaates Punjab, die von Le Corbusier auf dem Reissbrett entworfen wurde. Grotesk, die Inder in quadratische Sektoren stecken zu wollen wie Laeufer, Turm und Bauer. Auf der halsbrecherischen Fahrt dahin haben wir beide streckenweise abwechselnd ans Ueberleben oder an den Import von phosphoreszierenden Farben gedacht. Die Strassen sind ein Extrakt des gesamten Landes. Ein Machtspiel wie im Tierreich: der Staerkere obsiegt. Alles, was in der Lage ist, sich fortzubewegen, findet man auf den Strassen vor. Und wenn man schon von einer Kuh oder einem heimkehrenden Bauern keine Ruecklichter erwarten kann, von allen anderen leider auch nicht. Liegengebliebene Lorries werden mit Zweigen und Steinen am Boden, statt eines Warndreiecks gekennzeichnet. In den kohlrabenschwarzen Naechten wenig hilfreich - das meiste wird erst in letzter Sekunde ausgemacht. So erfordert das Leben auf der Landstrasse ein Hoechstmass an Konzentration und Reaktion. Die Augen schmerzen vom Spaehen ins dunkle Nichts. Hunderte Male haben wir still ein "Das war knapp!" mit den Lippen formuliert. Dennoch: es passiert weitaus weniger als in Deutschland auf einer Strecke wie der, die wir insgesamt hinter uns gebracht haben. Moeglicherweise sind es die Geschicklichkeit, die Coolness und die Intuition, die uns mitsamt den archaischen Instinkten durch striktes Reglement mit der Zeit verloren gegangen sind, die dieses Chaos funktionieren lassen. Trotzdem: von der vielstimmig prognostizierten Weltmacht ist Indien noch so weit entfernt wie ein Elefant vom Ballettunterricht. Alles andere ist elitaeres Geschwaetz im Zusammenhang mit Globalisierung durch einen Augenschlitz einer Burka betrachtet. Rasante Veraenderungen sind allerdings allerorten zu bestaunen: die Preise sind enorm gestiegen, die Anzahl und Hoehe der Hotels ebenfalls. Sie sind also eher materieller Natur denn im Bewusstsein. Um die unfassbare Luftverschmutzung zum Beispiel: man kann die schleimigbraune Bruehe, die den Mond rot faerbt foermlich mit den Haenden greifen. Das Atmen faellt schwer, das Rauchen mach keinen Spass.
Varanasi, die heilig-dreckige Stadt am Ganges: smogverkatert haben wir den vielgeruehmten Sonnenaufgang am Fluss erwartet, wie wir die meiste Zeit noch vorm Hahnenschrei augestanden sind, um die groessten Entfernungen bei Tageslicht zu bewaltigen. Nach anfaenglicher Ueberwindung hat sich herausgestellt, dass dies die schoenste Stunde des Tages ist: das Licht, die erwachenden Menschen, der Nebel ueber den Feldern, die damit einhergehen. Keine Zeit ist unschuldiger. Doch zurueck zum Ganges. Die Vielzahl der Boote mit Touristen vollgestopft, erinnert an den Spreewald und ist dem Ort so wenig angemessen wie eine Technoparty auf dem Friedhof. So sind wir zu Fuss and den Ghats entlang gewandert und haben uns den Budenzauber aus seltsam "unserioesen" Sadhus und Geschaeftemachern aller Art aus naechster Naehe an- sowie den Pilgern beim morgendlichen Wasch- und Betritual zugeschaut. Das main burnig ghat, an dem taeglich mehrere hundert "frischer" Leichen (kein Koerper darf aelter als 24h tot und muss eines natuerlichen Todes gestorben sein) fein saeuberlich nach Kasten getrennt verbrannt werden, darf ein Nicht-Hindu nur von einem Balkon in der unmittelbaren Naehe anschauen aus Respekt vor den Angehoerigen. Allerlei Schindluder wird mit unwissenden Touristen getrieben: hanebuechene Geschichten ueber mangelndes Geld fuer Feuerholz fuer Tote ohne Familie werden erfunden, um die schwer beeindruckten Westler zu uebertoelpeln und ihnen Unsummen abzuluchsen. Der Industriezweig Spenden und das Geschaeft mit dem Mitleid brummen. Frauen ist der Zugang zum Ghat uebrigens gaenzlich untersagt. Frueher haben sich die Witwen reihenweise in die Feuer ihrer toten Ehemaenner gestuerzt, weil die Vorstellung von einem Leben ohne Versorger offenbar schlimmer war als der selbstgewaehlte Feuertod. Das wurde vor einigen Jahren von staatlicher Seite verboten, wenngleich sich nichts an der grundlegenden Verzweiflung ob der Situation veraendert hat. Die Begruendung des Verbotes finde ich persoenlich besonders pikant: die Ehemaenner wuerden sich beim Tod ihrer Frauen doch auch nicht in die Flammen stuerzen. Auch wieder wahr!
Wieder zurueck auf der Landstrasse mit ihren kleinen "dhabas", in denen alte Maenner mit schiefen Brillen scharfes Gemuese mit Fladenbrot und Ingwertee reichen, sich eine geschenkte europaeische Zigarette wie einen kleinen Schatz hinter Ohr klemmen und das urspruengliche Indien verkoerpern.
Aber auch die letzte abenteuerliche und laengste Strecke liegt nun hinter uns. Wir haben Udaipur lebendig erreicht und ich koennte pausenlos grunzen vor Wohlbefinden und Glueck. Ich kann es kaum fassen, wie gut es sich anfuehlt, hierher zurueckzukommen. Hunderte Haende haben sich mir seit unserer Ankunft entgegengestreckt, um mich willkommen zu heissen. Vieles ist genauso vertraut, vieles hat sich veraendert. Ich spaziere staundend durch die kleine Stadt und kann mich kaum satt sehen. Gleich am ersten Abend waren wir zu einer der unzaehligen muslimischen Hochzeiten eingeladen. Die Luft blieb mir schier weg von den vielen Bruesten, an die ich gedrueckt wurde und von den kleinen Kinderarmen, die sich um meine Hals geschlungen haben. So fuegt sich am Ende alles irgendwie zu einem einzigen grossen, bunten, raetselhaften Ganzen!
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Reiseberichtkommentare
Teschilein
Susn Juchzer
RoteZora007




jonny2 sagt dazu...
Super Bericht mit tollen Fotos!!! ;)