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Reisebericht: Round the World

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FiaBaum

ein Abenteurer

aus Duisburg

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DATELINE - "Über das Wünschen hinaus"

In 17 Tagen um die Welt.
Saudi Araben, Bahrain, Taiwan, Hawaii,
San Francisco, Miami, New York, Amsterdam.

Versuch einer literarischen Betrachtung.
Von Saudi Arabien um die Welt nach Deutschland D A T E L I N E - SAUDI ARABIEN - BAHRAIN - SINGAPORE
Von Anfang 1985 bis Mitte 1986 arbeitete ich als Lehrer in Saudi Arabien in einem Projekt der SIEMENS AG. Wir unterrichteten Englisch für saudisches Sicherheitspersonal im Bereich der petrochemischen Großanlagen.
Dieser Bericht behandelt meine Abreise aus Saudi Arabien und den anschließenen Heimflug um den Globus. Alle Fakten und subjektiven Wahrnehmungen muß man vor dem Hintergrund lesen, dass Fliegen zu dieser Zeit noch nicht so zum normalen Alltag gehörte, wie heute.
Fünf lange Monate waren mit seinem job in Dammam,
Hafenstadt der saudischen Ostprovinz und Zentrum der Ölförderung am Persischen Golf vergangen.
Jetzt sollte seine große Reise - eine Weltumrundung zurück nach Deutschland beginnen. Oftmals die aufdringliche Erinnerung an die bevorstehende Reise, die teilweise zur Belastung wurde, weil er befürchtete, dass noch irgendetwas dazwischen kommen und seinen großen Traum zerstören könnte. Nun war plötzlich der langersehnte Augenblick gekommen, an dem es keine Verpflichtungen mehr gab und ihm die über dreißigtausend Kilometer lange Reise um den Globus zurück nach Deutschland bevorstand. Die Strapazen des 4-monatigen Wüstenjobs haben in verkrampft gemacht, und er fühlt sich unbeweglich, besonders geistig so abgewetzt, alles in ihm ist ein wenig stumpf geworden. Jetzt, wo das lange Warten ein Ende hat, erscheint die Freiheit unwirklich, wie ein Trugschluss. Nun will er Saudi Arabien so schnell wie möglich verlassen, so als wäre er schon überfällig, seine Uhr bereits abgelaufen. Er hat innerlich abgenabelt und fühlt sich nicht mehr dorthin gehörig. Noch eine Hürde ist zu nehmen, bevor er endlich - dazu im allerletzten Moment - seine Reise beginnen kann, für die ihm bloß noch 17 Tage geblieben sind.
Mit der GULF AIR muss er auf die 25 Kilometer vor dem arabischen Festland gelegene Insel im Persischen Golf fliegen. Das EMIRAT BAHRAIN. Dort ist der Knotenpunkt internationaler Flugrouten nach Europa, Asien und Australien. Das Problem ist die Reservierung. Ausländer werden oft ohne Ankündigung von der Passagierliste gestrichen, wenn die Platznachfrage von Einheimischen zu groß ist. Sollte das bei ihm passieren, verpasst er die Maschine nach Bangkok am nächsten Morgen und müsste seinen gesamten Flugplan umstellen. Wegen der Vielzahl der Stationen und der ohnehin schon zu knappen Zeit wäre das Chaos perfekt, denn möglicherweise würde er keinen Trans-Pazifik-Flug mehr bekommen und das Ticket läuft unumstößlich am 23. Dezember 1986 aus. Er versucht die Gedanken zu verdrängen, spürt aber, wie die Angst gekrochen kommt. Sein Flug ist für mittags 12.00 Uhr gebucht. Am frühen Morgen will er sich vorsichtshalber noch einmal die Reservierung bestätigen lassen und man teilt ihm lakonisch mit, dass er auf die Maschine für 14.00 Uhr gesetzt wurde. Eine Begründung gibt es nicht. Seine Nervosität steigt, als man beschwichtigend hinzufügt, dass man sich bemühe, diese Reservierung abzusichern. Bei Schwierigkeiten am Flughafen möge er sich direkt an das Büro der GULF AIR wenden. Welch eine Sicherheit beim Umgang mit Saudis! Am Airport angekommen steigen Puls und Unruhe. Fragend und zögernd kontrolliert der Beamte das Ticket, verlässt den Schalter und verschwindet in einem der vielen Büros, die hinter der Schaltfront liegen. Irgendwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Er möge doch bitte den Computerausdruck der Reservierung vorlegen. Der Schalter sei dort drüben. Seine Knie werden weich, das Herz pocht im Hals. - Erleichterung ! Nun ist alles o.k. und er bekommt seinen Boarding-Pass. Welch eine Aufregung für die 10 Minuten Flug ! Der übliche Sicherheits-Check beginnt. Immigration Card ausfüllen; Sichtkontrolle der Reisedokumente an der ersten Sperre. Inzwischen hat er sich schon an die leblos eisigen Blicke des saudischen Kontrollpersonals gewöhnt und kontert sie mit gespielter Gleichgültigkeit. Die Passkontolle zieht sich durch die übliche Lustlosigkeit und Borniertheit der Beamten länger als nötig hin. Sie gehören einer Sondereinheit der Polizei - der Task Force Police - an, aus der auch seine Schüler kommen. Ihr Dienstgrad ist mit zwei oder drei Streifen am Oberarm gekennzeichnet, während seine Schüler vier Streifen haben. Zu gut kennt er das Niveau und weiß, wen er vor sich hat. Keine Formfehler, - Stempel, - Weitermarsch zur Körper- und Handgepäckkontrolle. Geschafft! Jetzt ist er in der Abfertigungshalle, und lauscht der arabischen Ansage. Inzwischen beherrscht er die Lautdiskriminierung soweit, dass er aus dem unverständlichen Redeschwall die Flugnummer heraushören kann. GF 101, 14.00 Uhr nach BAHRAIN, Gate 5. Dann am Ende das schon gewohnte SHUKRAN (danke). Weit draußen auf dem Rollfeld in der Wüste ist gerade die Boeing 737 gelandet. THE GOLDEN FALCON mit dem entsprechenden Symbol, das er schon auf dem Seitenruder erkennen kann. Routine folgt, bis die Maschine dem festen "Shuttle-Fahrplan" folgend wieder an den Start gehen kann. Wie einen Jubelschrei empfindet er das brodelnde Eskalieren der Schubkraft, mit der er seine jüngste arabische Vergangenheit wegzublasen scheint. Etwas ungewohnt ist es für ihn, wie der kleine Jet von Turbulenzen irritiert einen festen Halt in der Luft sucht. Er sitzt ganz ruhig und spürt den üblichen Reflex eines Fluganfängers. Bloß nicht bewegen, um das Flugzeug nicht in seiner Stabilisierungsphase zu stören. Bei dem Gedanken an seine "Flugvergangenheit" fühlt er sich förmlich ertappt und muss sich ein beschwichtigendes Schmunzeln verkneifen. In einer scharfen Kurve zieht die Maschine über den Stadtkern von AL KHOBAR in Richtung Küste. Er erkennt Straßenzüge, das Kashoggi-Building, Einzelheiten und merkt, dass er nicht irgendeine Stadt überfliegt, sondern etwas Vertrautes, vielleicht sogar Liebgewonnenes, von dem er sich mit einem wohlgemeinten "Farewell" verabschiedet. Es tut ihm gut zu wissen, dass er in 6 Wochen wiederkommen kann, um einen weiteren 4-Monats-Job abzuwickeln. Nach etwa einer Minute schwenkt das Flugzeug hinaus auf den GOLF und an den Untiefen zeichnet sich der Grund deutlich im Türkis des Wassers ab.
Der Saudi-Bahraini-CAUSEWAY, die Brückenverbindung zwischen dem Festland und der Insel ist jetzt aus 800 Metern Höhe in seiner vollen Länge zu sehen und in der Entfernung erkennt er schon die Hafenanlagen und die "CORNICHE" (Uferpromenade) von MANAMA. Wie friedlich das Emirat dort im Golf liegt, während einige hundert Kilometer weiter nördlich die von iranischen Kampfflugzeugen abgefeuerten "Luft-Boden-Raketen" vielleicht gerade den Rumpf eines Öltankers aufreißen und der schwarze Rauch über der Feuersbrunst hoch in den Himmel quillt. Er hat sich inzwischen an den Gedanken gewöhnt, so nahe an einem Kriegsgebiet zu leben und sich dennoch sicher zu fühlen. Die großpolitische Lage spricht gegen eine Ausweitung der Kampfhandlungen auf Kuwait, Saudi Arabien, Qatar und die Emirate. Die finanzielle Unterstützung der Irakis durch die Golfstaaten ist der iranischen Regierung zwar ein Dorn im Auge, jedoch würde ein Angriff auf irgendeines dieser Länder die Solidarisierung der GCC-Staaten (Gulf-Corporation-Countries) und zur Ausdehnung des Konflikts auf den gesamten arabischen Raum führen. Die Schlagader für die Ölversorgung der westlichen Welt wäre getroffen und ein Eingreifen der amerikanischen Flotte in den Gewässern der STRASSE VON HORMUZ eine nach amerikanischer Denkart logische Konsequenz.
Schon ist der "Goldene Falke" der GULF AIR im Landeanflug, setzt sauber auf, schaltet die Triebwerke unter dem üblichen Poltern auf Gegenschub und kommt überraschend schnell zum Stehen. Die Transithalle des Airports ist ihm vertrauter als der Abfertigungsbereich des Kölner Flughafens, denn schon viele Stunden verbrachte er hier als übermüdeter Anschluss-Passagier. Wohltuend und kontrastreich die freundliche Atmosphäre , das positive Lebensgefühl der Bahrainis. Nach dem Erwerb von Tagesvisum und Hotelgutschein wird er von einem Kleinbus via MUHARRAQ zum AL JAZIRAH-HOTEL nach MANAMA gebracht.
Die Mittagssonne steht schon tief und färbt den Himmel samtweich orange, das stufenlos aus dem Blau des Himmels hervorkommt. Ihm wird bewusst, dass er die Schönheit eines orientalischen Abends in Saudi Arabien schon als Selbstverständlichkeit unbeachtet ließ. Die Urlaubsstimmung verändert seinen Blickwinkel. Im Hotelzimmer ein erstes Bier, ein Blick vom Balkon in die betriebsamen Straßen MANAMAS, gegenüber eine große Moschee, deren "Allah Akbar" lautstark in seinen Raum dringt. Jetzt gehört ihm die Welt! Ein irrsinniges Gefühl! Gegen 20.00 Uhr geht er zum Abendessen und wird in einer Atmosphäre gediegener Schwere gleich von zwei Kellnern bedient. Jetzt kann er sich schadlos halten für die Zeit der Entbehrungen, Dinge nachholen, auf die er so lange verzichten musste. Was ist es nun eigentlich? Am meisten hat er die Sachen vermisst, die in seinem normalen Leben teilweise ungenutzt verfügbar sind. Weniger Materielles, als vielmehr scheinbar Nebensächliches. Da ist ein gemütlicher Schaufensterbummel, auf dem man seine Interessen auslotet; optische Reize, die man nur unbewusst aufnimmt und vielleicht im nächsten Traum verarbeitet; Gespräche mit interessanten Leuten; Grün, ja das Grün der Natur vermisst er so sehr; ein schmeichelhaftes Lächeln, ein kurzes Augenspiel, ein weiblicher Gang, eine Geste, eine schmale Hand, eine schlanke Fußfessel, eine Frauenstimme, lange Haare; ja man hat keinen Spiegel, in dem man sich richtig sehen kann. Er freut sich schon auf den kommenden Morgen im Flugzeug, wenn er mal wieder "Leben" um sich herum spürt.
Das Telefon schrillt um 3.00 Uhr nachts und kurze Zeit später geht er durch tiefste Dunkelheit in Richtung Airport. "Boarding Time" ist um 5.00 Uhr, und als die BOEING 747 in den arabischen Morgenhimmel aufsteigt, verdrängen die ersten Sonnenstrahlen das Grau der Nacht. Noch im Steigflug wird der Sonnenball durch den veränderten Blickwinkel vollends sichtbar und die Maschine geht auf Kurs in Richtung STRASSE VON HORMUZ und IRAN. Erst später erfährt er den Grund für das Abschotten der linken Fensterfront. Selbst auf internationalen Flugrouten hält man wegen des "Golfkrieges" gewisse Sicherheitsbestimmungen ein. Das Fliegen empfindet er immer wieder als eine Faszination, wie einen Seitensprung in einer luftigen Existenz. Eine Freiheit, die nicht greifbar ist, schien ihn zu umgeben. Wie vielleicht andere Passagiere - die Feinfühligen - spürt er nach dem Abheben vom Boden eine psychische Umstellung und mit steigender Höhe verstärkt sich dieses Bewusstsein der Veränderung. Ist er über den Wolken, so verlieren die Alltagssorgen an Gewicht. Beim gründlicheren Nachdenken betrachtet er die neue Perspektive als ein Abstreifen der irdischen Existenz. Der Flug führt weiter nach PAKISTAN und bei guter Sicht erkennt er weit unter sich die Umrisse von KARACHI. Neuland für ihn und jetzt verwirklicht sich sein Traum, dem "Nils Holgerson" der Selma Lagerloev gleich, ferne Länder und Kontinente zu überfliegen. Er überquert den INDISCHEN SUBKONTINENT auf der Höhe von KALKUTTA, bevor sich der GOLF VON BENGALEN schemenhaft in der Tiefe abzeichnet. Dies ist das Gebiet der verheerenden Zyklone, die fast in jedem Jahr ganze Landstriche dem Erdboden gleich machen. Gerade reicht ihm die mandeläugige Stewardess mit einem professionellen Lächeln Sekt auf einem Silbertablett. Beim Vorbeugen spannt sich der Schlitz ihres Sarongs und gibt das wohlgeformte Bein bis weit übers Knie frei. Die Nylonstrümpfe glitzern seidig auf der weißen Haut. Vier Monate Arabien zeigen Wirkung, denn er wird spürbar erregt. Als er wieder Festland sieht, weiß er nach einem Blick auf Landkarte und Routenplan, dass dies BURMA ist. Die Stimme des Kapitäns lenkt die Aufmerksamkeit auf RANGUN, das an der rechten Fensterreihe 10.000 Meter unter ihm liegt. Kurz vor dem Beginn des Sinkfluges erreicht das Flugzeug THAILAND, das sich bald darauf im Zeitlupentempo durch den Höhenverlust vergrößert... Jetzt ist er dem Tag für weitere vier Stunden entgegengeeilt und nach sechs Stunden Flugzeit ist hier bereits Nachmittag. Endlose Grünflächen, Reisfelder, Palmen werden sichtbar und nach genau sechs Monaten landet er zum zweiten Mal in BANGKOK, Eigenartig, wie vertraut ihm alles ist. Er erkennt die amerikanischen Militärmaschinen weit draußen, das Flughafengebäude, weiß noch an welcher Stelle er damals zum ersten Mal in seinem Leben thailändischen Boden betreten hat, als er über die Gangway in die tropische Schwüle hinauskam. Das Flugzeug rollt auf die Parkposition, um in einem einstündigen "Stop-over" für den Weiterflug nach SINGAPORE abgefertigt zu werden. Alle Passagiere bleiben an Bord, während Catering-. Kontroll- und Putzpersonal die Kabine bevölkert. Von der Sonne ermüdete, träge Hitze dringt durch die geöffneten Türen und treibt ihm Schweißperlen auf die Stirn. Hektische Betriebsamkeit rundherum. Rechts, beim Blick aus seinem Kabinenfenster sieht er eine geparkte BOEING 707 neben sich. Er liest die Aufschrift HOENG HAHG, VIET NAM und wird daran erinnert, dass er ja gar nicht mehr weit davon entfernt ist. Dieses zum Krieg verdammte Land, von dem er schon als Jüngling in der Zeitung las. Worte wie "Vietkong und Ho-Tschi-Minh" prägten sich ihm zwar ein, aber irgendwie war alles viel zu weit weg, um es in seinem Vorstellungsvermögen plastisch werden zu lassen. Planmäßig war die Maschine wieder in der Luft und zog hinaus vom thailändischen Festland auf den GOLF von SIAM. Entlang der Küstenlinie von Malaysia ging es in zwei Stunden
zum asiatischen Stadt-Staat SINGAPORE. Gewaltig, wie sich hier die Monsunwolken als bizarre Gebilde bis weit über 12.000 Meter in die Höhe erheben und deren Weiß sich in scharfen Rändern vom verschwommenen Blau des Meeres abhebt. Er sieht überdimensionale Figuren, Gnome, Seepferdchen in hunderttausendfacher Vergrößerung, Pilze, Quallen, Schwämme, Säulen, Glet-scherabbrüche, ganze Gebirgsformationen. Dabei erinnert er sich zurück an seinen ersten Flug durch dieses Gebiet, als der AIRBUS A 310 von einer thermischen Boe wie ein Blatt Papier in die Höhe getrieben wurde, ehe der abbrechende Auftrieb die Maschine jäh in ein Luftloch fallen ließ. Das war damals weit mehr als er erwartet hatte und zum ersten Mal kam Unsicherheit, ja sogar Angst auf. Passagiere schrien schrill. Stewardessen hockten sich zum Schutz in den Gängen zu Boden, um an den Sitzlehnen Halt zu finden. Gläser, Bestecke, ganze Tabletts polterten zu Boden und für einen Moment glaubte er, dass es nun vorbei wäre. Es blieb keine Zeit, um es konkret zu denken, aber irgendwie scheint das Gehirn entsprechende Reflexe zu zeigen. Er nimmt es mehr körperlich wahr. Eigenartig, dass im entscheidenden Moment gar keine Angst aufkommt, sondern nur das Erkennen einer endgültigen Wende, der man sich schicksalhaft fügt... Erst als der Jet unter Krachen und Vibrieren auf eine tiefer liegende Luftschicht aufprallt und er derb gegen die Armlehne seines Sitzes gestoßen wird, die kreischenden Stimmen abrupt verstummen, wird ihm eigentlich richtig bewusst, was passiert war. Blaß und fragend sieht er sich um und erkennt, dass er seine Angst nicht verbergen muss. Erst jetzt beginnt er die Situation rasterhaft nachzuvollziehen und muss sein Vertrauen zum Flugzeug ganz bewusst neu aufbauen. Die Stimme des Kapitäns, der sich im Namen der "Singapore Airlines" für die Unannehmlichkeiten mehrmals entschuldigt, hilft wenig. Er erführt die Angst als etwas Endogenes, das man nur selbst überwinden kann. Er weiß, dass solche Vorkommnisse durch geschickte Navigation durchaus vermeidbar sein können und deutet das fieberhafte Bemühen der Stewardessen, die Sache "wieder gut zu machen" entsprechend. Schnell ist alles vergessen, man lacht wieder und der steigende Geräuschpegel des Stimmengewirrs macht deutlich, dass nun eifrig über den Vorfall diskutiert wird.
Wie in einem Bilderbuch zieht die MALAYSISCHE KÜSTE am Fenster vorbei und die samtweiche Landung auf dem CHANGI-AIRPORT war die überzeugendste Entschuldigung des Kapitäns. Man merkte förmlich, dass der Pilot hier eine Chance sah, mehr als nur Worte zu zeigen. Der "Touchdown", das Aufsetzen der Räder war fast nicht zu spüren. Eine Musterlandung in Singapore, seinem "Heimathafen" nach Köln, Frankfurt, Amsterdam und Dharahn.
Hier kennt er jeden Meter in Abfertigungshalle, Baggage-Claim und Transitbereich. Dies war für ihn die Drehscheibe als Ausgangs- oder Endpunkt zu seinen früheren Reisen nach Australien, Indochina und Europa. Es ist bereits früher Abend und die Dämmerung setzt ein. Die kommende Nacht wird er im Flughafengebäude verbringen, da er bereits am nächsten Morgen um 10.00 Uhr weiter nach TAIWAN/Nationalchina fliegt. Eine lange Nacht steht bevor, denn Schlaf wird er nur flüchtig in den Polstersesseln des Aufenthaltstraktes finden und nicht im Raffles Hotel in der Innenstadt.Schon einmal machte er diese Tortur durch, als er von Manila kommend auf den Weiterflug zu den Malediven wartete. Er weiß, dass er aus dem brodelnden Treiben umherirrender Passagiere als einziger Zeuge für die Nacht hervorgehen wird. Er hat den Pulsschlag des Airports damals millimetergenau gefühlt, kennt das Psychogramm des Betriebs. Was hilft schon die Masse, wenn man für die letzten Dinge allein verantwortlich ist? Er kommt ins Grübeln und denkt weit über die Gegenwart hinaus. Noch geht es hier hoch her. Schnelle Schritte, hastige Bewegungen, Unsicherheiten, Fotoposen, Eitelkeiten, Langeweile, Müßiggang, letzte Telefonate, Einkäufe, Lachen, Tränen, Abschiedsumarmungen, Toiletten, Büffets, Kioske, Bier im Stehen, Kuchen im Sitzen, Post, Bank, Globus mit Weltzeit, Japaner, Lateinamerikaner, Chinesen, Europäer, Australier, Familien, Kinder, Einzelgänger, Fernweh, Heimweh, Aufbruch und Rückkehr. Das Rasseln der Anzeigetafeln, wenn neue Flüge nach Auckland-Anchorage, Seoul,Sydney, Taipei, Tokyo angekündigt werden. Eine einzige Lufthansa-Maschine nach Frankfurt zwischen Malaysian Airlines, Garuda-Indonesian, Singapore-, Japan-, China-Airlines, Quantas-Australian, Cathay Pacific, Thai-International und Royal Brunei Airways. Die Air France nach Paris klingt fast exotisch zwischen diesen Namen. Kaum vorstellbar, dass er nach einigen Stunden hier fast allein übrig bleiben wird, wenn das Pochen des Flugbetriebs nachlässt und sich das termitenartige Durcheinander in der Halle aufgelöst hat. Noch ist es jedoch zu voll, um sich seinen endgültigen Schlafplatz auszusuchen. Er weiß nur, dass es in der Nähe einer Toilette und möglichst weg vom Licht sein muss. Vor der Weltuhr stehend denkt er an Deutschland, rechnet sieben Stunden zurück und stellt sich vor, wie man sich dort gerade aufs Mittagessen vorbereitet. Die Toilettenfrau erkennt ihn schon, als er zum dritten Mal durch die Türe kommt und sie scheint zu wissen, dass er zu den wenigen Flughafenpennern gehört, die der Abend als Treibgut hinterlassen wird. Die Flugansage erfolgt in Englisch und Mandarin, das hier in Singapore gesprochen wird. Etwas abgehackt, einsilbig klingt es und lässt die einschmeichelnde Sanftheit und getragene Sprachmelodie des Thai vermissen, die so erotisierend auf ihn wirkte. An den Blicken einiger Verkäuferinnen merkt er auch, dass man ihn bereits wieder erkennt, auf seinen endlosen Streifzügen durch die lang gestreckte Halle, die jedoch durch innenarchitektonischen Ideenreichtum extrem positiv wirkt. Günstige Farbabstimmungen von Teppichen und Polstern, unaufdringliche Marmorvertäfelungen, luftige Hydrokulturen, geschickte Raumaufteilung, geschmackvolle Schaufensterauslagen, Emporen und Terrassen, der große Wasserfall vor den Anzeigetafeln, Fernseh-Sitzgruppen und die landesübliche Sauberkeit lassen vergessen, dass dies eigentlich nur ein Ort ist, an dem die Umverteilung von Menschenmassen funktional gelöst werden muss. Die Frequenz der Flugbewegungen wird allmählich niedriger und die unübersichtlichen Menschenknäuel lösen sich auf. Erste Rollos fallen polternd in die Verriegelung, Wechselstuben schließen und auf den Parkpositionen vor der großen Scheibe stehen nur noch Maschinen, die verdunkelt und abgenabelt von Versorgungsleitungen, Schläuchen, Funkverbindungen auf den Einsatz am kommenden Tag warten. Es wird ruhig; hier und dort noch ein vereinzelter Irrläufer, eine verrutschte Krawatte und die unansehnlich weißen Waden, die das gekräuselte Hosenbein des schlafenden Mannes freigibt. Ob er sein Nickerchen bereuen wird, weil seine Maschine schon über Indonesien ist ? Er sieht nicht aus, als hätte er die Nachtruhe an dieser Stätte eingeplant. Er selbst glaubt hingegen, sich in seiner Jeans und dem Anorak nur schwer einschätzbar gemacht zu haben, losgelöst zu sein von sozialen Rastern. Er weiß, dass er in Auftreten, Sprache und Habitus eine gute Plattform hat, die beim Umgang mit Menschen aus den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Schichten eine gute Basis bildet. Er vermeidet es bewusst, kategorisierbar zu sein. Auf seinen vorherigen Reisen, im Umgang und Gespräch mit so vielen Leuten, hat er gelernt, dass eindeutig einschätzbare Personen auch in ihrer Geisteshaltung monogam langweilig waren. Die Unscheinbaren waren meist diejenigen, die dann in der Unterhaltung Intelligenz, Selbstironie, Horizont und Humanität bewiesen. Für ihn ist dies Lernziel und er fühlt sich im Moment in seiner exzentrischen Gegenwart nicht als Außenseiter. Wichtig erscheint es ihm, an sich selbst festzuhalten und von Äußerlichkeiten unabhängig zu sein. Würde er nicht allein reisen, bliebe ihm für solche Reflexionen keine Zeit. Gerade darin liegt die Erlebnistiefe des Allein-Reisens, denn es gibt niemanden, mit dem er Freude und Begeisterung spontan teilen könnte. Oft muss er sich diese Gefühlsregungen verkneifen und sie konservieren in den cerebralen Speichereinheiten, die für diesen Bereich zur Verfügung stehen. Im Alleinsein liegt die schöpferische Ruhe, die absolute Individualität. Nicht nur sehen, sondern beobachten will er, nicht konsumieren, sondern verdauen, keine Reproduktion, sondern Einmaligkeit, Einzigartigkeit, die Unwiederbringlichkeit des Augenblicks. Hierin liegt seine Stärke, hier wird seine Sensibilität zum Vorteil. Selbstverantwortung und nicht Mitläufertum werden geübt, Kreativität und Flexibilität geschult. Welch ein Experimentierfeld für den Charakter. Wie gut, dass er diese Möglichkeit hat und nicht dem "Glotz- und Freßtourismus" unterworfen ist. Er will hiermit nicht verletzend verallgemeinern, sondern allenfalls diejenigen anklagen, die aus der Unbeweglichkeit und Ideenlosigkeit vieler Menschen, aus den Heerscharen geistiger Reproduzenten in der kollektiven Verdummung des Massentourismus, Kapital schlagen. Um nicht missverstanden zu werden: Ein kreativer Urlaub in einem Naherholungsgebiet hat eine größere Wertigkeit, als ein stumpfsinniges abgefüttert werden im heutigen "Kompakttourismus" der großen Reiseveranstalter. Natürlich nimmt auch er temporal die gezielte Hilfe eines geschulten "Informanten" - um das Wort "Reiseführer" zu vermeiden - in Anspruch, jedoch kann er sich alle Vorabinformationen selbst "erlesen" und will sich Winkel und Brennweite seiner Blicke und Beobachtungen nur ungern vorschreiben lassen.
Kurz nach Mitternacht, als die Beleuchtung auf halbe Stärke geschaltet wird, schwärmen die Putzschwadrone aus und verteilen sich in ihren hellblauen Kitteln wie emsige Arbeitsbienen. Es ist sehr ruhig und er hört gelegentlich das Plätschern eines ausgewrungenen Aufnehmers. Gesprochen wird kaum und der "Duft der großen weiten Welt" riecht nach Salmiak und Wachs. Er hatte sich gerade hingelegt - die verchromte Lehne in den Kniekehlen - als schwarze, vermummte Gestalten geduckt und katzenhaft von Säule zu Säule pirschen, um nach abgesprochener Verständigung durch Blickkontakt ihren Sturmlauf fortzusetzen. Angst fährt ihm durch die Glieder. Er wird hellwach und duckt verzweifelt hinter der Sitzlehne ab. Terrorismus bei Nacht ? Wer soll als Geisel genommen werden? Die Putzleute, er selbst? Trotz seiner flehenden Hoffnung, übersehen zu werden, versucht er sachlich zu bleiben. Welch ein Glück, alle "Terroristen" sind vorbei und verschwinden in der angedunkelten Fortsetzung der Halle. Sein Herz pumpt und er wundert sich, dass die Putzleute scheinbar unbeeindruckt von dem Vorfall sind. Er erkundigt sich und erfährt, dass es sich um eine Routineübung der Sicherheitspolizei handelte. Er solle sich keine Sorgen machen. Es dauert noch etwa 15 Minuten, bis er in einen unbequemen Halbschlaf fällt, aus dem er im ersten Morgengrauen erwacht. So allmählich wie das Leben gestern Abend versiechte, so erwacht der Tag stufenweise mit wachsender Aktivität. Unausgeschlafen, mit krummgelegenen Gelenken, verspannten Muskeln und einer zähen Trägheit des Geistes, beginnt er sich mit der Morgentoilette auf seinen Weiterflug vorzubereiten. Noch sind es aber zwei Stunden und er ist überall der Erste. Am Check-in-Counter weist man ihn noch zurück und vertröstet ihn auf die nächste Stunde. Flugnummer und -ziel sind in den Computer-Terminals schon angezeigt - Singapore/Seoul mit Zwischenlandung in TAIPEI, eine Boeing 747. Gelangweilt streift er umher und lauscht den Ankündigungen der startbereiten Maschinen und ihm klingen die Ohren beim letzten Aufruf für die ROYAL BRUNEI AIRLINES zu den CHRISTMAS ISLANDS im Indischen Ozean. Traumziele einer fernen Welt stehen ihm nun offen und seine freudige Erregung verdrängt die klapprige Müdigkeit. Dann endlich ist es auch für ihn soweit, die Singapore Airlines nach Seoul wird aufgerufen. Im Flugzeug stellt er verwundert fest, dass er der einzige Vertreter aus der westlichen Hemisphäre ist. Weder Europäer noch Amerikaner, sondern nur Asiaten, Singaporianer, Taiwanesen, Chinesen und Koreaner. Die Ansagen erfolgen nur noch in Chinesisch und Koreanisch. Speisekarten sind nicht mehr in Englisch ausgedruckt und ihm wird deutlich, dass er in eine fremde Welt fliegt. Er merkt, wie er als Exote angestarrt wird und weiß nicht, ob er es angenehm oder aufdringlich finden soll. Zu seinem Glück wird beim Essen neben den Stäbchen auch normales Besteck aufgedeckt. Die Route führt hinaus aufs SÜDCHINESISCHE MEER, in Sichtweite vorbei an VIETNAM und endet für ihn nach ca. vier Stunden Flugzeit bei einer Zwischenlandung in TAIPEI/TAIWAN. Das Meer ist von schlierigen Wolken überzogen, unterbrochen von großflächigen Aussparungen, durch die das Wasser gut zu erkennen ist. Die Höhensicht ist unendlich und läßt den Blick schrankenlos in die Ferne gleiten. Glücklicherweise löst sich die Wolkenschicht fast vollständig auf, bevor unten schwache Konturen mit Mühe auszumachen sind. Immer mehr nähert sich die Maschine auf dem neu eingeschlagenen Kurs dem Festland und allmählich zeichnen sich grün-braune Farbschattierungen ab. Ein ergreifender Augenblick für ihn, die Küstenlinie VIETNAMS etwa 15 Minuten lang zu überfliegen. Hier also haben die USA ihren schmutzigen Krieg verloren, die klebrige Napalmglut auf nackte Kinderhaut geworfen, mit Feuerwerfern in die Wohnzimmer der Bambusbehausungen gespuckt, schwangere Frauen erschlagen, um sie noch mal zu missbrauchen, ehe sie erkalteten. Ganz bewusst unterbricht er seinen Gedankenstrom, um die Fassung nicht zu verlieren. Erinnerungen kommen ihm an seine kambodschanischen, laotischen und vietnamesischen Schüler, die aus diesem Meer als "Boatpeople" gerettet wurden. Er sieht, wie die Haut seiner Unterarme aufhellt und sich eine Gänsehaut als scharfe Schraffur abzeichnet. Bewegungslos starrt er dabei auf dieses verfluchte Land.

Taiwan

In diesem Text wird an einigen Stellen deutlich, dass die Verhältnisse vor über 20 Jahren (1986) im Vergleich zu heute doch noch andere waren. Ich lasse den Text und meine damaligen Empfindungen jeoch zur Wahrung der Authentizität unverändert !

TAIWAN zeigt sich bei der Ankunft nicht von seiner Sonnenseite und wirkt nur wenig "formosa". Tiefhängende schwarze Wolken verdunkeln den Nachmittagshimmel und auch die strenge Architektur hat etwas Fremdes, Unantastbares. Das Gebäude des CHIANG KAI TSCHEK Airports wirkt monströs, zweckentfremdet - ihm fehlt die zielorientierte Sachlichkeit, die nachvollziehbare Logik. Alles scheint hoheitliche Repräsentanz zu sein und jahrtausende alte chinesische Kultur reibt sich an revolutionärer Energie der noch jungen Befreiung Taiwans vom Mutterland Rotchina. Auch die Menschen strahlen diese unterschwellige Unsicherheit aus, die aus der plötzlich gewonnenen Freiheit und der damit verbundenen Eigenverantwortung erwächst. Was er um sich herum sieht, ist fremd und entzieht sich den gewohnten Mustern seines Alltags. Erstaunt stellt er fest, nichts Vertrautes, Gewohntes, Bekanntes wieder zu erkennen.Alles um ihn herum ist neu und provoziert seine Aufmerksamkeit. Das chinesische Stimmengewirr aus Lautsprechern und umhereilenden Leuten irritiert ihn und er merkt, dass er jetzt zur Verständigung nur noch auf außersprachliche Reflexe bauen kann. Hinter einer Barriere sieht er eine Reihe schlafender Menschen, die zusammengekauert ihre Köpfe auf die Unterarme gelegt haben. Später erfährt er, dass es Taxifahrer sind, die auf ihren nächsten Einsatz warten. Chinesische Schriftzeichen machen es ihm unmöglich, Hinweisschilder zu lesen, und so muss er sich im "try and error-Verfahren" durchfummeln, bis er den Schalter der Passkontrolle gefunden hat. Eine sehr attraktive junge Zollbeamtin sagt zu ihm - nachdem sie seinen deutschen Pass gesehen hatte - in starker Akzentfärbung: "Guten Tag und Willkommen in Taiwan". Sie muss wohl seine verdutzte Mine gesehen haben, als sie dann sagt: "Ich habe ein bisschen Deutsch gelernt im Goethe-Institut". Ein kurzer "small talk" in Englisch schließt sich an und mit guten Wünschen entlässt sie ihn durch die Sperre. Eigenartig, wie trotz aller amtlichen Strenge ein Funken Menschlichkeit hinübersprang, der ihm in diesem Moment totaler Isolation unheimlich gut tat. Sollte er sich in den nächsten Minuten verlieren, nicht weiterkommen, so weiß er nun, dass man ihn an der Passkontrolle wieder erkennen würde. Die erdrückende Fremde verliert an Gewicht. Mit einem "local bus", den er nach vielen Irrwegen fand, geht es auf die 45-minütige Fahrt nach TAIPEI-City. Das Land ringsherum hat Alpenvorland-Charakter mit weich geschwungenen Hügeln und einem saftigen Grün. Die ersten Siedlungen, Vororte wirken wenig einladend, ungepflegt, vernachlässigt. Zur Stadtmitte hin erkennt er gelegentlich chinesische Bauwerke. Nachmittag ist es und dichter Verkehr macht das Fortkommen schwierig. Begeistert ist er nicht und hofft, bald in seinem Hotel zu sein. Kurz vor dem Erreichen der Dunkelheit begibt er sich für einige Schritte auf die Hauptstraße, die am UNITED-HOTEL vorbeiführt. Auffällig viele Kinder, ganze Scharen von Schülern, die von Lotsen über die Kreuzungen geführt werden. Es scheint ein Fass ohne Boden zu sein. Mit kindlicher Ungezwungenheit und großen Augen sehen sie ihn an, bevor sie kichernd im Pulk weiterlaufen. Alle tragen blaue Uniformen mit Stehkragen. Weit wagt er sich nicht von seinem Hotel weg, denn zurück konnte ihn niemand bringen, würde er sich verlaufen. Den Namen "United" verstünde kein Taxifahrer und eine Visitenkarte des Hotels mit chinesischem Namen hat er noch nicht. Er kann sich also nur auf Sichtweite entfernen und kehrt bald wieder zurück. Auf der Stadtrundfahrt am nächsten Tag werden ein chinesisches Hotel, der KONFUZIUS-SCHREIN und das NATIONALE PALASTMUSEUM besichtigt. In diesem Museum befindet sich die größte Sammlung altchinesischer Kulturgüter und das für Taiwan typische grüne JADE-Gestein. Nach der Rückkehr heißt es Hotel-check-out und Suche nach einer preisgünstigeren Unterkunft. Was so problemlos erschien - er wohnte schließlich im Zentrum von Taipei -entpuppte sich lange Zeit als schier unlösbar. Der Verzweiflung nahe, irrte er durch den zähen Dezemberregen, nahm Taxen und vefehlte dennoch das "Bureau of Tourism" . Fragen konnte er ja niemanden, denn seine Chinesisch-Kenntnisse reichten nur bis zum "ni hau" (Guten Tag) und "tsai tschien" (Auf Wiedersehen). Mit dem ausgefalteten Stadtplan in der Hand, peinlichst darauf bedacht, die Übersicht nicht zu verlieren, tastete er sich voran. Sollte er sich verirren, so hatte er jetzt zumindest die Visitenkarte des Hotels dabei. Dann endlich fand er - ganz unüblich - ein Schild mit dem Schriftzug "HOTEL", das für die kommende Nacht seine Bleibe wurde. Es ist schon ein entfremdendes Gefühl, wenn einem die Kommunikationsmittel Schrift und Sprache versagt bleiben. Er fühlt sich amputiert, behindert, ja eigentlich wie ein Kind, das führender Hilfe bedarf. Alle Wahrnehmung konzentriert sich auf das Visuelle, auf optische Reflexe, während Menschenstimmen zur inhaltslosen Geräuschkulisse verstümmeln. Er braucht einige Zeit, bis er sich an die Sprachlosigkeit gewöhnt hat, an das erzwungene Reduzieren seiner Sinne. Vor einer Schaufensterscheibe spricht er sein Spiegelbild an, so als wolle er prüfen, ob seine Sprache noch da sei. Die Hauptstraße ist bunt, belebt und jung. Er zieht die Blicke attraktiver Taiwanesinnen an und und erwidert sie mit einem völkerverständigenden Lächeln. Man ist als Europäer schon ein seltenes Exemplar in dieser fernen Welt, besonders weil das Land nicht ein so internationaler Handelsplatz wie etwa Singapore oder Hong Kong ist, an denen man Menschen aller Schattierungen findet. Der Reiz an Taipei ist eben, dass man hier in der asiatischen "Provinz" ist und unverfälschte Kultur vorfindet. Kinder bleiben teilweise stehen, um ihn einen Moment länger ansehen zu können, während die Erwachsenen ihn mit schweifenden Blicken verfolgen. Bei seinen langen Erkundungsgängen auf der Hauptgeschäftsstraße gibt es vereinzelt Schaufenster, die er bereits wieder erkennt und einige Gesichter von Straßenverkäufern hat er sich auch eingeprägt. Am Abend wird hier alles lebendig, wenn Scharen von Menschen die "night-markets" bevölkern und sich das bunte Treiben bis in die tiefe Nacht fortsetzt. Hier wird alles angeboten, was "Made in Taiwan" ist. Interessant und typisch die "Garküchen", kleine Handkarren oder Stände, die mit Herd und Anrichte ausgestattet sind und eine bunte Palette erstklassiger asiatischer Spezialitäten anbieten. Glasierte dunkelbraune "Peking-Enten", Soßen, Suppen, Tunken und viel Undefinierbares, bis hin zu Schlangenfleisch. Das Blut der vor den Augen der Passanten getöteten und enthäuteten Reptilien wird in Trinkbechern zu einem niedrigen Preis angeboten und soll kräftigende Wirkung haben. Es duftet nach Tigerbalsam, Räucherstäbchen und chinesischen Kräutertees. Erst spät kehrt er an diesem Abend in sein Zimmer zurück. Morgen ist erst um 17.00 Uhr Abholtermin für den Weiterflug und es bleibt noch viel Zeit. Das CHIANG-KAI-TSCHEK Memorial hat er sich vorgenommen und ausgerüstet mit einem Stadtplan, auf dem Sehenswürdigkeiten skizziert und in chinesischer und englischer Sprache beschriftet sind, begibt er sich auf die Straße. Ein junger Taxifahrer signalisiert Einverständnis, nachdem er ihm die Karte hinhielt und den Preis in NT-Dollar (New Taiwan Dollar) draugekritzelt hatte. Nach 15 Minuten Fahrt steht er vor dem größten Kulturdenkmal Taiwanesischer Baukunst. Dimensionen, die mit der Brennweite eines europäischen Auges kaum zu fassen sind. Monumental erhebt sich eine halboffene Halle aus der Erdbefestigung und meterdicke Wände ziehen sich hoch bis unter das hellblaue Dach, das dem Ganzen mit seiner geschwungenen Form das Erdrückende nimmt. Von der Haupttreppe erstreckt sich eine Betonstraße mit den Ausmaßen einer Landepiste fast zwei Kilometer hin bis zum Eingangs-Torbogen, der in sich schon ein Paradestück chinesischer Architektur darstellt. Umsäumt ist alles von weitläufigen Grünanlagen mit filigran-botanischer Ausschmückung. Die Vorderfront des Memorials gibt den Blick frei auf die Statue Chiang Kai Tscheks, dem revolutionären Nationalhelden und Befreier von kommunistischer Knechtschaft und geistigem Niedergang der Kulturrevolution des Maoismus. Man spürt als Besucher sofort diesen Geist der Freiheit, der sich in Nationalstolz, Mode und Denkweise äußert. Im Museumstrakt, tief in den Katakomben des Memorials, hat er Gelegenheit, mit einer jungen, überaus attraktiven Assistentin ein paar Worte in Englisch zu wechseln. Sie ist fasziniert zu erfahren, dass er aus dem fernen Europa kommt und kennt sogar den Status der deutschen Zweiteilung. Durchaus bemerkenswert, denn im "Gespräch" mit Jugendlichen, die ihn kurz zuvor draußen in gebrochenem Englisch ansprachen, konnte er seine Identität und Herkunft nicht mit "Deutschland" preisgeben. Die fragenden Minen erhellten erst, als er seinen "Heimatort" mit EUROPA beschrieb. "Yes, yes, we know" meinten sie. Der jungen Museumswärterin schien es wichtig zu wissen, dass er aus „West Germany“ kommt, denn erst jetzt redet sie befreit los. Sie skizzierte die Geschichte ihres Landes mit Stolz und bekräftigte ihre Verantwortung für die Geschicke der Zukunft."Taiwan and Germany are similar in history" sagte sie und deutete damit Offenheit und Verbundenheit an. Sehr schnell überschritt das Gespräch die Hindernisse des "Offiziellen" und berührte die Privatsphäre. Beide spürten, dass man sich noch stundenlang hätte unterhalten können und die Tatsache, dass es "im Dienst" nicht möglich war, steigerte noch die Spannung. Für sie schien der Reiz darin zu liegen, sich mit einem hellhaarigen Exoten zu unterhalten, während ihn die pulsierende Weiblichkeit erregte, die der Schlitz ihres strengen Uniformrockes freigab. Vergeblich versuchte er dies zu vertuschen, denn ein bestätigendes Lächeln zeigte ihm, dass sie seine Abschweifungen erkannt hatte. Sie schien ihre Wirkung zu genießen. Mal wieder musste er feststellen, wie entwaffnend ein asiatisches Lächeln auf ihn wirkte. Sein "tsai tschien" beim Abschied musste wohl sehr komisch geklungen haben, denn ihr verschmitztes Lächeln zeigte Ironie und Rührung zugleich. Heute ist Sonntag und draußen auf den Grünflächen finden sich Hunderte von Brautpaaren zum hier scheinbar üblichen Fototermin ein. Die traumwandlerischen Schritte der Bräute in ihren weißen Schleiern, die vom Glücksgefühl verlangsamten Bewegungen, die vor Rührung erweichten Mienen, die haltsuchenden Blicke zum Partner, die durch Unsicherheit überspitzten Gesten, all das bildet einen ergreifenden Kontrast zu der betonierten Starre der Geschichte. Eine Schulklasse junger, etwa zehnjähriger Mädchen nähert sich ihm und vielleicht 30 Augenpaare scheinen an ihm zu kleben - ist er doch ein selten zu bewunderndes Exemplar. Er fühlt sich zu einem freundlichen "hi hau" hingerissen und ahnt noch nicht, was er damit auslöst. Tosend vor Begeisterung grüßt man ihn 30-fach zurück, nähert sich ihm für Fotoposen und umschwärmt ihn mit der Unausweichlichkeit begeisterter Teenager. Das Gespräch mit der Lehrerin bringt Aufklärung und er gibt sich als "Kollege" aus Deutschland zu erkennen. Er kommt ins Nachdenken und bemerkt, wie gleichartig doch die Verhaltensmuster menschlicher Neugierde sind. Die Tatsache, dass das kleinste Raster seiner Herkunft nicht mehr Köln, ja sogar nicht mehr Deutschland, sondern nur Europa ist, macht ihm deutlich, dass er hier ein sehr Fremder ist. Fremd, identitätslos, allein, aber niemals einsam. Er nutzt die wenigen Möglichkeiten zwischenmenschlicher Begegnung und konzentriert sich ansonsten aufs Beobachten und Speichern dieser unwiederbringlichen Momente. In Gedanken ist er dabei oft auch bei seiner Familie, seiner Mutter, die ihm später ein begeisterter Zuhörer sein wird, wenn er von fremden Ländern und gestilltem Fernweh berichtet. Er spürt tief in sich, wie diese Erlebnisse ÜBER DAS WÜNSCHEN HINAUS gehen und ihm eine innigste Befriedigung sind. Er fühlt, wie Entfernung emotionale Bindungen vertieft und Gedankenwege verkürzt.
Am wolkenverhangenen Himmel sieht er, wie sich Flugzeuge in großen Kehren in die Verdunklung hochschrauben und er weiß, dass auch er in wenigen Stunden taiwanesischen Boden verlassen wird, um sich nach dem Durchbrechen des Wolkenwalls auf die lange Reise nach Hawaii zu begeben. Auf der Rückfahrt im Taxi nimmt er ganz bewusst Abschied von Taipei und bevor er zum Packen ins Hotel geht, nimmt er noch einen "Cafe do Brasil" in dem kleinen Kaffeestübchen, wo man ihn schon kennt und grüßt. Es tut ihm gut und er genießt den Kaffee und die Nestwärme.
Die früh einbrechende Dunkelheit lässt Taipei in die Austauschbarkeit versinken, die Großstädten ihren Charakter, ihre kulturelle Eigenart - ja ihre Identität nehmen. Wie durch ein wesenloses Niemandsland bewegt sich der Bus auf das stereotype Lichtergewirr des Airports zu, das der Unüberschaubarkeit des Flugbetriebs ihre Funktionalität gibt. Nichts bleibt übrig von der monumentalen Einfältigkeit chinesischer Baukunst - diesem architektonischen Imperativ - und dem Optimismus der post-revolutionären Zeit, die den Menschen ihre geistige und moralische Prägung ermöglicht. Alles verdichtet sich auf dieses Nadelöhr der "Check-in-Prozedur", das die bevorstehenden Erlebnisse nur vage ahnen lässt. Wissende und unwissende Blicke der Reisenden lassen vermuten, formen Erwartungen zu lebhaften Bildern, zerren einen unaufhaltsam in den Sog des Neuen, Unbekannten, für das man seine ganze Sensibilität aufgespart hat. Da kreuzen sich die nervösen Unsicherheiten der "Fluganfänger", denen ein scheinbar unendliches Abenteuer bevorsteht, mit der vereinzelt demonstrativ vorgeführten Abgeklärtheit der "Vielflieger", für die eine in digitalen Größen messbare Routinehandlung ihren Lauf nimmt. Durch eine stark reflektierende Scheibe reicht der Blick in das formlose Schwarz der Nacht, in die sich langsam größer werdend die weiße Schnauze des Jumbos der SINGAPORE AIRLINES schiebt und in der Fortsetzung die Konturen seiner unglaublichen Größe freigibt. Das abklingende Singen der Triebwerke dringt nur schwach durch die schallschluckende Isolation des Transit-Gebäudes und die hermetische Sterilität des Raumes lässt das Gesehene fast unwahr erscheinen. Erst als die Passagiere aus dem schmalen Schlauch der "Boarding-Gangway" herausquillen, scheint sich Leben breit zu machen und ruckartig zu potenzieren. Blicke streifen ihn, nageln sich an ihm fest, entweichen ihm, bestätigen oder verunsichern ihn.
8000 Kilometer Flugstrecke über die Weite des Pazifiks liegen noch zwischen ihm und Hawaii.
Den 08. Dezember 1985, den er um 21.00 Uhr abends beim Start hinter sich lässt, wird er um 11.30 Uhr vormittags beim Landeanflug auf die ALOHA-Insel zum zweiten Male begrüßen, nachdem er am 180. Breitengrad die Datumsgrenze überflogen hat.
Die Anullierung von Zeit und Raum, das Verwischen von HIER und DORT, von JETZT und SPÄTER, erlebt er als eine Dimension, die ihn emotional auflöst, ihn im Schwanken zwischen Stolz und Demut an den Rand der Tränen führt und ein Lebensgefühl intensivster Wahrnehmung aufkommen lässt.
Der Blick gleitet über die leicht schwingenden Tragflächen, an denen die mächtigen Triebwerke hängen, die ihn mit fast 1000 km/h auf dem Jetstream über die mikronesische Inselgruppe der MARIANEN tragen. Gesetzmäßigkeiten der Physik und Aerodynamik gehen ihm durch den Kopf und geben der Faszination und schwindelerregenden Euphorie einen kleinen Halt - die Ratio kommt als zweites Standbein hinzu. Gebannt drückt er die Nase an die leicht nachgebende Plexiglasscheibe seines Kabinenfensters, um in inniger Versunkenheit jeden Moment zu genießen und in das Gedankengeflecht seiner Phantasien eingehen zu lassen. Da ist das Bewusstsein, auf der "anderen Seite der Erde" zu sein; Worte wie "Passat, Tradewinds und Südsee" schwirren ihm durch den "Kopf, gelegentlich unterbrochen von der Routine des "Inflight-Entertainment-Programms", wenn sich der Kapitän mit Informationen zu Flughöhe, -dauer, -geschwindigkeit, -route sowie Temperatur und Ortszeit von Hawaii meldet.
Noch in tiefer Nacht dehnt sich am Horizont allmählich ein silbrig-grauer Streifen aus und lässt ihm die Erdkrümmung plastisch werden.
Es sind die ersten Anzeichen des Tages (08.12.1985), den er einige tausend Kilometer weiter östlich, am anderen Ende des Pazifiks - jenseits der Datumsgrenze -, schon einmal "gestern" im asiatischen Taiwan als 08. Dezember 1985 erlebt hat. Nur kurz schweifen seine Gedanken in das ferne Europa, das sich gerade anschickt, diesen Tag zu beenden, dem er jetzt entgegenfliegt, um ihn ein zweites Mal zu verleben. Was er schemenhaft vor sich sieht, ist der Morgen über Hawaii. Nie zuvor in seinem Leben ist ihm der Globus, auf dem Grenzen die unterschiedlichsten Interessen voneinander trennen, Verteidigungssysteme die eifersüchtigen Territorialansprüche wahren und sichern, Kulturen und Glaubensbekenntnisse unterschiedliche Wurzeln haben, so plastisch und unausweichlich als Einheit bewusst geworden. Bald hat sich die erste Ahnung vom heraufziehenden Morgen bestätigt. Die metallfarbenen Lichtfetzen haben sich in ein rötliches Farbspektrum verwandelt, das die zuerst flaumweiche Wolkendecke weit unter ihm zu einer kontrastreichen Hügellandschaft werden lässt. Ein leichtes muskulöses Zerren, eine druckempfindliche Stelle am Unterarm, der wachsartig-synthetisch gewordene Tastsinn, die flirrenden Erinnerungen sind wohl die Folgen der niedergetrampelten Müdigkeit.
Der beginnende Sinkflug auf Hawaii versetzt jedoch die Sinne wieder in höchste Aufnahmebereitschaft. Alle Wahrnehmungsebenen scheinen sich in einem Punkt zu bündeln, um das Erlebte auch physisch spürbar zu machen. Die Insel saugt den Düsenriesen wie ein Magnet an sich und selbst der reduzierte Blickwinkel aus dem Fenster lässt ahnen, dass dies ein besonderer Ort sein wird.

USA - Hawaii

Vielleicht ist es nur die Vorstellung, sich auf einer Insel mitten im größten Ozean der Erde zu befinden, die ihm - der in den Dimensionen eines Europäers denkt - das Besondere vorgaukelt. Hat er nicht oft genug in seinen Tagträumen die Vision von Südsee, Ferne und Paradies mit dem Namen HAWAII verbunden ? Ja, auch ihm bedeutet dieses vulkanische Archipel, das im Schutz der pazifischen Wassermassen ein konfliktfreies Vakuum zu bilden scheint, dem alle klimatischen Komponenten im Optimum zugetragen sind, der Inbegriff seiner erfüllten Sehnsüchte. Der philosophische Begriff der "FERNE" löst sich für ihn hier auf, denn jetzt ist er am Endpunkt. Seine lokalen und temporalen Parameter verschieben sich, müssen neue Achsen bekommen und im anderen Maßstab gezeichnet werden.
Während das Flugzeug den optischen Signalen der Bodenkontrolle folgend auf seinen Standplatz zurollt, macht er erste Beobachtungen, versucht er diesen Pathos des Paradieses "ad absurdum" zu führen, indem er Gewohntes, Althergebrachtes, Weltliches zu erkennen sucht. Natürlich gibt es viel Normales, Bekanntes, zum alltäglichen Leben Gehörendes. Was sich jedoch sofort abhebt, sind der Geruch und das Licht. Die Hybris der insularen Vegetation läßt eine Duftglocke entstehen, die selbst den inzwischen so vertraut gewordenen Kerosindunst des Flughafens eliminiert; und die maritim-solaren Lichtreflexionen tauchen die Sinne in ein kontrastreich chloriertes Spektrum.
Der Airport-Transfer führt ihn über den NIMITZ-Highway, vorbei an Downtown-Honolulu direkt ins Zentrum von WAIKKIKI, wo er nach dem üblichen Hotel "Check-in" sein luxuriöses 2-Zimmer Appartement im 11. Stock des Hotels MIRAMAR bezieht. Ihm wird plötzlich deutlich, wie stereotyp Hotelzimmer überall auf der Welt sind, ungeachtet der landesüblichen Besonderheiten und charakteristischen Merkmale. Sie scheinen kulturelle Eigenarten und unverwechselbar Spezifisches verwischen zu wollen. Der Blick vom Balkon jedoch eröffnet ihm ein Panorama, das die sanft ansteigenden Berge zur einen und den spiegelglatten Pazifik zur anderen Seite erfasst. Mit seinem ersten Spaziergang erschließt er den überraschend kleinen WAIKKIKI-Beach und die KALAKAUA-Avenue, die von Palmen und Boutiquen gleichermaßen gesäumt ist.
Die Dialektfärbungen der aufgeschnappten Satzfragmente in der Straße machen ihm deutlich, dass die Touristen hauptsächlich aus dem amerikanischen Mittelwesten oder den Südstaaten kommen. Noch ist er zu erschöpft, um wirklich alles aufzunehmen, was um ihn herum geschieht. Noch kann er nicht, blockiert durch seine pelzige Müdigkeit, den ALOHA-Geist spüren. Geistesabwesend, mit leerem Blick, verbraucht von der emotionalen Flut der vergangenen Nacht, schiebt er sich - wie ein molekularer Fremdkörper - durch die Reihen bunt gekleideter Menschen, die ihm in ihrer Fröhlichkeit so vieles voraus zu haben scheinen. Aus einem Lokal dringt die Stimme von "Bruce Springsteen" und der Refrain seines "My Hometown" läßt fast etwas Sentimentales in ihm hochkommen. Noch einige Schritte und er ist bereit, sich und das Kapitel HAWAII für einige Stunden ruhen zu lassen. Erschöpft sinkt er in sein Bett, um den ersten Nachmittag auf der Insel seiner Träume zu verschlafen.
Zum Glück erwacht er noch vor dem Sonnenuntergang, um dieses pazifische Schauspiel von seinem Balkon aus mitzuerleben. Durch die halb geöffnete Front der Balkon-Schiebetüre dringt der Wort- und Redeschwall des amerikanischen Fernsehens. Nachrichten werden im Dialog verlesen, lokale Werbespots des hawaiianischen Kanals lösen sich ab im Wettstreit mit "Live-Schaltungen" in die Polit-Zentrale Washingtons, oder dem Interview mit einem texanischen Farmer. Alles ist bunt, schnell und aufdringlich. Auf den gegenüberliegenden Balkonen bezieht man ebenfalls Stellung für den hereinbrechenden Abend. Etwas Besonderes scheint bevorzustehen. Seitlich, tief unter ihm auf der Straße erkennt er die gelben Busse, mit denen man für 60 Cents die ganze Insel OAHU umrunden kann. Schon bei seinen Reisevorbereitungen in Saudi Arabien hatte er davon gelesen und weiß, daß die Insel ca. 65 km lang und 40 km breit ist, eine Sonnen- und eine Wetterseite - die sog. "windward-side" - hat, an der sich die Passatwolken ausregnen, ehe sie Honolulu und W a i k k i k i den ewigen Sonnenschein nehmen k ö n n e n . Eine etwa 300 m hohe vulkanische Gebirgsformation erstreckt sich längsseits über die Mitte der Insel. Er holt sich ein "Budweiser-Bier" aus dem Kühlschrank und nimmt mit allen Prospekten und seinem Kurztagebuch - in das er nur Daten
eintraegt - auf dem wackligen Klappstuhl des Balkons Platz, atmet tief durch und bereitet sich vor aufs Sehen und Wahrnehmen. Diesen Augenblick, so nimmt er sich vor, will er für sein ganzes Leben abrufbar einspeichern, einmalig und unvergesslich machen. Berge und Meer scheinen ineinander überzugehen, Die Sonne filtert durch die Wolken am Horizont ihre letzten Strahlen. Die Insel spiegelt mit ihren steilen Hängen, ihrer tropischen Vegetation und Wärme den ganzen Zauber einer Pazifik-Insel wider. Er erlebt zum ersten Mal das zauberhafte Schauspiel, wie ein Südsee-Tag in die Nacht versinkt. Schon oft beobachtete er es ganz bewusst, - so wie an der "Manila-Bay" auf den Philippinen, ein halbes Jahr zuvor - aber wie eben kein Tag in Wirklichkeit eine Wiederholung des vorigen ist, so gleicht auch kein Sonnenuntergang dem vorangegangenen. Das Spiel der Farben ist leuchtend, wild, berauschend. Er knipst ein paar Bilder, denn seine Sprache wird nie ausreichen, diese prächtigen südlichen Farben am Himmel, diese Töne und ihre samtweichen Spiegelungen zu beschreiben. Alles ist von einem unglaublichen Farbenreichtum und klaren Schattierungen: hauchzarte Pastelltöne, ein weiches Blau, luftige Grüntöne und dieses sich stufenlos verändernde Purpur-Spektrum. In ihm scheinen sich in diesem Moment Traum und Wirklichkeit synchronisiert zu haben.
- Warum fällt es nur so schwer, etwas zu schildern, das so restlos froh macht ?
Am nächsten Morgen geht es mit dem Tour-Bus als einziger Passagier auf erste Erkundungsfahrt. Waikkiki, Diamond Head , Downtown Honolulu und nähere Umgebung werden gezeigt. Mit dem Fahrer, einem etwa gleichaltrigen Polynesier kommt es zu einem interessanten Gespräch über Dinge, die in keinem Reiseführer stehen. Er holt sich wichtige Tips von einem "insider", um die verbleibenden drei Tage optimal zu nutzen. Kritiker würden natürlich sagen: Viel zu kurz alles, man bekommt ja garnichts mit". Natürlich haben sie da teilweise Recht, aber aus der (Zeit)-Not heraus hat er sich inzwischen ein System geschaffen und dieses zu seiner "Reisephilosophie" erkoren. Was er bekommt, ist jeweils eine "Grobraster-Aufnahme", wobei er Prioritäten setzt.1. Erster Eindruck
2. Geographische Lage
3. Vergleiche zu vorherigen Stationen
4. Erkundung der lokalen Infrastruktur
5. OptimalesTiming bei Besichtigungen
6. Erkennen von Typischem, Eigenartigem Ausgefallenem 7. Ausstrahlung und Wirkung von Menschen und Umgebung 8. Erkennen und Definieren der eigenen Bedürfnisse Auf all diese Dinge ist er hervorragend eingestellt und handelt instinktiv richtig. In kürzester Zeit ist er in der Lage, Stadtpläne auf die Realität zu übertragen und Kontakte zu unterschiedlichsten Personen aufzunehmen. Er weiß inzwischen, dass man an der Kasse eines kleinen Supermarktes bessere Auskünfte bekommt, als in einem Souvenierladen oder Restaurant; dass Hinweise von Touristen immer subjektiv und meistens unbrauchbar sind. Man fragt sie allenfalls über ihren eigenen Heimatort aus, um vielleicht Tips für das nächste Ziel zu bekommen. Beim Beobachten und Erleben von Dingen berücksichtigt er, dass sich Schönheit mit der Zeit relativiert und je nach eigener Stimmungslage unterschiedlich wirkt. Es ist nie etwas Einzigartiges oder Absolutes.
Sein Plan für die nächsten Tage liegt fest: Inselrundfahrt mit dem Linienbus; Surfweltmeisterschaften WAIMEA BAY; PEARL HARBOR, HONOLULU CITY; WAIKKIKI BEACH.
Vieles hat er gelesen über die Entstehungsgeschichte der Hawaii-Inseln, ihren vulkanischen Ursprung aus der pazifischen Platte, kennt erdgeschichtliche Daten, meteorologische Phänomene, historische und kulturelle Hintergründe. Er weiß um die Eroberungs-Kriege auf den Inseln und kennt Kunst, sowie Wertvorstellungen der Polynesier aus Büchern. Er stellt sich vor, wie 1944 die japanischen Bomber an jenem frühen Sonntagmorgen die amerikanischen Matrosen aus ihrer Lethargie riß, den Hafen von PEARL CITY zu einem flammenden Inferno machten und in einer Blitzaktion, einen Großteil der US-Pazifikflotte versenkte.
MS Utah - Kriegsdenkmal in Pearl Harbour Wie unbegreiflich -heute-, bei einem Spaziergang unter Palmen, die sich in der leichten Passatbrise wiegen und dem Duft von Orchideen und tropischen Gewächsen. Ihm wird die Vergänglichkeit auch seines Lebens bewusst und er genießt ganz intensiv den Moment. Er atmet Hawaii in tiefen Zügen, ist allein und fühlt sich doch so umsorgt. Könnte er nur jetzt das rieselnde Glücksgefühl weitergeben, es irgendwem mitteilen - er denkt an seine Familie zu Hause - . Nur schwer kann er sich vorstellen, wie Deutschland jetzt, im Dezember, von einer schlierigen Wolkendecke in ein tonloses Grau gehüllt wird und die Jahreszeit den Tag nur für gerade 8 Stunden duldet. All dem soll er einfach enteilt sein, um Winter und Nacht zu Sommer und Tag zu machen ? Ja, er beginnt allmählich das Gesehene zu glauben. Wie soll er seine jetzige Situation werten ? Ist es eine Entschädigung für irgendetwas ? Ist es eine Kraftquelle für bevorstehnde Aufgaben?
Am nächsten Morgen gehört er zu den "ganz Frühen" im Bus. Da sind die Sichtkartenfahrer, von Gleichmut getragen oder Unrast getrieben, alle aber noch die Mischung aus Müdigkeit und Unbehagen im Gesicht, auf dem Weg zur Arbeit. Er gehört zu der kleineren Gruppe der Aufnahmebereiten, die alle so etwas von einer durchgeladenen Pistole an sich haben und von dieser Sekunde an nichts mehr versäumen wollen. Erst als der Bus das Stadtgebiet von Honolulu in Richtung Süden verläßt, wird er leer. Die Blicke der noch verbliebenen Passagiere kreuzen sich und man versteht sich als begünstigte Interessengemeinschaft, ja fast als Kleinfamilie, scheint sehnlichen Gedanken nachzuhängen, denn hier bildet die Faszination den Hauptnenner, Der knochige, hochaufgeschossene Alte schräg neben ihm, der doch eigentlich schon so vieles in seinem Leben erlebt haben muß, - blicken seine Augen doch so w i s s e n d. Narben und Falten im Gesicht erzählen von Vergangenheit -. Es wirkt so, als würde er diesen Tag an alten Erinnerungen messen, Vergleiche ziehen und irgendwie strahlt er Zufriedenheit aus.
In der hintersten Sitzreihe ein Typ so knapp unter 30, macht einen sympathischen Eindruck und wirkt unheimlich locker, ohne Gekünzeltes. Er scheint schon länger auf der Insel zu sein, denn nur gelegentlich blickt er auf aus seiner Zeitung, dem HONOLULU ADVERTISER. Noch ahnt er nicht, dass diese Person im Laufe des Tages zu einem vertrauten Gesprächspartner wird.
Einige Meter vor ihm auf der Querbank ein älteres Ehepaar mit erwachsener Tochter. Alle drei sind bepackt mit dieser muskellosen Masse, die ihren Leibern ein Äußeres geben, das so wenig in die europäisehen Vorstellungen von Körperästhetik passt. Dieses leicht wellige, sülzige Fleisch, die grobporige Haut, die dicken, rostroten Lippen, das weit ausladende Gesäß, - mehr einer Plattform gleich - . Eigentlich passen dazu gar nicht dieser verschmitzte Blick, die urwüchsige Fröhlichkeit, die Selbstironie und das Selbstverständnis. Aber genau dies macht wohl den Polynesier aus, ist seine Eigenart. Hätten sie ihn nicht angesprochen, aufgetaut, wäre es wohl zu keinem Gespräch gekommen. Es begann eigentlich mit einer Frotzelei an seine Adresse, die er als Deutscher beinahe ernst genommen hätte, jedoch halfen sie ihm, seine Befangenheit abzulegen. Seine Vermutung bestätigte sich, als sie seine Frage nach deren Herkunft beantworteten. Nein, wir sind keine einheimischen Hawaiianer, sondern maorischer Abstammung und kommen aus Auckland in Neuseeland. Lehrer, Hausfrau und Tochter auf Weltreise. Sie kamen erst Anfang der Woche von Los Angeles rüber. Das Gespräch hatte sofort dieses übergreifend Verbindende, - wie immer wenn sich Menschen aus so verschiedenen Ländern begegnen. Man gibt sich großzügig, anerkennend, diszipliniert sich zum zuhören.
Wegen der vielen Haltestellen bewegt sich der Bus nur langsam durch die Siedlungen außerhalb des Stadtgebietes. Kleines Haus, Vorgarten, Palmen, Sonne und Meer. Welch ein Familienidyll fernab der "großen Ereignisse". Wer hat nicht schon einmal davon geträumt? Als der Bus hochfährt in die Berge stellt er überrascht fest, dass er sich einer Wolkenschicht nähert und alsbald erste Regentropfen an der Scheibe herunterlaufen sieht. -WINDWARD OAHU -. Die Szenerie wechselt, und wären da nicht vorgelagert im Meer die kleinen vulkanischen Eilande und die steil abfallenden Hänge neben ihm, die tropfnasse, üppig-satte Vegetation, so könnte man sich in Nordfriesland wähnen. Die Fahrt führt hinunter und wieder zurück ans Meer, durch malerische Buchten und vorbei an den unvermeidlichen Touristik-Oasen wie "Sea Life Park" und "Polynesien Cultural Center", bevor der Bus sich in der Endlosigkeit der Ananasfelder des amerikanischen "Frucht-Multis" DOLE-Company verliert. Oben am Nordende der Insel will er aussteigen, um sich das Naturschauspiel der auflaufenden Pazifikbrandung in der WAIMEA-BAY nochmals anzusehen.
Gestern sah er es nur im Vorbeifahren. Der Winter beginnt nun auf Hawaii und kuendigt sich mit dem hohen "SURF" an. Wellen, die an keinem Fleck der Erde solche Ausmaße erreichen. An den Temperaturen kann man es nicht merken, denn die bleiben das ganze Jahr über konstant und bewegen sich nur minimal zwischen 26 und 30 Grad Celsius bei Hochdruck und niedriger Luftfeuchtigkeit. Das eskalierende Donnern der heranrollenden Wellen ist furchterregend, die Kämme brechen sich zischend und schäumend auf einer Höhe von 8-10 Metern. Beim Aufprall an Land entlädt sich der Druck in scharfkantigen Fontänen, ehe ihre Spitzen vom Wind in Sprühwolken aufgelöst werden. Mit ihm steigt auch der junge Mann aus und im Vorbeigehen fragt dieser ihn, ob er auch zu den "Surfweltmeisterschaften" ginge. Das er davon überhaupt nichts wisse, löst Verwunderung aus, doch sein reges Interesse ist Auftakt zu einer weiteren Unterhaltung. Natürlich will er das auch sehen; man stellt sich vor, gibt sich die Hand und hat für einen Tag ein gemeinsames Ziel: - SURFCHMPIONCHIPS HAWAII, 1985 -.
"The first heat is on" Die "Beach Boys" hört er in Gedanken singen, sieht Bilder aus Zeitungen und TV vor sich, wie ein aalglatter, gelenkiger Körper die "tube" oder "pipeline" abreitet. Noch ein Stück müssen sie zu Fuß gehen und dann gleich in der nächsten Bucht sieht er das bunte Spektakel, die in langen Karawanen anrollenden Zuschauer. Welch ein Augenblick für ihn, sein Herz klopft stärker. Der Kalifornier" er ist 29 Jahre alt, ein Fliesenleger aus San Franzisko in der Winterpause. Schon oft war er hier zu diesem Ereignis im Dezember und kennt die Namen der Athleten, ist ein Kenner der Szene. Aus dem noch weit entfernten Lautsprecher fliegen Wortfetzen zu ihm herüber, er hört Namen und Nationalitäten der Teilnehmer. Nur die Besten der Welt, - Profis - geben sich hier ein Stelldichein, messen Mut und Stehvermögen. Sie kommen aus Neuseeland, Australien, Brasilien, Südafrika, Kuba, Kalifornien und natürlich Hawaii. Für Europäer ist hier kein Platz. Einen Deutschen hat er auch unter den Zuschauern noch nicht getroffen. Wie weit ist er nur weg von zu Hause ? Vertritt er hier sein Land ganz allein ?
Die bunten Surfbretter liegen weit verstreut auf einer Wiese, am Strand. Zuschauer und Teilnehmer sind nicht getrennt. Neben dem Punktrichterstand ist eine kleine Stahlrohrtribüne aufgebaut und am Strand sprechen Verbotsschilder eine klare Sprache: NO SWIMMING - DANGER OF LIFE - HIGH SURF AREA , Draußen vor der kleinen Bucht türmen sich die Wellenberge auf und es erscheint unvorstellbar, dass sich dort jemand hin wagen wird. Die meisten Zuschauer sind mit Ferngläsern ausgerüstet und Fotografen mit Kanonenrohrlangen Objektiven haben Stellung bezogen. Hier entstehen die Filme und Fotos, die man im europäischen Fernsehen mit "Pink-Floyd-Musik" untermalt, als Impressionen aus einer fernen Welt präsentiert, oder die in den Magazinen der Modemacher den Innbegriff des "Sportiven" repräsentieren.
Eine Vision wird heute für ihn Wirklichkeit. Ehrfurcht eines Augenblicks vor dieser monumentalen Kulisse. Einige Meter weg vom Strand, wo das Toben der Brandung leiser wird, hört er das sanfte Klicken der Palmen unter der tropischen Sonne.
Das eigenartige an der Begegnung mit seinem Begleiter, - Namen hat man nicht ausgetauscht - ist, dass sich keiner unter Zwang fühlt, Nutzloses dahersagen zu müssen. Das Verhältnis hat nichts Belastendes, Künstliches, Verpflichtendes. Es gibt Phasen, in denen man überhaupt nichts spricht nur auf Sichtweite in Kontakt bleibt und sich dennoch verbunden fühlt. Jeder genießt das, was um ihn herum geschieht und nimmt ein Gespräch erst dann wieder auf, wenn man einen Gedanken teilen will. Diese zeitlose Unbekümmertheit, diese grenzenlose Gegenwart, das Gefühl, sich an nichts mehr messen zu müssen, diese schwerelose Zufriedenheit. Es muss wohl der vielzitierte ALOHA-Geist sein. HANG LOOSE , wie der Hawaiianer sagt! Er ist bedürfnißlos und wünscht sich nur, diesen Zustand unveränderlich werden zu lassen. "The First Heat Is On", so heißt es bei den Surfern, wenn eine Gruppe von sechs Wasserartisten weit draußen im Startbereich zusammenkommt, dort wo sich die Dünung zu brechen beginnt. Jetzt gilt es, die Welle besonders hoch zu erwischen, sie in einer seitlichen Drift so lange wie möglich abzureiten und sich im günstigsten Fall sogar in die "TUBE" zu manövrieren, den Teil der Welle, der durch das überkippende Wasser ein röhrenförmiges Dach bildet. Die Personen sind in dem entfesselten Toben der Naturgewalten nur noch Stecknadelkopfgroß auszumachen und lassen dadurch erst die wirklichen Dimensionen dieser rollenden Wassergebirge deutlich werden. Vom Kamm bis ins Wellental sind es oft mehr als 10 fast senkrecht abfallende Meter. Wird ein Surfer frühzeitig von der tonnenschweren, herabstürzenden Brandung erfasst, verschwindet er für lange Zeit in den gurgelnden Strudeln der kochenden See. Nach einer kurzen Pause und der Bekanntgabe der Wertungen wird eine neue "HEAT" angesetzt. Der Austragungsmodus erfolgt nach dem K.O. - System bis zum Finale und zieht sich über zwei Tage hin. Ein braungebrannter, blonder Naturbursche wachst gerade sein Brett ein, als Schutz gegen das Salzwasser. Er trägt ein gelbes T-shirt mit der Aufschrift KEPPEL ISLANDS. Noch vor einem Jahr hätte ihm dieser Name nichts gesagt. Heute jedoch erinnert er ihn an Australien und das "Great Barrier Reef" vor der Küste Queenslands, wo er vor knapp 6 Monaten auf seinem ersten Trip war. Fernweh konnte er deshalb in diesem Moment nicht mehr bekommen. Wie er später erfährt, ist es TOM GURREN, einer der besten Surfer Australiens. Etwas weiter hinten, unter den Palmen entspannt der Südafrikaner SHAWN TOMPSON, seit über 10 Jahren der schillernde Stern unter den Brettfahrern.
Auch er sitzt manchmal nur da, beobachtet die Umgebung und die Menschen und macht sich immer wieder bewusst, dass er in diesem Dezember mitten im Pazifik unter tropischer Sonne sitzt. Nach der Rückfahrt beschließt er den Tag mit dem Kalifornier in Waikkiki bei einem gemeinsamen Abendessen. In der Wärme des Restaurants beginnt die von Sonne und Wind geriebene Gesichtshaut zu spannen, die Lippen prickeln wohlig warm. Der ganze Körper scheint unglaublich viel Kraft getankt zu haben und vermittelt sich positiv aggressiv. Er spürt Verlangen nach Zärtlichkeit, so richtig geradliniger Erotik aus reiner Freude an der Sache. Er möchte sich mitteilen und merkt, dass er mehr zu sagen hat, als seine Worte hergeben. Ist das der ALOHA-Geist, diese physische und seelische Ausgeglichenheit ?
Der folgende Tag führt Ihn an einen Ort, der 44 Jahre zuvor die Welt verändert hat und für immer in den Geschichtsbüchern als historisches Datum verewigt bleibt. Mit dem.Angriff der japanischen Luftwaffe auf das bis dahin vom Kriegsgeschehen verschont gebliebene Hawaii nimmt eine entscheidende Wende ihren Lauf. Die Amerikaner treten in den 2. Weltkrieg ein und läuten die territoriale Neuordnung Europas für den Rest dieses Jahrhunderts ein. Mit einem Rundfahrtboot der "Pearl Harbour Cruise" geht es um 14.oo Uhr ab Honolulu-Kai auf Fahrt. In Deutschland ist es jetzt gerade 2.00 Uhr nachts. Zuerst zieht das Schiff in weit gespanntem Bogen hinaus in die Gewässer vor der Küste OAHUS und aus der Entfernung bietet die Bucht mit der Silhouette von Honolulu, Waikkiki und Diamond Head ein atemberaubendes Bild. Die Hochhäuser bilden zwischen dem stahlblauen Pazifik und den dichtbewachsenen Hängen der Vulkane eine Trennlinie, die sich in Form und Farbe kontrastreich aus seiner Umgebung abhebt. Auf dem Boot schließt man schnell - wohl nur für diesen Tag - Freundschaft. Bemerkenswert, wie familiär und bürgerlich die Amerikaner untereinander sind. Nichts ist da von Arroganz oder Weltoffenheit zu spüren, sondern man erzählt eher hausbacken aus seiner heimatlichen Provinz, dem ganz normalen Alltag, öffnet Schuhe und Blusen, und ist mittelmäßig informativ. Er steht an der Reling und hofft, nur Zuhörer bleiben zu können. Allmählich nähert sich die Fahrt dem Flughafen, der seine äußere Landebahn direkt am Wasser hat. Während das kleine Schiffchen unter den Planquadraten der internationalen Luftkorridore dahindümpelt, zieht gerade ein Jumbo der NORTHWEST ORIENT majestätisch in die Höhe und 150 Tonnen Leergewicht scheinen unter dem Dröhnen der Triebwerke in der Luft zu stehen, während man noch deutlich die Aufschrift erkennt. Zur anderen Seite, in der Einflugschneise reihen sich die Kurzstreckenmaschinen der HAWAIIAN und ALOHA AIRLINES zum "final approach und touch-down" - nach Höhe gestaffelt - ein. Die Bojen der Hafeneinfahrt kommen in Sichtweite und durch den Lautsprecher an Bord werden Zahlen, Daten und Fakten zum Hafen und seinem Schicksal durchgegeben. Ein Marinefriedhof, ein Massengrab ohne Stein und Inschrift. Er denkt an MANILA, als er auch in diesem Jahr einen amerikanischen Soldatenfriedhof besuchte. Ihn überkommt immer so ein unausweichliches Schaudern, wenn er die Symmetrie der endlosen Grabreihen sieht, die nach Quadraten geordneten Schicksale, diese heuchlerische Sauberkeit, mit der eine kollektive Vergewaltigung verwischt werden soll. Die weißen Kreuze, die in ihrer unschuldigen Steril- ität ablenken von den zerrissenen Menschenleibern, den quillenden Bauchschüssen und den zerfetzten Eingeweiden. Er schwankt zwischen Hass und Ehrfurcht. Zeugen der Geschichte, Mahnmal für die Nachkriegsgenerationen und schlichte Pietät sind in PEARL HARBOR die zerbombten Wracks der Schiffe, die rostig und unförmig aus dem Wasser des Hafenbeckens ragen. Hier wird die Hinterhältigkeit des Krieges besonders deutlich, denn weder Flucht noch Gegenwehr waren möglich. Von der eigenen Munition in Feuerbälle getaucht und in Stücke gerissen, versank die östliche Pazifikflotte im eigenen Heimathafen. Beim Passieren der USS-ARIZQNA verlangsamt das Schiff seine Fahrt und in den Bordlautsprechern erklingt die amerikanische Nationalhymne. Man erhebt sich, wird andächtig; die Szene hat etwas Ergreifendes. Er gibt sich unauffällig und lässt nicht erkennen, dass er Deutscher ist, weil er weiß, dass in solchen Situationen die Gespräche meist einseitig werden und er nicht als Advocat seiner Geschichte auftreten will. Er kennt diese Situation aus dem Klassenzimmer, wenn er von etwa 15 ausländischen Stipendiaten aus den verschiedensten Ländern als Staatsbürger zur Verantwortung gezogen wird. Hier weicht er den Fragen natürlich nicht aus oder beschränkt seine Argumentation auf den Satz: "Damals war ich noch gar nicht geboren", sondern unterstreicht seine Verantwortung für die Politik der Gegenwart als seine Aufgabe. Das Wrack der ARIZONA gilt heute als Kriegsdenkmal und an ihrer Mastspitze, die noch aus dem Wasser ragt, ist die amerikanische Flagge gehisst. Ein nasses Grab gleichzeitig für jene Matrosen, die bei dem plötzlich hereinbrechenden Inferno nicht mal mehr ihre Kojen verlassen konnten, ehe sie zerrissen wurden von der Wucht der Explosionen, geschluckt vom fauchenden Feuer, oder einfach den billigen Tod des Ertrinkens erleiden mussten.
Es war kurz nach 8 Uhr Sonntagsmorgens und vielleicht lagen sie gerade noch im Halbschlaf mit seinem meist schönen Traum. Hoffentlich konnten sie wenigstens diesen mitnehmen, hinüberretten in den Tod. Das Schiff passiert noch mehrere Wracks, bevor es wieder in Richtung Ausfahrt steuert. PEARL HARBOR heute, ist ein schöner Naturhafen, der mäßig betriebsam in der Weite des Pazifiks liegt, aber seine rostigen Narben niemals verwischen kann und für immer eine angekratzte Perle bleiben wird. Auch heute ist er Stützpunkt der östlichen Pazifikflotte und strategischer Nabelknoten amerikanischer Verteidigungsbereitschaft. Als er den Tag an der Pier in Honolulu beendet, muss er auch noch mal kurz zurückdenken an Thailand und das heutzutage friedliche Tal am RIVER KWAI, das die Japaner auf ihrem Vormarsch nach Burma zu einer menschenfressenden Falle machten. Beide Orte haben heute eines gemeinsam: Ihre Unschuld ! Am nächsten Vormittag heißt es Abschied nehmen von HAWAII; noch einmal kurz auf die KALAKAUA-AVENUE, noch mal am WAIKKIKI-BEACH sitzen und den Gedanken nachhängen. Beim Packen seiner Reisetaschen wird er maßlos traurig; hat er doch soviel Herz auf dieser Insel gelassen. Auf dem Transport zum Flughafen führt ihn die Fahrt zum letzten Mal vorbei am Jachthafen, ALOHA-TOWER, ALA MOANA CENTER, DOWNTOWN HONOLULU, UNIVERSITY OF HAWAII in Richtung NIMITZ-HIGHWAY, der nach PEARL CITY führt und auf halber Strecke die Abzweigung zum HONOLULU INTERNATIONAL AIRPORT nimmt. Fast wird der Beton der Landebahnen von der tropischen Vegetation geschluckt und auch das architektonisch verspielte Hauptgebäude fügt sich unauffällig in die Umgebung ein. Innen sind die Gebäude sauber und repräsentativ. In der Schalterhalle werden zum letzten Mal Ananas und LEI-Kränze angeboten, Draußen auf der Warteposition steht schon die weiße BOEING 747 BIG TOP der SINGAPORE AIRLINES in der gleißenden Sonne. Sie war gerade von Hong Kong rübergekommen und wird nun aufgetankt zum Weiterflug nach San Francisco. Stolz sieht sie aus wie immer, doch hier unter den sich wiegenden Palmen bekommt sie etwas Edles, Kunstvolles mit ihren geschwungenen Formen. Die Bordatmosphäre hat wieder dieses sanft-süsslich asiatische, einen Schleier von Exotik, den die"Singaporean Girls" ausstrahlen, als sie zum Empfang die gekühlten Erfrischungstücher verteilen.
Er belegt seinen Fensterplatz und kalkuliert gerade, ob er im Steigflug in Richtung Küste sehen kann. Ja, er hat Glück, sitzt auf der linken, der Insel zugewandten Seite. Das leise Vibrieren der Motoren setzt ein und beim Hinausrollen auf die Startbahn der übliche Sicherheits-Check, Schwimmwesten, Notausgänge, Rauchverbot, Sicherheitsgurte usw. Als sich die Kraft in den Turbinen verdichtet und die Triebwerke ihren vollen Schub hergeben, wird er sanft, aber mit steigender Geschwindigkeit stärker in die Polster seines Sitzes gedrückt. Büsche, Gesträuch, Gras, Orchideen, Autos des Bodenservice, Positionslampen, Hinweisschilder verzerren immer mehr, bilden eine verschwommene Einheit, verlieren durch die Geschwindigkeit an Kontur und Kontrast. Der tonnenschwere Flugzeugrumpf wirkt schon leichter, scheint Auftrieb zu haben. Er sitzt ganz weit hinten -im Raucherbereich- fast am Ende der Fensterreihe, dort wo die Tragflächen nicht die freie Sicht nach unten versperren. Als das Flugzeug beim Abheben die Nase in den Himmel streckt, sackt der Schwanzbereich des Rumpfes zuerst sogar noch ein wenig ab, kommt der Rollbahn bedrohlich nah, ehe auch die Räder die Bodenhaftung verlieren. Jetzt ist die Materialbelastung am stärksten, der kritische Augenblick in dem der kleinste Materialfehler, ein Haarriss zur Katastrophe führen kann. Die gewaltigen Tragflächen mit ihren ausgefahrenen Startklappen biegen sich weit durch, geben dem Wind genügend Widerstand, um dieses Ungetüm mit seiner Fracht von über 300 Personen in die Lüfte zu haben. Unter ihm jetzt die vielen kleinen Boote, der weiße Schaumkragen, der sich durch die auflaufende Brandung um die Insel bildet. Wie auf einer Postkarte liegt nun die Skyline unter ihm und wird mit jedem Dutzend von Herzschlägen kleiner. Um die Südspitze der Insel sammeln sich gleichmäßig aufgereiht -Sahnetörtchen ähnelnd- kleine Wölkchen und wirken wie eine Perforierung zwischen dem Blau des Meeres und dem Grün der Landmasse. Ein letzter Gruß noch nach hinten und dann entschwindet Hawaii seinem Blickfeld, als die Maschine in einer leichten Rechtskurve den Kurs ändert. In den nächsten 10 Minuten des Steigfluges durchsiebt der Airliner eine Schicht von Zirruswolken und stabilisiert sich auf ca. 11.500 Metern Höhe im schwarz-blauen Passathimmel. Die " Fasten-Seat-Belts"-Leuchten erlöschen, Raucher werden erlöst aus ihrer Abstinenz-Pflicht und der "run" auf die Toiletten setzt ein. Schräg vor ihm im Gang steht eine Stewardess, die sich scheinbar für einen Moment unbeobachtet fühlt. Wie alle Asiatinnen, eine schlanke Figur, wohlgeformt, was der eng anliegende Sarong, - die Uniform der SINGAPORE AIRLINES- noch hervorhebt. Gerade strich sie mit einer raschen Bewegung ihren Rock glatt. Es war eine weibliche Geste!
Einen Moment später muss sie einem Passagier auf der anderen Seite des Gangs ihre Aufmerksamkeit widmen. Ein älterer Herr hat Schwierigkeiten, seine Sitzlehne zu verstellen. Jetzt sind es noch 5 Stunden Flug bis zum kalifornischen Festland.
SAN FRANCISCO - LOS ANGELES San Francisco aus der Vogelperspektive ist wie eine Einladung zur Ballettpremiere - ja, wie eine Liebeserklärung. Die Gewichtung von Urbanität und naturbelassener Peripherie bilden eine ästhetische Symbiose, die -verbunden durch die weit gespannte GOLDEN GATE BRIDGE philosophischen Interpretationen Raum läßt.Golden Gate Die Stadt vermittelt ein prickelndes Lebensgefühl, wie man es nach einer gut durchschlafenen Nacht beim Picknick im Grünen empfindet. Aus einer niemals beengenden City, mit charmanten Vierteln und großzügig angelegten Stadtparks, eröffnen sich von den vielen Hügeln aus weitreichende Blicke auf die umliegende -BAY- und das Meer. Da gibt es Chinatown und Financial District; Salcaleto und Muir Woods; Fishermens Wharf und Oakland Bay Bridge; Schiffe, die mit einem letzten Gruß unter der GOLDEN GATE BRIDGE in die unermessliche Weite des Pazifiks hinausfahren; da sind die GABLE CARS, die mit Ihrer Poesie dem Fortschritt zu trotzen scheinen; da sind Menschen, die noch heute den Geist der FLOWER POWER GENERATION ausstrahlen und der Stadt die Leichtfüßigkeit einer Ballerina verleihen.
San Francisco ist die Kulisse, vor der sich die Komparsen als Hauptdarsteller fühlen können und Regieanweisungen überflüssig werden.
Die Stadtrundfahrt im Kleinbus hat internationale Besetzung. Ein Pärchen aus Maryland, zwei Kanadier, ein Singaporianer, ein Australier aus Brisbane und er, der Deutsche. Auf einer gewundenen Strasse führt es durch das fast mediterrane Hügelland, vorbei an Steilabbrüchen an denen die schäumende Pazifikbrandung aufrollt, und durch einen Pinienhain erhascht sein Blick die zinnoberrot im Dunst auftauchende GOLDEN GATE BRIDGE, die der Bus wenig später in Richtung SALCALETO und MUIR WOODS überquert. Grandios und verspielt zugleich liegt San Francisco aus der Ferne betrachtet auf den vielen Hügeln und die markante Architektur der "Bank of America" deutet mit seiner Spitze gen Himmel. Dieses einzigartige Panorama, die scheinbar in blindem Einverständnis von Natur und Menschenhand geschaffene Symbiose lässt ihn innehalten, stimmt ihn zutiefst nachdenklich und er gönnt sich die wenigen Minuten innerer Einkehr. Wie schön ist doch diese Welt, unser Planet, den er jetzt zu zwei Dritteln umrundet hat. Wie greifbar ist die Wirklichkeit, seine erfüllten Träume und Wünsche, und wie schrecklich ist die Vision, die alles Spalten und in seine kleinsten Teile auflösen könnte. Momente wie dieser sind ihm Anstoß für ein gedachtes Gebet, bei dem er sich als Person neutralisieren kann und Psyche und Materie als von Gott geschaffene Substanz erfährt. Er spürt in der Tiefe seines Herzens, wie dieses brüchige Leben zwischen Geburt und Tod doch eine Erfüllung sein kann, wenn es eine Zwiesprache ist. Erlebend ist er Angeredeter und sehend, denkend, handelnd - ja auch schreibend - vermag er Antwortender zu werden. Nach einem Sandwich am Ufer der San Francisco Bay konzentriert sich die Fahrt auf den Stadtkern und führt über die unvorstellbar steil emporstrebenden Strassen, durch Parks, victorianische Häuserzellen, herrschaftliche Paläste und Künstlervillen, in deren Architektur sich die Einflüsse Spaniens und Englands spiegeln. San Francisco ist keine Stadt für Nachtschwärmer. Ihre Verführungskünste lässt sie in den hellen Stunden am wirkungsvollsten spielen, wenn ihre "natürliche Klimaanlage", der pazifische Morgennebel sich auflöst und die "Bay-Bridge" aus dem Dunst emportaucht. Es ist jetzt gerade die Zeit, als die Wolkenkratzer beim EMBARCADERO und Financial District - dort, wo sich sein YMCA-Haus schutzsuchend einfügt - die Dunstmützen übermütig abwerfen, um die abstrakte Ästhetik ihrer Zweckgebundenheit vor einem samtblauen Himmel zu entblößen. Für den Abend ist er mit dem Singaporianer zum Stadtbummel verabredet, nachdem er in einem 1-stündigen Mittagschlaf seine Aufnahmebereitschaft wiederhergestellt hat. Treffpunkt ist das Foyer des San Francisco Hilton Hotels. Die Fahrt mit dem Cable-Car führt auf die Kuppen der Hügel, von denen man bei Nacht auf die feenhaft beleuchtete Metropolis hinabsieht. Er streift durch die Stände am FISHERMEN'S WHARF, die sich unter der Last der üppigen Meeresfrüchte durchbiegen. Ihn umgibt eine Duftglocke von salinem Millieu, den die Frischfische aus der Tiefe des Meeres mitbringen. Zu FUSS geht es dann zurück durch Chinatown, vorbei an der "Bank of Amerika" zur Market Street. Auf den restlichen 2 Kilometern zum EMBARCADERO stillt er seinen "Entdecker-Hunger" noch mit einem saftig-triefenden Hamburger.
Am folgenden Tag sieht er die einzigartige Kulisse aus dem Flugzeugfenster unter sich entschwinden, ehe sie sich im Dunst der Höhenwolken vollends verliert. In ca. l Stunde Wird er auf dem Los Angeles International Airport landen.
LOS ANGELESDer Landeanflug auf L.A. bietet nach einem erweichend schönen Flug entlang der sonnengetränkten kalifornischen Coastline von San Francisco kommend, ein Bild von erschreckender Groesse, das jedoch aus dem Flugzeug heraus noch überschaubar, nach Himmelsrichtungen grob einzuteilen ist. Schachbrettartig angelegt, von scheinbar endlosen Highways in eine logische Symmetrie eingefasst, die sich jedoch in den dichten Verknotungen der Straßenführung verliert. Die Betriebsamkeit des Flughafens gleicht dem Verwirrspiel einer perfekt funktionierenden Maschinerie, deren Technik und Wirkungsweise einem unverständlich bleiben.
Entlang der überfüllten achtspurigen Highways, bewegt er sich im Berufsverkehr eines Freitagnachmittags nur langsam auf die größer und abstoßender werdende Silhouette von Downtown L.A. zu. Einer nach unten führenden Spirale gleich schnürt er sich mehr und mehr in das Dickicht der protzigen Unantastbarkeit der Wolkenkratzer ein, die bei einbrechender Dunkelheit eine furchteinflössende Starre annehmen. Reduziert auf seine Kreatürlichkeit und Fehlbarkeit sucht er Schutz vor dem Leben, der Unaufhaltsamkeit und verkriecht sich in der Bescheidenheit seines kleinen Zimmers und beginnt wieder, sich zu spüren. In nur zwei Stunden hat er es geschafft, in der mit über 3 Millionen Einwohnern drittgrößten Stadt der USA - diesem Moloch aus Asphalt und Beton -ein Bett, eine Bleibe, eine Daseinsberechtigung zu finden. Jetzt fühlt er den immensen Stress, der abendlichen Suche nach einem Dach im Wettlauf mit der Zeit.. Die Nervenkraft und Konzentration, die ihm das Telefonat vom Münzfernsprecher abforderte, während in unmittelbarer Nähe Überlandbusse der GREYHOUND-Linie ihre 320 PS-Diesel aufheulen ließen und die gerade zustande gekommene Verbindung erstickten. Lange hatte er bis dahin vergeblich versucht, das System des amerikanischen Selbstwähl-Dienstes zu durchschauen und dabei seine zwei Reisetaschen zur Diebstahlsicherung zwischen die Beine geklemmt, den Notizblock auf die zur Hälfte bespuckte Ablagefläche gelegt und den Kuli zwischen den Zähnen gehalten. Adresse, 2 Buslinien, Ein- und Aussteigestation, sowie Namen des Hotels gab man ihm im Telegrammstil und kalifornischen Akzent durch. Für Wiederholungen oder Rückfragen blieb keine Zeit. Zum ersten Mal musste er Leute bei weiteren Auskünften bitten, langsam zu sprechen und darauf hinweisen, dass er Deutscher sei und nicht viel Englisch spreche. Dies war ihm völlig ungewohnt und brachte ihn an die Grenze seiner Frustrationstoleranz. Im Bus dann das schon bekannte Problem. Die Bitte an den Fahrer, ihn doch beim Erreichen "seiner" Station aufzurufen, schlug man ihm zwar nicht aus. Wer aber gab ihm die Garantie, dass dies auch wirklich geschehen würde und wie lange mochte die Fahrt wohl dauern 15 Minuten, 45 Minuten, vielleicht mehr als eine Stunde ? Sollte er bei steigender Nervosität den Fahrer noch mal ansprechen und sich damit eventuell alle Chancen verderben ? Eben noch ein von zarter Hand umsorgter Passagier der TRANS WORLD AIRLINES, dem man die Wünsche von den Augen ablas, war er jetzt ein Rohr im Wind, in dem Bemühen, Zufall und Absicht in ein tragbares Verhältnis zu rücken.
Das Rainbow-Hotel gehört einer caricativen Organisation an und bildet inmitten der nackten Hässlichkeit der Wolkenkratzer von Downtown L.A. eine schützende Oase. Nur noch ein weiteres Gebäude hebt sich in dieser Gegend von der Nüchternheit ab.
Es ist die "Central Library of Southern California, Los Angeles.
Um 20:30 verlässt er noch mal für einen kleinen "Schnuppergang" sein Zimmer und tritt hinaus in die Dunkelheit der ausgestorbenen City. Nur noch vereinzelt streifen Menschen, meist Schwarze und andere Stadtstreicher umher, umgeben von der rüden amerikanischen Hamburger - u. Pizzakultur. Doch auch die Schnellrestaurants lassen gerade überhastet ihre Rollgitter runter und nehmen der Umgebung den letzten - wenn auch niederträchtigen - Hauch von Menschlichkeit. Downtown L.A. ist nur für den Tag gebaut. Die südkalifornische Metropole ist eine schwierige Stadt für Touristen und liegt eingebettet in ein Siedlungszentrum, das von der Struktur her mit dem Ruhrgebiet vergleichbar ist. Entfernungen werden nicht in Meilen, sondern in Minuten gemessen, die angeben, wie lange man mit dem Auto über das Netz der Freeways fährt. Los Angeles, das sind 50 Vororte auf der Suche nach einer Stadt. Früh morgens ist er der Erste am Bus für die "Stadtrundfahrt", die hauptsächlich nach HOLLYWOOD führt. Als sich der Bus nur langsam den Verknotungen der City entwindet, sieht er im Vorbeifahren auf den Linienbussen die Schriftzüge der Zielorte, die sich am nahegelegenen Pazifik wie Perlen einer Kette aufreihen. Die Namen klingen ihm als Melodie in den Ohren und ihm wird bewusst, dass er auf dieser Reise eine weitere "Endstation seine^ Wünsche " erreicht hat. Da ist die Gemeinde SANTA MONICA von dessen Hügeln aus man an herrlichen wolkenfreien Tagen das Meer sehen kann; VENICE, mit seinem bohemischen Touch, wo sich auf dem "Ocean Front Walk" die Künstlerschickeria, Greise, Etablierte, Schauspieler, Musikanten, Akrobaten und Schaulustige - meist auf Rollschuhen - treffen und sich braungebrannte, blondgelockte California-boys und -girls im Disco-rhythmus durch die Menge wiegen; MALIBU mit dem J. Paul Getty-Museum, seinem berühmten Surfer-Beach und den Traumvillen der "ganz Grossen" aus Film und Showbusiness; LONG BEACH, wo am Pier die "Queen Mary" als Seefahrtsmuseum vor Anker liegt; PASADENA mit seinem mexikanischen Flair.
Los Angeles ist ein Schmelztiegel der Nationen, in dem ethnische Minderheiten und diverse Nationalitäten versuchen, ihr kulturelles Erbe zu bewahren. Der hispaniole Einfluss wjrd besonders deutlich als der Bus am "Pueblo" hält, das mit seinen Häusern und mexikanischen Marktständen seine Geschichte aus der Gründungszeit der Stadt erzählt. Etwas aufdringlich, aber dennoch beeindruckend ist für ihn der südamerikanisch-katholische Gottesdienst in der kleinen Kirche nebenan. Ihm wird deutlich, wie sehr hier Armut zur Triebfeder der Gläubigkeit wird. Er denkt an Thailand, als er in einem buddhistischen Tempel die bisher angenehmste Form der Gottesehrfurcht kennen gelernt hat und er kommt ins Grübeln, und fragt sich, was ihn eigentlich als Angehöriger der christlich-reformierten Kirche gelegentlich zum Gebet treibt. Sind es Unsicherheit, Gewohnheit, Absicherung, Pflichterfüllung oder Überzeugung und Bedürfnis? Eigentlich ist er froh, dass er im Elternhaus eine gesunde Hinführung zur Eigenverantwortung genoss und nicht unter den Zwangsneurosen zu leiden hat, die vielen Menschen ihr Blickfeld einschränken. Er hat sie schon kennen gelernt, die in kirchlicher Regie ihre Kindheit gesteuert bekamen und heutzutage auf den Klerus scheißen, die den Kruzifix in die Ecke schmissen, weil die Logik nicht mehr stimmte. Die Fahrt geht weiter nach Chinatown, das zweifelsohne nicht so malerisch ist wie in San Francisko, denn in L.A. konnten sich die Chinesen mehr mit anderen Bevölkerungsgruppen mischen. Im "Little Tokyo" sorgen Restaurants, Bars und Boutiquen im japanischen Dekor für den fernöstlichen Rahmen. Die größte Minderheit - mit 25 % der Bevölkerung - sind die "Chicanos", Amerikaner mexikanischer Abstammung, die sich in East-L.A, niedergelassen haben. Auf der Fahrt nach HOLLYWOOD passiert der Bus das Krankenhaus, in dem der US-Senator Robert Kennedy nach dem Attentat starb ; einen Park, in dem Muhammad All oft seine Kondition im Lauftraining stärkte und das Hinweisschild GREEK THEATER weckt seine Aufmerksamkeit, denn hier fand das legendäre Konzert von NEIL DIAMOND "A Hot August Night" statt. Erste Station ist dann die HOLLYWOOD BOWL, eine Freilichtbühne, in der die BEATLES früher ihr "Twist and Shout" sangen und die heutzutage in der sommerlichen Konzertsaison die Bühne der L.A.- Philharmonie ist. Danach geht es über den HOLLYWOOD BOULEVARD und den SUNSET STRIP direkt ins Zentrum der Film- und Fernsehmetropole HOLLYWOOD. Natürlich erwartete er nicht, JR., alias Larry Hagman oder Jane Fonda auf der Strasse zu begegnen, doch hatte er vom Ort selbst ganz andere Vorstellungen. Außer den Stars im "Hollywood-Walk-of-Fame" ( in den Buergersteig eingelassene Zementplatten mit den Unterschriften der Künstler) sieht man Filmstars hier nur anlässlich großer Premieren. Der "Hollywood Boulevard" ähnelt eher einer Art "Red Light District", auf dem sich Drogensüchtige, Landstreicher und Prostituierte herumtreiben. Auf dem SUNSET BOULEVARD drängen sich jedoch Prominentenwohnungen, Restaurants und Aufnahmestudios in dichter Folge. Der sog. "Farmers Market" liegt direkt hinter den CBS-Studios, wo das vornehme Volk beim Einkauf zusammenkommt. Glanz und Glamour der Filmwelt konzentriert sich in den exklusiven Enklaven der Reichen und Superreichen von BEVERLY HILLS und BEL AIR. Am RODEO DRIVE, den die Anglinos (Einwohner von L.A.) die teuerste Einkaufsstraße der Welt nennen, hat sich die Uniformität exklusiver Geschmäcker ein Denkmal gesetzt. Mit Gucci, Celine, Hermes, Yves St. Laurent, Ted Lapides und Kollegen sind hier die teuersten Designer aus den Branchen Mode und Accessoires vertreten.
Gelangweilt fahren dort die Rolls Royce, Countachs und Lamborghinis auf und ab. Auf der Rückfahrt geht es dann noch vorbei am Studio von "Fleet Wood Mac",' einer Ex-Absteige der Rolling Stones und an "Cookies" 77 Sunset Strip. Als der Guide dann das Ende der Tour ankündigt hat er eine weitere Pflichterfüllung hinter sich und freut sich auf einen entspannten Flug, der ihn quer durch die Vereinigten Staaten an die Ostküste nach Florida bringen soll.
Noch vor dem Morgengrauen muss er sein Haus verlassen, um den ersten Bus, 5.20 Uhr Richtung Airport zu bekommen. An der Haltestelle nimmt ihn jedoch ein Taxifahrer für den Preis von 2 Dollar auf seiner Leerfahrt zum Flughafen mit. Noch vor Verlassen des Stadtgebietes steigen 2 weitere Passagiere zu. Eine ältere Dame aus New York und ein Exil-Ungar, der seit 10 Jahren in Amerika lebt. Das Gespräch am frühen Morgen wird lebhafter als erwartet, ja steigert sich fast zu einer Auseinandersetzung. Das Thema ist belanglos, die Argumente werden jedoch innerhalb kürzester Zeit spitzzüngig, bissig, und persönlich. Eigenartig, wie man sich so motivationslos in einen rechthaberischen Narzissmus hineinsteigern kann. Das Gespräch entwickelt sich in seiner Dramaturgie zu einer bühnenreifen Inszenierung. Während die Frau verstört ist und schweigt, versucht er die hauptsächlich zwischen Fahrer und dem dritten Mann ausgetragene Emotionsentladung zu schlichten, den Argumenten und Beschuldigungen ( es geht im weitesten Sinne um Politik und Nationalstolz) ihre Verletzbarkeit und Schärfe zu nehmen und einseitige Behauptungen zu relativieren. Der Ungar ist ein unangenehmer Zeitgenosse, einer von denen, die Schmeißfliegen gleich ihren emotionalen Unrat in alle Richtungen werfen, die ganz bewusst beschmutzen und beleidigen wollen, denen beim Blick in fröhliche Gesichter ihre eigene Unzulänglichkeit bewusst wird, die im Leben am kürzeren Hebel sitzen. Schon äußerlich war er eine abstoßende Erscheinung, Hager und spindeldürr, ein blasses ausgemergeltes Gesicht mit vorstehendem Kinn, langer magerer Hals, dünne Lippen, ein kleiner sandfarbener Schnurrbart, gelbliche Gesichtsfarbe, tiefliegende Augen, vorspringender Adamsapfel, nervöse Hände mit rastlosen Fingern, leicht hängende Schultern. Sein Haar war schon weit zurückgewichen und er schwitzte auffällig.
Als das Taxi in die Zufahrt zu den Abflugterminals einfädelte war er froh, diese aufgezwungene Engstirnigkeit wieder eintauschen zu können gegen das unglaubliche Gefühl von Freiheit, das eine Reise um die Welt vermittelt. Er passiert die Abfertigungshallen von PAN AM, EASTERN, UNITED, NORTHWEST ORIENT, DELTA, und AMERICAN AIRLINES, bevor der Fahrer ihn am TWA-Schalter absetzt. Es ist kurz vor Sonnenaufgang und in der Dämmerung erkennt er, dass der Himmel wolkenlos ist. Ideales Wetter also für seinen Trans-Amerika Flug.
Die rotweiße LOCKHEED 1011 TRISTAR hat schon am Boarding-Dock, Gate 51 angenabelt. Ein unendlicher Stom von Koffern kriecht auf dem Förderband empor und verschwindet in den Ladeluken unterhalb der Fensterreihe. Die scharfkantigen Turbinen--Lamellen in den Triebwerksöffnungen bewegen sich leicht und noch hat die Maschine durch die
Versorgungsschläuche zur Treibstoffaufnahme, Elektroleitungen der Stromgeneratoren, Zuleitungssysteme für den Druckausgleich und die Sauerstoff-Notversorgung der Kabine, sowie Telefonkabel zum Cockpit, Verbindung mit der Bodenversorgung. Bald jedoch, wenn die Triebwerksschaufeln die Luft gierig ansaugen, sie über mehrere Verdichtungsstufen zur Brennkammer führen und den tonnenschweren Schub flirrend und bebend nach hinten ausspucken, hebt das Flugzeug in eine neue selbständige Existenz ab.
Noch im Steigflug überquert die Maschine LONG BEACH und die Küstenlinie, ehe sie in einer weitgespannten Schleife aufs Meer hinauszieht und dann wieder der Morgensonne in Richtung Festland entgegenfliegt. Ein Bilderbuch-Flugwetter und an den Fingern kann er nun die Staaten abzählen, die tief unter ihm dahinziehen. Noch einmal sieht er den weiten Kessel von Los Angeles, Hollywood und die angrenzenden Berge. Als die Maschine dann den Sunshine-State Kalifornien verlässt, geht's über die Wüstengebiete Arizonas hinweg zu den tiefverschneiten Ausläufern der Rocky Mountains und wie Mosaikformationen erkennt er die Umrisse von "Salt Lake City" und "Denver" im Staate Colorado. Nach Kansas geht es im Luftraum über Missouri in den Sinkflug zur Zwischenlandung nach ST. LOUIS. Kurzaufenthalt mit Umsteigen in eine DC-9 und weiter führt die Route nach Südosten über Kentucky, Tennessee, Alabama, den Golf von Mexico nach Florida. Ein wunderbarer Flugtag endet just mit dem hereinbrechenden Abend und einer längeren Busfahrt ins YMCA-Hostel von Miami Beach.
MIAMI - NEW YORK
New York, die letzte Station auf seiner Reise, ordnete er als Pflichtübung ein, einen im Flugplan vorgesehenen STOP, zu dem er eigentlich nicht mehr richtig stand. Zu verbraucht war er - aufgezehrt von der Reizüberflutung -, um noch genussfähig zu sein. In überzeichneten Visionen sah er sich irgendwo im Dickicht der Grosstadt, - dieser Hundsgöttin des Erfolgs - versinken, hilflos, Fehler begehend glaubte er in Abgründe zu stürzen. Waren ihm doch die Erinnerungen an Los Angeles in seiner seelenlosen Härte noch zu wach, zu plastisch präsent. Musste nicht irgendwann etwas schief gehen, etwas passieren ? Unnötige Gedanken ! Er verkrampfte. Die Pause von Miami-Beach schien ihm gut getan zu haben. Er stand nicht mehr unter dem Zwang, optisch konsumieren zu müssen, sondern wurde in seiner melancholischen Müdigkeit zum stillen Beobachter, zum Analytiker. Menschen in ihrer Unvollkommenheit wurden die Objekte seiner Hinterfragung und Selbstreflexion. Die geschminkten "Alten" von Miami, die sich in ihrer aufgeputschten Selbstdarstellung zu entwürdigen schienen, das Alter unbewusst zu einer dekadenten Form des menschlichen Daseins degradierend, sind für ihn eine Atempause. Es gilt Kraft zu schöpfen für seinen letzten Auftritt in der Arena Manhattans.
Ein tauber, leblos wolkenverhangener Himmel, ein diffuses Grau, das die Zeit zu ersticken scheint, ein Tag von denen, die weder Namen noch Datum haben sollten. Miami hat heute keine Ambitionen. Der Abschied fällt nicht schwer. Er fühlt sich ausgeruht und gut durchblutet, steht wieder voll hinter seinen Plänen, ist zuversichtlich und auf der Fahrt zum Airport kommt wieder dieses gewohnt freudige Flimmern in ihm auf. Er hat Lust auf NEW YORK, ist wieder stark und bereit, sich in den Dunst der Großstadt zu begeben, die auf viele Menschen eine so tiefe Faszination ausübt und von Pöten und Literaten in den unterschiedlichsten Farben gezeichnet wurde. Er weiß, dass man sich für NEW YORK öffnen und das Irrationale ungeprüft bejahen muss. Ihm ist bewusst, dass er sich an den Siedepunkt der "Neurosen" begibt, in den Schmelztiegel von Illusion , Hoffnung und Erfolg, dort wo sich das Leben in entarteten Extremen entfaltet.
Durch eine wulstige Wolkenschicht quirlt sich die BÖING 727 der TRANS WORLD AIRWAYS nur langsam hoch, ehe sie die scharfe Trennlinie ins endlose Blau des Himmels überfliegt. Sein Nachbar, ein wortkarger, muffliger Zeitgenosse fortgeschrittenen Alters, einer von denen, die so wenig rübergebracht haben aus ihrem Leben, die weder Mut machen noch Mitleid erwecken können. In Gedanken prüft er seine "guten Vorsätze und weiß, so nicht werden zu wollen.
Der Blick schweift über seine krustigen Hände, die Knopfreihe der Weste entlang, hoch bis an sein schwammiges Kinn, ehe er für einen kurzen Augenblick in seine Augen sieht, die durch die schweren, adrigen Tränensäcke weiter als nötig geöffnet werden.
Die Flugroute führt ihn über Florida auf den Atlantik hinaus, bevor die Maschine aufs Festland zu schwenkt und über North Carolina, Virginia, Baltimore und Philadelphia hinweg in Richtung NEW YORK fliegt. Bald reißt die Wolkendecke auf und wieder klemmt er sich ans schmale Fenster, um die Realität ganz nah zu spüren. Ungewohnt stark ruckend schwebt der Jet durch die angekündigt heftigen Turbulenzen in den Luftraum des J.F. Kennedy Airports ein.1986 - noch sind es 15 Jahre bis "September 11. Noch fühlt er nicht die Eiseskälte, die NEW YORK bei strahlend klarem Himmel in diesem Dezember umgibt. Nur optisch wird sie ihm durch dichte Atemschwaden deutlich, die Flughafenarbeiter beim Herannahen an die Ladeluke ausstoßen. Nichts hat er von der einmaligen Skyline Manhattans gesehen, denn JFK liegt weit draußen. Physisch auf die milden Temperaturen Asiens, Ozeaniens und Floridas eingestellt, treffen ihn die minus l0 Grad Celsius wie ein Schlag. Nichts hat er dieser kristallinen, kratzigen Kälte entgegenzusetzen. Neben den Schmerzen an Händen und Füssen dehnt sich auch das Pochen an seiner Nase fächerartig über das Gesicht aus. Bei der konzentrierten Suche nach dem "Baggage-Claim" war er im unteren Teil des Arrival-Terminals krachend gegen die Plexiglasverkleidung einer Drehtüre gelaufen. Über seinem Kopf las er das Schild "WELCOME TO NEW YORK", als er nach kurzer Zeit die Fassung wiederfand und das nachlassende Sirren, Knistern und Dröhnen in seinem Kopf die Konzentrationsfähigkeit zurückriefen. Auch der blutende Riss an seiner Oberlippe hatte sich inzwischen wieder beruhigt.
Für 8 Dollar ergatterte er einen Platz in einem Schnellbus, der ihn nach Upper-Manhattan an die 8th Avenue, 42nd Street bringen sollte. Sein Anruf beim YMCA war erfolgreich und die "34-th street" sein einziger Anhaltspunkt in dem brodelnden Chaos des Nachmittagsverkehrs. Unauffällig, nichtssagend austauschbar war die erste halbe Stunde der Fahrt. Nur einmal weckte ein grünes Schild mit der Aufschrift "FLUSHING MEADOW" seine Aufmerksamkeit. Wie schön müsste die Silhouette der Stadt jetzt sein, wo die untergehende Wintersonne den klaren Himmel verfärbt ? Ihm schweben die vielen Bilder vor, die er auf den Reklameseiten der Gazetten und Magazine gesehen hat, wo die "Riverside" durch optische Sehhilfen zu wirkungsvollen Portraits "gezoomt" und "gefocusst" wird.
Sollten diese fernen, aalglatten symmetrischen Türme wirklich die Umrisse des höchsten Gebäudes der Welt sein ? Er suchte nach weiteren Anhaltspunkten, spitzte die Ohren, ob nicht einer der Mitreisenden etwas Aufklärendes von sich geben würde. Die Brückenpfeiler und Hochhausspitzen verschachtelten sich immer mehr und allmählich verdichtete sich die Szenerie zu dem Bild, das seine Vorstellungen prägte und seine Vermutung bestätigt sich, als er auf einem Schild EAST RIVER - BROOKLYN BRIDGE erkennt. Noch wenige Minuten und er wird verschwunden sein in den Schluchten und Schneisen, die sich zwischen Häuserwänden bilden. Nichts bleibt von dem befreienden Blick aus der Distanz. Jetzt gräbt er sich ein in die zwanghafte Unförmigkeit der Metropole und die wachsende Dunkelheit, das stumpfe, filzige Grau-Braun der schmutzigen Wandfluchten wird nur gelegentlich von gleißend spiegelnden Glasflächen unterbrochen. Von alpiner Dimension türmen sich die Wolkenkratzer auf und geben in der Höhe nur schmale Sehschlitze in den Himmel frei.
Etwas versöhnlich wirken die geradlinige Straßenführung und die gleichförmige Symmetrie ihrer Anordnung. Die ungeheure Vitalität des Lebens nimmt der erdrückenden Übermacht des Funktionalen etwas an Wirkung. Wie um Halt zu suchen und von der bedrohlich wachsenden Verflechtung aus Beton, Glas und Stahl abzulenken, klemmt er sich ans Detail, einen Menschen, ein Gesicht, eine Geste, ein Wort aus Lippenbewegungen. Unmissverständlich zwängt ihm die Grosstadt ihren Pulsschlag auf. Hier gibt es kaum noch eine Möglichkeit, sich dem JETZT zu enthalten oder dem GLEICH zu verschließen. Nichts Natürliches, kein Baum, kein Vogel, kein Platz für einen flüchtigen Tagtraum. Gegen seinen Willen muss er sich fügen in die zügellose Aggressivität, sich verfälschen und anpassen, um nicht aufzufallen.
Seine zwei Taschen zerren in den Kapseln der Schultergelenke, machen ihn unbeweglich, angreifbar. Er muss schnell zu seiner Unterkunft kommen, darf sich keine Zeit lassen für überflüssige Blicke. Immer geradeaus bis zum MADISON SQUARE GARDEN und dann rechts abbiegen, -"Just a walking distance"- hatte ihm der Busfahrer gesagt.
Seine naiven Ausweichmanöver für Entgegenkommende stellt er bald ein und "setzt auf Sieg". Der Alltag wird zum Kleinkrieg. Im letzten Moment nur kann er einer scharfkantigen Handkarre ausweichen, die ihn etwas oberhalb des Knöchels am rechten Bein getroffen hätte. Jetzt ist er "voll da", weiß worauf es ankommt, sein Herz schlägt schneller, keine Atemnot mehr, die Muskeln sind gespannt, auch sein Gesichtsausdruck versucht diese aufgesetzte Angriffslust erkennen zu lassen. Der Menschenstrom erdrückt ihn nicht mehr, er sieht nur den Augenblick und weiß, dafür all seine Konzentration sammeln zu müssen. Er macht zügig Meter, kommt voran, bahnt sich seinen Weg durch das Gedränge aus Haltlosen, Zielorientierten, Stolzen, Traurigen, Wissenden, Fragenden, Schicken, Schäbigen und selbstbewussten Negern. Das YMCA-Haus, ein 15-stöckiges Backsteingebäude unweit des HUDSON RIVERS hat nichts Einladendes, ist aber ein Zufluchtsort, gibt Sicherheit. Das kleine Zimmer gleicht mehr einer Zelle, einem Abstellraum für seine Zweifel und Unsicherheiten.
Jetzt kehrt Ruhe ein, er verschnauft, blickt aus dem schmalen Fenster, NEW YORK hat ihn für einen Moment losgelassen. Er kann wieder über sich selbst verfügen, entscheiden, tun und unterlassen was er will, ist nicht mehr dem Diktat des Treibens da draußen unterworfen. Er hört wieder seinen Atem, seine Schritte, das Knacken der Gelenke, kann wenn er will innehalten. - Welch eine Freiheit - Ein tolles Gefühl, so kurz vor Weihnachten an diesem Brennpunkt der Welt zu sein. Nur noch über den Atlantik und dann an den Niederrhein, mal wieder Kühe, Fasane und Hasen sehen.
In einem ersten "brainstorming" prägt er sich Namen und Wege ein, sortiert den Stadtplan, schätzt Entfernungen, prüft Transportmittel, setzt sich Teilziele. Noch während dieses hereinbrechenden Abends will er zu ersten Erkundungen ausschwärmen. Bloß nicht verlaufen - Adresse im Kopf - erstes Abtasten, keine Zeit zum Beobachten, nur Wahrnehmen, Einordnen, sich einen Überblick verschaffen, Spielraum gewinnen. Im Vorbeilaufen gilt es, sich Anhaltspunkte - etwas Statisches für den Rückzug einzuprägen. Ihn verunsichert die Zielstrebigkeit der Menschen , die ihn umgeben. Nur er scheint suchen zu müssen, er der Neuling, Anfänger, dem man keine Zeit lässt zum Lernen.
Wo sind BROADWAY, TIMES SQUARE, 5th AVENUE ?
Kann er all das zu Fuß erreichen ? Vielleicht noch heute Abend ? Im Vorbeilaufen sieht er die üblichen Schnellrestaurants, Bettler, Krüppel und viel Jugend in ungebremster Dynamik. Wer langsam ist, bleibt auf der Strecke. Er merkt, dass er trotz seines Handicaps, ein "Neuer" zu sein, gut mithalten kann, wird selbstbewusst unternehmungslustig. Vielleicht überschätzt er sich, wie andere in dieser Stadt, die zuerst so wenig Individualität duldet. Jetzt wird ihm die Bedeutung von Broadway und Showbusiness klar. Im Theater besteht die Möglichkeit, Persönlichkeit zu entfalten, seine Grenzen zu sprengen. - Ein soziales Ventil also - Die erste Groborientierung des Abends reicht, er kann Entfernungen einschätzen und Fixpunkte orten. Die Zeit ist fortgeschritten und die Stadt lockt Nachtschwärmer an, die Szenerie ändert sich, Gesichter werden entschlossener, scheinen unumstößliche Zielvorstellungen zu haben. Man muss noch heute etwas erreichen, darf keine Zeit verlieren, vermeidet Unauffälligkeit oder Mittelmass. Für diesen Tag ist seine Frist abgelaufen, es gibt nichts mehr zu tun. Er sehnt sich nach einem Wortwechsel, vielleicht ist sogar ein Gespräch drin, etwas menschliche Wärme.
Ein McDonalds-Restaurant könnte eine Gelegenheit bieten, vielleicht ein Blick, dann eine Frage, die Aussicht auf eine Unterhaltung. Doch auch hier herrschen die ungeschriebenen Gesetze der Strasse, die Isolation und die gespielte Souveränität, die stereotype Gleichmacherei , das Abfüttern in einer "Fressbatterie" mit standardisierter Kost und die neurotischen Bemühungen, sich dennoch abzuheben, besser zu sein als die Anderen. Dies war der letzte Anhaltspunkt, um sich Spielregeln und psychologische Hintergründe bewusst zu machen. Jetzt kennt er den "Geist" der Stadt – weiß, daß er diesem nicht entrinnen kann.
Vor dem Einschlafen spricht er es nochmals ganz bewusst aus, so als wollte er den Traum für diese Nacht vorbestimmen: " 8th AVENUE, 34th STREET, UPPER MANHATTAN, NEW YORK CITY, USA.
Der folgende Tag ist anstrengendes Sightseeing, es wird nichts ausgelassen. Sehr wohltuend dabei die flüchtige Bekanntschaft mit einem gleichaltrigen Südafrikaner aus Kapstadt. Ähnliche Interessen bringen intensiven Gedankenaustausch. Eine von diesen Begegnungen, die durch ihre Einmaligkeit, Unwiederbringlichkeit viel Offenes und Ehrliches in sich haben. Eine Tasse Kaffee in einem Straßenlokal beschließt die Kurzbekanntschaft, man tauscht gute Wünsche aus. Den Abend verbringt er in irgendeinem der vielen Kinos, bedürfnislos, müde aber mit der Genugtuung, einen Tag verlebt zu haben, der seiner Erinnerung für immer eingeprägt bleiben wird. Vor dem Einschlafen nimmt er noch ein Duschbad in der öffentlichen Waschkaue seiner Herberge. Schwarze um ihn herum, es riecht nach Kernseife und Männerschweiß. Erst am frühen Abend des folgenden Tages ist "check-in-time" für den Weiterflug New York - London. Es bleibt also noch viel Zeit. Er vermeidet Termine, legt sich auf nichts fest, lässt sich einfach treiben als halbwegs ortskundiger nun, behält sich seine Aufnahmebereitschaft vor für Kleinigkeiten, Unwesentliches, Randerscheinungen. Nicht mehr dieser gehetzte Blick, die touristische Raffgier, sondern ausgeglichen, gelassen ortet er nach Sehenswertem, öffnet sich für die Feinheiten.
Nach dem Aufwachen merkt er bei einem Blick in den kleinen Schrankspiegel, dass er sich lange nicht mehr gesehen hat, an sich selbst vorbeigelaufen ist, seine Person nicht integriert hat in die Erlebniswelt. Die Augen sehen müde aus, um die Nase herum ziehen sich Furchen in Richtung Mundwinkel. Spuren, die man nicht mit bloßem Schlaf verwischen kann. Abstand, Seelenarbeit sind nötig, der CENTRAL PARK bietet sich an. Der halbstündige Fußmarsch über 7th Avenue und Broadway stimmt ihn ein auf die bevorstehende Ruhe. Er merkt, wie sich sein Gedankenkarussell allmählich verlangsamt, es ist kein Speichern von Fakten und Daten mehr, sondern nur noch gefilterte Reize, die Spielraum für Emotionales schaffen.
Er versucht nun, die über Jahre hinaus vorgefertigten Bilder und Vorstellungen an der Wirklichkeit zu messen, um den Mythos NEW YORK zu entschlüsseln. Jetzt kann er alles Gelesene, Gehörte auf die Probe stellen, unter Beweiszwang bringen. Hier kann er seine irritierten
Wertmaßstäbe zurechtrücken, Meinung und Bedürfnisse für sich selbst festlegen. - ein Lernprozess- .
"THE BOXER", von "Simon and Garfunkel" geht ihm durch den Kopf. An welcher Stelle mag die Tribüne des schon legendären Konzerts vom 19. September 1981 gestanden haben ? DAKOTA-HOUSE, die letzte Adresse von John Lennon am Central Park West, 72nd Street» bevor er von einem Geisteskranken im Hauseingang erschossen wurde. Wie hatte er noch gesungen ? '.'....IMAGINE all the people, living life in peace. You may say I'm a dreamer, but I'm not the only one, I hope some day you will join us, and the world will be as one." - Aus diesem Traum ist er nicht wieder erwacht.Dakota House am Central Park. Hier wurde John Lennon erschossen Welche der durchnummerierten UNO-Resolutionen wird vielleicht jetzt gerade auf der anderen Seite Manhattans, am EAST-RIVER unterzeichnet und wird sie kurzlebiger sein als die Vorletzte ? Wann wird der gute Wille zerrissen von der nächsten Handgranate ? - IMAGINE – Der Park schafft Luft, Abstand, er ist nicht mehr Betroffener, sondern nur noch Betrachter. Der Wert der Natur wird ihm in diesem Gegensatz besonders bewusst. Er tritt wieder auf vertrocknetes Laub, Gras, ein Eichhörnchen ergreift die Flucht vor ihm, nachdem es seine Neugier befriedigt hatte. Entgegenkommende Menschen grüßen ihn, geben bei Fragen Auskunft, strahlen Ruhe aus. Müsste er länger in New York bleiben, hätte er hier seinen Zufluchtsort. In Gedanken beschließt er hier seine Reise, zieht erstmalig Bilanz, blickt zurück und weiß dass ihn all dies noch lange beschäftigen wird.
Er sieht noch mal die Gesichter der Zufallsbekanntschaften vor Augen, den Kölner aus Lindenthal in Taipei; die beiden älteren Amerikanerinnen, die vom "Shopping" aus Hong Kong kommend, auf dem Rückflug nach Hawaii waren ; die Kanadierin aus Calgary, auf dem Flug Richtung amerikanischer Westküste, für die er nicht zu jung war, um ihr ein anregender Gesprächspartner zu sein. Der Flüsterton während des Filmes und die körperliche Nähe schienen auch für sie etwas unerwartet Verbindendes zu haben; den Singaporianer und Australier in San Francisco; den Kalifornier und die neuseeländische Familie auf Hawaii; die kubanische Kellnerin in der Kneipe von Miami Beach, wie sie errötet als sie feststellt, dass er Spanisch spricht. Ihre knisternde Weiblichkeit und das gebremste Selbstbewusstsein wirken auf ihn sehr erotisierend. Auch sie scheint etwas gefunden zu haben, hält für einen Moment inne - er bestellt ein Bier.
Schrittweise verschieben sich die Perspektiven, als er wieder dem Parkrand näher kommt. Er zwängt sich in die Häuserreihen und schaltet um auf Routine, zweckorientierte, intuitive Handlungen logische Abläufe, die ihn auf seinen Sitz in der Economy-Class des internationalen Jetliners bringen. Schlechte Organisation und totale Überfüllung am JFK-Airport trennt Nervenschwache und Belastbare. Mit drei Stunden Verspätung hebt der Jumbo 747 der TWA in Richtung Europa ab und verliert sich im Nachthimmel über New York.

NACHLESE
Noch auf dem Trans-Atlantik-Flug versucht er auch die übergreifenden Werte der Reise zu ordnen, sich die Auswirkungen auf seine Persönlichkeit bewusst zu machen. Wie weit haben sich Wertmuster und Inhalte für sein späteres Leben verändert ? Was kann er an Positivem mitnehmen, integrieren in seine zukünftigen Denk- und Handlungsweisen ? Gibt es eine neue Interpretation und Sprachregelung für den Begriff des Reisens ? Ist er in der Lage, wenigstens für sich eine Wertprägung zu definieren ? Wie kann er dem Phänomen den Beigeschmack der kritiklosen Genussucht, der egoistischen Raffgier nach Erlebnissen und den Siegel des Statussymbols nehmen?
Es war kein Urlaub im therapeutischen Sinne als wohlverdiente Entspannung für entbehrungsreiche Zeiten. Es soll auch kein Aushängeschild sein zur Emaillierung seines Egos, um die Selbstdarstellung zu erleichtern. Es war ein durch äußere Umstände gegebener Zufall, den es sinnvoll zu nutzen galt. Ein einmaliges Experimentierfeld zur Selbstfindung, ein Ausklinken aus den räumlichen und gedanklichen Konventionen des Alltags, ja eigentlich eine Atempause in der Mitte des Lebens, in der er seine Erfahrungen und Werte überprüfen, und Korrekturen und Akzente für die Zukunft setzen konnte. Geographisch war es eine Reise ins Unendliche, doch psychologisch ein Ausflug in das Labyrinth seines Inneren. Es vermittelten sich Empfindungen, die bis an die Endpunkte seiner sinnlichen Wahrnehmungen reichten. Er sah Dinge, die ihn wachrüttelten, ihm die Augen öffneten für neue Betrachtungsweisen und Beurteilungen. Die Reise um die Welt war für ihn gleichzeitig eine Wanderung auf dem Pfad der Geschichte, vorbei an Narben menschlicher Verfehlungen, und den Blüten geistiger Genialität.
Er ging vorbei an den Abgründen irdischer Existenz und atmete gleichzeitig den Flugsamen unauslöschbarer Hoffnung. Er ging bis ans Ende der Welt und merkte plötzlich, dass man sich nirgends verstecken kann und erinnert sich dabei an seine kindlichen Visionen, wenn es ihm vorschwebte, "einfach wegzurennen", um einer unangenehmen Sache zu entkommen. Ihm wurde klar, wie unsere Existenz auf jedem Fleck der Erde zu gemeinsamer, kollektiver Verantwortung verpflichtet.
Die Reise hat ihn immer weiter weg geführt in die Ferne, in die schiere Endlosigkeit, bis er plötzlich wieder dort stand, von wo er aufgebrochen war. Er hatte viel erlebt, gesehen, erfahren, um daraus zu lernen und sich menschlich zu bereichern. Liegt nicht auch darin der Sinn unseres Daseins, um nach einem erfüllten Leben in Ruhe dorthin zurückzukehren, wo alles begann ? Nun hat er wenigstens eine Erklärung dafür gefunden, warum die Erde rund und das Leben endlich ist.

FASZINATION FLIEGEN
Ein bisschen schwerelos ? Die aktivierten Schubhebel entfesseln den Orkan an blindwütiger Kraft, die gezielt gebündelt, den über 300 Tonnen Gewicht des Jetliners Richtung und Geschwindigkeit geben. Der Druck in die Rückenlehne wächst mit jeder Sekunde und die durch Startklappen aerodynamisch verformten Tragflächen lassen schon eine gewisse Leichtigkeit spüren, bevor Momente später die Gesetze der Schwerkraft annulliert werden und die Maschine vom Boden abhebt. Ist dies nicht der Punkt, der eigentlich nur ein Traum sein dürfte, an dem wir die Regularien und Grenzen unserer Physis überschreiten und den Boden unter uns versinken sehen ? Kurz darauf dieses leichte Abfedern auf dem Luftbett und das Gefühl fast auf der Stelle zu schweben, wenn durch den Steigflug und die schwindende Erdnähe das Gefühl für die Geschwindigkeit verloren geht. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem das Fliegen zum einen eine faszinierende technologische Dimension annimmt, in erster Linie jedoch eine Bewusstseins-Angelegenheit wird, die Zusammenhänge offenbart, die dem am Boden Wandernden verborgen bleiben. Nach dem Durchstoßen einer dünnen Dunstschicht schwingt sich die Maschine auf ihre vorgegebene Luftstrasse ein, die sie in einer weitgezogenen Kurve erreicht, während das braun-güne Land in riesigen Flecken unter der Tragfläche vor dem verwaschenen Blau der Ferne vorübertreibt. Jetzt befindet sich das Flugzeug in einer ruhigen Luftschicht und hat die begleitenden Wolken und Turbulenzen weit unter sich gelassen.
Dunstschleier, konturlos, körperlos, ohne Horizont. Fliegen wir ? Kaum fehlen die irdischen Vergleichspunkte, schon lassen uns unsere Sinnesorgane im Stich. Wir könnten der Vorstellung nachgeben, uns rückwärts zu bewegen. Wir suggerieren uns, still im Raum zu stehen und auch das akzeptieren unsere Sinne. Für diese Welt wurden wir nicht geschaffen. Hier versagen unsere Sinne. Nur mit Hilfe navigatorischer Instrumente ist es möglich, uns hier zu behaupten, in einem Bereich zwischen scheinbarer Schwerelosigkeit und wahrnehmbarer Beziehung zur Erde, innerhalb des Flugzeugs noch den irdischen Gesetzen unterworfen. So schweben, schwimmen, treiben wir dahin, Dunstschwaden, Schichtwolkenfetzen unter und über uns. Gelegentlich bestätigt die milchig durchschimmernde Sonne, dass sich der Himmel noch immer über den Tragflächen befindet. Die Sonne: Manchmal ist sie weiter nichts als eine kreisförmige Andeutung von hellerem Grau inmitten der dunkleren ätherischen Masse um uns, plötzlich bricht sie ockergelb einen Atemzug lang durch, um sich wieder form- und farblos zurückzuziehen. Und dann zeichnet sich eine Aura auf der Leinwand des Dunstes ab, sich verengend oder erweiternd, je nach Höhe und Entfernung der Wolken. Ein Farbenspiel, eine Gaukelei aus Feuchtigkeit und Trübung, wie sie die Natur nicht phantastischer ersinnen könnte als Trost für die verloren gegangene Erdnähe. Und irgendwo auf der anderen Seite schwebt dann auch die Schattenkontur des Flugzeugs über die tiefere Wolkenschicht, Leitwerk und Kanzelaufbau deutlich erkennbar, vergrößert sich bei näher treibenden und verkleinert sich bei weiter entfernten Schichten. Alles ist im Fluss, alles verwandelt sich in diesem Traumreich der Unwirklichkeit dem Ziel entgegen.



Kommentare

kleiner Bericht

 

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Manni on Tour sagt dazu...

Wow, was für ein ewig langer Bericht. da sparrt man sich ja glatt den Reiseführer....KLasse..

Ich habe einen kleinen bescheidenen Reisebericht in Form eines Blogbeitrages zusammengefasst. Schaut doch mal rein.

Gruß

Manni

 
 

 

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Chefin sagt dazu...

wow....echt nicht übel...
in 17 Tagen um die welt...
und du hast nen interessanten stil...

 
 

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