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Reisebericht: THE WHITE TEMPTATION - Bittersüßer Erfahrungsbericht über die Besteigung des Vallunaraju in Peru
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Nach der vor Tagen gescheiterten Gipfelbesteigung des Nevado Pisco (5752 M) und den kostspieligen zur Verfügung gestanden Alternativen des Nevado Tocllaraju (6034 M - 550 USD*) und dem laut deutschen Alpenverein „schönsten Berg der Welt“, dem Nevado Alpamayo (5947 M - 1200 USD*), liebäugelte ich schon lange mit dem für 140 USD* fast geschenkten und von Huaraz aus wie ein Gemälde zu betrachtenden Nevado Vallunaraju (5686 M). Ich wollte die Ästhetik dieses Berges, seine Farb-, Fels- und Gletscherformationen nicht nur von unten, sondern zum Greifen nahe erleben. Ich wollte ihn spüren, fühlen, riechen und schmecken und zuvorderst, ich wollte meine Perspektive auf den Kopf stellen und nicht von Huaraz auf sein erhobenes Haupt, sondern von seinem erhobenen Haupt auf Huaraz blicken und das dahinter verborgene Gipfelpanorama offenbart bekommen.
HUARAZ | 23.08.2007 | 7.15 am. Es ist ein sonniger und noch frischer Donnerstagmorgen. Ich werde von meinem Guide Walter und seinem Assistant Guide**, nennen wir ihn Mike, in einem Taxi vor meiner Unterkunft abgeholt. Da es bis gestern nicht klar war, ob ich mit einem Guide alleine zum Gipfel aufbrechen werde, bin ich froh, dass sich außer dem Assistant Guide keine anderen Bergenthusiasten für die morgige Besteigung entschieden haben. Zu nah und zu viel waren mir bei meiner letzten Climbingtour zum Nevado Pisco die Übernachtung in einem 5-Mann-Zelt mit mir unbekannten Bergkameraden.
Wir schrauben uns mit dem Taxi über die verstaubte und serpentinenartige Schotterpiste langsam in die Höhe und erreichen nach ca. 2 Stunden unseren Ausgangspunkt nahe am Fuße des Ranrapalca (6162 Meter). Ein Monstrum von Berg und Eis wie er sich vor uns majestätisch in die Höhe streckt. Links, für mich nicht sichtbar, geht ein steiler Weg zu unserem heutigen Etappenziel, dem Moraine Camp auf 4900 Meter Höhe. Nach den Straßenverhältnissen zu urteilen, werden nicht viele Taxifahrer diese von Steinen, Staub und Schlaglöchern durchsäte Piste in Kauf nehmen. Nach Aussage der Agentur kostet die Taxifahrt 60 USD return. Ich lasse das, nach manchem Flunkern von Seiten der Agentur, so stehen und bin froh, nicht den ganzen Weg hierher zu Fuß gelaufen zu sein. Ein deutscher Taxifahrer hätte für diese Strecke nicht mal den Motor angemacht.
Nachdem wir unser Gepäck aufgeteilt haben - in meinen Lowe Pro Alpin Rucksack mit 65 + 20 Liter kommen nicht nur meine Funktionsklamotten, Schlafsack, Stirnlampe, Kulturbeutel, genügend Flüssigkeit, sondern auch die für diese Tour geliehenen Steigeisen, der Eispickel und meine Schneeschuhe aus Plastik dazu. Ich habe mich schon beim Packen auf das nötigste beschränkt, da ich von meiner ersten 50 Kilometer langen Trekkingtour, dem Santa Cruz Treck, noch jetzt rote Druckstellen vom Tragen meines an die 20 Kg schweren Rucksackes hatte.
Nach etwa 3 Stunden erreichen wir das in 4900 Meter liegende Basecamp. Dort schlagen wir nach kurzer Zeit auf einer ebenen Fläche unser Drei-Mannzelt auf und lassen es gemütlich angehen. Wir haben frühe Mittagszeit und noch den ganzen Nachmittag vor uns, weiterhin wollen wir für den morgigen Gipfelaufstieg Kräfte sparen. Ich merke die Höhe, habe zwar kein Kopfweh (mit einer Aspirintablette vorgebeugt), muss aber nach kürzeren Laufpassagen immer wieder eine Pause einlegen und nach Luft schnappen (auf dem Weg zum Gipfel fühlte ich mich wie ein alter Mann, der nach der kleinsten Anstrengung innehalten muss).
Nachdem das Zelt aufgebaut ist gibt es eine kalte Zwischenmahlzeit: Ein Käsebrot, zwei süße Schnacks, eine Banane und Orange, dazu einen Kokatee und Brot, Brot, Brot. Wir genießen dabei die Aussicht: Die tief beeindruckende Eiswände und die in der Sonne funkelnden Gletscherflächen des Ranrapalca auf der uns gegenüberliegenden Seite, der von uns aus ersichtliche kleinere Vorgipfel unseres morgigen Zieles. Der Blick auf Huaraz wird durch die vorgelagerten Hügel verdeckt, dagegen sind die ganz oben mit Eis bedeckten Übungsberge Nevado Pastoruri (5240 Meter) und Nevado Tuco (5479 Meter) in südöstlicher Richtung auszumachen.
Vom Essen ermüdet legt sich Walter, mein Guide, im Zelt etwas aufs Ohr, während ich mich dazu entschließe die Umgebung zu erkunden. Ich laufe langsam und gemütlich bis an den Gletscheranfang und staune über die noch bessere Aussicht und die mich umgebenden Gletscher- und Felsformationen. Leider ist der Hauptgipfel unseres morgigen Zieles von hier aus nicht ersichtlich, wohingegen ich von Huaraz die schönen Formen, die wechselnden Farbspiele, die wie mit Puderzucker überzogenen Eiskappen des Vallunaraju in mich aufsog. Es ist ein strahlender Sonnentag mit angenehme Temperaturen und einem tiefblauem Himmel. Keine einzige Wolke trübt den Horizont. Ich genieße die mich umgebende Stille. Mehr als 2 Stunden erkundige ich insgesamt die Gegend. Als ich absteige, sehe ich unser Zelt noch von den letzten Sonnenstrahlen erleuchtet, die umliegenden Felsformationen haben schon mehr und mehr Schatten angenommen. Es ist Zeit für einen letzten Equipment-Test. Plötzlich erschaudere ich: Für mich wurde zweimal der gleiche linke Schneeschuhe eingepackt, nicht wie üblich, je ein rechter und linker Schuh, welch ein Fauxpass von Seiten der Agentur. Nach dem ersten Schrecken und nachfolgendem Ärger, kann ich mit den Guides darüber lachen. Wir diskutierten diverse Lösungsstrategien. Erst wird versucht, ob die zu den gedachten Schuhen passenden Steigeisen auch auf meine eigenen Trekkingstiefel passen und diese entsprechend wasserdicht und trittfest sind? Die Anbringung der Steigeisen auf meine Trekkingstiefel geht etwas schwieriger von der Hand, für das Missgeschick soll sich der Guide beim Anbringen meiner Steigeisen aber ruhig etwas abmühen. Weiterhin wird vorgeschlagen, dass ich einer sich ergebenden Fußtranspiration mit einem Plastiktütenverband um die Socken zuvorkommen sollte, was sich am nächsten Morgen als schlechte Idee entpuppte. Meine Trekkingschuhe waren durch eine schon in Deutschland durchgeführte Wachsbehandlung zumindest von außen her wasserdicht. Nachdem wir das Schuhproblem durch hatten, wurden die Gamaschen anprobiert, der Eispickel inspiziert, die für den morgigen Gipfelaufstieg erforderlichen Ausrüstungsgegenstände im Rucksack positioniert: Stirnlampe, Halstuch, Mütze, Handschuhe, Taschentücher (leider müssen Papierservietten bzw. Toilettenpapier herhalten, da ich weder in Mittel- noch Südamerika richtige Tempos gefunden habe) und eine Wasserflasche. Nachdem es bei der Zubereitung der Spaghettis schon dämmert und empfindlich kalt wird, entscheide ich mich zur morgigen Gewichtsreduktion, die meisten Kleidungsstücke schon jetzt anzuziehen. Das bedeutet im unteren Körperbereich neben meinen zwei paar Unterhosen drei weitere paar Hosen (von innen nach außen: Eine Fleece-, Trekking- und Regenhose). Meine Füße werden mit drei paar Funktionssocken eingepackt. Im oberen Bereich entscheide ich mich für ein mit langen Ärmeln versehenes Funktionsunterhemd. Darüber einen Zipppullover, eine ärmellose Fleece-Weste, darüber meine Regen- und Windjacke und zum Abschluss meine ärmellose Daunenweste. Am Hals hängt ein Fleece-Schal, auf dem Kopf zwei paar Mützen mit darüber justierter Stirnlampe. Um die Funktionsfähigkeit meiner Hände zu gewährleisten, trage ich dort nur ein dünneres Paar Fingerhandschuhe und entscheide mich aber zu meinen wasserdichten Überhandschuhen noch ein weiteres paar Fingerhandschuhe mitzunehmen. Mit dem Aussehen eines wohlgenährten Gartenzwerges werde ich mich morgen auf den Gipfel trollen.
Um 16.30 Uhr fangen meine Guides mit der Essensvorbereitung an. Der Benzinkocher wird angemacht, vom nahe liegenden Gletscherbach Töpfe mit Wasser geschöpft (da das Wasser zum Kochen gebracht wird, entfällt eine Micropur***-Behandlung). Vorweg gibt es Suppe mit Champignons und Spinat - Knorr lässt grüssen, danach einen mit frischen Kokablättern zubereiteten Tee (hilft gegen die Symptome der Höhenkrankheit), abschließend Spaghetti mit Tomatensoße und klein gehackten Käsestückchen. Die Sonne ist inzwischen hinter den Bergen verschwunden, nur der Gletscherrücken des Ranrapalca wird noch von ihr angestrahlt.
Das warme Abendessen tut gut. Inzwischen ist die Dämmerung hereingebrochen. Es wird kälter und kälter. Nach dem ausgiebigen Abendessen verkrümeln wir uns langsam in unseren vorher schon im Voraus zu recht gemachten Schlafsack. Beim Abendessen kam mir die Idee, dass für die Spaghetti heiß gemachte Salzwasser in eine leere mitgebrachte Colaflasche umzufüllen um vor dem zu bett gehen einen vorgewärmten Schlafsack zu haben. Ich lege mich also wie schon beschrieben in voller Montur in meinen Schlafsack. Die Temperatur meiner Füße geht schon in die Minusgrade und ich bin froh an der mich im Fußbereich aufwärmenden Colaflasche. Ich liege ganz links, neben mir der Assistant Guide. Mein Guide liegt auf der rechten Seite. Das Zelt ist groß genug um sich auszustrecken und noch etwas Luft an den Seiten zu haben. Meine beiden Guides sind durch ihre mitgebrachten Riesenschlafsäcke nicht mehr zu erkennen. Wir versuchen zu schlafen.
Nachdem ich mich hingelegt habe, merke ich, dass ich nicht genügend Sauerstoff bekomme. Weiterhin wird es mir nach kurzer Zeit in meinem Schlafsack zu warm und bei der Sauerstoffarmut und aufsteigenden Wärme habe ich das Gefühl zu ersticken. Ich entledige mich meiner drei Paar Socken, zwei meiner Oberteile und versuche alle möglichen Liegepositionen um mehr Sauerstoff zu bekommen – zwecklos. Subjektiv habe ich das Gefühl auf dem Rücken am besten schlafen zu können, trotz allem reicht die Luft nicht aus. Ich stelle mir vor wie qualvoll es sein muss langsam zu ersticken bzw. zuwenig Luft zu bekommen. Ohne Sauerstoff kein Leben. Meine Nacht wird zur Qual. Ich drehe mich in alle nur erdenkliche Positionen, in der Hoffnung, wenigstens in einer Lage genügend Luft zu bekommen - die Hoffnung nach einem erholsamen Schlaf habe ich inzwischen aufgegeben. Ich schaue immer wieder auf die Uhr und sehne 1.30 Uhr herbei. Zu diesem Zeitpunkt habe ich auf Walters Bitten meinen Wecker gestellt. Zu diesem noch weit entfernten Zeitpunkt wollen wir aufstehen, eine Kleinigkeit frühstücken und uns um 2.00 Uhr zum Gipfel aufmachen. Es werden für mich endlose Minuten und Stunden. Schon beim gescheiterten Gipfelversuch am Nevado Pisco (5752 Meter), unmenschliche Wetterbedingungen zwangen uns zur Umkehr, konnte ich die Nacht zuvor im Zelt kein Auge zudrücken und wusste schon welche zusätzlichen Qualen mich am frühen Morgen erwarten würden. Wieder ging mir so vieles durch den Kopf, z.B. wie jemand so blöd sein könne, für dieses erduldete Leid auch noch Geld auszugeben. Warum ich nur diese beschissene Tour gebucht habe und dass ich bei meiner Kurzatmigkeit und dem fehlenden Schlaf den Gipfelaufstieg vergessen könne. Ich spielte alle möglichen Varianten durch, auch, dass ich die anderen aufwecke, wir sofort unser Zelt abbauen und auf der Stelle umdrehen. Nein, das war verrückt und unmöglich. Draußen herrschte unerbittliche Kälte und Dunkelheit, weiterhin konnte ich diese egoistische Triebtendenz meinen beiden neben mir vor sich hindösenden Bergkameraden nicht zumuten. Zudem gab es keinen Taxifahrer der uns unten im Tal abholen und nach Hause bringen würde. Eine weitere an gedachte Variante: Wir blasen den nächtlichen Gipfelaufstieg ab und warten bis es dämmert (ca. 6 Uhr) um dann unser Zelt hier abzubrechen und zum Rückzug zu blasen. Dann meldete sich wieder mein Über-Ich: Warum habe ich soviel Geld ausgegeben? Um eine Nacht zu leiden und am nächsten Morgen alles abzublasen, mir eine Niederlage einzugestehen? Sowieso müsste ich bis 6 Uhr nach Luft raspeln. Weiterhin ging mir durch den Kopf: Was wäre wenn ich beim Gipfelaufstieg zusammenklappe, ersticke bzw. mein Herz versagt? Ich malte mir alle möglichen Unglücksszenarien aus. Nein, da musste ich jetzt durch, das Leiden ertragen, durch die Hoffnung beflügelt etwas früher zum Gipfel aufzubrechen, in der Bewegung besser Luft zu bekommen und bei Sonnenaufgang mit einem traumhaften Gipfelpanorama belohnt zu werden. Zudem hatte ich wenigstens einen warmen Schlafsack, kein Hungergefühl und die scheinbar endlos vor mir liegende Zeit würde auch vergehen. Ich spulte frühere, ähnliche Reisesituationen durch. Momente in denen man das Gefühl hatte zu sterben um danach ohne irgendeinen bestimmten Grund wiedergeboren zu werden. In dieser schlaflosen Nacht wurde mein Drang auf die Toilette zu gehen immer stärker. Ich wiege ab, welche Alternative die dringlichere, welche die angenehmere ist: Blasendruck und Nestwärme oder raus in die Kälte, dann aber keine meckernde Blase mehr. Ich entscheide mich für Letzteres, schwang mich in meine in und um den Schlafsack herumliegenden und zuvor entledigten Klamotten, verlasse meinen aufgewärmten Schlafsack und wage mich in die Kälte. Als ich abseits des Zeltes mein Geschäft verrichte, die Außentemperaturen müssen sich schon im Minusbereich bewegen, blicke ich auf den vom Halbmond dezent beschienenen Nevado Rarapalca. Die ihn schützenden Gletschermassen leuchten dunkelblau. Nur der schwarze und sternenklare Nachthimmel verleiht dem massiven Berg den nötigen Kontrast. Ich beobachte während des Pinkels die blinkenden Lichter eines langsam hinter dem Gipfel verschwindenden und nach kurzer Zeit wieder auftauchenden Flugzeuges. In diesem Augenblick ist die Natur für mich zugleich kalt und herrlich anzusehen. Ich empfinde ganz tief, dass die Natur und das Leben so ist wie es ist, egal wie sie in subjektiven Momenten dem Betrachter erscheinen mag: Mal wunderschön, warm und erfüllend, mal kalt, unberührt, unbeteiligt, unnahbar und unmenschlich. Die Natur ist wie das Leben: grausam und schön zugleich.
Ich mache mich nach meinem inspirierenden Toilettengang wieder schleunigst auf in meinen mit Restwärme gefüllten Schlafsack. Die anderen liegen immer noch vermummt und regungslos in ihren Schlafsäcken. Ob sie wohl schlafen? Ich harre weiter aus, wohl wissend, dass ich in dieser Nacht kein Auge mehr zudrücken werde und die Zeit für mich arbeitet. Es ist inzwischen kurz vor Mitternacht. Ich richte mich in meinem Schlafsack immer wieder auf um besser Luft zu bekommen. Es gibt Augenblicke, da scheine ich richtig abzudrehen, möchte schreien, alles liegen und stehen lassen und in tiefere Regionen aufbrechen. Gott sei Dank, um 1.00 Uhr fragt mich mein Guide verschlafen nach der Uhrzeit. Ich sage ihm, dass ich die ganze Nacht kein Auge zugedrückt hätte, unter Kurzatmigkeit leide und ob wir uns nicht jetzt schon für den Gipfelaufstieg rüsten könnten? Er willigt ein und wir rappeln uns aus unseren dampfenden Schlafsäcken ins Freie. Die Kälte hatte um Minusgrade zugenommen und müsste die Minus 10 Grad Grenze überschritten haben. Mein Guide erwähnt, dass die kältesten Temperaturen normalerweise zwischen 2.00 und 4.00 Uhr morgens erreicht werden. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir. Inzwischen kocht im Topf die mir nicht schmeckende Suppe (Porree mit Kakao). Ich bevorzuge ein schwammiges Weisbrot mit Marmelade und einen Kokatee. Wie wohltuend und Kräfte weckend wäre jetzt ein schöner starker Milchkaffe gewesen. Der hätte aber eh nicht in diese entbehrungsreiche Phase gepasst. Nach dem leichten Frühstück packen der Guide und ich unser am Vortag zurecht gelegtes und durchgechecktes Equipment und brechen um 1.45 Uhr zum Gipfelsturm auf.
Wir durchstreifen die erste halbe Stunde steiniges und unwegsames Gelände bis wir kurz nach 2 Uhr den Gletscherrand auf 5000 Meter erreichen. Dort holen wir unser Eisequipment aus den Rucksäcken: Eispickel, Steigeisen, Gamaschen und einen an der Hüfte passend zu recht gezurrten Gurt an dem das Sicherungsseil angebracht wird. Mein Guide fühlt sich durch meine falsch mitgebrachten Schneeschuhe etwas unwohl und versucht den Fehler durch verstärktes Engagement beim Anbringen meiner Ausrüstung auszugleichen. Seine Idee bestand darin, über meine drei paar Socken eine Plastiktüte zu binden um sich von innen bildende Feuchtigkeit zu vermeiden, was sich im nach hinein als denkbar schlechte Lösung herausstellen sollte. Auf dem Gletscher lösten sich immer wieder die zuvor mühevoll angebrachten Steigeisen von meinen Schuhen, die ja nicht dafür vorgesehen waren. Nachdem wir nach ca. 10 Minuten unser Eisequipment angebracht haben, durch die fehlende Bewegung spüre ich schon wieder meine kalten Hände und Füße, betreten wir den Gletscher, der die nächsten 6 Stunden unser Grundbelag ist. Es wird kälter und kälter. Der Guide meint, dass es seinen Erfahrungen nach (er war schon mehrmals auf dem Gipfel) um die minus 15 Grad kalt sein müsse. Beim langsamen, mühevollen Aufsteigen merke ich, dass meine Füße durch die Bewegung nicht wärmer werden. Ich spüre sie nicht mehr richtig und muss dringend etwas unternehmen. In Gedanken ging ich verschiedene Lösungsvarianten durch und kam zu dem Schluss, dass drei paar Socken plus die Plastiktüte zu viel für meinen Bergschuh sind, dadurch auch meine Zehen zu nah am Leder sind und mit der Plastiktüte nun überhaupt keine Luftzirkulation und Atmung mehr stattfinden könne. Ich muss mich schnellstmöglich von einem paar Socken und vor allem der darüber angebrachten Plastiktüten trennen. Leichter gesagt als getan. Es wird eine mühevolle Prozedur. Erst mussten die Steigeisen, dann die Gamaschen und zuletzt die Schuhe aus- und danach wieder angezogen werden – und das bei für mich bestialischen Außentemperaturen. In der Bewegung sind die Temperaturen noch erträglich, aber beim längeren Stehen bzw. im Schnee liegen? Ich beobachte den Guide wie er sich ohne Handschuhe mit meinen Steigeisen, Gamaschen und Schuhen abrackerte. Ich kann ihm kaum dabei helfen, da ich zwecks besserer Anbringung entsprechend verdreht im Schnee liege. Nicht nur bei dieser Aktion merke ich, wie sensibel und kälteempfindlich ich auf widrige Elementarbedingungen reagiere. Was mich zusätzlich ärgert: Mein Guide trägt nur ein paar Socken und hat trotzdem warme Füße und ich friere noch bei drei übereinander gelagerten Sockenschichten und was mich noch mehr in Rage bringt: Bei topverarbeiteten und teuren Funktionssocken.
Nach überstandener Prozedur bewegen wir uns weiter langsam dem Gipfel entgegen und ich merke, dass meine Füße sich langsam aufwärmen. Mein Guide scheint, obwohl für mich der Gletscher unendlich, den Weg bzw. die Spur zu erkennen. Er läuft voraus und ich trabe der Länge des uns verbindenden Sicherungsseiles circa 7 Meter hinter ihm her. Wir sind allein auf weiter Flur. Sowieso begegneten wir auf unserer Gipfeltour keinen anderen Bergsteigern – nicht im Basecamp, noch auf dem Gletscher. Ich habe das Quitschen und Knirschen des Gletschers im Ohr, welches durch die Berührung der Steigeisen mit dem Gletschereis entsteht und das dumpfe Hämmern, wenn die Steigung es erfordert, und die Steigeisen für einen besseren Halt in den Gletscher gerammt werden. Je höher wir kommen, umso besser zeigen sich die im Basecamp verborgenen Lichter der am Fuße des Berges liegenden Stadt Huaraz. Von oben sieht sie aus wie der Querschnitt eines Eies. Der Dotter ist richtig grell erleuchtet, nach außen werden die Lichter spärlicher. Mehrmals kommt mir der Gedanke, doch besser unten geblieben zu sein, dann würde ich jetzt wenigstens in meinem kuscheligen Bett vor mich hinträumen und nichts von diesen realen und harten Bedingungen mitbekommen.
Serpentinenartig schrauben wir uns weiter dem Gipfel entgegen. Ich kann ihn noch nicht erkennen, sehe nur den Leuchtkegel unserer Stirnlampen, darin nur Schnee und nochmals Schnee. Je höher wir kommen, umso schwerer fällt mir das Atmen. Steile Passagen wechseln sich mit flacheren ab. Es ist gut nicht zu wissen, was mich als nächstes erwarten wird. Immer wieder brauche ich ein paar Sekunden Verschnaufpause. Mein Guide spürt dann den Zug der gespannten Sicherungsleine und hält geduldig inne. Ich komme mir vor wie ein alter Mann: 20 Schritte gehen – Pause, 20 Schritte gehen – Pause. Ein paar mal frage ich wie lange es noch bis zum Gipfel ist und werfe immer mal wieder einen Blick auf meinen Höhenmesser um abschätzen zu können, wie viele Höhenmeter wir noch davon entfernt sind.
Was müssen Bergsteiger aushalten und ertragen wenn sie auf Berge steigen die noch 3000 Meter höher sind? Wie vieles muss der Körper aushalten, wenn in Höhen übernachtet werden muss, die unser Basecamp um 2000 Meter übersteigen? Ja, mit der Höhe nimmt das Leiden zu. Plötzlich ist meine Konzentration gefordert. Mein Guide springt über eine circa 1 Meter breite Gletscherspalte, sichert danach zusätzlich unser Seil mit seiner Eisaxt und ich springe ihm nach Ausloten des Standortes nach. Schon an der gescheiterten Gipfelbesteigung des Nevado Pisco (5752 Meter) habe ich in Gletscherspalten geschaut, deren Unterwelt ganz neue Dimensionen eröffnen und in denen ein „Kölner Dom“ versenkt werden könnte. Gletscherspalten sind eine neue, unheimliche und furchteinflösende Erfahrung. Nachdem wir uns seit 4 Stunden in Kälte, Eis und Dunkelheit langsam nach oben bewegen, bricht langsam die Morgendämmerung herein. Allmählich bekommt die Umgebung ihre verloren geglaubten Umrisse zurück. Je mehr Einblicke mir die Natur gewährt, umso stärker bin ich davon gefangen. Mir offenbaren sich bisher nicht bekannte Lichtblicke und Farbspiele. Vor mir zeichnet sich immer stärker ein kaum zu beschreibendes Panorama ab. Nun sehe ich auch endlich, was mir die Wochen zuvor in Huaraz verborgen blieb: Das zum Greifen nahe liegende und mit zwei markanten Erhebungen gekrönte Haupt des Nevado Vallunaraju. Wir sind nur noch wenige hundert Meter vom Hauptgipfel entfernt und mir offenbart sich immer mehr die umliegende Bergwelt. Trotz beißender Kälte und eisigem Wind zücke ich meinen Fotoapparat um jene Augenblicke einzufrieren, welche ich nicht begreifen kann. Wir sind noch ca. 30 Minuten vom Gipfel entfernt, es wird steiler und wir schleppen unsere gefrorenen Körper Meter für Meter den nun vor uns liegenden Berggrad empor. Wäre die Aussicht auf die umliegenden Gipfel nicht so grandios gewesen, ich hätte mich weiter abgemüht, aber langsam läuft es wie von selbst, wie mit neuen Energien beflügelt steigen, ja rennen wir dem Gipfel entgegen. Plötzlich geht es nicht mehr weiter: Endlich, wir stehen auf dem Gipfel. Wir lachen uns an, schütteln uns die Hand, beglückwünschen uns und genießen das nun komplett ersichtliche und uns umgebende Gipfelpanorama. Ist das möglich? Sind alle bis dato erlittenen Strapazen nur Einbildung gewesen? Es ist Zeit für ein Gipfelfoto. Auch ein Dokument der von den Anstrengungen gezeichneten Gipfelstürmer. Obwohl ich mich selbst als eitel bezeichnen würde, habe ich keine Kraft und Lust mich für das Foto zurechtzumachen, weder mein Equipment zurechtzurücken noch ein bestimmtes Posing einzunehmen. Das einzige was ich noch kann und will ist den linken Arm mit meiner Eisaxt in die Höhe zu richten. Alles andere ist unwichtig, nebensächlich und aufgesetzt. Mit erhobener Eisaxt stehe ich um 6.30 Uhr auf meinem Wunschgipfel. Hier stehe ich und kann nicht anders und würde es wieder tun. Auch wenn ich dort oben, umgeben von der wilden und allumfassenden Schönheit dieser gewaltigen Bergwelt wie ein Gartenzwerg erscheine - es ist vollbracht. Ein kleiner Schritt für Reinhold, ein großer Schritt für den Johannes.
Nach etwa 10minütigem Gipfelaufenthalt steigen wir langsam wieder ab. Die Sonne bricht hinter den Berggipfeln hervor und wärmt uns nach dieser gottverdammten Kälte mehr und mehr auf. Ich sehe nun, was mir in der Nacht des Aufstieges verborgen geblieben ist. Nach drei Stunden Abstieg erreichen wir wieder das Ende des Gletschers. Was mich erfreut: Mein Guide ist ebenfalls geschafft und möchte nur noch schlafen. Nachdem wir unser Eisequipment in unsere Rucksäcke verstaut haben, möchte ich noch aus meiner mitgeführten Wasserflasche trinken, welche beim Gipfelaufstieg kaum in Gebrauch war. Das Wasser ist inzwischen gefroren und ich begnüge mich mit einem mir vom Guide angebotenen Schokoriegel, wohl wissend, das wir nach kurzer Zeit unser Basecamp erreichen um dort verloren gegangene Flüssigkeit wieder aufzunehmen. Nach 15 Minuten über Schotter und Steine erwartet uns im Basecamp schon unser Assistant Guide, der während unser Abwesenheit auf unsere zurückgelassene Ausrüstung aufgepasst hat und wie beneidenswert, sich nach unserem Gipfelaufbruch im Zelt wieder aufs Ohr gelegt hat. Es gibt nochmals Tee, Brot und Obst. Danach bauen wir das Zelt ab, packen unsere sieben Sachen und laufen noch eine Stunde bis zu unserem Ausgangspunkt in 4400 Meter Höhe. Von dort holt uns nach etwa dreißig Minuten der vorher über Handy angeforderte Taxifahrer ab und bringt uns sicher nach Huaraz zurück. Unten angekommen, es ist inzwischen früher Mittag, spendiere ich den Guides noch ein kleines Trinkgeld und lasse mich vom Taxifahrer vor der Türe meiner Pension abladen. Ich bin müde, fertig und glücklich. Nachdem ich meinen Rucksack ausgepackt habe, mich unter der Dusche vom letzten Dreck zurückliegender Tortour entledigt habe, gönne ich mir bei strahlendem Sonnenschein auf meiner Dachterrasse noch ein Bier und falle danach scheintot ins Bett, froh wieder richtig durchatmen zu können und nehme meine Erfahrungen und Fotos mit in das Land der Träume. Was gibt es mehr?
Warum setzen sich Menschen ganz bewusst solchen harten, unmenschlichen, ja geradezu lebensfeindlichen Bedingungen aus - und zahlen dafür noch eine Menge Geld? Sind dies vom Abenteuerdrang geblendete Idioten, oder vom Explorationstrieb aufgefressene Masochisten? Nein, Berge sind dazu da um bestiegen zu werden und um seinem Bewegungsdrang freien Lauf zu lassen. Sie eröffnen neue Horizonte und Sichtweisen – von oben, darüber hinaus und in das eigene Selbst. Wir quälen uns für einen kurzen Augenblick in den Himmel, einen Augenblick der alles andere vergessen lässt, nämlich der Augenblick des Gipfelglückes. Auf dem Weg dorthin haben wir unser Limit verrückt, verborgene Kräfte und Energien freigesetzt und uns neu erfahren und entdeckt. Wir haben über uns Selbst und die Natur einen Sieg errungen. Wir sind Helden für diesen einen Augenblick. Wir sind im Einklang mit der uns in ihrer unendlichen Schönheit euphorisierenden Natur. Alles kostet seinen Preis und ich werde es wieder tun. Nicht morgen, nicht übermorgen, aber vielleicht schon nächste Woche oder nächsten Monat. Was muss ich doch für ein Idiot sein ;-).
Zu guter Letzt ist die subjektive Sichtweise des Betrachters entscheidend. Obwohl der Nevado Vallunaraju unter erfahrenen Alpinisten als leicht eingestuft wird, war er meinerseits eine große Herausforderung und eine wortwörtlich herausragende Erfahrung.
* in dem in Dollar angegebenen Preis ist laut Agentur folgendes enthalten: Guide, Transport, Equipment und Food
** Geschäftsmitinhaber der zu empfehlenden TRAVEL & ADVENURE AGENCY QUECHUANDES
-> www.quechuandes.com
*** Micropur tötet in verunreinigtem Wasser dessen Keime und Bakterien und macht es trinkbar
VERFASSER: Johannes Stupp | JET 84 | THE WAY WE FLY | www.jet84.de | lounge@jet84.de
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