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Reisebericht: Von Varna bis Jalta herbstliche Impressionen am Schwarzen Meer

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Horst Wehrse

ein Reiseführer

aus Bremen

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Bulgarien


Der Flug von Hannover nach Bulgarien dauert 2 Stunden und 20 Minuten, am frühen Abend des 22.09.2003 erreichen wir Varna. Im Flughafen tausche ich etwas Bargeld, Reiseschecks werden leider nicht angenommen. Ein Euro entspricht 1,9 Lewa und ich fühle mich dank dieses Kurses in alte DM-Zeiten zurückversetzt. Der Zeitunterschied beträgt eine Stunde. Mit dem Taxi fahre ich zum Hotel „Odessa“, wo ich bereits vor Wochen per Internet ein Zimmer reserviert hatte.

Der erste Eindruck der Stadt ist nicht besonders stimulierend, baufällige Häuser am tristen Stadtrand dämpfen meine anfängliche Begeisterung etwas.


Vom Hotelzimmer habe ich jedoch einen herrlichen Blick auf das Schwarze Meer. Die Speisekarte des Hotelrestaurants ist nur auf bulgarisch und mit kyrillischen Buchstaben geschrieben, das macht aber nichts, denn kleine Bilder erklären das geschriebene Wort.


Die Fußgängerzone wird zur Bühne, hübsche modisch gekleidete Frauen im Supermini und mit hochhackigen Schuhen zeigen sich auf der Promenade, die Männer sind eher unauffällig.


Varna hat über 300.000 Einwohner und liegt direkt am Meer, in der „grünen Lunge“ der Stadt, dem Meerespark, hat man ausgiebig Gelegenheit zum Spaziergang. Beeindruckt hat mich die Kathedrale mit den goldenen Zwiebeltürmen. Bei meinem Besuch findet gerade eine Trauung statt und ein Männerchor untermalt den Gottesdienst auf ganz wunderbare Weise. Viele Cafes und Bistros haben sich in der Fußgängerzone im Zentrum angesiedelt.


Am Strand selbst ist nicht mehr so viel los, das Wetter ist zwar herrlich, die Sonne scheint und das Thermometer zeigt nachmittags noch 25 Grad an, obwohl der Herbst am Tag vor meiner Abreise, zumindest dem Kalender nach, schon Einzug gehalten hat. Nur wenige Leute wagen sich ins Wasser, einige Restaurants und Bars öffnen erst gar nicht mehr.


In den nächsten Tagen ernähre ich mich mehr oder weniger von Fisch, der hier, aber auch später an anderen Orten dieser Reise, sehr lecker schmeckt. Ganz angetan bin ich von den aromatischen Tomaten.


Problematisch ist es, richtige Informationen über die Weiterfahrt nach Constanţa zu erhalten. Jeder, den ich frage, ist zwar bemüht, mir zu helfen, aber auf vier Fragen erhalte ich fünf voneinander abweichende Antworten. Dabei sind es nur gut 200 Kilometer bis zum nächsten Ziel.

Eine Dame in einer Reiseagentur meint, ich solle mit dem Bus von Varna nach Russe an die Grenze fahren, von dort weiter nach Bukarest und dann nach Constanţa. Ihre Kollegin empfiehlt, den Zug von Varna nach Bukarest zu nehmen. Im Busbahnhof gibt es zwar einen Informationsschalter, aber die Frau versteht leider kein Englisch oder Deutsch, ein Busfahrer meint, ich solle mit dem Bus nach Shabla und von dort mit dem Taxi über die Grenze fahren.

Ich schlendere durch den Bahnhof und sehe zufällig oder glücklicherweise das bekannte Schild „Eurolines“. Diese Linie fährt zwei Mal in der Woche direkt nach Constanţa und ich bin froh, dass sich mir diese einfache Möglichkeit noch bietet.

In die Innenstadt zurück nehme ich ein Taxi. Die Fahrerin haut gegen den Taxameter und der Preis erhöht sich im Sekundentakt. Zum Schluß sind umgerechnet vier EUR fällig, die Hinfahrt war nur halb so teuer. Einen entsprechenden Kommentar verkneife ich mir.


An einem Tag mache ich einen Ausflug nach Goldstrand, dem touristischen Zentrum der Umgebung. Sonnenschirm an Sonnenschirm, Bar an Bar, Hotel an Hotel, hier ist wirklich was los, viele Schilder sind in deutscher Sprache. Massagestände am Strand warten auf Kundschaft. Hier hat man keine Verständigungsprobleme.

In den Souvenirläden brechen die Auslagen unter der gewaltigen Ansammlung der Andenken fast zusammen. Das Publikum besteht, jedenfalls zu dieser Zeit, überwiegend aus Rentnern, dennoch kündigt ein Schild einen Auftritt von Mickey Krause, dem Mallorca-Anheizer, an.


Zurück in Varna löse ich in einer Bank einige Traveller-Schecks ein und genieße die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Ein älteres Mütterlein sammelt Kastanien auf. Im Veranstaltungszentrum in der Nähe meines Hotels befindet sich ein Internet-Cafe und ich versende einige Mitteilungen. Zum Abendessen probiere ich den einheimischen Chardonnay, er schmeckt nicht schlecht. Das bulgarische Bier, meistens Zagorla, gefällt mir auch.


Manchmal kommen Kinder an den Tisch und bieten Schreibzeug an. Ein kleiner Junge weint, als ihm niemand etwas abkaufen will.


Die Hotelrechnung kann ich mit Kreditkarte begleichen. Nach dem Auschecken fahre ich zum Busbahnhof, Frauenbrigaden harken das Laub am Straßenrand zusammen.


Um 12.45 Uhr geht es los, die Fahrt bis Constanţa kostet 30 Lewa. Die meisten Mitreisenden fahren weiter bis Odessa. Sie haben jede Menge Gepäck dabei und unser Fahrer hat Probleme, alles zu verstauen. Immer wieder wird ein Koffer herausgenommen und umgestellt. Ich vergewissere mich einige Male, dass mein Rucksack nicht auf der Strecke bleibt.


Die Busfahrt ist recht interessant. Wir kommen an riesigen Maisfeldern vorbei, die Kolben sind schon abgeerntet und lagern vor den Häusern oder an der Straße. Ein- oder zweispännige Pferde- oder Panjewagen bestimmen das Straßenbild, wahrscheinlich hat es vor 20 Jahren ähnlich ausgesehen. Gewaltige Weinanbaugebiete liegen links und rechts der Fahrbahn, denn Bulgarien ist ein bedeutender Weinexporteur.

Die Ortsschilder sind sowohl in kyrillischer Schreibweise als auch in Druckbuchstaben ausgezeichnet.


Nach etwa 90 Minuten erreichen wir die Grenze, müssen uns dann etwas gedulden, da die Grenzer noch Pause haben und am Kiosk beim Tee sitzen. An einer Bar wechsele ich das restliche Geld. Der Toilettenbunker ist nur gegen Bezahlung zu betreten, unvorstellbar, dass für das stinkende Loch noch Geld verlangt wird.


Die gesamte Prozedur auf bulgarischer Seite dauert dann etwas mehr als 2,5 Stunden, ein Mann muss den Bus verlassen. Am rumänischen Grenzpunkt werden die Pässe eingesammelt und nach genau einer Stunde können wir die Fahrt fortsetzen. Unser Bus wird mit einer Wasserdusche im Schnelldurchgang gereinigt und desinfiziert.

Ein Schwein läuft an den Wachhäusern vorbei und wird dann von Hunden zurückgehetzt. Während der langen Wartezeit unterhalte ich mich mit Antoine, einem Franzosen, und mit Diyan aus Bulgarien, sie wollen auch nach Constanta. Beiden ist das Münchener Oktoberfest bekannt.


Rumänien


Auf rumänischer Seite haben wir freie Sicht, weite Ebene bis zum Horizont. Die Verkehrs- und Ortsschilder sind wieder lesbar, endlich keine kyrillische Schrift mehr, die rumänische Sprache hat Ähnlichkeit mit der französischen.

Wir fahren durch Mangalia und hier stehen mindestens vier Hochzeitspaare vor einem Standesamt.


Kurz vor 19.oo Uhr sind wir am Ziel und zusammen mit Antoine und Diyan verlasse ich an einer Straße in der Nähe des Bahnhofs den Bus. Weit und breit ist kein Taxi zu sehen und so steuern wir ein Hotel an, um eine Grundorientierung zu erlangen. Antoine ist mit einem Freund im Hotel „Tineretului“ verabredet, Diyan will sich dort, welch Zufall, mit einer Bekannten treffen. Als ich erfahre, dass das von mir avisierte Hotel Palace umgebaut wird, schließe ich mich den beiden an und wir bestellen uns ein Taxi.


Benoit, der andere Franzose, ist schon vor einem Tag in Constanţa angekommen und kennt sich bereits in der Gastro-Szene bestens aus. Er war vorher kurze Zeit in Bukarest und will zusammen mit Antoine weiter nach Transsilvanien.

Wir gehen zu einer Wechselstube und ich bin erstaunt über die vielen Nullen auf den Geldscheinen, denn ein EUR entspricht etwa dem Gegenwert von 38.000 Lei. Nach dem Abendessen begeben wir uns in einen Irish Pub und trinken einige Gläser Wein zusammen.

Das Lokal ist mit über 10 Tenorhörnern und Baritonen an den Wänden „typisch irisch“ geschmückt.

Unser Hotelrestaurant steht heute nicht zur Verfügung, geschlossene Gesellschaft wegen einer Hochzeitsfeier. Von der Terrasse draußen beobachte ich die Gäste und lausche der Musik.

Ein Junge von der Straße schleicht sich ans reichhaltige Buffet, schnappt sich eine Leckerei und flüchtet in die Nacht hinaus.


An der Rezeption erkundige ich mich nach Transportmöglichkeiten, denn als nächstes Ziel schwant mir Chişinău, die Hauptstadt von Moldawien. Angeblich gibt es keine direkten Verbindungen, aber von Tulcea, so berichtet man mir, ist es kein Problem, von dort kann man auch per Bus oder Schiff nach Odessa fahren. Auch Transsilvanien ist von dort, so hören wir, gut zu erreichen.


Mich stört es nicht, Tulcea liegt am Donau-Delta und ich hatte einen Besuch in Erwägung gezogen, die Franzosen wollen sich mir anschließen. Später lese ich im Busbahnhof, dass wöchentlich sehr wohl zwei Busse direkt nach Chişinău fahren.


Constanţa, mit 360.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Rumäniens, liegt direkt am Schwarzen Meer und ist wegen seines Hafens ein wichtiger Wirtschaftsstandort.


Das touristische Leben spielt sich in der Nähe des Ovid-Platzes auf einer kleinen Halbinsel ab. Hier findet man Museen, Kirchen verschiedener Konfessionen und direkt an der Uferpromenade das imposante Casino aus Marmor.


Einen wunderbaren Überblick hat man vom 50 m hohen Minarett der Großen Moschee.


Die Busfahrt nach Tulcea, ca. 120 km, kostet 120.000 Lei und ist wiederum sehr interessant. Wir kommen an vielen schönen Kirchen vorbei, beobachten die Bauern auf den Feldern, sehen viele Kühe, Schafe und Ziegen, Wein, Mais- und Sonnenblumenfelder.


Nach 90 Minuten sind wir da und versuchen gleich, im Busbahnhof die nötigen Informationen über die jeweilige Weiterfahrt zu erlangen. Aber weit gefehlt, meistens werden wir nicht verstanden und wenn, dann vermag man uns nicht weiterzuhelfen.

Wir checken im Hotel „Delta“ ein und bestellen auch gleich für den selben Tag eine Bootsfahrt hinaus ins Donaudelta.


Beim Betreten des Zimmers wundere ich mich über die vielen Blumenarrangements, mir kann das doch nicht gelten. Wahrscheinlich hat ein Paar seine Hochzeitsnacht in diesen Betten verbracht, oder wurde jemand aufgebahrt? Ich gehe hinunter und erhalte einen Schlüssel für den Nebenraum.


Die Dame an der Rezeption ist uns sehr behilflich, informiert sich, telefoniert mit der Bahnhofsauskunft und muss uns letztendlich mitteilen, dass es keine Direktverbindung nach Moldawien, nach Odessa oder nach Transsilvanien gibt. Man sollte erst mal nach Galati fahren.....

Ich muss mich beherrschen, um nicht loszupoltern. Auf meinen Wunsch ruft sie im Bahnhof Galati an und erfährt, dass von dort eine Zugverbindung nach Chişinău nicht besteht, wohl aber von Bukarest.

Die Franzosen sind auch nicht schlauer geworden und gedenken, nun ebenfalls in die Hauptstadt zu fahren.


Eine übliche Bootsfahrt ins Delta dauert mindestens zwei Stunden, man empfiehlt uns, eine Stunde mehr zu investieren. Es ist sehr beschaulich, wir verlassen den Seitenarm der Donau und tuckern auf einem kleineren Kanal entlang, beobachten Angler, manchmal kommt uns ein Boot entgegen. Einige Male ist ein Fischreiher zu erkennen, Pferde und Kühe grasen am Ufer.


Es ist Sonntag und einige Männer haben tief ins Glas geschaut. Beim Abendessen beobachte ich, wie ein angetrunkener Gast einem bettelnden Mädchen Bier ins Gesicht schüttet und bin peinlich berührt.


Ansonsten treffe ich nur auf hilfsbereite und freundliche Menschen, was hatte ich nicht alles in den Reiseführern gelesen, Kleinkriminalität, Taschendiebstahl, Trickdiebe, Gruppen von Kindern und Jugendlichen, die speziell Touristen einkreisen, um sie zu berauben. Es mag dies alles zutreffen, ich habe aber zum Glück nichts davon gemerkt. Wohl aber gebe ich gern zu, dass die Gesellschaft der beiden Franzosen mein Sicherheitsgefühl auch verstärkt hat, es ist halt doch ein Unterschied, ob man zu dritt oder allein unterwegs ist.


Antoine befasst sich mit dem Export von Second Hand-Artikeln und hält sich beruflich häufig in Japan auf. Benoit ist im Weinvertrieb tätig und wird sich vielleicht in einigen Jahren selbständig machen.


Zusammen wollen wir am nächsten Tag den ersten Bus nach Bukarest nehmen. Leider verschlafe ich und bin somit auf den zweiten angewiesen. Es sind rund 300 Kilometer und man benötigt knapp fünf Stunden für die Strecke. Die Bauern stehen mit ihren Pferdewagen auf dem Feld und pflücken Maiskolben, andere schneiden die schon braunen Maishalme und stellen sie zum Trocknen auf. Auch hier wieder große Felder mit Wein und Sonnenblumen und endlose Weite.


Während der Pause frage ich den Busfahrer nach dem Nordbahnhof in Bukarest, leider versteht er kein Wort von mir. Mein Sitznachbar erklärt mir später, dass sich die Busstation in der Nähe des Bahnhofs befindet. Er spricht tadellos Englisch und wir führen eine angenehme Unterhaltung. Ich erzähle ihm die Erlebnisse der letzten Tage und, welch ein Zufall, er hat die Franzosen beim Fahrkartenkauf gesehen. Leider gab es für den ersten Bus nur noch ein Ticket und so haben sich meine früheren Gefährten entschlossen, von Tulcea nach Galati zu fahren. Vielleicht höre ich ja mal etwas von ihnen.


Es ist tatsächlich nicht weit zum Nordbahnhof und ich mache mich, da kein Taxi zu sehen ist, zu Fuß auf den Weg.

Das Bahnhofsgebäude imponiert mir, es ist großzügig, sauber, übersichtlich und hell. Der Besarabian Train fährt erst um 20.oo Uhr und mir bleibt genügend Zeit, eine Fahrkarte und Verpflegung zu kaufen und das restliche Geld in moldawische Währung umzutauschen.

Die nächste Stunde verbringe ich wartend und lesend bei Mc Donalds.


Auf dem Bahnsteig spricht mich Olga, eine hübsche junge Moldawierin an und wir unterhalten uns eine ganze Weile. Sie besucht die letzte Klasse in der Oberschule und möchte studieren, um später in Westeuropa zu arbeiten. Ihre Mutter ist auch dabei, sie ist seit einigen Monaten in Italien verheiratet, spricht aber leider kein Englisch.


Abends gehen wir gemeinsam in den Buffet-Wagen und trinken einige Dosen Bier zusammen. Wir unterhalten uns prächtig, doch irgendwann werden nur noch esoterische Themen angesprochen, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Olga und ihre Mutter können gar nicht verstehen, dass ich für diese Thematik nicht zugänglich bin. Wir reden dann über andere Sachen, speziell über die Situation in Moldawien, und es wird doch noch ein sehr interessanter und harmonischer Abend.

In Moldawien, dem ehemaligen Besarabien, soll, so Olga, die Arbeitslosigkeit sehr hoch sein. Sie nennt keine Zahl, ist aber der Meinung, dass man nur etwas mit Beziehungen erreichen kann, es herrscht wohl große Vetternwirtschaft.


Das Abteil mit insgesamt vier Liegen teile ich mit einem Jugoslawen. Gegen 2.3o Uhr nähern wir uns der Grenze und müssen unsere Pässe abgeben. Auf der rumänischen Seite geht die Abfertigung rasch vonstatten, nicht so auf der moldawischen.

Mein Rucksack wird bis ins letzte Detail untersucht, alle Reißverschlüsse werden geöffnet, der Inhalt genauestens kontrolliert. Selbst meine am Leib befindlichen Wertsachen, Schecks und Banknoten, muss ich vorzeigen und exakt belegen.

Ein Visum hatte ich mir schon vor Monaten in Deutschland besorgt.

Irgendwann ist der Spuk dann aber doch vorbei, „Kommunista“ meint mein Abteilnachbar, als wir wieder allein sind.

Im Grenzbahnhof werden die Wagen auf andere Fahrgestelle montiert. Die Gleise im Bereich der alten Sowjetunion sind breiter. Ein russischer Zar hatte dies vor langer Zeit aus strategischen Gründen angeordnet, es ist dem Feind deshalb nicht möglich, per Eisenbahn ins Land einzudringen.


Nach vier langen Stunden kann die Fahrt fortgesetzt werden.


Moldawien


Morgens gegen 9.oo Uhr fahren wir in den Bahnhof von Chişinău ein, Rinder grasen zwischen den Gleisen. Deutschsprachige aktuelle Reiseführer über Moldawien habe ich nicht gefunden, der Lonely Planet „Romania & Moldova“ ist meine einzige Hilfe. Die Beschreibung des Hotel „Chişinău“ sagt mir zu, auch Olga kennt dieses Haus und empfiehlt es mir. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg und es ist auch gar nicht weit.

Die Zimmer sind sauber, aber an der Einrichtung, den Teppichen etc. scheint in den letzten vierzig Jahren nichts gemacht worden zu sein. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist o.k., an der Rezeption lese ich, dass Moldawier und Russen weniger zu bezahlen haben.

Die Damen am Empfang scheinen ihre Lehre in der sozialistischen Ära gemacht zu haben, sie sind nicht gerade unfreundlich, aber spröde, unnahbar und vollkommen ohne Charme.


Bei der nächsten Bank löse ich einen Scheck ein und erhalte 15 Lei für einen Euro.


Die Innenstadt gefällt mir gut, auf den Straßen ist sehr viel los. Gleich hinter dem Hotel leuchten die goldenen Zwiebeltürme einer blau angestrichenen Kirche in der Mittagssonne.

Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten gehören die schön angelegte orthodoxe Kathedrale und der Triumphbogen.


In einem Internet-Pub versende ich einige mails und erkundige mich über die allgemeine Situation, beim Bezahlen meine ich erst, mich verhört zu haben, für eine Viertelstunde ist nur 1 Lei zu entrichten, weniger als zehn Eurocents.

Viele Polizisten achten im Zentrum darauf, dass alles seinen geordneten Gang nimmt.


Das Bahnhofsgebäude ist so sauber, dass man ohne Bedenken vom Fußboden essen könnte.

Vor zwei Fahrkartenschaltern stehen etliche Menschen in der Schlange und es geht kaum weiter. Vorsichtshalber erkundige ich mich, ob es hier auch Fahrscheine nach Odessa gibt. Endlich bin ich an der Reihe und die vorher grimmig dreinblickende Frau fragt freundlich in Englisch nach meinen Wünschen, das hätte ich nun nicht erwartet. Kurze Zeit später habe ich mein Ticket in der Hand, es kostet umgerechnet drei Euro.


Mein Mittagessen nehme ich auf der Veranda des „Beerhouse“ ein. Die Geldscheine sind meistens alt und abgegriffen und ich muss immer genau hinschauen, um sie zu erkennen.


Der öffentliche Stadtverkehr wird zum großen Teil mit Minibussen geregelt, einmal kann ich beim Blick aus dem Hotelfenster über 10 dieser Fahrzeuge auf einmal sehen. Überrascht bin ich, als ich einen Bus der Firma „Reisedienst von Rahden“ aus Schwanewede/Bremen auf dem Hotelparkplatz entdecke. Vor Jahren war ich mit diesem Unternehmen von Bremen nach Königsberg gefahren.


Einmal verbringe ich einen Abend im vom Lonely Planet empfohlenen Restaurant „Gambrinus“. Es schmeckt sehr gut und ist trotzdem sehr preiswert. Wir sind jeweils zu dritt:

Drei Kellner, drei Musiker und drei Gäste. Der Service ist ausgezeichnet.


Im Bistro neben dem Hotel findet eine private Feier statt, die Tische biegen sich unter der Last der aufgetragenen Speisen. Die Gäste, meist Frauen, sind bei guter Stimmung und tanzen. Hier hätte ich gerne mitgefeiert.

Ansonsten ist in den Lokalen nicht viel los.


Der Zug nach Odessa setzt sich gemütlich in Bewegung, es gibt täglich zwei Verbindungen.

In einem Wagen werden permanent Videos gezeigt, einmal erkenne ich Tom & Jerry.

Sehr bequem ist es nicht, denn die Sitze haben keine Polsterung. Aber das macht nichts, ich glaube nicht, dass wir schneller als 60 km/h gefahren sind.


Draußen dann das gewohnte Bild, Mais wie gehabt, Apfelbäume voller reifer Früchte, Enten, Puter, Hühner, Gänse, Kühe, Schafe und Ziegen, viele Pferdewagen, manchmal auch ein Traktor.


An der Grenze geht es schneller als bei der Einreise, nach 45 Minuten ist alles vorbei. Der moldawische Zöllner hatte sechs Jahre in Halle/Saale gearbeitet und spricht gut deutsch. Er ist mir beim Ausfüllen der mit kyrillischen Buchstaben versehenen Zolldeklaration behilflich und wir verabschieden uns per Handschlag.


Ukraine


Auch das Visum für die Ukraine hatte ich vor Monaten in Deutschland beantragt. Es war etwas kompliziert. Laut Reiseführer „Die Krim entdecken“ ist seit dem Jahre 2000 eine Einladung nicht mehr erforderlich. Ein Mitarbeiter der ukrainischen Botschaft in Berlin behauptet auf telefonische Anfrage das Gegenteil. Auf der Internetseite der Botschaft werden zwei Reisebüros empfohlen. Die Reiseagentur „Für Jedermann“ in Berlin, bestätigt noch einmal die Notwendigkeit einer Einladung. Auf die versprochene Auflistung von ukrainischen Hotels warte ich bis heute.


Sicher Reisen GmbH in München ist da besser informiert. Sie besorgt mir, natürlich ohne Einladung, in kurzer Zeit das Visum und die AXA – Krankenversicherung, die bei der Einreise ebenfalls vorgelegt werden muss.


Der ukrainische Zöllner stellt eine Menge Fragen es gibt aber keine Schwierigkeiten. Er lächelt, als er auf mein Passbild schaut, der Urlaubsbart ist schon ganz gut gewachsen.


Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Ziel. Bei den ukrainischen Bauernhöfen sehe ich häufiger einen Wasserbrunnen vor dem Haus. Kürbisse liegen auf dem Hof, einige Male erkenne ich ein paar Bienenkörbe.


4 ½ Stunden nach der Abfahrt in Chisinau erreichen wir Odessa. Die Stadt hat 1,2 Mio. Einwohner. Beim Verlassen des Bahnhofs bin ich sofort von den herrlichen Türmen eines Klosters geblendet. Mit dem Taxi fahre ich ins Hotel „Spartak“, meine letzten Lei-Scheine hatte ich schon in Chisinau getauscht und so kann ich dem Fahrer die ausgehandelten 30 Griwna (HUA) bezahlen, viel zu teuer, wie ich später merke.


Leider ist im Hotel kein Zimmer mehr frei und man legt mir nahe, ins Hotel „Passage“ zu gehen. Hier gibt es keine Probleme, es sind genügend Räume frei und ich bin froh, eine preiswerte Unterkunft im Zentrum gefunden zu haben.


Odessa zieht mich sofort in seinen Bann. Vor knapp 20 Jahren war ich schon einmal hier, aber ein Deja-vu-Erlebnis bleibt aus. Ich erinnere mich nur noch, dass früher auf den Straßen nichts los war. Jetzt ist es umgekehrt. Viele Leute spazieren in der Abenddämmerung durch die Stadt und die Restaurants und Bistros sind gut besucht. Wechselstuben, Bankautomaten, Kioske, Fast-Food-Lokale, Stände mit Andenken, Tische voller Matruschkas, wie hat es sich verändert. Handys gehören zur Grundausstattung vieler junger Menschen, Fiakerfahrten, Pferdeausritte, Warsteiner ohne Alkohol, Radlermaß, all das ist vorhanden und wird angeboten.


Beim Geldtausch erhalte ich für einen Euro etwa sechs HUA. Einige Male esse ich im „Steakhouse“. Die Bands arbeiten sehr viel mit Diskette, ich treffe aber durchweg nur auf gute Musiker. So besuche ich einmal ein Jazzkonzert und bin erstaunt, wie virtuos die noch jungen Solisten sind.


Das Hotelzimmer ist, wie auch in Chisinau, mit einem Schwarzweißfernseher ausgestattet. Auf allen Stockwerken wacht eine Etagenfrau, die Deschurnaja. Der Supermarkt neben dem Hotel hat bis Mitternacht geöffnet.


Bei herrlichem sonnigen Herbstwetter wandere ich durch die Straßen und erkunde die Stadt. Selbstredend gehört ein Besuch der Potemkinschen Treppe mit ihren 192 Stufen dazu.

Sie wird von oben nach unten ständig breiter, von oben sind nur die zehn Treppenabsätze, von unten nur die Stufen zu sehen. Das Richelieu-Denkmal, die Börse, jetzt Ort der Stadtverwaltung, mit dem Puschkin-Denkmal, die Oper, verschiedene Museen, der Hafen, Odessa hat viel zu bieten.

Während meines Besuchs wird im Hafen eine Bauhandwerksausstellung vorbereitet, auch deutsche Produkte werden gezeigt. Eine exakt spielende Blaskapelle untermalt die Aktion musikalisch. Das Kreuzfahrtschiff „Jasmine“ fährt in den Hafen ein.


Im Hotel „Odessa“ frage ich, wie ich am besten nach Jalta komme. Die Dame ist sehr bemüht und führt einige Telefonate. Eine Fahrt mit dem Schiff über das Schwarze Meer ist leider nicht möglich, wohl aber eine Direktfahrt mit dem Bus. Später erkundige ich mich auch in meinem Hotel und auch hier rät man mir, mit dem Bus zu fahren.


Das Einlösen von Reiseschecks ist bei Banken kein Problem. Ein Auto ist mitten auf der Kreuzung vor dem Bankgebäude stehengeblieben und sein Fahrer schüttet aus dem Reservekanister Benzin nach.

Viele Männer schlendern mit einer Flasche Bier in der Hand durch die Straßen.


Mit einem Wolga-Taxi fahre ich zum Busbahnhof, um mir eine Fahrkarte nach Jalta zu kaufen. Der Fahrer spricht sehr gut Englisch und ist über die Bundesliga bestens informiert.

Er kennt die aktuellen Ergebnisse des Wochenendes und natürlich auch den Werder-Spieler Viktor Skripnik aus der Ukraine. Von ihm erfahre ich, dass viele Amerikaner und Deutsche nach Odessa kommen, um die Frau des Lebens zu finden.


Die Verständigung im Bahnhof ist eher schlecht, aber mit Hilfe meines Taschenkalenders und einer kleinen Landkarte kann ich der Frau am Schalter Zeit und Zielort vermitteln und den Rest schaffen wir durch Austauschen einiger Notizzettel auch. Die Fahrkarte kostet 48 HUA.


Auf schlecht gepflasterten Straßen fahren wir zurück in die Innenstadt, immer wieder müssen wir Schlaglöchern ausweichen. Odessa zeigt sich hier nicht von seiner schönsten Seite.

Einmal sehe ich, wie ein Straßenbahnfahrer aussteigt und die Weiche mit der Hand umlegt.


In der Nähe des Hotels, in einem Park, spielen ältere Männer Schach und Domino, viele „Kiebitze“ schauen dem Geschehen zu. Direkt hinter dem Hotel befindet sich eine wunderschöne Passage, Nymphen aus Stuck schauen auf die Vorbeigehenden herab.

Häufig besuche ich die Internet-Bar des Hotels, weniger um zu surfen, als um mich mit Olga, die hier arbeitet, zu unterhalten. Sie spricht leidlich Englisch und ist sehr an westeuropäischen Themen interessiert. Wir tauschen unsere e-mail-Adressen aus. Olga meint, dass es zu Sowjetzeiten besser um Odessa bestellt war und die Bürger heute mehr Probleme haben.


Ansichtskarten gibt es nur bei der Post. Ich erledige dort meine Urlaubskorrespondenz und gehe zum Schalter, um mir Briefmarken zu kaufen. Die freundliche Dame lässt es sich nicht nehmen, alle Marken persönlich aufzukleben.


Pünktlich um 17.oo Uhr verläßt der sehr betagte Ikarus-Bus die Stadt in Richtung Jalta. Er ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Vor mir sitzen Suerta und Jana. Jana spricht etwas Französisch, sie studiert Jura in Odessa. Eine Freundin von ihr besucht ein College in Boppard am Rhein.


In Nikolajev halten wir etwa 40 Minuten, insgesamt werden rund 10 Stopps eingelegt, u. a. in Chersson, Kachovka und Sinferopol. Im Radio wird durchweg flotte Musik gespielt, leider auch von Modern Talking.


Während der Fahrt unterhalte ich mich häufig mit einem Syrer. Er studiert in Odessa und will mit seiner russischen Freundin nach Jalta zu einer Geburtstagsfeier.


Als ich am nächsten Morgen bei einem herrlichen Sonnenaufgang erwache, befinden wir uns bereits auf der vom Schwarzen und Asowschen Meer umschlossenen Halbinsel Krim.

Die Gegend ist sehr gebirgig. Von Sinferopol sind es noch etwa 80 Kilometer bis Jalta, am Straßenrand werden Zwiebelzöpfe zum Kauf angeboten.


Nach langen 14 Stunden verlasse ich den Bus und nehme ein Taxi zum Hotel „Oreanda“. Leider ist alles besetzt und so gehe ich einige Schritte weiter zum „Levant“ und checke dort ein.

Es verfügt über einen eigenen Badestrand direkt am Meer und ich nehme erst mal ein Erfrischungsbad. Der Strand ist sehr steinig, aber dennoch liegen viele Gäste am Wasser und genießen die warme Herbstsonne.


Direkt im Zentrum starten Boote zum Schwalbennest, der vielleicht berühmtesten Sehenswürdigkeit der Krim-Südküste. Nach 30 Minuten sind wir am Ziel und ich mag meine Augen von der im Zuckerbäckerstil gebauten Burg gar nicht abwenden. Sie ist sicherlich keine architektonische Superleistung, aber die Lage direkt am Hang, vom Wasser aus weithin sichtbar, das Bild in seiner Gesamtheit fasziniert mich.


Zunächst sind nur einige Besucher vor Ort, später kommen noch einige Busladungen dazu. Man hat einen phantastischen Blick auf die Südküste des Schwarzen Meeres.


In Jalta halte ich mich meistens im Zentrum auf. Es gibt diverse Lokale, viele direkt am Meer. Meistens klappt es mit der Verständigung. Einmal möchte ich ein Mittagessen bestellen, aber keiner versteht mich und die Speisekarte ist nur in kyrillisch geschrieben. Nachdem alle Versuche einer mündlichen Erklärung gescheitert sind, zücke ich mein Notizheft und male ein Schaschlik auf eine leere Seite und siehe da, es funktioniert.


Ein riesiges Lenin-Denkmal erinnert noch an die vergangene Zeit. Abends haben sich viele Musiker auf der Promenade aufgestellt und unterhalten die Passanten mit schönen Liedern. Lange Zeit höre ich einem Streichquartett zu.

In den Zeltdiscos direkt am Strand vergnügt sich die tanzwütige Jugend. Einige Portraitmaler bieten ihre Dienste unter freiem Himmel an.


Mit dem Taxi fahre ich gegen eine geringe Gebühr zum Livadija-Palast. Das frühere Zarenschloss liegt nur einige Kilometer von der Innenstadt entfernt. Es wurde 1945 weltberühmt, als Stalin, Churchill und Roosevelt sich hier zur Jalta-Konferenz trafen und über das Nachkriegsdeutschland entschieden.


Der Konferenztisch, die Verhandlungsräume, darunter der „Weiße Saal“, und andere Zimmer stehen zur Besichtigung frei. Viele Besuchergruppen, darunter auch viele ältere Deutsche, warten am Eingang auf Einlass.


Der weiße Palast ist ein sehr beeindruckendes Gebäude, prunkvolle Räume mit viel Marmor lassen erkennen, in welcher Pracht die Zaren früher gelebt haben. Und das alles in herrlichster Lage.

Auch der Schlosspark ist einen Besuch wert, ich habe manchmal das Gefühl, in Italien zu sein. Ältere Besucher, wahrscheinlich Männer aus der Ukraine, haben ihre Orden und Ehrenzeichen angelegt.


Ein letztes Mal gehe ich abends die Strandpromenade entlang, lausche den Sängern und Sängerinnen, den Gitarren und einer Laute und bin mit meinem Urlaub rundum zufrieden.

Eine Ratte läuft über den Weg und erschrickt die Spaziergänger.


Meine Hotelrechnung begleiche ich mit Kreditkarte. Die Dame an der Rezeption hat einige Probleme mit dem Handling, übersteht die Situation aber lächelnd mit Charme und Geduld.


Mit einem Minibus fahre ich nach Sinferopol. In einer Bucht hinter Jalta liegen drei Felsen im Meer, die mich an die Faraglioni bei Capri erinnern. Lastwagen mit deutscher Beschriftung auf den Planen begegnen uns, viele Polizeikontrollen überwachen den Verkehr, aber wir kommen ohne angehalten zu werden ans Ziel. In Sinferopol halten wir zunächst am Busbahnhof, fahren dann aber weiter zum Hauptbahnhof. Nachdem ich eine Fahrkarte für den Zug nach Kiew erworben habe (73 HUA), warte ich draußen bei herrlichem Sonnenwetter auf die Abfahrt. In einer Cafeteria versuche ich, eine Bestellung aufzugeben. Die Bedienung lacht herzlich, als wir beide überhaupt nichts verstehen und mit Händen und Füßen gestikulieren. Der Bahnhof gefällt mir, er ist sauber und hell. Es gibt sogar einen Mc-Donalds-Drive-in.


Das Abteil besteht wiederum aus vier Liegen, die außer mir noch von zwei Ukrainern belegt werden. Sie sind auf dem Weg nach Nürnberg, ihrer neuen Heimat.


Auch im Speisewagen ist die Bestellung aus den schon bekannten Gründen sehr mühsam.

Bei einigen Flaschen Bier lehne ich mich wohlig zurück und beobachte kurz vor Einsetzen der Dunkelheit, wie wir die Halbinsel Krim verlassen und über eine schmale Landverbindung aufs Festland fahren. Viele Mitreisende haben ihre Socken aus- und den Trainingsanzug angezogen.

Die Zugtoilette ist nach kurzer Zeit verstopft und den Wasserhahn kann ich erst nach einigen Fehlversuchen bedienen.


Am nächsten Morgen überqueren wir kurz vor 8.oo Uhr den Dnjepr und einige Momente später sind wir nach knapp 16-stündiger Fahrt in Kiew angekommen.

Sogleich kümmere ich mich um einen Anschlusszug nach Warschau und kaufe ein Ticket für 313 HUA. Ein kurzes Frühstück im Bahnhof und schon kann ich in meinem Abteil, das ich mit Jura, einem stillen Ukrainer, teile, Platz nehmen. Der Bahnhof kommt mir sehr hektisch vor, immerfort ertönen Durchsagen und ich verschiebe ein Telefonat nach Hause lieber auf später.


Die Zugfahrt ist wunderschön. Den ganzen Nachmittag stehe ich am Fenster und lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Kleine Dörfer, Bauern auf den Feldern, Pferdewagen, orthodoxe Friedhöfe, gepflegte Bahnhöfe, es wird überhaupt nicht langweilig. Kürbisse liegen auf den Höfen, Schafe, Rinder und Ziegen grasen am Bahndamm. Der Mist wird noch mit der Hand vom Wagen geladen und mit der Forke gestreut.


Abends im Buffetwagen versuche ich, ein Gespräch mit einer hübschen Ukrainerin anzufangen. Sie ist mit ihrem Sohn, der uns argwöhnisch beobachtet, auf dem Weg nach Zürich.

Ansonsten lese ich sehr viel. In jedem Wagen hält ein Samowar heißes Wasser bereit und wir können uns kostenlos mit einer Tasse Tee versorgen.


Jura steigt an der letzten Station vor der Grenze aus und eine Frau mittleren Alters betritt das Abteil. Sie zieht sofort ihre Bluse aus und ich überlege, was sie wohl vor hat. Dann steigt sie auf die obere Liege, schraubt mit einem riesigen Schraubenzieher die Deckenverkleidung ab und verstaut zwei Reisetaschen voller Zigaretten unter dem Dach des Abteils. Ohne Aufregung aber sehr zügig verschließt sie das Versteck, entfernt verräterische Spuren und lächelt mich an. Der Schaffner ist, so bin ich ganz sicher, eingeweiht, denn er hat mich der Frau, so viel konnte ich verstehen, als deutschen Fahrgast vorgestellt.


Was ist zu tun? Ich weiß es nicht. Soll ich mich mit der Zugbesatzung anlegen? Lieber nicht.

Kurz vor der Grenze wechselt die Frau ins Nebenabteil, ich merke mir die Nummer und, sollte der Schmuggel auffallen, weiß ich wenigstens, an wen ich mich halten kann.


Die ukrainischen Zöllner haben einen Hund dabei und ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Aber es passiert nichts, die Wagen werden wieder auf übliche europäische Fahrgestelle montiert und nach drei Stunden, die mir riesig lange vorgekommen sind, fahren wir Warschau entgegen und kommen dort wohlbehalten am frühen Morgen nach gut 18-stündiger Fahrt an.


Polen


Im Bahnhof versorge ich mich an einem Automaten mit Bargeld, für einen Euro erhalte ich etwa 4,3 Zloti.

Das Hotel „Grand Orbis“ ist meine nächste und in diesem Urlaub letzte Bleibe.


Warschau hat sich im Vergleich zu meinem ersten Besuch vor 14 Jahren sehr verändert, meiner Meinung nach positiv.

Zu Fuß erkunde ich die Innenstadt, staune über die vielen Kirchen, besichtige das Grab des unbekannten Soldaten, den Schlossplatz mit der Sigismund-Säule, dem Königsschloss und dem Palast mit dem Blechdach. Bedächtig schlendere ich zum Ufer der Weichsel und lege später in gemütlichen Cafes einige Pausen ein.


Leider ist der letzte Tag angebrochen und es heißt Abschied nehmen. Bei Nieselregen setzt sich der Warschau-Berlin-Express in Bewegung und pünktlich um 16.oo Uhr überqueren wir die Oder.



Kommentare

Sehr schoener

 

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BGNature sagt dazu...

und umfangreicher Bericht

 
 

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