Reiseberichte auf join my trip – inspirierende Reiseberichte von reisebegeisterten Menschen
Anzeige
Reiseberichte aus der ganzen Welt
In den Reiseberichten auf join my trip findest Du (Geheim-)Tipps und Inspirationen für Deine nächste Reise.
Alle Reiseberichte stammen von unseren Mitgliedern. Wenn Du Fragen zu einem Reisebericht hast, freut sich der Autor über eine private Nachricht oder einen Kommentar unter dem Reisebericht.
Wenn Du selber einen Reisebericht schreiben willst, bitte hier entlang: Reisebericht schreiben.
Viel Spaß ;)
Dein join my trip team
P.s.: und vergiss das Bewerten nicht!!! ;)
Reisebericht: Weltreise 2009 - 29000 miles around the world
ein neues Mitglied
Aufrufe: 2222
deepNbrightDreams: 5 Sterne
Aktivitäten
- Noch keine Aktivitäten-Stichworte vorhanden
Geotags
Duisburg 19.04.2009
Endlich ist die Diplomarbeit beim Amt und alle Formalia sind erledigt. Ich hatte bis zur letzten Minute Stress. Die Abgabe wäre beinahe am Briefkastenschlitz gescheitert, da die Arbeiten zu groß waren, um dort hineinzupassen. Monatelang habe ich mich nach dem Schreiben mit Reiseberichten getröstet und nun geht es los.
20.04.2009
Ich habe vor Aufregung beinahe gar nicht geschlafen. Der Zug nach Dortmund fährt schon um 02.50 Uhr los. Ein letztes Mal checke ich Gepäck und Papiere, dann schließe ich die Tür meines 12 qm Wohnheimzimmers ab. In der Küche feiern noch ein paar Kommilitonen, ich verabschiede mich und laufe zum Bahnhof. Im Regionalexpress beißt mir das grelle Neonlicht in die Augen und ich kämpfe mit meiner Aufregung gegen die Müdigkeit an.
Am Flughafen bin ich der Erste am Check-In. Die Gitarre ist mit Easyjet kein Problem, ich darf sie sogar als Handgepäck mitnehmen. Dann die erste Sicherheitskontrolle – viele weitere werden folgen - und schon merke ich, was ich beim nächsten Flug ändern muss. Meine Gürteltasche ist so gut gegen Diebstahl gesichert, dass ich mich zeitintensiv unter den Augen einer entnervten Warteschlange entkleiden muss. Nachdem diese Hürde genommen ist, geht es in das Flugzeug. Dies ist so eng bestuhlt, dass man sich wie in einer Sardinenbüchse fühlt. Mittlerweile ist es mehrere Jahre her, dass ich geflogen bin. Ich hatte nach einer relativ unangenehmen Störung über dem Ärmelkanal Flugangst bekommen. Nun muss es einfach gehen, ich habe Bücher gelesen, Fakten studiert und obendrein habe ich mich mit einer guten Dosis Baldrian vollgepumpt.
Nach dem Start lösen sich meine Bedenken in Luft auf, es geht wieder und es macht sogar ein wenig Spaß. Eine Stunde später bin ich in London, dass unter einer dichten Nebeldecke liegt. Es ist unglaublich kalt und ich bemerke, dass ich eindeutig zu dünn angezogen bin. Meine gesamte Garderobe ist für tropische Temperaturen ausgelegt. Nun habe ich noch vier Stunden Zeit, um nach Heathrow zu kommen. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, mir London anzusehen, verwerfe diesen aber wieder, da ich dort schon gewesen war.
Das Personal von Virgin Atlantic kommt in poppigen Rot daher und ist schon fast unangenehm freundlich. Die Gitarre wird mir abgenommen, muss aber als Sondergepäck mit der Aufschrift „Fragile“ nicht extra bezahlt werden. Dann sitze ich in einem großen Airbus Richtung Los Angeles. An Schlaf ist nicht zu denken, denn es gibt jede Stunde ein leckeres Häppchen zu dem ich einfach nicht nein sagen kann. Entweder hat sich die avionische Küche seit meiner Flugabstinenz extrem verbessert, oder die Mensa des Studentenwerks Duisburg-Essen hat mir meine Geschmacksnerven geraubt. Wenn das so weitergeht, wir es nichts mit einer strandtauglichen Figur. Das Bordprogramm ist dank Kooperation mit Virgin echt vielfältig. Ich schaue Filme und höre Musik, während draußen die Sonne nicht untergehen will.
Um 18.30 Ortszeit komme ich in Los Angeles an. Dies ist mein erster Besuch in den USA und ich bin gespannt. Am Einreiseschalter sitzen die blau uniformierten Beamten der „Homeland-Security“, die die Angaben der grünen Einreisezettel in ihren PC eingeben. Dazu unterziehen sie mich - ergänzend zu den merkwürdigen Fragen auf dem grünen Einreiseformular – einem kleinen Interview. „Warum sind Sie Asiat und haben dennoch einen deutschen Pass?“
Nachdem diese Hürde genommen ist, und die Fingerabdrücke aller Hände gescannt worden sind, darf man weiter in die Schlange vom Zoll. Dort laufen kleine süße Hunde herum, die von Beamten an langen Leinen geführt werden. Direkt hinter mir schlägt das Tier dann mit lautem Gebell an und alle zucken zusammen. Die Frau hinter mir führt aber keinsfalls Drogen mit sich, sondern eine Banane die sie sofort in einer Mülltonne entsorgen muss. Der Beamte vom Zoll sieht meinen Pass, lächelt und beginnt in feinstem Deutsch mit mir zu plaudern. Dabei erfahre ich, dass er in Rammstein stationiert war. Ich darf ohne Kontrolle passieren. Hinter der Spiegelfassade des Flughafens beginnt für mich Amerika und es empfängt mich mit satten 29 Grad. Ich sehe Palmen und die riesigen unvernünftigen Pickups, die man in der Heimat in LKWs einbauen würde. Aus der Ferne dringt immer wieder das Geheule der Polizeisirenen durch den lauten Verkehrslärm, wie man ihn aus amerikanischen Filmen kennt. Ich bin beim Anblick der Pettycoat-Palmen und der Skyline begeistert. Es riecht nach Abgasen, aber auch nach Fremde und dieser Fremde wegen bin ich losgefahren.
Die Sonne hat mir - dank Flug gen Westen - schon über 21 Stunden Licht gespendet und nun hat sie sich entschieden, endlich einmal unterzugehen. So richtig angenehm ist mir das nicht, denn nun muss ich mit Rucksack hinten, Daypack vorn und Gitarre rechte Hand durch den Großstadtdschungel von Los Angeles. Es geht mit einem kostenlosen Bus bis zum letzten Terminal, dann ein flotter Lauf am Straßenrand bis unter eine der vielen Autobahnbrücken. Von dort aus fahre ich nach Venice, wo ich einen Backpacker mit dem witzigen Namen „Hostel California“ gebucht hab. Die Fahrt mit dem Metrobus ist ein tolles Erlebnis. Mal steigen ein paar Hispanics ein, dann wieder langhaarige Senioren im Batik-Shirt. Später eine afroamerikanische Basketball-Gruppe und natürlich fehlen auch jene nicht, die dem Klischee eines überernährten Amerikaners entsprechen und sich durch das Tragen von Leggins in Selbstbewusstsein üben.
Nach etwa 30 Bushaltestellen und über einer Stunde Fahrt habe ich es geschafft. Ich bin am Lincoln-Boulevard und stehe vor dem Hostel. Diese Unterkunft ist mit 20$ die Nacht eine der bezahlbareren Unterkünfte in Los Angeles. Davon zeugt auch die Tatsache, dass sich hier neben Backpackern aus aller Welt Rentner einquartiert haben, die die Mieten für die Appartments nicht aufbringen können. Das „Hostel California“ ist nicht grade sauber, aber das ist mir egal. Geschlafen wird in einem Dorm mit Doppelstockbetten. Am beliebtesten sind die unteren Etagen, dort haben die meisten Decken und Handtücher zur Wahrung der Privatsphäre vorgehängt. Auf dem Parkplatz vor dem Hostel stehen große Plastiksofas, auf denen die Backpacker sitzen. Ich werde gleich mit einbezogen und habe eine nette Unterhaltung mit Althippie Bob aus Chicago, einem erklärten Feind der Bush-Administration und zwei anderen Backpackern. Einer heißt Dominik und er kommt aus Hessen. Dominik ist schon einige Tage hier und will morgen die Stadt mit dem Fahrrad erkunden.
Los Angeles, 21.04.2009
Der Tag beginnt früh für mich. Ich wache um fünf Uhr Morgens auf und bin fit. Kein Wunder, zuhause ist es jetzt grade zwei Uhr Nachmittags. Ich stehe auf und mache mir in der Küche einen Tee. Es gibt freien W-Lan und so checke ich einmal meine Mails. Neben einigen Anfragen nach meinem Befinden findet sich dort auch eine Mail des Prüfungsamtes. Die beschweren sich, dass ich ihnen nur zwei Exemplare überbracht hätte. Wenn die Arbeit nicht in vollständiger Exemplaranzahl vorliegt, gilt das als verspätete und damit unzulässige Abgabe. Zum Glück ist die Arbeit sowohl Online, als auch auf einem Stick gespeichert und kann per Mail zum Druck geschickt werden. Eine Freundin bringt es hin.
Um 10 Uhr geht es mit Dominik zu einer kleinen Food-Mall in Venice. Dort gibt es gutes Essen zu schlechten Preisen. Während Dominik ein 8$ Sandwich verspeist, gehe ich zum 1$-Store, den mir der Typ an der Rezeption als billigste Ernährungsmöglichkeit genannt hat. Dort gibt es schlechtes Essen zu guten Preisen. Mir geht der Bioboom sowieso auf die Nerven und hier in Venice scheint er besonders groß zu sein. So versichert mir eine Gewitterziege beim Kauf eines Päckchens Kaugummi in der Schlange, dass ich bald einen Schlaganfall und Herzprobleme bekommen werde.

Am Nachmittag sehe ich mir mit Dominik Venice Beach an. Es ist heiss nirgendwo ist auch nur eine Wolke zu sehen. Auf den Straßen gurgeln die großen Amischlitten in endlosen Kolonnen. Hin und wieder biegen wir in kleinere Straßen ein, in denen das Verkehrsgeräusch gedämpft wird. Hier stehen wundervolle bunte Häuser unter langen Palmen, deren Kronen große Schatten auf die Gärten werfen. Überall wachsen exotische Blumen und Sträucher.
Vom Strand aus kann man Delphine beobachten, die in Rudeln Fische jagen. Außerdem gibt es hier zahlreiche Pelikane, die im Sturzflug ins Meer rasen, um sich ihre Schnabelbeutel zu füllen. Venice Beach ist voller verrückter Menschen, hier findet man alles: Vom Althippie, bis zum Raver, vom Ghetto-Style, bis zum muskelbepackten Monster, die sich alle am Ocean Walk zeigen, denn hier gilt: Sehen und Gesehen werden.
Das wundervolle Wasser lockt bei Lufttemperaturen um die 30°C zum Schwimmen. Aber es hat seinen Grund, dass sich die meisten Menschen hier im bieder-amerikanischer Badekluft lediglich sonnen – der Pazifik ist kalt. Durch die Plattformen der Rettungsschwimmer fühle ich mich sehr an eine TV-Serie erinnert. Verstärkt wird dieser Eindruck auch durch die Tatsache, dass viele rote Badesachen tragen.
Venice Beach ist voller verrückter Menschen, hier findet man alles: Vom Althippie, bis zum Raver, vom Ghetto-Style, bis zum muskelbepackten Monster. Davon abgesehen ist der „Ocean Walk“ eine kilometerlange Einkaufsmeile, in der man alles bekommt, was sinnlos und teuer ist. So gehören sowohl T-Shirts, als auch Hüte mit schönen Motiven, und Tatooaufkleber zum Reportoire eines jeden Ladens.
Nach einigen Stunden Sonne gehe ich mit Dominik etwas essen. Wir gönnen uns den „Grundbaustein eines jeden amerikanischen Frühstücks“. Das Restaurant ist im Stile der 1950er Jahre eingerichtet. Sogar die Wurlitzer Musikbox spuckt für einen Diam alte Songs aus der pomaden Haartollenzeit aus.
Nach dem Essen wollen wir uns noch einen Wein gönnen, den wir in Ralphs Superstore zu erstehen versuchen. Der Supermarkt ist eine Herausforderung für mein von Diskalkulie gepeinigten Gehirn. Die Preise sind nämlich ohne die staatspezifische Steuer angegeben. Bei der Steuer handelt es sich jedoch keinesfalls um immer den gleichen Satz, so zahlt man auf Alkoholika eine „Sintax“. An der Kasse lernen wir dann den amerikanischen Argwohn vor dem Alkohol kennen. Dominik hat seinen Ausweis nicht dabei und da wir uns den Wein teilen, gibt er mir Geld. Dies ist der Kassiererin nicht entgangen und so gelten wir beide als Käufer. Ohne Altersnachweis von uns beiden ist da nichts zu machen und so müssen wir ohne den Wein gehen. Das es letztendlich doch noch klappt, liegt an einem Besuch im „Liquor-Store“, bei dem uns ein Inder hinter einem Gitter problemlos eine Flasche verkauft.
Abends spiele ich mit Dominik Gitarre und trinke den Wein. Schnell lernen wir dabei andere Backpacker kennen. Ich spiele mit Mike aus Texas, der nicht nur über das schönere Instrument verfügt, sondern auch noch Lichtjahre besser als ich ist. Im späteren Verlauf des Abends treffen wir noch drei Kanadierinnen und einen Typ, der auf die Frage nach seiner Herkunft stets mit „EASTCOAST“ antwortet.

22.04.2009
Heute morgen hatte ich eine wundervolle Begegnung. Ich sitze wie am Tag zuvor um fünf Uhr Morgens auf dem Gummisofa vor dem Hostel und da schwirrt plötzlich ein Kolibri auf mich zu. Er steht in der Luft, sieht mich an und zieht weiter.
Es ist zwar nicht kalt, aber dass Wetter hat dennoch stark nachgelassen. Der Himmel ist bewölkt und in der Nacht hat es geregnet. Gegen Mittag fahre ich mit Dominik und Amely, einer Kanadierin nach Hollywood. Die reine Fahrtzeit in Richtung Traumfabrik dauert mit dem Metro-Bus von Venice etwa zwei Stunden. In Hollywood sind die Palmen etwas grüner, die Straßen etwas besser und die Läden teurer als im Rest der Stadt. Hier stehen sich Reiche und Obdachlose unmittelbar gegenüber. Der Kern des Stadtteils besteht aus dem Hollywood-Boulevard, sowie dem Walk of Fame, der sich zu beiden Seiten des Ersteren erstreckt. Dort tummeln sich jede Menge Touristen aus aller Welt. Eben diese werden auch von diversen Souvenirläden versorgt, in denen man mehr oder weniger Nützliches käuflich erwerben kann. Auf den Straßen - speziell vor dem Shop von Virgin-Records - stehen die Mitglieder zahlreicher Nachwuchsbands, die dort versuchen ihre selbst produzierten Aufnahmen zu verkaufen. Einige kommen in Outfits daher, die stark an die Filme Menace 2 Society, oder Boyz'n The Hood erinnern: Überdimensionierte Goldketten Baggypaints, Baseballcaps und Shirts in den Größen XXXL. Die gesamte Szenerie wirkt so echt, wie die Fassade des „Chinese Theatres“, oder das Marylin Monroe-Double, dass mit Elvis und Superman bei „Jack in the box“ einen Burger zum Lunch verspeist.
Mein Höhepunkt in Hollywood ist der Gitarrenladen „Guitar Center“ am Sunset Boulevard. Im Eingangsbereich haben zahlreiche bekannte Gitaristen und Bands ihre Hände im Beton verewigt. Hier kann man amerikanische Markengitarren zu Schnäppchenpreisen erwerben. Im hinteren Bereich gibt es eine Art Museum, wo man ab 32.000$ aufwärts Gitarren von Hendrix, oder eine der ersten Les Paul Gibsons aus dem Jahre 1954 erwerben kann.
Am Abend koche ich mit Amely und Dominik zusammen Pasta und weil wir viel zu viel davon haben, laden wir noch Althippie Bob ein, der wirklich arm dran ist. Bob, Jahrgang 1944, hat natürlich die gesamten Beatnick-Geschichten aus San Francisco auf Lager. Es wird ein heiterer Abend. Später treffe ich auf Günther und seine Frau, die aus Frankfurt am Main angereist sind. Günther war schon vor 20 Jahren im Hostel California, als er den Süden der USA bereiste. Trotz seines beachtlichen Alters und seinem größeren Bauch, in welchen er des Öfteren kneift und dabei "Biopren" sagt, hat er ein Surfbrett dabei und er scheint wirklich damit umgehen zu können. In einigen Tagen will Günther nach Las Vegas und da er mit seiner Frau ein Auto gemietet hat, will er mich unbedingt umsonst mitnehmen. Von Mexiko, meinem nächsten Reiseziel, rät er mir ab. Krieg der Koka-Banden und die hohe Kriminalität. Vegas klingt verlockend, dennoch lehne ich es ab.
24.04.2009 Tijuana
Am Morgen verabschiede ich mich von den Leuten im Hostel California und mache mich in Richtung Busstation auf. Diese liegt in Downtown Los Angeles, eine Gegend, welche eher an einen Slum erinnert, als an das Herz einer reichen Stadt. Die Sonne scheint wieder kräftig und nach wenigen Schritten mit vollem Gepäck bin ich durchgeschwitzt. Der Metro-Bus benötigt ca. 2 Stunden, bis ich im Zentrum angekommen bin. Dann geht es in einem zweiten Bus acht Blocks Richtung Süden.
Die Grayhound Station ist in mexikanischer Hand. Als ich am Schalter ein Ticket nach Tijuana buche, rät mir die höfliche Verkäuferin davon ab. Als ich sie nach dem Grund für ihren Rat frage, sagt sie nur, dass ich auf mich aufpassen solle. Ich kann in diesem Augenblick nicht unterscheiden, ob es sich um konservativen Puritanismus handelt, oder ob es dort wirklich so gefährlich ist. Ich kaufe das Ticket und stelle mich in die Reihe der Wartenden. Zehn Minuten später sitze ich im Bus nach Süden. Direkt neben mir sitzt ein kleiner mexikanischer Junge, der mich in gutem Englisch ständig über Computerspiele und Filme ausfragt. Er fragt auch, ob ich europäisch spreche.

An der Grenze dann die erste seltsame Aktion. Alle Passagiere müssen aussteigen und so einige Koffer werden geöffnet. Mein Rucksack sieht nicht verdächtig aus. Aber weil im Gepäckraum des Busses einige Kartons mit scheinbar verbotenem Inhalt gefunden werden, müssen wir in einen anderen Bus umsteigen.
Wenig später komme ich am Busbahnhof in Tijuana an. Dort lasse ich höchste Wachsamkeit walten, was nicht einfach ist. Binnen Minuten bin ich von einer Meute von Menschen umringt, die augenscheinlich nichts Gutes vorhaben. Solcherlei Situationen sind mir auch aus Europa nicht unbekannt und so halte ich mich immer in der Nähe vom Sicherheitspersonal auf, bis ich am Büro der Einwanderungsbehörde ankomme. Den zuständigen Beamten muss ich erst suchen, weil er grad sein Auto auf dem Parkplatz repariert. Für das Warten werde ich von ihm allerdings mit einem guten Rat belohnt: Der Bus ins Zentrum kostet 50 Cent und nicht 10$, welche die Taxifahrer verlangen. Dafür geht es auf holperigen Straßen durch die Slums der Stadt. Im Zentrum bemüht man sich in der Touristeninformation sehr um mich. Man ruft sogar ein Hotel an und gibt mir eine Stadtkarte mit. Wenig später checke ich ein und bekomme ein Zimmer. Dieser Raum ist sehr gemütlich und verfügt über ein eigenes Bad. Dafür gibt es kein Fenster nach draußen, sondern ein Oberlicht zum Gang. Die Fenster auf den Fluren sind mit massiven Eisengittern versehen und überall sind Kameras installiert. Über der Eingangstür des Hotels prankt ein Schild, dass vor korrupten Polizisten warnt und zur stetigen Mitnahme der Touristenkarte auffordert.
Nach einer Dusche gehe ich durch die Stadt. Man schafft es kaum, über 4 Euro im Restaurant auszugeben, wenn man keinen Alkohol trinkt. In Tijuana ist einfach alles billig und wenn man sich vorstellt, dass die Region Baja California die teuerste Gegend Mexikos ist, dann kann man verstehen, wie Arm die Menschen in den anderen Regionen sein müssen. Anflüge dieser Armut sieht man zuweilem am Strassenrand, wo sich hunderte Menschen - zumeist Indigene - vom Betteln ernähren müssen. Die Polizisten sind schwer bewaffnet, sie laufen zumeist mit Skimasken herum und sind nicht mit ihrem europäischen Pendant zu vergleichen. Neben Sex und Alkohol bietet Tijuana dem Touristen jede Menge Apotheken, in denen er zu Schnäppchenpreisen so gut wie alle Medikamente erwerben kann - den Rest bekommt er auf Wunsch an jeder Straßenecke angeboten. Canabis und vor allen Dingen Koks. Ich habe mir in der Apotheke eine Malaria-Prophylaxe fuer die naechsten Stopps geholt, Preis: 14$, in Deutschland sollte es 100 Euro kosten.
Später sehe ich eine Razzia der Polizei, die "heissen" Läden blieben jedoch verschont und die zahlreichen Prostituierten stehen nach wie vor auf der Strasse, was ja schon alles sagt. Jeder Gang in die Innenstadt ist unglaublich anstrengend, da man einfach immer auf sein Zeug aufpassen muss. Noch anstrengender: Das Abwimmeln von Taxifahrern, Einladungen in Strip-Bars, Massagen und das Sitzen auf Eseln, welche als Zebras angemalt worden sind.
27.04.2009 Ensenada
Die amerikanischen und mexikanischen Medien kennen nur noch ein Thema: Die Schweinegrippe. Ich muss zugeben, dass ich die Gefahr der Krankheit unterschätzt habe. Bisher bin ich davon ausgegangen, dass die Mitarbeiter in den Apotheke den Mundschutz lediglich tragen, weil sie damit professioneller aussehen. Dies gilt speziell für 15 jährige Apotheker. Die Frage bleibt offen, was nun das nächste Ziel sein soll, um das geringste Infektionsrisiko zu erlangen. In Kalifornien gibt es nun auch Krankheitsfälle, wie in Mexiko. Der Unterschied scheint lediglich darin zu liegen, dass die USA-Fälle nicht tödlich verliefen. Die Ursache dafür scheint relativ klar, wenn man das mexikanische Gesundheitssystem betrachtet. Hier werden Medikamente nicht von den Krankenkassen bezahlt, sondern müssen in Apotheken selbst gekauft werden. "TAMIFLU" kostet hier 70€, was für mich verhältnismäßig günstig ist, nur verdient ein Arbeiter eben auch nur 80$ im Monat. Also tragen sie hier Masken und tun so, als ob sie die Schweinegrippe nichts anginge.
Mit dem Bus der Firma Mexicoach fahre ich nun die Baja California ein Stück runter. Mein Gepäck wird verstaut und da ich dieses sicher wissen will, bekommt der Packer ein Extra-Trinkgeld, der dafür tief in den Schlund des Busses steigt. Es folgt eine angenehme Fahrt bei seichter Klaviermusik. Draußen ziehen wundervolle Strände und kleine Dörfer vorbei. Dann hält der Bus plötzlich mitten auf der Autobahn. Ein Blick nach draußen sagt alles: Militärkontrolle. Ein Humvee-Jeep des Militärs steht auf dem Seitenstreifen. Oben auf dem Dach sitzt ein Soldat, der mit dem MG auf uns zielt. Dann entern maskierte Soldaten den Bus. Es werden einige Pässe kontrolliert – mich lässt man außen vor - dann geht die Fahrt weiter.
Eine Stunde später bin ich in Ensenada. Wo ich genau aussteigen muss, weiß ich nicht. Eine Unterkunft habe ich auch noch nicht gebucht. Ich weiß nur, dass es einen Backpacker in Ensenada geben soll. Glücklicherweise haben die Besitzer ein Plakat am Busbahnhof, dass eine kostenlose Abholung offeriert. Ich sehe mir die Adresse an und entschließe mich, den Weg zu laufen. Es geht über zahlreiche belebte Straßen an einem Krankenhaus vorbei in die Innenstadt. Dann komme ich im Ensenada-Backpacker an. Das Hostel ist ein gemütliches Haus, mit Gemeinschaftsraum und Küche. Es verfügt über einen Dorm und zahlreiche Doppelzimmer. Bis auf einen Spanier und einen Israeli ist das Hostel leer. Dafür bekommen wir Sonderkonditionen einräumt. Ich habe ein Dorm bezahlt und kriege ein Einzelzimmer. Ensenada ist wunderschön und die Menschen sind ein Vielfaches freundlicher als in Tijuana, die Taxifahrer fragen einen sogar, ob man mit ihnen eine Fahrt wagen möchte und zerren einen nicht in den Fond ihres Wagens. Am Abend checken noch zwei Schwedinnen ein, die aber nur eine Nacht bleiben, eh sie weiter nach Panama ziehen.
29.04.2009
Gestern war ich mit Abel, dem Spanier aus dem Hostel am Strand. Es war herrliches Wetter, nur der Wind war kalt und das Wasser ebenso. Ich freue mich schon riesig auf die Cookinseln, auf denen es mollig warm wird. Ich habe einfach zu wenig warme Sachen dabei und wenn das so weiter geht, muss ich mir hier in Mexiko noch eine Jacke besorgen.
Am Abend gehen Abel und ich dann in eine Bar, welche uns vom Hostel-Besitzer wärmstens empfohlen wurde. Es ist sehr lustig darin, da dort nur Einheimische sind. Dank Abel habe ich nun auch Spanisch-Support, was vieles einfacher macht. Man kommt einfach schneller ins Gespräch. Mein Äußeres erregt hier sehr viel Aufsehen und es kommt immer positiv an, wenn Abel allen erzählt dass ich aus Deutschland komme. Natürlich ist auch hier die Schweinegrippe das Thema. Es betrifft praktisch die ganze Stadt, wenn die Touristen ausbleiben. Im Hafen liegt seit zwei Tagen ein Kreuzfahrtschiff aus den USA, was nicht anlegen darf. Es ist schon irgendwie gespenstisch, wie ausgestorben die Innenstadt wirkt. Abel hat verzweifelt versucht, Tamiflu zu bekommen, es war aber entweder ausverkauft, oder man kannte es in den Apotheken nicht. Er lässt es sich nun aus Spanien per Kurier schicken.
Später gehen wir in eine Bar namens „Mango Mango“, in der sie Live-Mariachi-Musik und mexikanischem Rock spielen. Dabei haben wir die beiden Barkeeperinnen Naomi, alias Mimi und Gina kennen gelernt und uns mit ihnen für den nächsten Tag zum Essen verabredet.
30.04.2009
Heute waren Abel und ich in der Stadt und haben uns ein paar leckere Fajitas gegönnt. Für denjenigen, der sie nicht kennt: Es sind Teigfladen, die man in einem Brotkorb gereicht bekommt. Dazu gibt es eine Pfanne mit mariniertem Hühnerfleisch und Gemüse. Die Fladen werden mit der Füllung belegt und eingerollt. Immer dabei: Guacamole alias Avocado-Dip, bzw. eine feurig scharfe Chilisauce die schon vom Aussehen her Schmerzen verspricht, aber höllisch lecker ist. Hin und wieder kommen Mariachi vorbei, die uns wohl für ein Paar halten, zumindest spielen sie Liebeslieder.Dann sind wir zum verabredeten Ort gegangen, um uns mit Gina und Mimi zu treffen. Natürlich waren die nicht da. Umso mehr sind wir beide überrascht, als wir im Hostel eine Nachricht in die Hand bekommen. Abel hatte den beiden gesagt, wo wir wohnen. Die Mädchen schreiben uns, dass es ihnen leid täte, aber sie hätten es nicht zum vereinbarten Zeitpunkt geschafft. Wir könnten sie aber am Abend treffen. Gegen 20 Uhr rufen wir dann an und wenig später fährt ein Auto vor. Es folgt ein tolles Essen in einer der Einheimischen Restaurants. Danach folgt eine Sightseeingtour. Von den Bergen aus kann man die gesamte Stadt und den Hafen sehen.
02.05.2009
Den Tag über habe ich verschlafen, ist es doch in der letzten Nacht spät geworden. Als wir zu Hause angekommen sind, haben wir mit Adrian noch einen Film gesehen. Adrian hat den Backpacker mit zwei Freunden gegründet. Diese sind grade dabei eine weiteren in La Paz, 800km südlich von hier zu eröffnen. Daher ist er allein, hängt den gesamten Tag vor dem Computer und benutzt Skype, um mit seiner deutschen Freundin Claudia zu telefonieren.
Am Abend sind wir dann wieder mit Mimi und ihren Freunden verabredet. Dieses Mal geht es nach Rosarito, die Stadt in die ich zuerst fahren wollte. Unser Fahrer fährt wie ein Henker. Alle zulässigen Geschwindigkeiten werden plus 100km/h genommen - echt krank. Wir sitzen zu fünft in dem amerikanischen Kleinwagen und ich überlege, ob ich paranoid bin, weil ich Angst hab. Später frage ich Abel und bin beruhigt, als er mir schildert, dass es ihm genau so ging.
Kurz vor der Stadt passieren wir eine Straßensperre des mexikanischen Militärs. Diese besteht aus einem Nagelteppich, einer befestigten Anlage aus Sandsäcken, einem Humvee Geländewagen mit einem auf die Straße ausgerichteten M249 Saw Maschinengewehr und zahlreichen schwer bewaffneten, maskierten Soldaten. Wir müssen aussteigen und uns in eine Reihe stellen. Ruckartige Bewegungen sind nicht zu empfehlen, während ein Soldat den Wagen untersucht. Worum es geht, sagt niemand - auch unsere Freunde bleiben stumm. Wenig später sitzen wir wieder im Auto und fahren weiter. Die Stimmung ist bei uns Europäern etwas gedrückt, die Mexikaner nehmens leicht.
In Rosarito fahren wir in eine Siedlung ein, welche nach außen hin komplett abgeschottet ist. Auf der einzigen Zufahrtsstraße gibt es schon wieder eine Straßensperre der Polizei. Ich erfahre, dass hier vor wenigen Tagen ein privater Sicherheitsmann erschossen wurde. Seitdem kommt man nur noch in das Viertel, wenn man dort einen Ausweis deponiert. Die Mexikaner nehmen es locker - ich nicht. Wenig später fahren wir durch prachtvolle Gärten und halten vor einem eleganten Appartmenthaus. Dort sammeln wir noch zwei Freundinnen von Mimi ein. Auf dem Rückweg wechseln wir das Fahrzeug. Es geht nun in einem großen amerikanischen Van weiter. Eine der Freundinnen von Mimi arbeitet als Filialleiterin von Subways und hat damit eine verhältnismäßig gute Stellung in Mexiko. Auf dem Weg zu einer Bar kommen uns zahlreiche Truppentransporter und Geländewagen des Militärs entgegen, es gibt mal wieder irgendwo eine Razzia. Wenig später sind wir in einer wunderschönen Bar. Vorne spielt ein einsamer Gitarist Lieder, während wir einen Tequilla nach dem anderen bestellen. Irgendwann bin ich durch den Alkohol so ermutigt, dass ich auch spiele und dafür einen tosenden Applaus bekomme und gefilmt, sowie fotografiert werde.
Einige Stunden später geht es nach Tijuana. Schon wieder eine rasante Fahrt und zudem ist unsere Fahrerin auch noch betrunken - in zwar nicht ein bisschen, sondern richtig. Der Auffenthalt in Tijuana gestaltet sich relativ kurz. Wir gehen in eine Disco, in die man normalerweise nur als Tourist rein kommt. Unsere mexikanischen Freunde dürfen nur rein, weil wir unsere europäischen Pässe vorzeigen und sie als unsere Begleitung deklarieren. Drinnen gibt es jede Menge Prostituierte, die versuchen den einen oder anderen fettleibigen Amerikaner abzuschleppen. Wir bleiben für einen Drink, dann geht es nach Ensenada zurück. Die Rückfahrt verschlafe ich und wache erst im Morgengrauen auf, als wir vor dem Backpacker halten. Der Tag verspricht Kopfschmerzen.
03.05.2009
Gegen Mittag gehe ich mit Abel mal wieder Fajitas essen. So langsam kann ich die nicht mehr sehen. Mittlerweile habe ich einfach alles durch was es so an Kulinaria gibt. Als wir kurz darauf im Backpacker ankommen, sehen wir zahlreiche Menschen auf der Straße. Überall stehen Polizeiwagen und einige Polizisten machen sich daran, mit Maschinenpistolen dass Nachbarhaus zu stürmen. Sie schicken einen Hund hinein und rennen dann aus allen Richtungen gleichzeitig auf das Grundstück. Es sieht ein wenig wie im Kino aus und ich denke, dass jeden Augenblick jemand "CUT!" ruft. Aber das hier ist Realität. Aus dem inneren des Hauses hört man jemand schreien - dann ist es still. Was genau hier passiert, weiß niemand.
04.05.2009
Heute ist Abels letzter Tag, in der Nacht wird er mit dem Bus Richtung Süden nach Mulejen fahren. Er hat noch das gesamte Lateinamerikaprogramm vor sich und fragt mich ob ich nicht mit ihm mitkommen mag. Ich gebe zu das mich das wirklich reizt, aber ich habe noch mehr als die halbe Welt vor mir.
Am Nachmittag gehen wir zum Hafen, in dem einige Seelöwen ihr zuhause gefunden haben. Sie liegen auf den Schwimmpotons, welche unter dem gewaltigen Gewicht ungewöhnlich tief ins Wasser gesunken sind und sonnen sich. Menschen sind ihnen egal. Wir sitzen in einer Nussschale die sich im Hafenwasser relativ ruhig verhält. Dies ändert sich jedoch schlagartig, als wir auf die offene See fahren und so langsam bezweifel ich die Fähigkeiten des etwa 15 Jahre alten Skippers. Der legt das Boot auch noch längs zu den sich hoch auftürmenden Wellen und beinahe wären Abel und ich über Bord gegangen. Am Nachmittag treffen wir Mimi ein letztes Mal. Sie schenkt mir ihre Body-Lotion für Damen. Ich hatte ihr wohl im Rausch der letzten Nacht mitgeteilt, dass sie fantastisch riechen würde.Wir tauschen Emailadressen und Facebook-Daten aus. Am Abend bringe ich Abel zum Busbahnhof. Es war eine schöne Zeit, er läd mich nach Alicante ein. Eigentlich ist es ja nicht weit, ein Katzensprung von Deutschland. Eine Einladung nach Duisburg lass ich lieber - das kann man einem Spanier nicht antun, ich kenne das wunderschöne Alicante. Nun bin ich der einzige Gast im Backpacker. Noch immer tobt die Schweingrippe durch die Medien und ich hoffe, dass ich am nächsten Tag überhaupt in die USA einreisen darf. Ich verbringe meine Zeit damit, Wäsche zu waschen und mein Chaos im Rucksack ein wenig zu ordnen. Ich drucke das E-Ticket erneut aus und überprüfe die notwendigen Papiere. Dabei fällt mir der grüne Zettel auf, welcher von der Homeland-Security in meinen Reisepass geheftet wurde. Laut Anweisung sollte man den bei der Ausreise aus den USA abstempeln lassen. Der Bus hatte jedoch erst in Mexiko gehalten. Ein wenig mulmig ist mir nun schon. Wenn ich nicht in die USA einreisen darf, bekomme ich meinen Flug auf die Cook Islands nicht, aber ich habe keine Wahl. Ich muss das Risiko eingehen.
05.05.2009
Gegen Morgen bringt mich Adrian zum Busbahnhof und wenig später sitze ich bei seichter Musik in einem Vehikel der Firma Mexicoach. Zwei Stunden später bin ich in Tijuana. Dort muss ich nun wieder zum Immigration-Office und meine mexikanische Touristenkarte abstempeln lassen. Der Beamte ist natürlich wieder bei seinem Auto und es kostet mich einige Mühe, ihn dazu zu überreden, seinen Job zu tun und in das Büro zu gehen. Mürrisch folgt mir der Mexikaner und während dieses Ganges hat er sich scheinbar überlegt, wie er sich diese Unterbrechung versüßen kann. Nachdem er meine Touristenkarte gesichtet hat, holt er seinen Stempel raus und legt eine wichtige Mine auf. Dann gibt er mir zu verstehen, dass er für seinen Stempel 20$ bekommen würde. Das kann er gleich vergessen, auch wenn er im Augenblick noch darauf besteht. Diese Abzocke geht mir auf den Nerv, ich habe über drei Monate hinweg alle Reiseformalia für jedes Land gesammelt, ich bin nicht blöd. Ich zücke mein Mobiltelefon und sage ihm, dass ich nun die deutsche Botschaft anrufen werde. Die Nummer schlummert irgendwo in meinem Notizbuch, ich drücke wahllos irgendwelche Tasten. Doch bevor ich die vermeintlich letzte Taste gedrückt habe, höre ich das stampfende Geräusch des Stempels in den Pass. Erledigt, der mürrische Gesichtsausdruck in den Augen meines Gegners ist einer wutverzerrten Fratze gewichen.
Wenig später sitze ich im Greyhound in Richtung USA. An der Grenze muss man zu Fuß durch die Kontrollen. Die gesamte Anlage erinnert stark an die Berliner Mauer. Doppelte Zäune mit Kontaktdrähten, Mauern und Wachtürme. Drinnen werde ich sehr freundlich behandelt keine lästigen Fragen und schon gar keine Gesundheitskontrollen. Dann geht es weiter in Richtung San Diego. Mein Zeitpolster ist mehr als großzügig und das ist auch notwendig. In San Diego stellt jemand fest, dass der Auspuff des Busses zu sehr rauchen würde. Wir müssen aussteigen und auf den nächsten Bus warten. Ich sitze für über drei Stunden fest, bis es im Ersatzgefährt endlich weiter geht. So komme ich erst am frühen Abend in Los Angeles an. Es dämmert schon als ich durch das hässliche Downtown LA laufe und mich alles andere als sicher fühle. Glücklicherweise weiß ich die Buslinien auswendig. Wenn einmal mit etwas gefahren bin, vergesse ich das nie wieder. An der Haltestelle lerne ich eine Spanierin kennen. Sie macht grade Au Pair und kann nichts als Spanisch sprechen, obwohl sie schon über drei Monate in Los Angeles ist. Sie versüßt mir die langweilige 1,5 Std.-Fahrt zum Flughafen und dann ist es schon wieder an der Zeit, sich zu verabschieden. Als ich in das Gebäude des LAX laufe wird mir klar, dass Weltreisen immer mit Verabschiedungszeremonien verbunden sind und das dies alles andere als einfach ist.
Nur eine Stunde bevor der Check-In schließt, komme ich am richtigen Terminal an. Ich habe für 400 Kilometer sage und schreibe 12 Stunden gebraucht. Die Sicherheitskontrollen sind enorm streng. Alle Passagiere müssen die Schuhe ausziehen und barfuß durch die Metalldetektoren gehen. Gürtel und sonstige metallische Dinge müssen ebenfalls abgelegt werden und sämtliche Elektrogeräte werden gerpüft. Bis ich im Duty-Free-Bereich stehe, dauert es wieder eine halbe Stunde.
Das Personal der Air NewZealand kommt im klassischen Grau daher. Nachdem mein Gepäck in den Katakomben des Flughafens verschwunden ist, gönne ich mir noch einen Burger. In der Passagierlounge fällt mein Blick auf die vielen Passagiere, die alle auf die Cooks wollen. Ich freue mich drauf. Der Flug in Richtung Südpazifik ist etwas turbulent, dennoch schlafe ich unglaublich gut und wache erst kurz vor der Landung auf.
06.05.2009 Cook Islands
Pünktlich um 6:00 Uhr Cook Island Zeit setzt die Maschine auf der Rollbahn des Rarotonga Airports auf. Es ist noch dunkel, aber schon jetzt spüre ich das tropische Klima. Der Flughafen besteht aus einer kleinen Baracke, in der Halle für die Neuankömmlinge spielt ein älterer Herr im Hawaiihemd Gitarre. Er begrüßt uns mit den Worten "Kia Ora! Willkommen im Paradies!" und er hat recht. In diesem Augenblick geht die Sonne über den Bergen in der Mitte der Insel auf und das Licht bringt eine nie zuvor gesehene Schönheit zutage. Überall wachsen Kokospalmen wild in den Himmel, es riecht nach exotischer Fremde.
Die Einreiseformalitäten sind schnell gemacht, es gibt einen Stempel und der Zoll kontrolliert die Gepäckstücke nur nach Lebensmitteln. Vor der Halle warten wunderschöne Frauen in bunten Kleidern, die sich Blumen ins Haar gesteckt haben. Sie überreichen den Touristen geflochtene Blütenketten. Die Luft ist von süßem Duft erfüllt. So habe ich mir das Paradies vorgestellt. Wenig später sitze ich mit zahlreichen Rucksacktouristen aus aller Welt in einem Bus. Alle fotografieren, was die Kameras hergeben. Wild wachsende Bananen, Kokospalmen, exotische Völgel. Alles ist anders, als das was ich kenne. Hier herrscht Frieden. Das Meer strahlt türkis an weißen, einsamen Sandstränden. Es gibt keine großen Hotelburgen, nur kleine Gästehäuser und Beach-Ressorts. Ich steige dort aus, wo die meisten Backpacker den Bus verlassen, der Ort nennt sich "Muri-Beach". Eine Reservierung habe ich nicht, scheint aber auch nicht nötig zu sein.
Ich schließe mich den drei kandadischen Backpackern Kacey, Jenn und Valerie an, die allesamt unabhängig voneinander zu den Cooks gereist sind. Wir verstehen uns auf anhieb gut und wollen uns ein Zimmer zusammen teilen. Da das Büro noch geschlossen ist, laden wir unsere Rucksäcke im Haus ab und laufen auf der einzigen Straße der Insel zum nächsten Supermarkt. Das Angebot ist nicht besonders, very british. Cheddar und weißes Brot, baked-beans und meat-pies. Die Preise sind europäisch. Für Milchprodukte, Zigaretten und Alkohol muss man allerdings schon mal das Doppelte rechnen.
Das warme Meer gibt es hingegen ganz umsonst. Genau so wie die Bananen, Kokosnüsse und Fische, den man mit ersterem fangen kann. Bei unserem ersten Bad kommen zahlreiche, in allen Farben schillernde, Meeresbewohner auf uns zu. Sie zeigen keine Scheu und glotzen einen aus riesigen Augen an. Mittlerweile sind auch die anderen Gäste des Backpackers aufgewacht. Sie kommen aus Ländern wie, Tchechien, Großbritannien, Deutschland, Kanada, USA, Neusseeland, Australien und den Niederlanden. Die Stimmung ist mehr als familiär. Als Neuankömmlinge werden wir von ihnen über sämtliche Aktivitäten eingehend informiert. Jeden Tag gibt es auf Rarotonga ein Event. Hochseefischen, Schnorcheln, Crossisland-Hiking, eine Volleyball-WM, Rugby. An den Abenden Partys in Avarua, der Hauptstadt Rarotongas.
Der Jetlag - immerhin mehrere Stunden - kämpft gegen den Körper und dieser wiederum kämpft gegen die Angst, auch nur eine Sekunde dieses Paradieses verpassen zu können. Ich lege mich in mein Bett und schaffe es doch nur, für wenige Minuten die Augen zu schließen. Den Rest des Tages verbringen wir am Strand, den wir beinahe ganz für uns haben. Am Abend spielen wir mit den anderen Gästen Gitarre. Es wird eine berauschende Nacht, in der ich mit John, einem Iren und seiner walisischen Freundin das Haus rocke. Zahlreiche Nationen sitzen auf der Veranda und die Wellen rauschen im Hintergrund. Die Abende beginnen durch die Nähe zum Äquator früh. Pünktlich um 18 Uhr setzt die Dämmerung ein und so kommt es, dass wir um Mitternacht schlafen gehen.
07.05.2009
Der lange Flug und der letzte Abend haben seinen Tribut gefordert. Ich schlafe bis zum frühen Mittag. Dann fahre ich mit Jenn, Kacey und Valerie nach Avarua, der Hauptstadt. Die Nahverkehrsbetriebe Rarotongas fahren stündlich auf der Ringstraße der Insel, welche zugleich die 32km lange Hauptschlagader ist. Die Fahrer der kleinen Busse tragen natürlich Hawaiihemden und sie singen bei der Fahrt, ebenso wie die einheimischen Fahrgäste. Avarua ist klein und überall gibt es Läden, in denen geschnitzte Holzfiguren und Schmuckstücke, welche mit schwarze Perlen besetzt sind, angeboten werden. Für die teuersten muss man satte 600€ berappen. Avarua offeriert aber auch kleine Cafes und Bars, die dem Gast einen atemberaubenden Blick auf das Meer ewig türkise Meer offerieren. Das einzige Polizeirevier besteht aus einem zweistöckigen Gebäude. Die Beamten, tragen nach britischem Vorbild keine Waffen. Es scheint so, als ob ihre einzige Aufgabe darin besteht, den Touristen den Weg zu weisen und Anträge für den so genannten Cook Island-Führerschein entgegenzunehmen. Diesen brauch man, um auf der Inselgruppe ein motorisiertes Fahrzeug führen zu dürfen. In einem Laden kaufen wir Postkarten, die genau dem Bild entsprechen, was wir sehen. Strände, Palmen, Sonne und türkises Meer. Am Stadtrand gibt es einen Markt, auf dem exotische Früchte zu Spottpreisen angeboten werden. Die Verkäufer sind ganz versessen darauf, uns alle möglichen Früchte probieren zu lassen. Zurück in Muri Beach kochen wir zusammen und nehmen noch ein Bad im warmen Meer, bevor die Sonne untergeht.
08.05.2009
Heute ist der große Partyabend, so sagt es zumindest Mathew der Organisator. Es gibt eine 10$ Transfer zu den Clubs und Bars Avaruas. Wer sich als irgendwas verkleidet, was mit dem Buchstaben "S" beginnt, kann sich an einem 40 Liter Fass Vodka-Orange vergnügen und bekommt zusätzlich alle Drinks 40% günstiger.
Am Morgen scheint die Sonne, aber gegen Nachmittag beginnt es zu regnen. Es ist nicht jener normale Regen, wie ich ihn aus Deutschland kenne. Im Gegenteil: Es schüttet wie aus Eimern, zehn Minuten später zeigt sich die Sonne wieder und es wird unglaublich schwül. Jetzt kommen auch die Mücken und das „Anti-Brumm“ kann jetzt endlich zeigen, wie effektiv es ist.
Am Abend habe ich mein Kostüm zusammen, ich gehe als Samurai. Alle basteln wie wild. Dabei muss man schon etwas Kreativität beweisen, denn hat jeder nur dass, was er in seinem Rucksack um die Welt schleppt. Wir laufen zum Supermarkt und lassen uns alte Kartons geben, die wir zerschneiden. Ich verarbeite sie zu Schwertern, leihe mir ein Haargummi von Ania, die aus London kommt. Rick, ein Holländer hat noch ein Strandtuch aus Indonesien, welches er mir als Umhang leiht. Tom, ein Brite, der grade sein Working-Hollyday in Neuseeland absolviert hat, geht als "Spaceman". Er baut sich aus Kartons und Alufolie einen Helm. Ania, ist als Sixty-Nine", Tim aus Neuseeland geht als "Statue of Liberty", Sarahska aus Burmingham geht als "Seegurke" und Jaahab der Holländer ist ein Skipper. Den Bart und eine Pfeife hat er schon. Der Rest verkleidet sich als "Schoolgirls- bzw. Boys.
Wenig später fahren wir auf der Ladefläche eines Pickups in die Stadt. Die Stimmung ist dank rarotongischem Bier exzellent und sie wird noch besser, nachdem wir es den freien Vodka-Orange gibt. Ich lerne Amerikanerinnen kennen, die trotz Volljährigkeit ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol machen. Später wechseln wir in eine andere Bar, in der man fantastisch Tanzen kann. Wir haben eine Menge Spaß. Der Alkohol lässt mich sogar vergessen, dass ich den zweiten Platz im Kostümwettbewerb mache und eigentlich ein Freigetränk bekommen soll.
Um zwölf Uhr geht es nach Hause, da ist nämlich auf Rarotonga Sperrstunde. Mir kommt es so wie drei Uhr vor, beginnt doch die Dunkelheit hier schon um 18 Uhr. Zurück in Muri-Beach spiele ich mit einer Irin namens Kat Gitarre, die grade angereist ist. Es ist eine wundervolle Nacht, der Mond scheint hell und die Wellen rauschen.
09.05.2009
Die Auswirkungen der letzten Nacht haben so gut wie alle zu spüren bekommen. Lediglich der Niederländer Jahaab trinkt schon wieder am Morgen ein Bier am Strand. Nach einem deftigen Frühstück lege ich mich mit Jenn an den Strand und schlafe im Schatten einer Palme. Am Nachmittag lerne ich Lou kennen, sie kommt aus Devon in England und sie zeichnet. Sie fragt mich, ob ich ihr als Modell für ein Portrait stehen könnte. Ich sage zu und sitze geschlagene drei Stunden mit einsamen Blick auf das Meer. Am Ende bin ich überrascht, wie gut das Bild gelungen ist. Das Ergebnis darf ich behalten und zum Dank lade ich Lou zum Essen in Avarua ein.
10.05.2009
Dadurch dass die Insel nur zweimal in der Woche angeflogen wird, führt dies zu regelrechten Massencheckouts in den Ressorts und Gästehäusern. Viele der Backpacker verstauen ihre Sachen in den Rucksäcken denn am nächsten Tag fliegen viele weiter gen Osten. Dementsprechend ist auch unsere Stimmung. Schon jetzt sind sich alle einig, dass es eine wundervolle Zeit auf den Cook Islands war. Wir haben uns alle kennen gelernt, mochten uns und dabei spielte weder die Nationalität, noch Politik und Religion eine Rolle. Es werden Emailadressen und Facebookdaten ausgetauscht. Man verspricht sich, Bilder und Videos zu schicken. Den Tag über ist es sonnig und stürmisch. Man kann dennoch super Schwimmen und noch besser Schnorcheln. Unter der Wasseroberfläche tobt das pure Leben in allen Farben und Dimensionen.
Am Abend soll noch einmal richtig gefeiert werden und dieses Mal gibt es sogar keine Sperrstunde. Vorher geht es jedoch noch zu einem Rugby-Spiel der Cook-Island-Ligue. Es spielt das Team von Muri-Beach gegen Aitutaki, der Nachbarinsel. Muri verliert und so platzt auch das Grillen am Nachmittag, was als Siegesfeier geplant war. Abends ziehen wir durch die Bars, aber es ist anders. Am nächsten Tag werden sich unsere Wege trennen und nie wird es noch mal so werden, wie es einst gewesen war. Glücklicherweise bleiben Jenn, Kacey und Valerie noch ein wenig. Sie werden mit mir Richtung Neuseeland fliegen.
Der Flieger kommt am Abend um 23Uhr und alle sind traurig. Das Foyer des Backpackers ist komplett mir Rucksäcken voll gestellt. Für die meisten geht es in die USA und dann nach Europa, oder in andere Teile der Welt. Den Tag verbringe ich mit Louise. Wir leihen uns ein Kajak und gehen nahe am Riff Schnorcheln. Am Nachmittag sehen wir uns ein Drachenbootrennen an, bei dem die einzelnen Dörfer gegeneinander fahren. Abends bringe ich mit den Kanadiern die Leute zum Flughafen und dann folgt der Augenblick, der so unangenehm ist. Man muss sich mit dem Wissen verabschieden, die meisten Menschen nie wieder zu sehen. Die Stimmung ist gedrückt, als wir mit dem letzten Bus zurück nach Muri fahren. Dort sind schon die Neuen angekommen. Wir unterhalten uns mit ihnen und dann geht es auch ins Bett. Am nächsten Morgen geht unser Flieger Richtung Neuseeland. Ich habe mich schon im Internet informiert, es ist dort satte 16 Grad kälter. Das war es kurzzeitig mit dem Sommer, dort herrscht Herbst.
11.05.2009 Brisbane
Am Morgen klingelt der Wecker um vier. Ich wecke Valerie und gemeinsam machen wir uns mit den anderen fertig. Am Vortag haben wir uns ein Taxi bestellt, was uns zum Flughafen fährt. Mit im Taxi sitzt ein amerikanisches Ehepaar, das sich mit christlichen Symbolen geschmückt hat. Ob die wohl Angst vor dem Flug haben? Sie quaken uns die gesamte Zeit mit Bibelzitaten zu und merken dabei nicht, wie sehr sie nerven. Wir sind alle müde und wollen nichts als schlafen. Nachdem wir in dem kleinen Flughafen eingecheckt haben, kaufen wir alle noch ein paar Zigaretten im Duty-Free. Über den Bergen geht grad die Sonne auf und taucht die Insel in rotes Licht. Es fällt mir leichter, mich von diesem Paradies zu verabschieden, da ich nun weiß, dass so gut wie alle Leute gefahren sind, die ich gern mochte.
Der Airbus landet pünktlich in Auckland, es ist unglaublich kalt und regnerisch. Ursprünglich hatte ich überlegt, ob ich hier ein paar Tage bleiben sollte. Aber sogleich überlege ich es mir anders und entschließe mich, Richtung Australien weiter zu fliegen. Ich verabschiede mich von den Kanadiern und bin nun das erste Mal seit langer Zeit wieder allein. Da mein Flieger erst am Nachmittag kommt, schlafe ich in der Wartehalle des Flughafens und wache erst kurz vor dem Check-In wieder auf. Dann geht es weiter Richtung Australien. Auf dem Weg dorthin gibt es ein paar mächtige Turbulenzen, aber dennoch landen wir sicher und pünktlich in Brisbane.
Bei der Einreise erlebe ich dann eine Überraschung. Die Beamtin von der Immigration sieht sich meinen Pass und die Einreisepapiere an. Dann ruft sie einen anderen Beamten, der mir dann merkwürdige Fragen stellt. So fragt er mich, warum ich für so kurze Zeit nach Australien reisen möchte und Ähnliches. Nachdem ich die lästigen Fragen beantwortet habe, geht es weiter. Aber merkwürdigerweise steht genau der gleiche Beamte am Durchleuchter und schickt mein gesamtes Gepäck durch. Ich muss alles aufmachen und dabei stellt er mir wieder Fragen. Nachdem er endlich verstanden hat, dass ich kein Terrorist bin und auch nicht vorhabe, illegal in Australien zu arbeiten, darf ich endlich passieren.
Im Eingangsbereich des Flughafens gibt es einen Schalter, von dem ich einen Transfer in die Stadtmitte buche. Das ist zwar nicht günstig, aber dafür fahren die einen dann direkt vor die Haustür. Von Rarotonga aus habe ich mir einen Backpacker gebucht, den mir Sarashka empfohlen hat. Ganz toll und ganz nette Leute und es ist im Zentrum. Ich bin gespannt, als mich der Bus direkt vor der Tür absetzt. Es ist warm, 25 Grad, obwohl es schon Herbst ist.
So toll finde ich die Herberge allerdings nicht. Es handelt sich bei dabei um eine Art Backpacker-Kette mit dem Namen "Base". Ich wohne nun im X-Base, einem riesigen Haus in der Edward-Street in Brisbane Downtown. Im Keller ist eine Bar und eine Disco, deren Angebote jede Stunde auf alle Flure durch lästige Lautsprecherdurchsagen angekündigt werden. Hot deal hier, hot deal dort. Im Haus selbst tummeln sich ca. 300 Backpacker aus aller Welt, die meisten kommen aus Deutschland und haben ein Working-Hollyday-Visa. Da es aber aufgrund der Wirtschaftskrise kaum Jobs gibt, sitzen die meisten hier fest und sie haben kaum Geld. So saufen sie sich am Abend mit "Goon", einem billigem Weinersatz zu und machen Party, dass man kein Auge zu bekommt. Ich wohne mit drei Iren zusammen in einem Zimmer. Sie sind ganz nett, aber es ihre letzte Nacht hier. Wir trinken am Abend ein Bier in der Bar im Keller. Dann muss ich schon wieder schlafen gehen - es war ein langer Tag.

12.05.2009
Am Morgen sind die Iren schon weg, als ich aufwache. Ich mache mich auf und sehe mir die Stadt an. Brisbane ist stressig, zumindest hier in Downtown. Das Base liegt zwischen Geschäftshäusern und Einkaufstempeln. Alles ist sehr modern und sauber. In den Parks rennen Ibisse herum. Das sind hässliche Vögel mit geierähnlichem Aussehen.
Brisbane entspricht meiner Vorstellung einer modernen westlichen Stadt. Auf der großen Kreuzung, Anne-Street, Ecke Edward rauschen Tag und Nachts Autos entlang. Hin und wieder heult eine Sirene der Rettungswagen im amerikanischen Tonfall auf. Und dennoch ist hier etwas anderes. Asiaten, Aborigines, Sikhs, Weiße, alle leben sie hier untereinander und das scheint gut zu klappen. Die Gesellschaft hier erscheint tollerant und offen. Brisbane verfügt über einige Museen, sowie über Theater und riesige Kunsthallen. Diese wechseln sich mit privaten Universitäten und Schulen am Ufer des hiesigen Flusses ab. Überall bekommt man gutes Essen zu geringeren Preisen als in Deutschland und kaum eine Bar hat nicht ein Angebot für ein Bier im Zusammenhang mit einem Essen zum Vorzugspreis.
Am Abend lerne ich Kaley kennen, sie kommt aus Edinburgh. Wenn sie es ausspricht, klingt es allerdings eher wie "Eding-BRA!". Das "BRA" muss man übrigens etwas mehr betonen, als das "Eding" und immer das "R" schön rollen. Neben Kaley treffe ich einen Iren, der richtig gut singt, allerdings umso übler Gitarre spielt. Aber ich bin ja auch noch da. Wir werden richtige kleine Stars unter den Bewohnern des Base. Die beiden, weil sie jedes Lied der Charts singen können und ich, weil ich angeblich jedes Lied spielen kann. Man reicht mir "Goon", aber ich lehne dankend ab. Der Geruch dieses Getränks steht jenem meines Scheibenwaschmittels im Auto in nichts nach.
13.05.2009
Heute bin ich aufgewacht und gleich über Lara gestolpert. Lara kommt aus der Nähe von Mainz und hat grad die Schule fertig gemacht. Natürlich hat sie auch ein Working-Hollyday-Visum. Lara denkt zuerst, dass ich aus Asien komme und so frühstücken wir zusammen und reden stundenlang Englisch.

Gegen Mittag ist Lara mit Lennart und Guido verabredet. Lennard kommt aus einem Dorf in Baden-Würtemberg und Guido kommt aus Dresden. Die deutsche Zurückhaltung haben wir zuhause gelassen. Es gibt ja auch viel zu erzählen, mit Ausnahme von Lara sind alle anderen auf Weltreise und auf dem Sprung in den nächsten Teil der Welt. Die Informationsqualität, die solche Gespräche haben, sind nur noch vom "Lonely Planet" zu toppen. Erfährt man doch von guten und schlechten Erfahrungen aus erster Hand.
Den Tage verbringen wir gemeinsam in Brisbane. Die Temperaturen übersteigen heute mehr als 20 Grad und die Sonne scheint mit ungewohnter Intensität auf uns hinab. Sie lässt erahnen, wie heiss und trocken es hier im Sommer sein muss. Dazu hängen überall Schilder, die dazu auffordern, Wasser zu sparen.
Es geht zum Brisbane River an einen künstlichen Strand, an dem wir den Nachmittag mit Schwimmen und Sonnen verbringen. Am Abend kaufen wir in einem der Woolworth-Supermärkte ein, weil wir uns entschieden haben, zu kochen. Das Beste an Backpacker-Unterkünften ist das so genannte Freefood-Shelf. Dort stellen alle Reisenden, die die Herberge verlassen, ihre Lebensmittel hinein. Andere Reisende könne dieses dann umsonst benutzen. Zumeist handelt es sich um Olivenöl und Gewürze. So kaufen wir nur das Nötigste ein. Neben Salat entscheiden wir uns für Känguruhfilet. Das ist in Australien besonders günstig und laut Aufdruck auch richtig umweltfreundlich, da dass Känguruh keine Grasflächen benötigt. Wenig später essen wir auf der Dachterasse des Base. Das Känguruh hat erstaunlich viel Ähnlichkeit mit Rindfleisch, dennoch ist es nicht wirklich mein Geschmack. Guido fliegt am Abend weiter Richtung Neuseeland und er ist echt traurig, wünscht sich den einen oder anderen Tag mehr.
Später gehe ich mit Lara und Lennard in die Disco im Keller. Eintritt nur mit Ausweis, oder Keycard vom Zimmer. Die britischen Mädchen sind unglaublich aufgetakelt und ich bin erstaunt, was alles in einen kleinen Rucksack passen kann. So richtig wohl fühle ich mich dort nicht. Die Leute sind wirklich sturzbetrunken und scheuen sich auch nicht, in die Ecke zu erbrechen. Mir kommt es vor, als sei ich schon ewig in Brisbane. Sicher gibt es auch schönere Städte in Australien, nur sind die Distanzen zwischen diesen so riesig, dass ich einfach nicht die Zeit habe, mal eben 800km zu reisen. Lennard fliegt am nächsten Tag nach Kerns weiter. Ich bleibe dann mit Lara allein hier im Base.
Eben diese will unbedingt in den Zoo gehen, der mit Transfer allerdings mal eben 100 Dollar kostet. In der Lobby des Base bieten sie wirklich alles an, was der Adrenalinjunky begehrt. Fallschirmspringen, Kite-Surfen etc., aber die Preise treiben mein Adrenalin ebenso hoch, wie die Aktivitäten.
Gegen Mittag geht Lara mit zwei Engländern in den Zoo und ich versuche mich ein wenig zu entspannen, was allerdings im Zimmer etwas schwierig ist. In der letzten Nacht sind zwei Schotten angekommen, die einen gesamten Koffer voller "Goon" dabei haben. Diese Alkoholexzesse ab Mittag gehen mir so langsam auf die Nerven. Betrinken schön und gut - kann man ja mal machen - aber auf Reisen sein, bedeutet für mich mehr als ständig berauscht zu sein.
Gegen Abend esse ich mit Lara zusammen. Dann treffen wir uns mit den anderen und spielen Gitarre. Immer mit dabei: "Goon", der mehr oder weniger talentierte SängerInnen hervorbringt. Später wollen alle noch ins "Valley". Das ist eine Partymeile, auf der man sich - wie kann es auch anders sein - betrinken kann. So sagt es mir eine Engländerin und die muss es wissen. Letztendlich versackt der Plan mit dem Valley jedoch im Rausch des Alkohols.
14.05.2009
Der australische Herbst hat zugeschlagen. Es sind 30°C und die Sonne brennt. In der Haupteinkaufsmeile Brisbanes findet ein Stadtfest statt. Hier spielen Bands und es gibt sogar Tanzvorführungen einer örtlichen Tanzschule. Heut ist mein letzter Tag in Brisbane, morgen geht es weiter nach Singapur. Wenn ich ehrlich bin, freue ich mich schon darauf. Es ist schon mehr als zehn Jahre her, das ich dort gewesen war. Unglücklicherweise spüre ich, dass ich eine Erkältung bekomme. Ich nehme an, dass es die Klimaanlage war, die in der vergangenen Nacht ihren Job zu ernst genommen hat.
Den Tag über verbringe ich mit Lara in der Stadt und gegen frühen Abend gehen wir noch einmal zum Schwimmen an den künstlichen Strand. Später gibt es noch ein leckeres Essen in einem chinesischem Restaurant, um mich auf Asien einzuschwören. Am Abend tausche ich auf einer "Goon-Party" noch einige Facebook-Kontakte aus, dann gehe ich schlafen. Morgen wird wieder ein langer Tag. Fliegen, Party, Kater, Sightseeing, dass alles schlaucht langsam.
15.05.2009 Singapur
Einer der Schotten aus meinem Zimmer war in der Nacht erfolgreich gewesen und hat eine Frau abgeschleppt. Die gesamte Sache wäre auch diskret verlaufen, hätte es nicht mitten in der Nacht einen Feueralarm gegeben. Hunderte von Backpackern kämpfen sich leicht bekleidet durch Rauch und Gedränge auf die Straße. Dort erwartet uns schon Polizei und Feuerwehr. Aus dem Erdgeschoss des Base dringt dicker Qualm und bis die Löscharbeiten abgeschlossen sind, vergehen Stunden. Dann dürfen wir wieder auf unsere Zimmer.
Gegen Mittag checke ich aus dem Base aus. Da aber mein Flug erst am Abend startet, deponiere ich mein Gepäck dort und lese mein Buch weiter. Am Abend verabschiede ich mich von Lara und fahre zum Flughafen.
Beim Check-In erlebe ich dann wieder ein sehr intensives Misstrauen. Angeblich sei ich der 100. Passagier und müsse mich einer genaueren Kontrolle unterziehen. Man nimmt Proben von meinen Händen, sowie vom Gepäck. Dann werden diese Proben auf Sprengstoffe untersucht. Nach einer Leibesvisitation darf ich endlich ausreisen. Ich bekomme einen Stempel in den Pass und dann geht es in den Flieger. Der Flug nach Asien ist so turbulent, dass der Service drei Mal abgebrochen werden muss. Speziell der Luftraum über Indonesien ist voller Auf-und Abwinde. Dann, nach sieben Stunden Flug, erscheint die atemberaubende Skyline von Singapur am Horizont und ein Stück Nostalgie kommt in mir auf. Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich dort einst das erste Mal landete und die moderne Infrastruktur bewundert hatte. Ich freue mich auf die fremden Gerüche und das quirlige Leben in den Straßen.

Im Gateway bekomme ich dann einen kleinen Eindruck von den klimatischen Bedingungen in Singapur. Die hohen Temperaturen in Kombination mit einer Luftfeuchtigkeit von über 90% lassen einen gegen eine Wand laufen. Das ist nichts für Menschen mit schwachem Kreislauf. Es ist wie Asthma, dass Atmen fällt schlagartig schwer und man bildet sich ein, dass die Luft sauerstoffarm sei.
Singapur ist voll auf Tourismus ausgelegt. Zwar ist die Verbotsliste auf der Seite des Auswärtigen Amtes unangenehm lang, aber davon merkt man vor Ort nichts. Der Zoll ist desinteressiert und die Beamten an der Immigration sind mehr als freundlich. Dabei fällt mir auf, dass diese Freundlichkeit keine Unterschiede zwischen den Nationalitäten macht. Nachdem ich in Singapur ausdrücklich Willkommen geheißen werde, muss ich noch einen Gesundheitscheck über mich ergehen lassen. Die Angst vor der Schweinegrippe ist auch hier zu spüren. Meine kleine Erkältung hat sich glücklicherweise in Luft aufgelöst und so darf ich anstandslos passieren.
In Singapur stehe ich nun vor einer Entscheidungsfrage. Theoretisch habe ich am nächsten Tag meinen Flug Richtung Philipinen. Aber irgendwie fühle ich mich matt und der Gedanke, dass ich sieben Tage später schon wieder weiter muss, löst eine Art Müdigkeit in mir aus, die ich noch nie zuvor gespürt habe. Langsam muss ich erkennen, dass ich Zweitverschiebung und meine Kraft falsch eingeschätzt habe. So entscheide ich mich, die Flüge nach Cebu und ebenfalls jenen nach Thailand canceln werde. Dafür werde ich später auf dem Landweg nach Thailand reisen. Die Alternativroute via Malaysia hatte ich schon vor Monaten ins Auge gefasst, so kenne ich die Preise und Routen von Schiffen, Zügen und Bussen. Es geht doch nichts über eine intensive Vorbereitungszeit.
Wenig später sitze ich im MRT, dem Mass Railway Transport, Richtung Innenstadt von Singapur. Es gibt insgesamt nur vier Linien, die so ausgesprochen gut erklärt sind, dass man sie sogar als Analphabet problemlos versteht. In der Bahn sitzen Chinesen, Malayen und Inder. Es wimmelt hier nur so von Verbotsschildern, die sogleich Aufschluss geben, was eine Missachtung der Verbote kostet. Rauchen 500$, die Mitnahme von Stinkfrüchten, oder auch "Durian", 1000$. Am teuersten ist der verbotene Transport von brennbaren Flüssigkeiten: 5000$. Ich muss lachen, als ich ein T-Shirt mit der doppeldeutigen Aufschrift "Singapur - The fine city", sehe.
Eine halbe Stunde später bin ich in Chinatown und frage mich zu meiner unmittelbar vorher reservierten Unterkunft durch. Dabei kommt mir eine Chinesin zur Hilfe, die mich bis zu meinem Hotel bringt. Dort erwartet mich schon Herr Wang. Herr Wang ist ein lustiger älterer Herr mit einer typisch asiatischen Körpergröße. Er spricht erstaunlich gut Englisch und kichert nach jedem zweiten Satz. Als er meinen Pass begutachtet und er sieht, dass ich in Korea geboren bin, versucht er es mit mir auf koreanisch, was dann weniger erfolgreich ist.
Bei Herrn Wang hat alles seine Ordnung. An meinem Bett klebt ein Zettel mit meinem Namen und da Herr Wang es liebt, wenn internationale Touristen Kontakt miteinander haben, muss ich mich gleich den anderen Gästen seiner Herberge vorstellen. Zu diesem Zeitpunkt sind wir zu dritt, Arne aus den Niederlanden und Victoria aus England. Victoria ist Krankenschwester, sie kommt grad aus Indien. Arne will dort in zwei Tagen hin. Wir erzählen uns die halbe Nacht draußen vor dem Backpacker unsere Reiseerlebnisse.
16.05.2009
Am frühen Morgen schläft Chinatown noch. Es riecht aber schon arg nach jener Fremde, welche ich bei meinem letzten Besuch in Singapur so liebte. Es ist eine Mischung aus asiatischen Gewürzen, Fisch, Stinkfrüchten und Räucherstäbchen. Letztere brennen in allen Geruchsnuancen vor jedem Haus.
Nur wenige Meter vom Backpacker entfernt liegt der "Buddha-Zahn-Tempel". Auf dem Platz vor dem Tempel verspricht ein Schild demjenigen eine Geldstrafe von über 1000$, der dort religiöse Handlungen ausübt. Im Tempel riecht es nach Räucherstäbchen, fotografieren und Filmen ist nicht erwünscht. Eine Strafe gibt es jedoch dafür nicht. Schon in der Eingangshalle des Tempels stehen mehr als hundert verschiedene Figuren, die Buddha in allen möglichen Posen darstellen. Im Hauptraum steht die Hauptfigur, sie ist über 3 Meter hoch und komplett vergoldet. Immer wieder fallen Menschen vor ihr zu Boden und beten. Es ist erscheint mir verwunderlich, wie diese Menschen einem Jahrtausende alten Glauben nachgehen und dennoch mit Mobiltelefonen, Mp3-Playern und ähnlichen technischen Errungenschaften hantieren. All das scheint hier in Singapur kein Widerspruch zu sein. Die Hektik des Alltags ist in dem imposanten Gebäude ausgesperrt, hier herrscht Ruhe und Frieden.
Nach dem Tempelbesuch gehe ich durch ein nahe gelegenes Hawker-Center. Diese Zentren sind eine Art Tempel für Genießer von chinesischem Essen. Dieses wird in mehr als hundert genormten Buden zubereitet und in ansprechenden Fotos angepriesen. Der Genießer von allerlei Meeresgetier wird sich hier wohlfühlen, kann er doch für wenige Dollar einen halben Hummer oder Ähnliches erwerben. Aber auch für andere Genüsse ist gesorgt, so gibt es Buden mit vegetarischem Essen und Hühnerfleisch in allen Zubereitungsformen. Gegessen wird an Gemeinschaftstischen, das Geschirr wird von emsigen Arbeitern weggeräumt und an der jeweiligen Bude abgegeben. Natürlich hat auch hier die Bürokratie Singapurs ein Wort mitzureden. Jeder Anbieter von Essen ist nach seinem Hygienestandard in A, B und C kategorisiert. Dies ermöglicht selbst Touristen mit empfindlichen Mägen, das Essen zu genießen - ohne Überraschungen.
Gegen Mittag wird es wieder unangenehm heiß, da jedoch der Schlafraum von Herrn Wangs Backpacker mit einer Klimaanlage ausgestattet ist, lege ich mich dort hin und verschlafe den Nachmittag komplett. Selbst am Abend sind die Temperaturen kaum zurückgegangen. Dennoch entschließe ich mich, mit Arne und Victoria ins Kino zu gehen. Singapur hat jede Menge zu bieten, was Entertainment angeht. Wir gehen in eine der riesigen Shoppingmalls und sehen uns den neuen Star-Trek-Film an. Das Kino ist unter dem Dach untergebracht von dort aus kann man in schwindelnder Höhe die ganze Mall überblicken, in der es sicher mehr als hundert verschiede Läden gibt, die dennoch nur das eine Genre bedienen: elektronische Artikel.
Der Film ist gut, auch wenn die chinesischen Untertitel etwas genervt haben. Arne will uns unbedingt in das "Raffles-Hotel" abschleppen, um für den kleinen Betrag von 20 Dollar einen "Singapur-Sling" zu trinken. Dieser Cocktail wurde dort angeblich in den 1920er Jahren erfunden. Als wir dort ankommen, ist es jedoch schon geschlossen. Stattdessen laufen wir den Weg nach Chinatown zurück und genießen die nächtliche Skyline. Im Gegensatz zu anderen westlichen und asiatischen Städten ist so ein Nachtspaziergang in Singapur total sicher. Die Fahrzeuge halten bei roten Ampeln, es gibt keine Drogenabhängigen und keine Obdachlosen. Man bekommt nicht einmal eine Taxifahrt aufgedrängt.
17.05.2009
Heute ist mein dritter und letzter Tag in Singapur. Arne wird am Abend nach Indien weiter fliegen und Victoria ist schon am Morgen nach Kuala Lumpur aufgebrochen. Ich werde am nächsten Tag Richtung Thailand fahren und für einen kurzen Stopp in Kuala Lumpur bleiben, da kein Weg an der malaysischen Hauptstadt vorbei führt.
Das Wetter ist richtig heiß, denn die dichte Wolkendecke der vergangenen Tage ist aufgerissen und lässt die Sonne nun erbarmungslos auf die Stadt niederbrennen. Nach einem Frühstück im Hawker-Center mache ich mich auf den Weg in die Innenstadt. Zum einen muss ich ein Ticket nach Kuala Lumpur besorgen, zum anderen will ich mir die Stadt noch einmal anschauen.
Die Straßen sind wie leer gefegt und jeder der draußen sein muss, sucht den Schatten der Häuserschluchten. Ich bin der einzige Törichte, der in der Sonne läuft. Nach einer Stunde merke ich, dass mir ein wenig komisch wird. Ich bekomme einen Tunnelblick und der Blutdruck scheint auch nicht mehr zu stimmen. So beginne ich, mich von Mall zu Mall zu springen, um ein wenig von der Klimaanlage abkühlen zu lassen. Dabei erkläre ich Ampeln und deren Rotphasen zu meinen Feinden. Natürlich habe ich auch viel zu wenig getrunken.
Endlich erreiche ich das Reisebüro und besorge mir ein Busticket in einem so genannten "VIP-Bus". Das sind Busse, die nur 17 Plätze anbieten, bekommt man aber eine Art Liegesessel, auf dem ich zwei Mal sitzen könnte. Diese "VIP-Busse" werden auf Plakaten von einer Chinesin mit Rubensfigur beworben, welche sich in den Sesseln sichtlich wohlfühlt. Den Weg zum Backpacker bestreite ich mit dem Taxi, dass nicht nur äußerst günstig, sondern auch klimatisiert ist.
18.05.2009 Kuala Lumpur
Die Reise nach Kuala Lumpur vergeht wie im Flug. Der Grenzübertritt erfolgt problemlos, nach einer kurzen Fahrt steige ich am Grenzübergang aus und bekomme meinen Einreisestempel. Dann geht es über die Autobahn Richtung Hauptstadt. Die malaysische Autobahn braucht sich vor der in Deutschland nicht zu verstecken, sie ist gut ausgebaut. An den riesigen Panoramascheiben ziehen scheinbar endlose Palmenhaine vorbei. Einziges Manko der gesamten Fahrt ist jedoch, dass der Bus nur alle drei Stunden anhält - nix für Leute mit Durchfall.

Nach sechs Stunden Fahrt tauchen dann die riesigen Petronas-Türme der Hauptstadt auf und wenig später finde ich mich in einem Chaos aus Autos und Menschen wieder. Vom Klima her hat sich nichts geändert, es ist heiß und schwül. Mein erster Gang führt mich zu einer Bank, an der ich das Geld für die gesamte Woche abhebe. Um ein Taxi zu suchen, muss man in Kuala Lumpur nicht zu einem Taxistand gehen, oder winkend an der Straße stehen. Der malaysische Taxifahrer hat sich scheinbar von seinem mexikanischen Kollegen alles abgeschaut. Hupen, Fragen, überteuerte Preise anbieten und ja dass abnehmbare Taxameter ins Handschuhfach stopfen. Es bedarf einer zehnminütigen Verhandlung, bis ich einen akzeptablen Preis zu meiner Herber bekomme. Wenig später bin ich im Backpacker. Ich habe Hunger, habe ich doch den gesamten Tag nichts gegessen. Wenige Meter von meiner Herberge ist eine Art Imbiss, an dem ich mir für ein paar Cent etwas zu Essen machen lasse.
Nach ca. 10 Minuten bin ich wieder zurück und bemerke sofort, dass etwas nicht stimmt. Mein Gepäck wurde durchsucht. In der Eile hatte ich vergessen, das Geld rauszunehmen und nun ist es weg. Ich weiß sogar, wer es genommen hat, die einzige Person im Raum, ein Pakistani lächelt mir frech ins Gesicht. Ich habe keine Beweise, bin stinksauer, informiere den Portier, aber es macht keinen Sinn. Zur Sicherheit nehme ich mir ein Einzelzimmer. An diesem Tag wird mein Vertrauen in Mitreisende ein wenig beschädigt. Bisher konnte ich immer alles liegen lassen, nun werde ich wieder mit dem Einschließen beginnen.
20.05.2009
Ich bin nun den zweiten und letzten Tag in "KL", wie man hier auch sagt. Nach einem Gang durch die Stadt habe ich auch einen Beinahmen gefunden. "Stadt der Gegensätze". Arm und Reich, verfallen und modern, Burka und kurzes Kleid, alles ist hier zu finden. Mit der Monorail geht es für kleines Geld in die Innenstadt. Hier herrscht multikulturelles Flair, Europäer, Amerikaner und Malayen mischen sich hier und leben in Selbstverständlichkeit miteinander. An jeder Straßenecke offerieren einem mehr oder weniger schöne Asiatinnen Vollkörpermassagen, von denen ich nicht weiss, ob sie das halten, was sie offiziell versprechen. Prostitution ist in Malaysia verboten. Trotz verspanntem Rücken und günstiger Preise gehe ich lieber nicht darauf ein.
Der Straßenverkehr ist in KL der blanke Wahnsinn. Ohne eine gewisse Risikobereitschaft ist die Fortbewegung in Malaysias Hauptstadt nahezu unmöglich. Rote Ampeln sind für die Autos und Scooter eine art unverbindliche Empfehlung anzuhalten. Ebenso verhält es sich mit dem Tempolimits, die so gut wie nie eingehalten werden. An manchen Touristenplätzen hat die Stadt auf die Situation reagiert und Verkehrspolizisten auf die Kreuzungen geschickt. Diese stehen oftmals hilflos herum, da sie scheinbar keinerlei Autorität geniessen.
Morgen werde ich weiter in den Norden zur Urlaubsinsel "Langkawi" fahren.
21.05.2009 Kuala Kedar
Am Morgen geht es mit der Monorail zur Pudura Busstation. Diese besteht aus einem riesigen Gebäudekomplex. In einer großen Halle hat man die Wahl zwischen zig Busunternehmen, die um die Gunst der Reisenden buhlen. Es ist laut und eng, da sich hier hunderte von Menschen tummeln.
Mit einem ausländischen Gesicht wird man schnell zum Ziel der "Reiseagenten", die sich mit mehr oder weniger professionell geschneiderten Fantasie-Uniformen und selbstgemachten Namensschildchen zu legitimieren versuchen. Nach einigen vergeblichen Versuchen, die Preise für die Fahrten zu vergleichen, gebe ich auf und lass mich von einem Agenten zum Schalter führen.
Wenig später sitze ich mit einem 13€ Ticket in einem VIP-Bus. Da der Tag früh begonnen hat, bin ich müde. An Schlafen ist jedoch nicht zu denken, da mein Gepäck unten im Schlund des Busses deponiert ist und dort zahlreiche zwilichtige Gestalten herumschnüffeln.
Dann geht es wieder auf die Autobahn, die sich bis zum Horizont erstreckt. Nach einigen Stunden werden die Palmenhaine seltener und es ragen atemberaubende Felsformationen in den Himmel. Es wird bergiger und der untermotorisierte Bus quält sich in Schrittgeschwindigkeit über das Gefälle. Mittlerweile habe ich mir einen Pullover übergezogen, da es im Bus durch die Klimaanlage unglaublich kalt ist.
In der Abenddämmerung komme ich in Alor Setar, einer kleinen Stadt welche 10 km von der Küste entfernt ist, an. Der Busbahnhof ist natürlich voller Agenten, die mir ihre Tickets verkaufen wollen. Die Fahrt nach Kuala Kedar, von der die Fähren Richtung Langkawi ablegen, muss ich mit einem lokalen Bus zurücklegen. Diese Info bekomme ich nach einer schier endlosen Fragerei bei allen möglichen Autoritäten letztendlich in einem Fastfood-Restaurant, in dem ich genervt mein Abendbrot eingenommen habe.
Eine Stunde später komme ich in Kuala Kedar an. Es ist dunkel, noch immer unglaublich warm und sicher sieht es hier auch nicht aus. Am Anleger erfahre ich, dass die nächste Fähre erst wieder am Morgen startet. Zuerst halte ich das für einen Trick - will man mir zugleich eine Unterkunft anbieten - aber letztendlich muss ich eingestehen, dass man mir die Wahrheit gesagt hat.
Die Suche nach Hotels erweist sich als relativ leicht, zumal die Preise weit über dem Durchschnitt Malaysias liegen. Ich checke ein und begehe dabei einen riesigen Fehler. Ich bin müde, will nur ein Bett eine Klimaanlage und eine Dusche und verlasse mich auf die prunkvolle Lobby eines Hotels. Das Zimmer offeriert jedoch den wahren Charakter des Etablissements. Es stinkt und es ist unglaublich dreckig. Das Bad ist dabei nahezu das Schlimmste, was ich jemals gesehen habe. Es gibt kein fließendes Wasser, stattdessen steht dort eine Regentonne, zum Duschen, in der zahlreiche Mückenlarven und Fliegen herumschwimmen. Als ich die Nachtischschublade öffne, rennen mir zahlreiche größere Exemplare von Kakerlaken entgegen. Den Schrank hat jemand als Aschenbecher benutzt und die Bettwäsche weist verdächtige Flecken auf. Am liebsten würde ich das Hotel sofort wieder verlassen, aber ich bin müde.
Als mein Trinkwasser zur Neige geht, beschließe ich neues zu kaufen und erlebe wieder eine Überraschung: Die Zimmertür lässt sich nicht abschließen. So muss ich mit all meinen Wertsachen zum nächsten Straßenstand, um eine Flasche Wasser zu kaufen. Das zehrt an den Nerven, aber irgendwie muss ich über so viel schlechten Service auch lachen.
Ich packe meinen Schlafsack aus und behandele ihn, so wie mich mit Insektiziden. Die Klimaanlage drehe ich so hoch, wie ich kann und die Tür verrammel ich mit einer Kommode. Dann lege ich mich schlafen.
22.05.2009 Langkawi
Der Wecker ist auf 7 Uhr gestellt, aber ich wache vorher auf. Die Nacht habe ich schlecht geschlafen. Wenig später stehe ich am Fähranleger. Vorher musste ich mal wieder Formulare ausfüllen, da sich Langkawi nahe zur thailändischen Grenze befindet. Die "Fähre" besteht aus einem ca. 20 m langem Schiff im Speedboat-Design. Dieses sieht von außen schick aus, jedoch innen ergibt sich ein anderes Bild. Es riecht nach Schiffsdiesel, der aus irgendeinem Tank entweicht und die Folien, welche vor den Scheiben die Sonne abhalten sollten, sind eingerissen.
Während der schaukeligen Fahrt wird ein Eastern gezeigt, in dem sich martialisch geübte Shaolin mit den Mächten des Bösen messen. Zeitgleich zieht das Schiff im zügigen Tempo durch wunderschöne türkise Gewässer. Überall ragen kleine Inseln aus dem Wasser, die mit Stränden und Kreidefelsen gespickt sind. Hin und wieder passieren wir Fischerboote, so genannte "Longtails". Dieser Name wurde ihnen durch ihren unkonventionellen Antrieb verliehen. So befindet sich am Heck des Schiffes eine ca. 2m lange Welle, an deren Ende ein Motor eines Kleinwagens befestigt ist. Dieser treibt eine kleine Schraube an und so hat jedes Boote einen langen Schwanz.
Nach eineinhalb Stunden legt die Fähre am Anleger von Langkawi an und alle Passagier sind froh, den unterkühlten Sitzbereich verlassen zu können. Es war in der Fähre so kalt, dass ich draussen minutenlang keine Fotos machen kann, weil die Linse ständig beschlägt. Über einen Steg geht es dann in die großzügig dimensionierte Eingangshalle des Hafens. Hier befindet sich das Paradies für alle Duty-Free-Shopper, dass sich vor keinem Flughafen verstecken muss. Hier warten sie auch schon: Taxifahrer, die sich sehr um den potentiellen Kunden bemühen. Hier kann man problemlos zuschlagen, da die Preise auf Langkawi von der Kommune festgelegt sind. Jeder Fahrgast kann auf einer Liste nachvollziehen, wie viel er wirklich zahlen muss.
Ich werde von einem netten alten Herr nach Pedang Beach gebracht, wo ich meine Unterkunft gebucht habe. Das Etablissement nennt sich "Zackrys Guesthouse" und befindet sich ca. 30Km von der Hauptstadt Langkawis entfernt. Es ist grade mal fünf Minuten vom Strand entfernt und besteht aus einer Bar und kleinen Bungalows. Zackry ist ein alter, mürrischer Mann, der alles andere als gastfreundlich ist. Anders verhält er sich bei Frauen, die er attraktiv findet. Das Gegenteil von ihm ist Neve. Neve ist Irin, 40 Jahre alt und sie arbeitet für Zackry. Ihre Arme sind voller gekonnter Tatoos, die sie sich selbst beigebracht hat. Neve nennt alle Gäste "Darling", "Honey", oder "Sweety". Diese Offenheit und Wärme kommt keinesfalls gespielt daher. Neve redet so wie sie fühlt.

24.05.2009
Ich wache erst gegen Mittag auf, als der Roomservice mein Zimmer reinigen möchte. Zackrys ist eigentlich ein Backpacker, jedoch gibt es hier einige ungewohnte Serviceleistungen die in dem lächerlichen Zimmerpreis inbegriffen sind. So kann man sich ein Fahrrad umsonst ausleihen, oder einen kleinen Pool benutzen. An der Bar bedient man sich selbst und schreibt seine Getränke vertrauensvoll auf seine Liste. Ferner bietet das Zackry einen Rabatt für zwei nahe Restaurants und es werden Scooter verliehen. Letztere bekommt man nur in Verbindung mit einem Helm und einer zehnminütigen Sicherheitsanweisung von Neve.
Die Sonne scheint und schafft eine unglaubliche Hitze. Ich gehe zum Strand, vorher bin ich von Neve noch mit einem Armband des nahegelegenen Superhotels ausgerüstet worden, welches sie dort abgestaubt hat. Damit hat man den Zugriff auf Wellnessbereich, Pool und Bar. Der wunderschöne Strand ist fest in russischer Hand, die sich schon gegen Mittag am steuerfreien Alkohol laben. Stören tut hier lediglich der Turm der zivilen Verteidigungseinheiten Malaysias, sowie ein ca. 1Km entfernter Zulauf ins Meer, der scheinbar ungeklärte Abwässer mit sich führt.
So liege ich am Meer, mit Blick auf die Straße von Malacka, an der sich sicher die zahlreiche Piratenschaft um die reichaltige Fracht der Containerschiffe bemüht. Wem es beliebt, der kann sich auch einen Jetski für wenig Geld mieten.
Am Nachmittag besuche ich dann einen nahegelegenen Supermarkt. Auf dem Weg dorthin komme ich an zahlreichen Geschäften vorbei, die ihre Waren in russischer Sprache auf großen Plakaten feilbieten. Der Kassierer im Supermarkt ist grade mal sechs Jahre alt und seine artithmetischen Fähigkeiten sind dementsprechend. Ich muss seine Endsummer mehrere Male korrigieren, bis alles stimmt. Dann geht es wieder zurück zu Zackrys, wo ich in der Gemeinschaftsküche erst einmal koche. Dabei lerne ich auch die anderen Gäste kennen. Da gibt es William, ein Zimmermann aus der Gegend von London der den ganzen Tag Raubkopien von Filmen sieht, drei blonde Schwedinnen und zwei Neuseeländer. In einer Ecke der Bar sitzt ein Tscheche namens Peter, der den gesamten Tag sein Laptop beharkt und sich mehr oder weniger jugendfreie Videos aus dem Internet zieht. Später kommt noch ein schwergewichtiges Paar aus Schottland hinzu, dass sich den gesamten Abend mit "Booze" abschiesst. Wir sehen ein paar Filme, trinken ein paar Biere zusammen und dann geht ein relxater Tag auch schon wieder zu Ende.

25.05.2009
In der Nacht hat sich der Monsum angekündigt. Es hat wie aus Eimern geschüttet und die halbe Insel steht unter Wasser, aber die Leute nehmen das hier selbstverständlich hin. Ebenso wie die Schwüle, die nun jeden Schritt zur schweißtreibenden Angelegenheit macht. Den Tag über verbringe ich die meiste Zeit im Pool, bis meine Haut ganz runzelig wird und mein wahres Alter offenbahrt. Abends erlebe ich dann in der Bar eine Überraschung: Zackry kann nett sein, auch wenn dieses Privileg nur den Damen gewährt wird. Eine der nicht unattraktiven Schwedinnen hat Geburtstag und Zackry hat Kuchen besorgt. Den gibt's dann allerdings nur gegen Küsschen und Umarmungen.
26.05.2009
Nach einem relaxten Tag entschließe ich mich, die Insel mit einem Scooter zu erkunden. Das Wetter ist glücklicherweise etwas aufgeklart. Für 5 Euro bekomme ich eine 125ccm Maschine, für die man in Deutschland einen Führerschein bräuchte. Hier auf Langkawi reicht ein Helm. Der Sprit ist unglaublich günstig, da Malaysia eigenes Erdöl auf Offshore-Plattformen fördert. Für meinen Inseltrip hat mich Neve mit einer Karte ausgerüstet, auf der alle Sehenswürdigkeiten eingezeichnet sind.
Einmal im Linksverkehr fährt es sich wunderbar auf den gut ausgebauten Straßen Langkawis. Das Einzige, was wirklich der sportlichen Fahrweise entgegensteht, sind die freilaufenden Rinder. Diese stehen gerne auf den Straßen und glotzen einen gelangweilt an. Des Weiteren scheinen sie den Teer den Wiesen als Toilette vorzuziehen.
Die Landschaft Langkawis ist atemberaubend. Es wechseln sich Palmenhaine mit Regenwald ab, die ganze Szenerie wird von Bergen mit schroffen Felswänden ummalt. An der Küste gibt es wunderschöne weiße Strände, die abseits von den Touristendörfern Einsamkeit versprechen. In den Wäldern zirpt und heult es, wie in einer Geisterbahn. Hin und wieder huscht ein Affe in den Ästen vorbei. Leider werden diese Tiere immer wieder Opfer des Straßenverkehrs, zumindest zeugen die zahlreichen platt gefahrenen Kadaver davon.
An diesem Tag lege ich satte 200 Km zurück und erreiche Zackrys erst wieder am Abend, kurz bevor die Sonne unter geht. Als Beweis für meinen Ausflug habe ich mir einen satten Sonnenbrand auf den Oberschenkeln geholt, sonderbar nach der vielen Sonne die ich bisher genießen durfte.
Am Abend jagen die Gekkos an den Hauswänden und sie finden viel zu fressen. Ihre Leibspeise sind Mücken und die gibt es hier zu hauf. Das warme und feuchte Klima begünstigt diese plagenden Insekten. In der Nacht verziehen sich die Biester allerdings, weil ein Zyklon aufzieht. Wie aus dem Nichts peitschen plötzlich starke Sturmböen Unmengen von Wasser über das Land, so dass ich mir Sorgen um das Dach meines Bungalows mache. Verstärkt wird diese Sorge durch den unglaublichen Lärm, den der intensive Regen verursacht, wenn er auf das Blechdach trifft. Durch das Fenster kann ich sehen, wie sich die Palmen im Wind biegen und das Blattwerk durch die Lüfte fliegt. Irgendwann bin ich aber so müde, dass ich einschlafe.
27.05.2009
Der Sturm der letzten Nacht hat kaum Schaden angerichtet, lediglich der kleine Tümpel in dem Zackry Schildkröten hält, ist auf das Vierfache seiner normalen Größe angeschwollen. Es ist mit 30 Grad und wolkigem Himmel angenehm kühl. Leider regnet es oft und so fällt mein zweiter Tag mit dem Scooter aus. So wird dies ein Gammeltag, an dem ich mir mit den anderen Filme anschaue und mit ihnen über das Leben sinniere.
In solchen Gesprächen tauschen wir Erfahrungen über unsere Reisen aus. Aber es werden auch immer wieder lustige Annekdoten aus der Heimat erzählt. Zu tiefgründigeren Gesprächen kommt es denn am Abend. Da treffe ich Saskia und Dirk. Saskia kommt aus der Schweiz und Dirk aus Freiburg. Die beiden sind verheiratet und sie leben vegan. Das hat etwas mit ihrer geistigen Einstellung zu tun, denn die beiden haben mal eben drei Jahre Indien inklusive Ashram hinter sich. Natürlich praktizieren sie auch Yoga, stellen sich paarweise auf den Kopf. Dirk hat sich grad einen Laptop gekauft - obwohl er Besitz als etwas "Schmerzhaftes" empfindet. Den ersten Schmerz hat er schon ertragen müssen, da ihm - ganz weltlich - sein Betriebssystem eingegangen ist. Da trifft es sich nur zu gut, dass ich alles für eine erneute Installation parat habe.
Nachdem der Laptop wieder läuft und auch noch einig Optimierungen vorgenommen wurden, bekomme ich von Dirk das Angebot, dass er mir ein Tatoo sticht. Damit hat er nämlich in den letzten Jahren sein Geld verdient. Seine Arme und Beine sind voller imposanter Motive. Allerdings bin ich kein Freund von Nadeln und das Risiko, sich eine Infektion zu holen ist mir zu groß. Stattdessen wünche ich mir ein paar Reisetipps für Indien und Thailand. Es wird ein gemütlicher Abend mit selbst gerösteten Erdnüssen und dem geballten Wissen zweier Langzeitreisender.
28.05.2009
So langsam wird es wieder Zeit, meine Sachen zu organisieren und alles zu verpacken. Am nächsten Tag wird es Richtung Thailand gehen. Neve hat eine malaysische Dame organisiert, die mir meine Wäsche macht. Kosten tut es beinahe gar nichts, was mir ein schlechtes Gewissen verursacht, als meine Kleidung zusammengelegt und gebügelt zurückkommt. Saskia hat die gesamte letzte Nacht damit verbracht, mir die besten Orte Indiens aufzuschreiben. Ja, mehr noch: Sie hat mir einige Routen zusammengestellt. Dabei hat sie darauf geachtet, dass ich nicht gleich das "volle Indien" bekomme, wie sie es nennt. Was dies bedeutet, weiß ich nicht. Heute sind tolle Leute angereist. Sie kommen aus Australien und spielen Gitarre. Wir jammen den gesamten Nachmittag in der Bar, da es mal wieder regnet. Neve geniesst das sichtlich, liebt sie doch die Musik so sehr. Am Abend organisiere ich noch die letzten Dinge für den nächsten Tag. Dazu gehört das Herausfinden der Fährzeiten, sowie das Studieren und Downloaden der Karten für Thailand. Ebenso prüfe ich noch einmal die Webseiten des Auswärtigen Amtes. Die Reisewarnung für den Süden Thailands, speziell für Hat Yai ist nach wie vor drin. Es wird ausdrücklich vor täglichen, auf Touristen abgezielte Bombenanschläge gewarnt. Dirk meint es wäre alles kein Problem, es sei schon seit einigen Wochen nicht mehr zu Explosionen gekommen. Wissen tut er dies, weil er vor wenigen Tagen mit Saskia dort gewesen war. Er ist beinahe etwas beleidigt, weil ich den offiziellen Stellen dann doch ein wenig mehr traue und Hat Yai weiträumig umfahren werde.
29.05.2009 Thailand
Am morgen fahre ich früh mit dem Taxi zum Hafen. Dort wartet auch schon die rostige Fähre einer thailändischen Reederei um sich möglichst viele Menschen einzuverleiben. Ich kaufe ein Ticket nach Satun, was nur mit einem Reisepass möglich ist. Dafür wird die Nummer, Name und Geschlecht auf dem Ticket vermerkt. Die Zeit reicht grade noch für einen leckeren Snack und den zollfreien Einkauf, dann geht es los. Im Warteraum vor dem Ausreisebüro Malaysias, in dem man seine Einreisekarte vorzeigen muss, treffe ich auf einen Briten. Er ist Segler und will zu seiner Yacht, die irgendwo in Thailand liegt. Ein echter Seebär, mit Bart und es fehlt eigentlich nur noch die Pfeife im Mundwinkel. Umso mehr verwundert es mich, dass er die Fähre möglichst spät besteigen möchte, da ihm angeblich die Wellen zu schaffen machen.
In der kleinen Kabine es es wieder lausig kalt, ich sehe Kinder mit blauen Lippen, die vor Kälte zittern. Ich beschließe, auf das Deck zu gehen und von dort aus die Fahrt zu genießen. Oben hat sich schon eine gesamte thailändische Familie eingefunden, die es für eine Art Sport hält, möglichst viele Fotos von mir mit allen Familienmitgliedern zu machen.
Dann erbebt das Schiff und es geht mit etlichen Knoten gen Thailand. Wir passieren wieder wunderschöne Inseln und türkisfarbenes Meer. So richtig geniessen kann ich das nicht, da dass Schiff erheblich Schlagseite hat. Die Schotten stehen trotz Warnhinweis offen und die Wellen bringen das Schiff so stark zum Rollen, dass man keinen Augenblick freihändig stehen kann.
Nach eineinhalb stunden legt die Fähre am Hafen an. Von der Stadt Satun ist aber weit und breit nichts zu sehen. Am Pier treffe ich den "Seefahrer" wieder, den ich insgeheim "Admiral Nelson" getauft habe, er ist sehr blass. Um die Halle des Hafens betreten zu dürfen, muss man durch die Einreisekontrolle. Dies ist wieder eine Menge Schreibkram, so wie ich ihn bisher in jedem Land erlebt habe. Immer dabei, die scheinbar standartisierten Fragen über den Zweck der Reise, wo man wohnen wird, ect. Die Passkontrolle ist schnell überwunden, da ich mit Nelson der einzige Ausländer bin. Ich erhalte einen Stempel in meine Reisedokumente und eine der Touristenkarten, deren Verlust eine reibungslose Ausreise verhindert. Der Zoll besteht aus einer illusteren Gesellschaft von Thais in Phantasieuniformen, die jeden anlächeln und niemand kontrollieren.
Dann bin ich das erste Mal in Thailand und sogleich kommt eine Armee von Reiseveranstaltern auf mich zu. Es gibt Busfahrkarten. Ich gebe Krabi als Ziel an und bekomme für 500 BHT, ca. 10€ ein Ticket und einen aufkleber auf mein T-Shirt. Ich habe auf einen großen Bus bestanden, da mir Dirk und Saskia von den hierseits beliebten Minibussen abgeraten haben. Angeblich werden die so mit Passagieren vollgestopft, dass man unbequem sitzt. Nelson hat augenscheinlich am Ticketpreis gespart, er wird von einem Motorrollertaxi abgeholt. Die fahren einen auf Wunsch samt Gepäck 400 Km bis nach Bangkok. Ich fühle Mitleid als ich sehe, wie Nelson Rucksack und Reisetasche auf dem Sozius zu arrangieren versucht.
Mein Bus kommt erst eine Stunde später, so sagt man es mir zumindest. Dann setze ich mich auf eine Bank und döse ein wenig herum, bis mich ein Beamter vom Zoll nach meiner Gitarre fragt. Er will wissen, ob ich Musik machen kann und als ich das bestätige, besteht er darauf, dass ich ihm etwas spiele - am liebsten Rock. Da ich die gesamte Aktion für eine verdeckte Operation zum Herausfinden des Inhalts meiner Gitarrentasche halte, lasse ich mich nicht lang bitten und spiele, bis die halbe Halle auf mich aufmerksam wird. Die Ladenbesitzer lächeln, der Beamte schwingt die Hüfte und sogar mein geschäftstüchtiger Reiseveranstalter lässt einen Augenblick von seiner Arbeit ab.
Dann werde ich anstatt in einen Bus in einen PKW verladen. Eigentlich wäre das ein Grund für ein mulmiges Gefühl, aber drinnen sitzt ein Mann und eine schwangere Frau, die mir in gebrochenem Englisch zu verstehen geben, dass sie mich zum Busbahnhof Satun bringen. Kurz darauf passieren wir eine Straßensperre der Armee, an der mal wieder der Reisepass fällig wird. Im Gegensatz zu ihren mexikanischen Kollegen sind die thailändischen Soldaten aber recht freundlich und es ist wesentlich angenehmer zu wissen, dass man nicht den Lauf einer Maschinenpistole im Rücken hat. Wenig später erreichen wir den Busbahnhof in Satun. Hier stehen riesige Doppelstockbusse, die so gut wie allen Komfort bieten, den man sich wünscht. So gibt es eine Karaoke-Maschine, LCD-TV und sogar eine X-Box, die zur freien Benutzung angeboten werden. Der Fahrer sieht so aus, als habe er nicht mehr als fünfzehn Jahre auf dem Buckel, aber er lenkt das riesige Gefährt gekonnt durch die engen Straßen. Wenig später geht es auf die Landstraße, vorbei an kleinen Dörfern, Kreidefelsen und natürlich Palmen. Die Thais fahren hauptsächlich auf Tuk-Tuks und Scootern und sie fahren so, wie es ihnen der Verkehr ermöglicht. Die Straßen sind belebt und an den Rändern führen sie die Abwässer mit sich, die übel riechen.
Am Abend komme ich dann in Krabi-Town an. Entgegen meiner Karte und Vorstellung liegt Krabi jedoch nicht am Meer. Stattdessen sind noch ca. 20 Km bis zur Küste zu überwinden. Kaum aus dem Bus ausgestiegen werde ich schon von Taxifahrern belagert, die mir einen überteuerten Platz in ihren abenteuerlichen Kisten anbieten. Einer will 600 Baht - der Preis für ein Ticket in das ca. 400 Km entfernte Bangkok. Ich handel den Preis herunter und bei einem guten Viertel sind wir uns einig. Dann geht es auf dunklen Straßen Richtung Meer. Mein Gefährt ist ein Tuk-Tuk der moderneren Art. Der Inhaber hat die gesamte Karosse mit LEDs ausgerüstet, dass sie wie ein Weihnachtsbaum blinkt. Plötzlich wird es hell und die Straßen haben wieder eine Beleuchtung und dann bin ich in Ao Nang. Die Stadt sieht sehr touristisch aus, aber irgendwie habe ich das auch gewollt. Das dafür ein paar Extraausgaben fällig werden ist mir klar. Dennoch ist Ao Nang zu dieser Jahreszeit nicht all zu überlaufen, da der Monsum naht. Aus diesem Grunde sind die Hotels bezahlbar und so checke ich in der günstigsten Herberge ein.
30.05.2009 Ao Nang
Mein erster Eindruck von Ao Nang hat mich nicht getäuscht. Die Stadt ist voll auf den Tourismus ausgelegt. Massagebuden so weit das Auge reicht, nordamerikanische Fastfoodketten und Stände voller Kopien von Designertextilien. Genau so echt scheint die Liebe der wunderschönen und jungen thailändischen Frauen zu ihren europäischen fettleibigen Greisen zu sein. Für Geld bekommt man hier so gut wie alles - wenn auch nicht so offensichtlich wie in Mexiko. Besonders der Freizeitsektor ist ausgeprägt. Große Schilder versprechen eine Fahrt in Richtung Phi Phi-Islands, wo der Strand aus dem Film "The Beach" angepriesen wird. Ferner kann man sich mit einem M16 Sturmgewehr in einer "Shooting-Range" vergnügen, eine Shopper mieten, Elefanten reiten und mit Delphinen tauchen gehen. Die Strände sind um diese Jahreszeit nicht all zu überlaufen, ist die See denn durch den kommenden Monsum sehr rau. Dennoch wagen sich einige in die schaukelnden Longtails, die einige Backpacker nach Rayley-Beach bringen. Ich sammel ein paar Informationen und genieße den Tag am Strand. Abends will ich dann noch ein Bier trinken gehen, finde allerdings viele Bars vor, in denen Prostituierte nach neuen Kunden Ausschau halten.
31.05.2009
Es ist warm und ich sehe mir den Strand an. Er ist sehr sauber, aber das Wasser ist aufgewühlt und braun gefärbt. Man sagt mir, dass der Monsum daran schuld sei. Den Tag über verbringe ich am Strand etwas außerhalb der Stadt und genieße die Ruhe. Hier gibt es weit und breit keinen Menschen, nur Hunde die sich zu mir gesellen. Das Essen ist sehr günstig und lecker, wenn auch sehr scharf.
Ich bin auf einem Elefanten geritten, eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Ich habe ewig gesucht, bis ich eine Einrichtung gefunden habe, in der die imposanten Tiere artgerecht gehalten werden. Wichtig war mir, dass sich die Dickhäuter frei bewegen können. Davon kann ich mich auch bei meiner Ankunft überzeugen, als mir eines der Tiere gemächlich vor den Scooter rennt und mich zum scharfen Bremsen zwingt. Das gesamte Gelände hat keine Zäune und Mauern. Neben dem Hauptgebäude fließt ein tiefer Bach, in dem die Elefanten baden und sich mit Lehm bewerfen. In dem klaren Wasser des Baches befinden sich auch zahlreiche Süßwasserfische, die den Elefanten folgen und sich scheinbar von den Exkrementen ernähren. Mein Elefant ist eine Dame im mittleren Alter. Sie ist äußerst eigensinnig und lässt sich schon gar nichts befehlen. So stehen wir eine Ewigkeit im Wald und warten, bis sie sich an einem Baum gekratzt hat und einige armdicke Äste mit dem starken Rüssel abgefressen hat. Die Haut fühlt sich toll an, warm und ledrig. Die Ohren klappen ständig hin und her. Gegen Ende der Tour wird es dann noch einmal brisant, weil sich das Tier vor einem Leguan, fürchtet und mit lautem Trompeten mit mir davon rennt. Gegen Ende gibt es noch eine Ananas, ohne die sich kein Tier für einen bewegen würde. Es ist unglaublich, wie geschickt der große und muskulöse Rüssel dabei als Greifwerkzeug verwendet wird.
01.06.2009
Ich habe in einer Bar einen Schweizer Chefkoch getroffen, der in einem der hiesigen Hotels gearbeitet hat. Er will in den nächsten Tagen mit seiner Frau und den Kindern zurück nach Hause und läd mich ein. Wir feiern ein wenig am Strand und genießen die ruhigen Tage.

02.06.2009
Heute hat mich eine Feuerqualle erwischt und das tut richtig weh. Bisher hatte ich nur von diesen Dingern gelesen und die Gefahr unterschätzt. Glücklicherweise hat es mich im flachen Wasser nur am Knöchel erwischt und schon bald kann ich wieder laufen. Es scheint sich auch nur um eine der milderen Arten zu handeln, da die Schwellung schon nach wenigen Stunden nachlässt. Heute ist der vorletzte Abend in Ao Nang, dann geht es wieder zurück nach Singapur. Ich nutze die Zeit, um mich noch einmal mit Andreas dem Koch zu treffen. Es wird ein lustiger Abend, bis ich von einer Dame nach Hause gefahren werde, die sich zu uns an den Tisch gesellt hat. Bis vor der Tür meines Hotels habe ich mir gar keine Gedanken darüber gemacht. Natürlich auch, weil ich einiges getrunken habe. Doch dann wird die Sache plötzlich merkwürdig, denn die Dame will mit auf mein Zimmer. Meine Ablehnung scheint sie als Aufforderung zum Handeln zu verstehen und unterbietet sich selbst dabei. Weil mir nichts einfällt sage ich ihr im Alkoholnebel der Dummheit, dass sie es verdienen würde, geliebt und nicht bezahlt zu werden. Damit bin ich sie zwar los, aber sie brüllt noch eine Weile herum und ich habe keine Ahnung, was es bedeutet. Nett war es zumindest nicht. Sie tut mir leid. Von Andreas weiß ich, dass die Menschen hier umgerechnet etwa 60€ im Monat verdienen. Das reicht dann zum kargen Leben, für mehr nicht.
03.06.2009
Der Abend hat ganz schöne Spuren hinterlassen. Ich habe Kopfschmerzen und die kommen nicht nur vom vielen Alkohol, sondern auch von dem Erlebnis der letzten Nacht. Ich mache mir Vorwürfe, dass ich die Situation nicht früher erkannt habe.
Gegen Nachmittag packe ich mein Zeug zusammen, denn es wird wieder Zeit auf Reisen zu gehen. Indien wartet und ich spüre, dass es mich eine Menge Kraft kosten wird.
04.06.2009
Heute habe ich das erste Mal erfahren, wie teuer die Fahrkarte nach Krabi ist. Natürlich kostet es nicht 250 BHT, sondern nur 50 BHT. Das hat mir die Frau an der Rezeption verraten und dazu gab sie gleich preis, wo die geheimen Busse für Einheimische fahren. Wenig später sitze ich auf der Ladefläche eines Pick-Ups . Der Fahrer kennt kein Erbarmen und fährt mit allem was der kleine japanische Motor hergibt. Der dritte Gang springt ständig raus und er muss ihn mit der linken Hand festhalten, während er noch telefoniert. Dafür dauert aber die Überfahrt nach Krabi nur 15 Minuten, mir kommen sie wie eine Ewigkeit vor. Am Busbahnhof bekomme ich einen Bus nach Hat Yai, Tor nach Malaysia.Am liebsten hätte ich diese Stadt gemieden, aber es scheint die einzige Möglichkeit zu sein, schnell nach Kuala Lumpur zu kommen. Ich zahle 230 Baht und befinde mich wenig später in einem großen Bus. In der letzten Reihe hat jemand einen Scooter geparkt, nicht schlecht, den hier rein zu bekommen, die Dinger sind sauschwer. Ich sitze neben einem jungen Thai und fahre mir die gute Thaimusik aus den Lautsprechern rein. Drei mal darf ich raten, um was es geht: Liebe, Romantik und Sterben.
Gegen 17 Uhr komme ich in Hat Yai an. Die Stadt ist eine Festung. Überall Militär und Polizei. Hinzu kommen noch zahlreiche private Sicherheitsunternehmen, die aber nicht minder bewaffnet sind. Am Busbahnhof wieder eine Armada von Taxifahrern. Einer ist besonders eifrig und will partout nicht von mir ablassen. Ich sage ihm genervt, dass er der 150ste ist und dass ich erst mal die Preise erfragen will. Der erste sagt 100, eindeutig zu viel, dafür hat er aber auch den tollsten Schlitten, eine Ami-Truck. Irgendwann finde ich ein Tuk-Tuk für 30 BHT und eigentlich weiß ich schon, dass es noch günstiger geht, aber es gesellen sich auch immer mehr zwielichtige Gestalten zu mir. Ich nehme es und fahre zum Bahnhof. Einen Zug nach KL gibt’s natürlich nicht mehr, aber morgen früh. Ich checke in das nächstgelegene Hotel in Hat Yai ein. Die gesamte Atmosphäre gefällt mir hier nicht, laut Auswärtigem Amt sollte man nicht hier sein.
Der Raum ist super sauber und er hat eine Klimaanlage, Garant für guten Schlaf. Das Bad ist ein Traum, ich fühle mich wohl. Minuten später bin ich geduscht und umgezogen und wage nun doch noch einen Gang in das nahe Zentrum. Besser jetzt, bevor es dunkel wird.
Hat Yai ist ziemlich herunter gekommen. Überall gibt es Obdachlose, die einen um ein paar Baht anbetteln. Die Leute - zumeist Muslime - gucken einen nicht grade freundlich an. Aber alles okay, ich kann es ertragen. Anders hingegen geht es auf dem chinesischen Markt zu. Hier lächeln mich alle an. Ich sehe eine dieser Wok-Pfannen, hinter dem eine alte Frau steht. Sie brät Reis mit Fleisch, sieht gut aus. Wenig später sitze ich an einem der kleinen Tische und warte auf mein Essen. Es hat einige Hände und noch mehr Füße benötigt, etwas zu bestellen, was nicht aus Fisch, oder Seafood besteht. Dann kommt ein alter, sehr kleiner Mann und bringt mir mein Essen. Es schmeckt toll und es kostet nur 40 BHT, ca. 90 Cent. Danach schaue ich mir den Markt an. Man darf sich so einen chinesischen Markt nicht vorstellen, wie einen Flohmarkt in Deutschland. Es gibt Gänge, die nicht breiter sind, als 40 cm, auf beiden Seiten wird die Ware angeboten. Es gibt alles, Buddhas aus Holz, Wurfsterne, Tierprodukte für die Potenz, Plastikschrotflinten und mehr- oder weniger gut gefälschte Markenware. Über allem liegt der Duft von Gewürzen und verwesendem Fisch. Es herrscht überall reges Treiben, hier wird Geld gezählt, da wird lautstark in Mandarin verhandelt. Trotz all der Hektik ist niemand gereizt, unglaublich, welche Harmonie hier herrscht. Der Markt in Singapur war da schon anders.
Als die Sonne untergeht, gehe ich noch schnell im Supermarkt ein paar Sachen kaufen und gehe auf mein Zimmer. Sicher ist sicher. Als ich am Hotel ankomme, sind die Straßen fast leer - bis auf das Militär, welches in Jeeps um die Viertel fährt. Ich schalte die Klimaanlage auf meine Lieblingstemperatur, 25 Grad, ein und schlafe.
05.06.2009
Am morgen stehe ich um neun Uhr auf. Der Schlaf hat mir unglaublich gut getan. Mit Klima schläft man einfach besser, ich liebe Klimaanlagen. Mein erster Gang führt mich in das Zentrum, wo ich im Zentrum einen Burger frühstücke. Ein so großes Frühstück deshalb, weil ich den gesamten Tag im Zug sitzen werde und nicht vor habe, den malaysischen Speisewagen zu besuchen, welcher auch für Europäer teuer ist.
So sitze ich auf dem Bahnhof und warte auf meinen Zug, fern von Taxifahrern und Hotelgehilfen, die einem ein Angebot nach dem anderen machen. Vor mir steht ein Güterzug, am Ende sind zwei Waggons angehängt. Irgendwann kommt dann jemand zu mir und sagt, ich müsse in einen der letzten Waggons einsteigen. Sehr merkwürdig, aber ich tue es. Drinnen ist es relativ angenehm, die Klima arbeitet. Im Zug treffe ich auf einen Briten, der auf der Durchreise nach KL ist. Wir unterhalten uns während der Zug durch Thailand ruckelt. An der Grenze zu Malaysia muss man den Zug verlassen und auf dem Bahnhof seine Formalitäten bei den Zollbehörden machen. Alles geht reibungslos nur eigenartig, dass hier die Panik vor der Schweinepest herrscht. Man muss sich einer Fiebermess-Prozedur unterziehen. Der Beamte zeigt mir das Thermometer, nachdem er es mir ein paar Sekunden ins Ohr gehalten hat. 37,1 Grad, alles okay, ich darf passieren. Dann geht es wieder in den Zug, der auf der anderen Seite des Bahnhofes angehalten hat. Im Schlafwagen ist es unglaublich heiß. Es wird auch nicht kühler, während wir nun durch Malaysia fahren. Während die Temperaturen weiter steigen wird mir klar, dass es nun eine schlechte Nacht wird. Der ganze Waggon schwitzt und jeder nervt den Schaffner, der uns einen Techniker verspricht, der die Anlage reparieren soll.
Ein paar Stunden später müssen wir dann in einem Ort namens „Butterworth“ aussteigen und bekommen ein Ersatzticket für den nächsten Zug. Dieser Zug hat natürlich Verspätung und so kommen wir erst um 1 Uhr in der Nacht weg. Als Ersatz bekommen wir aber keinen Schlafwagen, sondern einen 1. Klasse Stuhl, der alles andere als bequem ist. Das Ding ist eine Qual und zu allem Unglück spielt das Kind einer in Tüll eingehüllte Muslima an dem Stuhl rum. Da es sich bei dem Kind um einen Jungen handelt, darf der auch alles machen, was er will. Auch morgens um drei Uhr auf dem Sitz vor ihm rumhopsen. Langsam weiß ich nicht, wen ich mehr hassen soll, dass Kind, oder die unfähige Mutter. Hinzu kommt, dass das grelle Licht des Waggons an bleibt. Neonröhren in ungeahnter Leuchtkraft beißen in die Augen und der kleine Junge hört nicht auf, auf meinem Stuhl rumzuhüpfen. KTM, so nennt sich das malaysische Bahnunternehmen, macht mir Spaß. Ich überlege, wie ich mich bei dem kleinen Rotzlöffel rächen könnte. Wenn er müde wird, dann hüpfe ich bei ihm rum, bis er heult - nur so ein Gedanke.

06.06.2009
Am Bahnhof in Kuala Lumpur komme ich gerädert an. Hier habe ich die Wahl, KTM-Zug, oder Bus. Ich entscheide mich für den Bus. Der Weg zum Busbahnhof verläuft ohne weitere Pannen. Ich kenne mich in KL nun aus, keine langen Wartezeiten, keine teueren Taxis, einfach Monorail, 200m laufen und schon bin ich an der Puduraya-Busstation. Dieses Mal lasse ich mich auch nicht von den doofen Busticket-Agenten ködern. Stattdessen gehe ich gezielt zum Schalter und bekomme ein Ticket nach Singapur.
Die Fahrt muss ich erst einmal Schlaf nachholen. Zum Glück weiß ich von der Hinfahrt, dass es kalt wird und habe mir vorsorglich meinen Pullover aus dem Rucksack genommen. Im Verhältnis zu Thailand geht alles relativ geordnet vor sich, abgesehen von irgendwelchen Schmuggelaktionen von Stoßstangen und einer heimlichen Übergabe mitten auf dem Pannenstreifen der Autobahn. Mittlerweile bin ich schon an alles gewöhnt. Die Einreise in Singapur verläuft gut und schon bin ich wieder da, wo ich vor einigen Wochen gestartet bin. Im Bus habe ich mit einigen Reisenden Freundschaft geschlossen, sie bringen mich nach Chinatown, wo ich wieder in meinen alten Backpacker bei Herrn Wang einchecke. Dort treffe ich auf Florenz aus Deutschland und Angie aus Kanada. Mit Florenz gehe ich abends in meinem Lieblings-Hawkercenter etwas essen . Dann gehe ich schlafen, ich bin immer noch von dieser nervigen Nacht im Zug fertig.
07.06.2009
Heute ist mal wieder ein Flugtag. Ich kann nicht leugnen, dass ich mir schon einige Gedanken über die Sicherheit
des Fliegens gemacht habe. Schon früher hatte ich damit Probleme und eigentlich später wieder die Freude daran gefunden. Doch in allen Zeitungen und Fernsehreportagen die Geschichte vom abgestürzten Air-France-Jet. Aus meiner Recherche auf den Webseiten hatte ich raus gefunden, dass ich mit dem gleichen Bautyp fliegen muss, A330-400. Doch wie durch ein Wunder hat Singapur Airlines umdisponiert, es geht nun mit einer Boeng nach Indien. Ich bin beruhigt.
Den Tag über verbringe ich im Backpacker in Singapur, was Andrew natürlich maßlos ärgert. Laut ihm solle ich Geld ausgeben und möglichst viel sehen. Das ich nun das sechste Mal in Singapur bin, spielt für ihn da keine Rolle. Am Abend fahre ich mit dem MRT zum Changi-Airport und checke ein. Schon in der Wartelounge herrscht Anflug von Indien, Frauen im Sari und Männer mit dem typischen, bieder wirkenden Beinkleidern. Immer mit dabei: Der Feinripp unter dem unifarbenen Hemd, an welchem jeder deutsche Folklorist seine Freude hätte. Gesprochen wird Englisch und Hindi. Ersteres mit einem Akzent, der jedes klischeehafte Sprachbild eines Inders zu 100 Prozent erfüllt.
Der Start des voll ausgebuchten Fliegers verläuft so sanft, dass ich ihn beinahe verpasst hätte. Die Maschine klettert schnell auf 10 000 m Höhe, wo sie durch die ersten Turbulenzen erschüttert wird. Mal wieder wird der Service eingestellt, aber irgendwann beruhigen sich die Winde und es gibt richtig gutes Essen. Zum Dessert reicht man mir sogar Eiscreme der Firma Langnese, die zahlreiche verschiedene Namen auf der Welt hat. In Asien und Australien nennt es sich "Walls".
Nachdem unten die Meerstraße von Malacka vorbeigezogen ist, lässt sich unten die blaue See des Golf von Begalen erkennen. Stunden später erreichen wir die Küste Sri Lankas und dann sind wir über indischem Territorium. Kurz vor Mumbai geht es dann für dreißig Minuten in die Warteschleife, bevor wir in Mumbai landen. Der Gang durch den Gateway lässt ahnen, wie heiss es draussen ist. Zwar ist es mittlerweile schon 22 Uhr, aber die Temperaturen sind schweißtreibend.
Im Mumbai-Airport "Chhatrapati Shivaji", kurz "CSI" herrscht absolutes Chaos. Auf den Fluren drängeln sich hunderte von Menschen Richtung Ausgang, der von Sicherheitskräften zum Nadelöhr verengt worden ist. Der Grund für die Verzögerung in der Abfertigung liegt an den Gesundheitskontrollen wegen des H1N1-Erregers. Die maskierten Ärzte sind so von der drängelnden Menschenmenge genervt, dass sie jedem einen Stempel auf das Unbedenklichkeits-Formular hauen, der es ihnen hinhält. Der Einreisestempel Mexikos in meinem Pass wird
ignoriert. Im Immigration Office reicht ein flüchtiger Blick auf das teuer erkaufte Visum und wieder gibt es einen Stempel. Endlich kann ich nun mein Gepäck abholen, um den Zoll zu passieren. Ob man sich dem einer Kontrolle unterziehen will, darf man in Mumbai selbst entscheiden. Der Durchleuchter und ein paar gelangweilte Beamte stehen in der Ecke, daneben ist eine offene Tür. Ich passiere sie und schon bin ich im Eingangsbereich des Flughafens.
Draussen herrscht Volksfestatmosphäre. Eine Menge von ca. 1000 Menschen wartet - durch Zäune von der Eingangstür abgetrennt - auf ihre Angehörigen. Die Tür an sich wird von schwer bewaffneten Soldaten bewacht. Einmal aus dem Flughafen raus, kommt man nicht mehr hinein. Zu dumm nur das sich die Theke mit dem Taxigutscheinen, ohne welche keine Fahrt anzutreten ist, drinnen befindet. Als ich einen mürrischen Sikh mit Maschinenpistole frage, schickt der mich weg und lässt mich erst hinein, nachdem ich mit seinem Boss
gesprochen habe. Dann werde ich zum Taxistand gebracht und man verstaut mein Gepäck in einem rostigen alten Fahrzeug der Marke TATA. Diese überflüssige und nicht gewünschte Dienstleistung ist natürlich nicht umsonst. Wenig später bekomme ich meine ersten Eindrücke von Indien. Es geht durch die scheinbar endlosen Elendsviertel, vorbei an stinkenden Rinnsalen und Müll. Trotz der fortgerückten Stunde herrscht reger Verkehr. Die Hupe dient dabei als Kommunikationsmittel und Kommunikation ist wichtig, da hier jeder so fährt, wie er will. Mein Fahrer
ist ein Raser und in diesem Augenblick vielleicht auch mein potentieller Mörder. Er fährt wie ein Henker durch die Straßen und drängelt dabei Rikshas und Scooter mit Hupe und Fernlicht weg. Ob eine Ampel rot oder grün ist, interessiert ihn nicht und als das Tacho teilweise 130 Km/h anzeigt wundere ich mich, dass ich jemals Angst vor dem Fliegen hatte.
Trotz der rasten Fahrweise erreichen wir den Stadtteil Colaba erst nach über einer Stunde, wo mich der Fahrer vor dem "Red Shield Guesthouse" raus lässt. Dieses Gästehaus ist eine Einrichtung der Heilsarmee. Es beherbergt jedoch keine Obdachlosen, sondern ist für Rucksackreisende eingerichtet. Nachdem ich den Nachtportier durch lautes ruckeln am Gitter vor der Eingangstür geweckt habe, bekomme ich ein Bett in einem Dorm zugewiesen. Der Preis ist mit umgerechnet 2,50€ pro Nacht für Mumbai ungeschlagen günstig. Dafür bekomme ich allerdings
auch eine Unterkunft, die meinen bisherigen negativen Spitzenreiter in Kuala Kedar um Längen schlägt. Das "Red Shield" ist unglaublich dreckig und marode. Im gesamten Haus riecht es nach Schimmel und alten Socken. Die Temperaturen im Dorm sind jenseits der 40 Grad, da ändert es auch nichts, dass an der Decke ein Lüfter laut ratternd seine Runden dreht. Im Bad hab ich es mit Kakerlaken in sämtlichen Größen zu tun, die dass Toilettenpapier bewohnen. Die Dusche besteht aus einem Eimer Wasser, den man über dem Kopf ausgiessen muss.
Die Etagenbetten sind nahezu alle besetzt, aber im letzten finde ich noch eine freie Stelle. Das Laken schaue ich mir lieber nicht an. Stattdessen packe ich meinen Schlafsack aus und lege mich darauf.
08.06.2009
Am Morgen wache ich dank Jetlag früh auf. Die meisten meiner Mitbewohner im Dorm sind auch schon wach und laben sich an dem Frühstück, dass in der Miete ingebriffen ist. Die meisten kommen aus Europa, den USA und Australien. Einige haben augenscheinlich Kontakt mit den Erleuchtungen indischer Gurus bekommen. So treffe ich auf viele kahl rasierte Reisende in orangefarbenen Tüchern.Es wird Zeit für ein wenig Sightseeing und dem Frühstück im "Red Shield" misstraue ich auch. So schaue ich mir Colaba etwas näher an. Dieser Stadtteil ist vor einigen Jahren weltweit in die Schlagzeilen gekommen, nachdem Terroristen dass Taj Mahal Palace Hotel angegriffen hatten. Die Auswirkungen dieses Angriffes sind noch immer zu sehen, so gibt es an einigen Stellen noch Bauarbeiten an der Fassade. Seit diesem Ereignis wird der Bezirk von der Armee bewacht und so gibt es an jeder Ecke Sandsackbarrieren, hinter denen schwer bewaffnetes
Militär verbirgt. Colaba ist relativ grün, es gibt kleine Parks und in den maroden Straßen stehen riesige Bäume. Hin und wieder sieht man die ehemals prächtigen Herrschaftshäuser der Briten, an denen der Zahn der Zeit genagt hat. Obwohl ich mich in einem der besseren Bezirke Mumbais befinde, liegt über den Straßen der Geruch von Fäkalien und Vewesung. Dieser kommt sowohl von den Abässern, die teilweise überirdisch fließen, als auch von den Müllbergen, die sich an den Straßenrändern auftürmen. Dazwischen liegen Obdachlose, die die Passanten um etwas Geld bitten. Ebenfalls zum Bild gehören zahlreiche Kinder im Alter von ungefähr zwölf Jahren, die einen mit ihrem eigenen Nachwuchs auf dem Arm festhalten, um etwas zu essen zu bekommen. Die Inder spucken sehr gern auf die Straße. Doch dieses erfolgt nicht im herkömmlichen Sinne. Stattdessen trinken sie einen riesigen Schluck einer roten Flüssigkeit und speien diese auf Gehweg und Straße. An jener Flüssigkeit laben sich dann tausende von Fliegen, die wie ein schwarzer Teppich vom Boden ausschwärmen, wenn man sie bei ihrem Mahl stört.
Mein Weg führt mich vom "India Gate" an Museen und Einkaufstraßen vorbei. Niemals zuvor habe ich eine solche Hektik im Verkehr erlebt. Noch stärker ist der Kontrast zwischen Armen und Reichen. Da fahren große schwäbische Limousinen an den schlafenden Straßenkindern vorbei und Frauen flanieren in französischer Mode an verstümmelten Bettlern vorbei. Man muss schon ausgekocht sein, um dass mit Gleichmut hinzunehmen. Am Abend kämpfe ich mich durch das Gewühl von Menschen und Autos, um zur Victoria-Station zu kommen. Von dort aus werde ich am nächsten Tag den Zug nach Poona nehmen. Den Ort hat mir Saskia wärmstens empfohlen. Schon weil es dort den Osho-Ashram gibt. In den Bahnhof kommt
man nur hinein, wenn man durch einen Metalldetektor geht. Dieser funktioniert zwar, aber die Polizisten daneben schauen einen gelangweilt an, wenn er Alarm schlägt - vermutlich funktioniert dieses System bis es zum nächsten Anschlag kommt. Im Bahnhof drängeln sich die Menschen vor den Schaltern. Von britischem "cueing" kann hier nicht die Rede sein, es muss dringend vermieden werden, Privatsphäre gibt es hier sowieso nicht. Es empfielt sich ein paar kleine Scheine parat zu haben, um nicht in aller Öffentlichkeit seine Gürteltasche öffnen zu müssen. Nachdem ich mich unter Anwendung physischer Gewalt an den Schalter gearbeitet habe, bekomme ich unter den Augen von mindestens acht Wartenden mein Ticket. Es kostet grade einmal 30 Cent und irgendwie habe ich das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Aber Indien bedeutet Abenteuer und ich bin frei, was die Ortswahl angeht. Die Fahrt zurück nach Colaba absolviere ich mit dem Bus. Dieser ist günstig und es scheint neben dem Zug das einzige Verkehrsmittel zu sein, in dem man den Fahrpreis nicht aushandeln muss.
09.06.2009
Am Morgen verlasse ich das Red Shield mit dem Wissen, nie wieder hier eine Nacht zu verbringen. War wirklich eine Nummer zu ekelig. Da ich den Weg zur Vitoria-Station kenne, kann ich beruhigt die überteuerten Angebote der Taxifahrer ablehnen. Am Bahnhof habe ich noch drei Stunden Zeit, bis mein Zug einfährt - vielleicht auch mehr. In Indien weiß man das nie so genau. Glücklicherweise hat mir Ania auf den Cook Islands ein Buch gegeben, dass sie schon ausgelesen hat. Es nennt sich "Demolition Angel" und ist eher leichte Kost. Während ich Seite nach Seite verschlinge und dabei Acht gebe, dass mir niemand mein Gepäck stiehlt, spricht mich ein älterer Herr an. Irgendwie kommt mir die Sache schon seltsam vor, aber ich plaudere ein wenig mit ihm. Dabei stellt sich heraus, dass mein Ticket so günstig war, weil ich einen Platz in einem so genannten "General Coach" habe. Dort gibt es keine Platzreservierungen und wer Pech hat, der steht die gesamte Fahrt. Aber keine Sorge, mein "Reisehelfer" will mir einen Platz besorgen. Auf dem Bahnsteig kommt es denn zum Streit zwischen ihm und zwei Frauen, die mich vor dem Typen warnen wollen. Diese Warnung nehme ich ernst und lasse den Herrn links liegen.
Nach langem Ringen bekomme ich einen Platz auf einer Viererbank im "General". Die Fenster sind - wie in allen Zügen Indiens - vergittert. Oben an der Decke befinden sich viele kleine Ventilatoren, die vergeblich versuchen die Temperatur im Wagon runterzukühlen. Die Toilette besteht aus einem kleinen Loch im Boden, dass viele Passagiere augenscheinlich nicht getroffen haben.
Die Fahrt geht durch Mumbai, dass nicht enden will. Der Zug überholt lokale Personenzüge, auf deren Dächern die Menschen sitzen. Die Wagons sind nach Geschlechtern getrennt. Eine offene Gesellschaft wie sie sich in der schönen Bollywood-Welt offeriert, gibt es nicht. Nach über einer Stunde passiert der Zug die letzten Vororte Mumbais. Diese bestehen zumeist aus Wellblech- und Steinhütten. Von ihnen geht ein übler
Fäkalgeruch aus, so dass sich mancher Passagier im Wagon ein Tuch umbindet. Es geht weiter über das Land und schon bald tauchen die ersten Berge auf. Die Fahrt führt durch tiefe Schluchten und lange Tunnel. An den Rändern der Schienentrasse wühlen Affengruppen im Müll, der von den Passagieren der Züge stammt. Und es gibt viel Rauszuwerfen, ständig patroullieren Händler durch die engen Gänge, um in einem
melodischen Gesang ihre Waren anzupreisen.
Es wird praktisch alles Angeboten, Schlösser und Ketten für das Gepäck, Essen in allen Variationen, Getränke, Spielzeug und Sticker mit diversen hinduistischen Göttern. Zehn Stunden später erreiche ich Poona in der Abendämmerung. Ich bin verschwitzt und fühle mich unglaublich gerädert. Da ist es nur von Vorteil, dass mir Saskia ein Hotel nahe des Bahnhofes aufgeschrieben hat. Die unzähligen Reisehelfer und Taxifahrer mit ihren Touristenpreisen kann ich so getrost missachten. Das "Hotel National" befindet sich nur wenige hundert Meter vom Bahnhof entfernt. Der Weg dorthin führt mich an zahlreichen Obdachlosen vorbei. Der Verkehr auf der Hauptstraße ist laut und chaotisch. Ampeln für Fußgänger gibt es nicht, es verlangt schon eine gewisse Todesmutigkeit, sich über die Straße zu wagen. Vor dem Eingangsbereich des Hotels hat sich eine Gruppe schlecht rasierter Ladyboys eingefunden, die von dem Wachmann grade verjagt wird. Ich checke in das Hotel ein und bekomme ein gutes Einzelzimmer.
10.06.2009
Heute fahre ich zu einem alten Markt im arabischen Viertel Poonas. Die Temperaturen sind in Poona um ein Vielfaches angenehmer, als in Mumbai. Mein Weg führt mich zum nächsten Rikshastand, wo die ersten Wegelagerer ihre überteuerten Dienste anbieten. Zwar haben alle Fahrzeuge einen Taxameter, allerdings ist dieser angeblich defekt. Ziel der meisten jeden Fahrers ist es, einen Pauschalpreis auszuhandeln, der dass Übliche Entgelt um mindestens 200 Prozent übersteigt. Ich bin es gewohnt, zu Handeln um etwas günstiger zu bekommen.
Meine bisherige Erfahrung ist: In Indien muss gehandelt werden, um den Preis zu bekommen, den Einheimische zahlen. Das dieser Endpreis dann für Europäer immer noch günstig ist, scheint hier jeder zu wissen. Dennoch kann ich meinen Ärger kaum zurückhalten, wenn man mir eine gewisse Dummheit unterstellt und mich dreist anlügt.
Wenig später sitze ich das erste Mal in meinem Leben in einer Risksha. Diese besteht aus einer Art motorisiertem Dreirad. Das Gefährt hat drei Sitze. Vorne mittig sitzt der Fahrer, hinten zwei Passagiere. Der Sound des Motors kann seine Zweitakt-Herkunft nicht verleugnen. Es beginnt bei der zügigen Fahrweise ordentlich nach Abgasen zu riechen. Die Kabine wird von einer Persenning überdacht. Nach zwanzig Minuten rasanter Fahrt und sechs Beinahe-Unfällen, erreiche ich die Mahadma Ghandi- Road. Dieser Straßennahme ist mit Sicherheit in jeder größeren Siedlung zu finden. Kaum bin ich aus der Riksha ausgestiegen, kommen schon die ersten Straßenkinder auf mich zu und betteln so intensiv nach dem Wechselgeld, dass ich es ihnen wohl oder übel überlassen muss. Diejenigen, die leer ausgegangen sind,
beschimpfen mich und nennen mich einen "bösen Mann". Dem bösen Mann ist das egal, er läuft weiter Richtung Markt, den ihm Saskia so dringend empfohlen hat.
Der Markt befindet sich umlagert von uralten Holzhäusern, die kunstvoll verziert sind. Es riecht nach Gewürzen und das wilde Feilschen zwischen Händlern und Hausfrauen im Sari übertönt sogar den Verkehr. Hier bekommt man wirklich alles. Fleisch - tot oder lebendig - Gemüse, Zigaretten und sogar Haschisch. Letzteres wird einem allerdings nur angeboten, wenn man wie ein Tourist aussieht. Sehr interessant sind die zahlreichen Buden, an denen man so genanntes "Street-Food" bekommt. Dieses besteht zumeist aus Allon Gobi, einer scharfen Sauce die wahlweise mit frittierten Kartoffen, oder "Ciabatti", einem dünn gewalztem Brot, eingenommen werden kann. Ich habe großen Appetit, denke jedoch auch an die Warnung der indischen Botschaft. Diese rät allen Touristen ab an Straßenständen zu essen.
Ich tue es trotzdem und werde nicht unangenehm überrascht. Meine einzige Vorsichtsmaßname besteht darin, kein Fleisch in Indien zu essen und das scheint angebracht. Die Fleischhändler befinden sich im hinteren Teil des Marktes und dort riecht es nicht gut. Da liegen diverse undefinierbare Fleischstücke ungekühlt auf von Blut getränkten Handtüchern. Dies zieht Fliegen an, die sich in großen Geschwadern auf die scheinbar wehrlose Beute herabstürzen. Doch hier kommen die Händler zum Einsatz. Diese haben sind mit einem Stock bewaffnet, an deren Ende eine Plastiktüte befestigt ist. Mit dieser Waffe schlagen sie permanent auf das Fleisch ein, um einen Madenbefall zu verhindern.Ob ihnen das gelingt mag ich zu bezweifeln.
11.06.2009
In der Nacht haben die Mücken zugeschlagen. Ich sehe aus wie ein Jugendlicher, dem die Pubertätsakne
zugesetzt hat. Das ist das passende Outfit, um den Ashram "Oshos" zu besuchen. "Osho" ist der neue Name von Bagwhwan, der in den 1970er Jahren mit seiner Lehre von der freien Liebe ordentlich furore machte. Nach freier Liebe ist mir nicht. Saskia hat mir den Tipp dennoch gegeben, weil sie von den Meditationen so begeistert war. Da fände man zu sich selbst, hat sie gesagt und ich glaube ihr. Zumindest klang sie so, als ob sie erleuchtet worden sei. Ob ich danach nur noch vegan esse und diesen gewissen antroposophischen
Ton in der Stimme habe, mag ich zu bezweifeln, aber man soll ja für alles offen sein.
Den Weg zum Ashram verbinde ich mit einem Spaziergang durch das wilde Poona. Es geht über eine Brücke, an den Slums Richtung Norden. Teilweise sind die Gerüche atemberaubend, die von der Straße, den Müllbergen und den vielen Obdachlosen ausstrahlen. Noch intensiver ist der Staub, der durch den allseits zähflüssigen und lauten Verkehr aufgewirbelt wird. Wer sich eben noch nach einer Dusche sauber
wähnte, der verliert dieses Gefühl binnen Minuten - spätestens dann, wenn sich die Füße nach wenigen Metern in ein dezentes Schwarz färben.
Nach einer Stunde bin ich schon einmal im richtigen Bezirk. Hier stehen große Villen auf weiträumigen Grundstücken. In einige Straßen kommt man nur mit einem Ausweis hinein, da sie durch Tore und diverse Sicherheitskräfte gesichert sind. Private Sicherheitsunternehmen scheinen in Indien eh Hochkonjunktur zu haben, gibt es doch überall Obdachlose, die es zu vertreiben gilt.
Endlich erreiche ich den Ashram, er liegt in einer ruhigen Straße - was an sich in Indien schon ein Luxus zu sein scheint. Das Gelände ist riesig und sieht eher wie ein Hotel aus. Der Eingangsbereich besteht aus schwarzem Stein. Dahinter befindet sich ein riesiges Areal, auf dem sich einige Dutzend Menschen aus aller Welt aufhalten. Sie tragen rote Kittel und sehen überhaupt nicht abgehoben aus. Nach kurzem Warten will ich das Tor passieren, ich werde jedoch gleich von den zahlreichen Sicherheitskräften aufgehalten. In dieser Woche seien keine Besucher mehr zugelassen. So muss ich wieder gehen und das wird mir auch relativ unhöflich klar gemacht. Nichts da mit Mediation, Liebe und Frieden.

12.06.2009
Der Tag beginnt mit den Vorbereitungen für meine Reise. Wenn ich ehrlich bin, dann hält sich meine Begeisterung
für Indien bisher in Grenzen. Bisher habe ich nichts gesehen, was in irgendeiner Form kompatibel mit meiner Erwartung ist - nicht einmal
Armut und Elend. Ich habe das Gefühl, "Urlaub" zu brauchen und deshalb will ich nach Goa.
Wer von Poona nach Goa will, kann sich für alle möglichen Transportmittel entscheiden. Theoretisch kann man auch eine Riksha nehmen. Aus Kostengründen entschließe ich mich für die Fahrt in einem Reisebus. Vor den zahlreichen Reisebüros am Bahnhof stehen natürlich Agenten, die einen "die beste Fahrt" anbieten. Die Masche ist immer die gleiche: Sie kommen auf einen zu und fragen: "YES PLEASE?", als ob man sie angesprochen hätte. Was nun folgt ist ein lockeres Gespräch in dem einem zahlreiche Destinationen aufgezählt werden. Ahnung von Geografie haben sie nicht, so kann man auch getrost ein Ticket nach Sylt verlangen und würde eine Zusage bekommen. In den Preisen unterscheiden sich die Reisebüros nicht sehr, sind sie doch zumeist für ausländische Touristen ausgelegt. Diese sind in dem Büro Chefsache, ich bekomme einen Tee gereicht und dann scheucht er einen
seiner Mitarbeiter weg und bietet mir deren Platz an. Wenig später habe ich mein Ticket für einen Sleeper-Bus. Das sind Reisebusse, in denen man in einer Art Pritsche schlafen kann - für mich hört sich das sehr komfortabel an.
Den Rest des Tages verbringe ich mit Vorbereitungen und dem Aufladen des Laptops und des I-Pods. Das Laden wird allerdings oft von den zahlreichen Stromausfällen, von welchen die gesamte Stadt betroffen ist, unterbrochen. Das kann sehr schnell unangenehm werden, wenn Klimaanlage oder Ventilator ihren Dienst verweigern.
Am Abend esse ich in einem Restaurant, in dem ich fantastische indische Speisen bekomme. Dann geht es ins Bett, denn morgen wird wieder ein stressiger Tag.
13.06.2009
Um Punkt zwölf Uhr checke ich aus dem Hotel aus, nun bin ich für den Rest des Tages Obdachlos, da mein Bus erst am Abend fährt. Der Portier des Hotels ist sehr nett und erlaubt mir, dass ich mein Gepäck dort deponieren kann. Den kleinen Rucksack mit meinen
Wertsachen nehme allerdings lieber mit.
Nach einem guten Frühstück laufe ich ein wenig durch die Stadt und lasse keine Gelegenheit aus, die Zeit totzuschlagen. So gehe ich in einen Park, in dem die Menschen auf der Wiese sitzen. Allerdings gesellt sich dann auch schon eine Gang Jugendlicher zu mir, deren Mitglieder allesamt nicht so aussehen, als ob sie den Friedensnobelpreis verliehen bekommen würden. Als ich das erste Mal auf Reisen war hat mir meine Mutter einen praktischen Tipp gegeben: "Leg Dir nich' mit da Dorfjugend an!" und so halte ich es dann auch hier in Indien.
Wenig später sitze ich in einem Internetcafe, in dem man nur Surfen darf wenn man seine kompletten persönlichen Daten in ein Buch eingetragen hat. Das Praktische daran ist, dass nicht nur die Polizei und sonstige Sicherheitsbehörden Indiens darin lesen können, sondern jeder andere Gast auch. So sind mir die Daten von zig Touristen zugänglich, die sich hier verewigt haben. Datenschutz wird in Indien ganz groß geschrieben. Nach dem stundenlangen Auffenthalt im Internetcafe stosse ich auf ein I-Max Kino am Rande der Stadt. Es liegt in einem Komplex, der weitestgehend vom Rest Indiens abgeschottet ist. Keine obdachlosen Bettler, keine traditionelle Kleidung, keine hupenden Fahrzeuge. Damit
dies möglich ist, muss man sich durch penible Kontrollen begeben. Drinnen befinden sich westlich gekleidete Jugendliche, die hier ihr üppiges Taschengeld verbraten - denn günstig ist es für Inder hier sicher nicht. Für 2,50€ gehe ich dann in einen grade erst erschienenen
Film. In den Vorführungsraum kommt man nur, wenn man seine Taschen in einer der am Flughafen in nichts nachstehenden Prozedur geöffnet hat. Hier wird jedoch nicht nach Equipment für Filmpiraten gesucht, sondern der Fokus ist eindeutig auf Sprengstoffe ausgelegt. So warnen große Schilder vor dem verfrühtem Verlassen des Vorführsaals ohne Benachrichtigung des Sicherheitspersonals. Diese werden den Sitz durchsuchen. Der Auffenthalt im Kino ist ein wenig Urlaub vor Schmutz, überteuerten Offerten und lärmenden Verkehr. Ich kann trotz Scham nicht verhehlen, dass ich mich wohl fühle, auch wenn dies so gar nichts mit Indien zu tun hat.
Inzwischen ist es Abend geworden und ich mache mich auf den Weg Richtung Hotel, um mein Gepäck abzuholen. Mein letzter Blick geht zum Kino, dann bin ich wieder im Gewühl aus Menschenmassen Rikshas und Bussen. Im letzten Licht der Abendsonne sehe ich, wie Geier über der Stadt kreisen. Im Hotel hole ich mein Gepäck ab und gehe zum Reisebüro, wo mir der Boss versprochen hatte, dass ich abgeholt werde. Dort warte ich eine Stunde auf einem Sitz vor dem Ladenlokal und lasse mich im zehnminütigen Takt vertrösten. So langsam wird die Zeit auch knapp aber ich denke mir, dass die Inder wissen schon was sie tun. Zehn Minuten später sehe ich, wie der Boss einen seiner Mitarbeiter anfaucht und dabei auf mich und danach auf seine Armbanduhr zeigt. Jetzt wird es hektisch, man ruft mir eine Riksha und dann sause ich durch die Stadt. Der Fahrer scheint zu wissen, dass ich es eilig habe. Er fährt wie ein Wahnsinniger über Kreuzungen und Gehwege, so dass ich mich frage, ob ich meinen Bus tot oder lebendig erreichen werde. Dann bin ich am Busbahnhof an dem zahlreiche Vehikel stehen. Jetzt weiß ich auch, warum der Boss im Reisebüro immer ehrfürchtig "VOLVO" sagte, als sei es ein Prädikat für besonders großen Fahrkomfort. Beim Anblick der maroden TATA-Busse, fühle ich mich priviligiert. In diesen Reisebussen hängen die Passagiere zusammengefercht auf Viererbänken und wedeln sich Luft zu, um sich abzukühlen. Es gibt keine Klimaanlage, aber es ist noch über dreißig Grad heiss.
Nachdem ich dem Kopiloten mein Ticket gezeigt habe, läd er es in den Bus ein. Dabei versäume ich es nicht, ihm ein paar Rupien für diesen Dienst zu geben. So glaube ich, würde er pfleglicher damit umgehen und für die notwendige Sicherheit dessen sorgen. Dann gehe ich in den Bus, in dem sich zahlreiche Reisende eingefunden haben. Außer mir ist kein ausländischer Tourist im Bus, aber klar ist auch, dass diese Reisenden nicht zur unteren Schicht gehören. Ich lege mich auf ein großzügig ausgelegtes Bett und warte auf die Abfahrt. Ich bin müde, aber glücklich. Wenig später ändert sich dies jedoch, als ein Inder mit Rubensfigur den Vorhang meiner Liege aufzieht und sein Gepäck neben mich wirft. Englisch kann er nicht, aber er gibt mir zu verstehen, dass wir uns das Bett teilen werden. Für eine Person ist die Liege angenehm, für zwei wird es eng. Dazu kommt noch, dass mein Bettkamerad ordentlich geschwitzt hat und seine Arme über dem Kopf verschränkt. Anders lässt es sich auch nicht liegen, da man sonst aufgrund des wenigen Platzes Händchen halten müsste. So liegen wir halb aufeinander und warten auf die Abfahrt des Busses.
14.06.2009
Die Nacht war die Hölle. Mein Nachbar hast sich richtig breit gemacht und wenn ein transpierierendes Monster auf einem liegt, ist das alles andere als angenehm. Der Fahrkomfort im "Volvo" war mindestens genau so schlimm, auch wenn man das nicht dem Bus in die Schuhe schieben kann. Die Fernstraßen in Indien sind - wie kann man es auch anders erwarten - eine Katastrophe. Autobahnen gibt es kaum, oder sie kosten Geld dass sich jeder Reiseveranstalter spart. Stattdessen geht es über enge Landstraßen und Geröllpisten. Vor - und nach jedem der Dorf das passiert wird, gibt es sogenannte "Rumblers", Wellen aus Beton, die den Verkehr abbremsen sollen. Jedes Mal wenn der Bus ein solches Hindernis überquert, macht man einen gewaltigen Satz in die Höhe. Eine Toilette gibt es im Bus nicht, stattdessen wird oft gehalten. Einmal haben wir in der Wildnis im Nirgendwo gehalten. Auf der Straße quälten sich die bunt angemalten LKWs über die Steigungen und der rote Staub wurde so aufgewirbelt, dass es so aussah, als fuhren sie durch einen Nebel. Das ich überhaupt schlafen konnte, verdanke ich dem Zustand totaler Erschöpfung.
Am frühen Morgen wache ich auf, weil mir jemand auf die Brust tippt und "Yes please?" fragt. Endstation Panjim, ich bin da. Ich hatte dem Boss im Reisebüro zwar ein anderes Ziel gesagt, aber egal immerhin gleicher Bundestaat und Goa ist winzig. Ich hole mein Gepäck
aus dem Bus und überlege mir dabei, wie ich den taxifahrenden Wecker am effektivsten umbringen könnte, der mir nicht mehr von der Seite weichen will.
Dann gehe ich zum Busbahnhof und dabei bemerke ich die wundervolle Landschaft. Überall stehen Kokospalmen und ich kann das Meer förmlich schon riechen. Es ist nicht halb so dreckig und merkwürdigerweise gibt es keine Obdachlosen. Ich kaufe mir ein Ticket nach Margao, weil es auf dem Zettel von Saskia stand. Der Bus ist alt und klapprig, quält sich über jeden kleinen Hügel, aber dass macht nichts. Die Landschaft ist atemberaubend, Strände, Palmen und Reisfelder. Dank Shuttle-Service hält der Bus kein einziges Mal zwischen Start- und Endhaltestelle.
In Margao gibt es einen riesigen Busbahnhof, an dem bestimmt 200 Busse stehen. Die Crew eines jeden Busses besteht aus zwei Personen, einem Fahrer und einem Kassierer. Letzerer hat die Aufgabe, in einem melodisch anmutenden Gesang den Ort anzupreisen, der letztendliches Ziel des Gefährtes ist. Vervielfacht man den Gesang auf die Busanzahl, dann hat man ungefähr jene Stimmung, die ich jetzt erfahren darf. Saskia schrieb mir auf den Zettel, dass Margao wunderschön sei, ich empfinde das nicht so. Was mir die schöne Schweizerin auch nicht mitgeteilt hat, sind die 10 Km, die es von hier noch zum Meer zurückzulegen gilt. Das habe ich mir anders vorgestellt, ich stehe müde in der Hitze inmitten von Ortsgesängen. So suche ich mir eine Karte raus und gehe alle Orte in meiner Nähe ab, die am Meer zu sein scheinen. So treffe ich mit meinem Zeigefinger auf einen Ort namens "Colva-Beach". Nun gilt es herauszufinden, welcher der Busse nach Colva-Beach fährt. Dies gestaltet sich durchaus nicht einfach, denn aus dem Gesang der Kassierer kann man alle möglichen Laute entnehmen, gesamte Ortsnamen bleiben aber dem westlichen Ohr verborgen. So bleibt mir nichts übrig, als von Bus zu Bus zu laufen und mich weiterleiten zu
lassen. Am Ende einer halbstündigen Suche finde ich endlich den Bus. Er wird von Christen gefahren und ist im Innern mit allen möglichem Tand geschmückt. So finden sich Blumenketten um ein Bild von Jesus, welches direkt hinter dem Fahrer in einer Art mobilem Schrein untergebracht ist. Daneben hängt eine Spardose und ich frage mich, wem diese wohl mehr dienen mag, Jesus oder der Crew.
Die Fahrt für die ca. 10 Kilometer gestaltet sich als unterbrechungsreich. Immer wieder pfeift der Kassierer zwischen den Zähnen, was für den Fahrer ein Zeichen zum anzuhalten ist. Dann geht der Gesang los und schon steigen die neuen Passagiere ein, bis wirklich niemand mehr in den Bus passt. Nachdem wir an einem Jesusschrein zwecks Huldigung diesen und einen Tankstopp eingelegt haben, bin ich in Colva-Beach.

Colva ist ein Urlaubsort und die zahlreichen Ladenschilder verraten, welche Nationalitäten hier die Majorität unter den Touristen bilden: Russen und Israelis. Es gibt zahlreiche Bars, die mit spezielle Offerten Gäste anlocken sollen. Daneben stehen Restaurants, in denen
man neben der Punjabi-Küche auch westliche Speisen bekommen kann. An der Ortsgrenze befindet sich der, für Goa typische weiße Sandstrand mit den wundervollen Palmen. Nun gilt es, eine Unterkunft zu suchen und dabei habe ich die Qual der Wahl. Von SPA bis zur Nullkathegorie ist alles zu haben. Die Preise sind etwas höher als in jenen Orten, die ich bisher besucht habe - dennoch ist es für Europäer ein Leichtes, sich hier einzumieten. Ich missachte mal wieder die teuren Erstangebote, die mir noch im Bus gemacht werden. Stattdessen laufe ich ein wenig am Strand entlang und werde nach einem kurzen Lauf fündig. Meine Unterkunft nennt sich "Fishermans", ein echter Familienbetrieb. Der Name ist real, hier hängen die Netze zum Trocknen auf einer Leine und eine gesamte Familie ist grad beim Mittag.

Natürlich gibt es Fisch, der mir sogleich angeboten wird, aber ich hasse Fisch. Um höflich zu sein, sage ich dass ich schon gegessen habe. ach dem Essen bekomme ich mein Zimmer vom Chef zugewiesen. Er ist eine Art Macho, dem man seine Führungsrolle in der Familie anmerkt. Was er sagt, ist Gesetz, Aufträge werden ohne Widerstand von seinen Familienmitgliedern ausgeführt. Das Zimmer ist toll, der Raum fasst ca. 30 Quadratmeter und der Bewohner hat einen freien Blick auf Meer und Palmen. Obwohl es grade mal Mittagszeit ist, muss ich eine Menge Schlaf nachholen. Nach einer Stunde wache ich auf, weil es im Zimmer unangenehm heiss ist. Es hat mal wieder einen der alltäglichen Stromausfälle gegeben und der Deckenventilator dreht sich nicht. Indien hat ein massives Energieproblem. Die Hitze zwingt mich zum Aufzustehen, obwohl ich noch einige Stunden Schlaf benötige. An einer Strandbar treffe ich auf einen Franzosen namens "Wladimir". Wlad arbeitet als Lehrer an einer Wirtschaftsschule in Mumbai und macht hier grade Urlaub. Wir essen zusammen etwas in einem der vielen Restaurants und verabreden uns für den Abend.
15.06.2009
Der letzte Abend war einer der lustigeren. Wladimir und ich haben eine der Touristendiscos besucht und sind natürlich preislich wieder ordentlich über den Tisch gezogen worden, aber das gehört sich auch so in Indien. Die weitgehend einheimische männliche Kundschaft hat sich wie eine Luftstreitmacht Motten um die einzigen Lichtquellen in Form von Russinnen formiert. Wladimir mag Russinnen und er glaubt dass sie ihn auch mögen - schon wegen seines Namens. Der Grund scheint aber eher das Portmonaie meines Begleiters zu sein. Im Gegensatz zu den Indern kann er nämlich die Zeche der beiden Slawinnen zahlen und er tut dies im überdimensionierten Rahmen. Inderinnen gibt es im Club kaum und wenn, dann sind sie wohl behütet und meiden jeglichen Kontakt zu Nichtindern. Dies deckt sich übrigens mit meinen Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Es gibt sogar ein indisches Wort dafür, dass jene Zurückhaltung beschreibt. Während "der Inder" im Feinripp, oder in normaler Badehose schwimmen geht, so badet die Inderin in nahezu voller Montur und sie benutzt - wenn möglich - einen der "Ladyseats" in den Bussen.
Den Tag über verbringe ich mit Wladimir am Meer. Seine Romanze endete jäh vor den Toren eines russischen Hotels. Wladimir gibt mir den Tipp Panjim zu vermeiden, was ursprünglich mein nächstes Ziel gewesen wäre. Er erzählt es sei gefährlich, wegen der Drogenszene
und der Kriminalität. Außerdem sei dort der Strand nicht schön. Stattdessen rät er mir zu einem Ort namens "Baga". Dort sei definitiv mehr los als hier. So plane ich ein wenig um und ich bin sicher, ich wäre erfolgreicher wenn ich das örtliche Internetcafe benutzen könnte. Aber diese Einrichtung ist von den ständigen Stromausfällen in der Region betroffen und so muss ich mich mit Halbweisheiten abfinden.
Am Abend packe ich meine Sachen, denn schon geht es wieder weiter. Dieses Mal sind aber weniger Kilometer zurückzulegen und ich hoffe, dass sich die alte Weisheit des Interrailtripps nicht bewahrheitet. Diese besagt nämlich, dass man von Tür zu Tür, gleich wie weit der Weg ist, immer einen Tag benötigt. Ich werde es sehen. Am Abend trinke ich mit Wladimir noch ein Bier. Dabei will er mich immer wieder überreden, noch ein paar Tage in Colva zu bleiben. Ich lehne ab, mich zieht es weiter.
16.06.2009 Baga
Am frühen Morgen stehe ich auf und verabschiede mich von der Fischerfamilie. Es kommt mir so vor, als seien sie etwas verschämt, dass ich schon so früh fahre. Um sie von dem Gedanken abzuhalten, dass es mir bei ihnen nicht gefallen hätte, verspreche ich ihnen, wieder zu kommen.
Zurück in Margao stelle ich fest, dass es natürlich keinen direkten Bus nach Braga gibt. Ich muss insgesamt viermal umsteigen, bis ich den Ort erreiche. So geht es von Margao nach Panjim und von dort zu einem kleinen Dorf. Dort fährt mein letzter Bus ab, der oft hält und in dem es unglaublich heiss ist. Zu allem Unglück sitzt auch noch eine alte Dame mit einem Korb nicht frangfrischer Fische neben mir. Diese stinken so intensiv, dass ich mir ernsthafte Sorgen um meine Gesundheit mache. Natürlich bleibt so ein Korb voller "Leckerbissen" nicht von den Fliegen unentdeckt und so sitze ich in einer dunklen Wolke voller nerviger Insekten. Ich bin froh, als die Dame aussteigt - die Fliegen bleiben und reisen bis nach Braga mit.
Baga ist voller westlicher Touristen, entsprechend groß ist auch das Angebot an Bars, Läden und Restaurants. Saskia hat sicher recht, wenn sie sagt dass es sich in Goa nicht um das "wahre Indien" handelt. Doch ich muss mir eingestehen, dass ich das nicht nachteilig finde. Auf meinem Weg zum Strand durch die einzige Straße des Ortes stosse ich auf einige Gästehäuser. Eines befindet sich direkt am Strand und da die Preise überall gleich sind, checke ich dort ein.
Als ich gegen Mittag in ein Restaurant einkehre, treffe ich dort auf Melli und Michael, die beide aus Deutschland kommen. Michael ist ca. 40 Jahre alt und Frührentner mit Wohnsitz in Goa, Melli, 25 Jahre ist auf Backpackerreise durch Indien. Schnell verstehen wir uns gut, Michael läd mich zu einer Hippieparty am Strand ein. Um vier Uhr wartet Melli vor dem Restaurant auf mich. Sie hat einen Scooter gemietet und ich springe rauf. Es geht durch die wunderschöne Landschaft an Reisfeldern und Palmen vorbei. Dann erreichen wir eine Bucht, welche von schroffen Felsen umgeben ist. Der Weg zum Strand führt über eine steile Treppe hinab zum Club "Curlies".
Das "Curlies" besteht aus einer großen Hütte mit Bar und einer überdimensionierten Musikanlage. Die "Tanzfläche" ist ein Sandplatz mit bunt angemalten Bäumen und Blick auf den Strand. Es läuft Goa-Trance aus großen Lautsprechern, der zum Tanzen animiert. Noch mehr animiert jedoch das Bad in der kleinen Bucht, dass hier auch gern im Adams- bzw. Evakostüm wahr genommen wird. Von indischer Prüderie ist hier nichts zu spüren, sind es doch keine Inder, die hier bedienen und sich bedienen lassen. Vielmehr handelt es sich bei den Gästen um Europäer, Ozeanier, US-Amerikaner und Japaner. Einige passen vom Alter her in die erste Hippie-Generation, welche sich in den 1960ern aufmachte, um Indien und sich selbst zu entdecken. Trotz des Aufeinandertreffens der Generationen gibt es im "Curlies" keinerlei Barrieren. Und so lässt es sich zu Recht sagen, dass die Atmosphäre dort familiär ist. Als der Sonnenuntergang naht, gehen wir abwechselnd Schwimmen und Tanzen.
17.06.2009
Der Weg nach Hause war nicht ganz so schön - führte er denn in totaler Dunkelheit über Huckelpisten und staubige Straßen. Beinahe wären wir noch auf einem Schlangenkadaver ausgerutscht, der quer über der Maroden Piste lag, aber letztendlich haben wir es geschafft, heil nach Hause zu kommen. Am frühen Morgen sind Stürme und Gewitter über den Ort gezogen, die ich so noch nie zuvor gesehen habe. Natürlich ist zeitgleich auch der Strom ausgefallen, was schweißtreibende Auswirkungen auf das Raumklima hatte.
18.06.2009
Gegen Mittag treffe ich mich wieder mit Melli und Michael. Melli wäre beinahe von einer der herrenlosen Hundebanden angegriffen worden und besteht darauf, dass wir sie in Zukunft bis zur Tür begleiten. Am Nachmittag fahren wir zum "Vagator-Beach", wo jemand ein menschliches Antlitz in einen Felsen gearbeitet hat. Es ist wunderschön, auch wenn die Sonne sich heute nicht so recht zeigen mag.
Am Abend gehen wir in einem der Strandrestaurants essen und lassen den Abend ausklingen, da uns die letzte Nacht alle müde gemacht hat.
19.06.2009
Heute ist mein letzter Tag in Goa, ich werde weiter ziehen. Auf meinem Plan steht Hyderabad, eine Stadt die sowohl auf der Nord-Süd -bzw. Ost-West-Achse Indiens mittig liegt. Melli hat beschlossen, mit mir zu reisen. Sie will allerdings in den Süden, was mir Probleme bereitet, ist mein Zeitplan doch eng bemessen und Reisen durch Indien alles andere als schnell. Da wir uns schwer auf einen Ort einigen können, schließen wir einen Kompromiss, wir fahren in eine Stadt namens Hampi. Laut Saskias Reiseliste ein wundervoller, heiliger Ort mit großen Felsen, Tempeln und Affen.
Am Nachmittag mache ich mich auf um Wäsche waschen zu lassen. Der Weg führt mich in eine der kleinen Hütten am Strand. Dort sitzt eine alte Dame, der ich meine kompletten Textilien in einer Tüte übergebe. In Indien wird die Kleidung unglaublich schnell schmutzig und so schäme ich mich ein wenig, als die Dame damit beginnt, diese aus der Tüte zu fischen und zu zählen. Als sie meine Scham bemerkt, lacht sie mit ihren drei Zähnen und teilt mir ihren Preis mit. Auf Handeln verzichte ich, bin ich doch dankbar, dass sie es überhaupt tut.
Am Abend gehen wir mit Michael ein letztes Mal essen und schlagen uns den Bauch voll. Dabei bestellt Melli als Dessert etwas Eiscreme. Immer wieder überrascht sie mich mit ihrer Unkenntnis über Land und Leute. Das beginnt beim fehlenden Englisch, dass sie nicht einmal marginal beherrscht, der Empörung über die offensive Bagger-Kultur der Inder, hin zur Verleugnung von Armut und Elend. Das Eiscreme nicht unbedingt für den europäischen Magen gemacht ist, erfährt sie als es schon zu spät ist. Es dauert Stunden, bis wir den Strand verlassen können und uns aus der Umklammerung von Kühen befreien, die in Mellis Erbrochenen etwas essbares wittern.
20.06.2009
Melli ist wieder fit und endlich kann es losgehen. Ich packe meine frisch gewaschenen und geplätteten Sachen ein. Dann fahren wir mit dem Bus nach Panjim und versuchen von dort aus ein Zugticket zu bekommen. Dies gestaltet sich als äußerst schwierig, da die Züge natürlich ausgebucht sind. So müssen wir einen der Busse nehmen, die alles andere als komfortabel sind. Volvo und Sleeper Fehlanzeige. Stattdessen TATA ohne Klimaanlage, Viererreihe ohne Seitenhalt mit weniger als 30cm Beinfreiheit. Während mir schon Übles schwant, ist Melli hellauf begeistert. Meine Bewunderung über die Gelassenheit legt sich erst wieder, nachdem ich mir klar mache wie ahnungslos sie ist. Sie ist in Goa angekommen und war bisher nur in Goa, dass wahre Indien kennt sie nicht - aber das wird sich nun ändern.
Die Busfahrer sehen sehr seltsam und alles andere als Vertrauenswürdig aus. Einen können wir für ein Foto überreden, dies lässt er jedoch nicht geschehen, bevor er sich schön gemacht hat.
Gegen 18 Uhr fahren wir mit lauten Hupen los. Scheinbar hatte der Fahrkartenverkäufer mit uns Mitleid, denn wir haben eine Zweierbank bekommen. Melli ist unter den Passagieren der Star. Zum einen liegt das daran, dass sie eine hochgewachsene Statur hat, zum anderen sind es ihre blonden Dreadlocks, die hierzulande von Sadus - heiligen Männern - getragen werden. Niemand traut sich jedoch, sie direkt anzusprechen und so muss ich viele Fragen über sie beantworten.
Eine Stunde später sind wir an der Bundesstaatsgrenze von Goa zu Karnataka. Der Bus wird hier von der Polizei durchsucht. Es geht aber nicht um Drogen, oder Waffen. Stattdessen suchen die Beamten nach Alkohol, der in Karnataka nur unter sehr restriktiven Auflagen und hohen Steuern erhältlich ist. Danach machen wir eine Pause, bei der wir uns den Bauch mit den typisch indischen Masalla-Chips vollstopfen. Das sind Kartoffelchips, die mit einer sauer-scharfen Würzung versehen sind. Auch wenn man beim ersten Bissen die Augen zusammenkneifen muss, so sind sie danach lecker und nahrhaft sowieso.
In der Nacht geht es über Landstraßen und Sandpisten, bei denen jeder Geländewagenfahrer seine Freude hätte. Im Bus ist es eine Qual. Wir schlafen kaum, bis die ersten Passagiere aussteigen und wir ganze Bänke als Bett benutzen können. Allerdings ist auch in dieser komfortablen Lage an Schlaf kaum zu denken, da man sich festhalten muss um nicht auf den Boden zu fallen. Irgendwann schlafe ich aber ein und wache erst wieder auf, nachdem der Fahrer "Hospet" ruft und mit dem Daumen auf die Tür deutet.
21.06.2009 Hampi
Es ist sechs Uhr Morgens, Melli und ich kriechen aus dem Bus und setzen uns erst einmal auf eine der Bänke auf dem Busbahnhof. Dieser ist um diese Uhrzeit schon belebt und so kommen die ersten Obdachlosen, die von uns eine Spende erhoffen. Auffällig für Hospet sind die vielen Kühe, die hier auf den Straßen laufen, dementsprechend riecht es hier auch so wie auf einem Bauernhof.
Nachdem wir durch viel Fragen die Buslinie nach Hampi wissen, heißt es wieder warten und gegen die Müdigkeit ankämpfen bis es erneut auf die Piste geht. Dieses Mal allerdings nur für ca. 30 Minuten und nicht für zwölf Stunden. Im Bus allerdings verfliegt die Müdigkeit schnell, denn die Landschaft ist atemberaubend. Die Palmen Goas sind verschwunden, stattdessen finden wir uns inmitten einer Landschaft aus Findlingen, Feldern und antiken Tempeln wieder. Immer wieder passieren wir rustikale Kutschen, die von Ochsen gezogen werden. Die langen Hörner dieser sind blau, oder rot eingefärbt und mit Glocken versehen.
Nachdem wir einige Dörfer passiert haben, in denen die Zeit in der Vergangenheit stehengeblieben ist, erreichen wir Hampi. Hampi ist der Gipfel der Schönheit. Die Stadt besteht aus alten Tempelanlagen und Palästen. Zwischen diesen befinden sich kleine bunt
angemalte Häuser, die sich an die bis zu dreißig Meter hohen Sandsteinfindlinge anschmiegen.
Jeder Stein scheint hier eine Geschichte der Vergangenheit parat zu haben. Auf der unbefestigten Sandpiste, der Hauptstraße laufen Kühe herum und lassen sich von den Passanten füttern. Oben auf den Dächern klettern Affen geschickt in ganzen Rudeln herum und stehlen dem Obsthändler hin und wieder eine Banane. Das Beste an Hampi ist, dass die Stadt Autofrei gehalten ist und es kein nervendes Hupen gibt.
Kurz nach unserer Ankunft werden wir von Taxifahrern und Hotelangestellten belagert, die uns eine Fahrt zu den Tempeln, sowie ihre Zimmer anbieten wollen. Wir lehnen alles dankend ab, da wir uns vorher im Lonely Planet erkundigt haben und eine bestimmte Herberge suchen. Nach einigen Fragereien finden wir die Unterkunft und checken dort ein. Unser Hotelier ist ein Lokalpatriotist, er zeigt uns die ganze Stadt und lässt dabei keine Wiederworte zu. Von ihm erfahren wir von einem König, der hier vor 500 Jahren gelebt hatte. Aus dieser Zeit stammten auch die Tempel und der nahe gelegene Silbermarkt. Im letzteren befindet sich auch die örtliche Polizeistation, auf der wir uns in ein Buch eintragen müssen. Angeblich dient dieser Akt unserer Sicherheit, obwohl immer wieder darauf hingewiesen wird, dass es in Hampi unglaublich sicher sei.
Dann legen wir uns erst einmal schlafen, da die letzte Nacht unglaublich geschlaucht hat. Das funktioniert dank Lüfter bei der trockenen Hitze auch erst einmal gut, bis der Strom ausfällt. Dann stehen wir auf und setzen uns in ein gemütliches Restaurant. Dort werden wir von der gesamten Familie bekocht. Fleisch und Alkohol sind in Hampi verboten, stattdessen bietet man hier so genannte "Happy Lassies" an. Das sind Joghurt-Drinks mit Cannabisöl, oder Opium. Da uns beiden Drogen nicht liegen, belassen wir es dann bei Cola und Tee.
Am Abend gehen wir - entgegen dem Rat des Lonely PLanet - zur Tempelanlage, welche sich über der Stadt befindet. Von dort aus kann man den Sonnenuntergang sehen, der die unzähligen Findlinge blutrot einfärbt. Zahlreiche Affen sitzen auf den alten Mauern und scheinen von dem Spektakel genau so fasziniert, wie wir.
In der Dämmerung treffen wir auf Michael. Michael kommt aus München und ist seit einer Woche in Indien. Er will noch mindestens ein Jahr über den Subkontinent reisen. Wir trinken mit Michael noch etwas in einer Bar, dann gehen wir schlafen.
22.06.2009
Heute sind wir mit Michael verabredet, der nur wenige Meter von uns entfernt in einem anderen Hotel wohnt.
Michael ist seit fünf Tagen in Hampi und kennt so gut wie jede Location und jeden Händler in der Stadt. Mit letzteren pflegt er ein gutes Verhältnis, da er ihre Stände leer kauft.
Michael bringt uns zum Frühstücken ins "Mango-Tree", einem kleinen chilligen Cafe außerhalb der Stadt. Der Weg dorthin führt über eine Bananenplantage, dann geht es den Fluß entlang bis zu einem riesigen Mangobaum. Dort zieht man am Eingang die Schuhe aus und läuft Barfuß zu einer Steinterrasse, von der man einen fantastischen Blick über das Flußbett des Hampi-River hat. Dort weidet ein alter Hirte seine Rinderherde und Frauen waschen wie in der alten Zeit ihre Wäsche im Wasser. Die Speisekarte des Mango-Tree lässt keine westlichen Wünsche offen, jedoch beinhaltet sie gleichzeitig auch indische Spezialitäten. Diese werden als Kulturgut angepriesen, die von den Touristen aus Respekt nicht mißachtet werden sollten.
Noch immer bin ich total platt und lege mich in der Mittagshitze noch einmal hin. Am Nachmittag treffe ich Michael und Melli im Tempel wieder. Melli ist total aufgelöst. Sie hatte Bananen für den Tempelelefanten gekauft, um sich seinen Segen (dieser wird mit dem Rüssel auf den Kopf gegeben) abzuholen. Doch unmittelbar nach dem Verkauf ist sie von einem Dutzend Schulkindern umringt worden, die ihr die Bananen aus den Händen gerissen haben. Michael hat das bayerisch geregelt und allen Kindern, die sich nicht bei ihm bedankt haben, die Früchte weg genommen.
Michael ist auch sauer. Er hat sich einen Elefanten bei einem der örtlichen Steinmetze machen lassen. Um das Kunsstück als Anhänger zu tragen, ließ er sich ein Loch hineinbohren, wobei der polierte Stein gebrochen ist. So stehe ich mit zwei quengelnden Touristen in einer der schönsten Städten der Welt und muss mir das Lachen verkneifen. Es dauert noch bis zum späten Abend, bis sich die beiden wieder beruhigt haben.
23.06.2009
Um unseren Aktionsradius zu erweitern, haben wir die uns entschlossen Scooter zu leihen. Diese sind in Hampi an jeder Straßenecke zu haben. Da die Preise sehr variieren dauert es einen halben Tag, um das günstigste Angebot zu ermitteln. Dabei überlassen wir Melli die Verhandlungen, da sie immer die besten Angebote bekommt. Ihr Trick: Sie guckt traurig und sagt in einem weinerlichen Ton, dass es viel zu teuer sei. Dann nennt sie einen unglaublich niedrigen Preis und wenn das nicht hilft tut sie so, als ob sie geht. Spätestens dann hat sie den Händler in der Tasche.
Am Nachmittag fahren wir mit den Maschinen in eines der nahen Dörfer, wo wir ein Kind antreffen, dass mitten auf die Straße kackt. Im selbigen Dorf gibt es einen der wenigen lizensierten Alkoholläden, wo man hinter einem Vorhang heimlich sein Bier trinken kann.

Natürlich kostet das Bier für uns wieder mehr, was Melli und Michael dazu veranlasst, sich bei dem Händler zu beschwerden. Dann geht es weiter nach Hospet, aber als wir uns in dem Großstadtverkehr befinden, fahren wir wieder heraus.
24.06.2009
Im "Lonely Planet" steht etwas von einem Wasserfall und wir wollen diesen heute aufsuchen. Der Weg dorthin führt am Mango-Tree vorbei. Es geht über Feldwege und Dörfer, in denen uns die Kinder um ein paar Rupien anbetteln, indem sie uns Glauben machen wollen, dass sie einen Schulstift benötigen. Dann endet der Weg an einer Bananenplantage, an der ein paar Arbeiter grade Pause machen. Einer der Arbeiter ist bereit, uns zum Wasserfall zu bringen. Am liebsten würden wir alleine gehen, allerdings machen uns die vielen an die Felsen geschriebenen Warnhinweise etwas vorsichtig.
Unser Führer ist jede Rupie wert, leichtfüßig erklimmt er Barfuß die durchlöcherten Felsen. Er führt uns durch hohe Wiesen, macht uns auf giftige Schlangen aufmerksam und warnt uns vor tiefen steinigen Abgründen. Nach einer halben Stunde finden wir uns in einer Mondlandschaft wieder. Irgenwo hört man das Rauschen von Wasser und wenig später treffen wir auf einen See mit kaltem Wasser.
Das Schwimmen ist ausgesprochen erfrischend. Etwas unangenehm sind die Fische, die sich darauf spezialisiert haben, alte Haut von Füßen und Beinen wegzuknabbern.
25.06.2009
Am Morgen stehe ich früh auf und gehe mit Melli etwas frühstücken. Während wir auf dem Boden unseres Lieblingsrestaurants sitzen, kommt ein Mann vorbei. Er hat Lepra, eine Krankheit, die bei uns schon seit langer Zeit ausgestorben ist. Er winkt uns mit seiner fauligen halben Hand zu und will eine kleine Spende haben. Melli weint und als ich sie frage, was los ist, sagt sie nur, wie ungerecht die Welt sei.
Es ist mal wieder richtig heiß. Melli und Johannis wollen nach Bangalore und buchen einen Zug. Ich bekomme überraschenderweise auch noch ein Zugticket. Nun weiß ich auch endlich warum die Züge immer ausgebucht sind. Die Reisebüros bekommen von der indischen Eisenbahn Sonderkonditionen. Sie können einfach alles buchen und wenn die Plätze nicht verkauft werden, gehen die Tickets kostenlos zurück. Die Gesellschaft weiß, dass sie ihre Plätze in jedem Fall los wird, es gibt ja Wartelisten und für Wohlhabene, zu denen Touristen in Indien gezählt werden können, gibt es das so genannte „Taktal“, eine Warteliste, bei der man 300 Rupees mehr bezahlt und dann ziemlich sicher einen der begehrten AC-Plätze bekommt. Als Tourist zahl ich natürlich mehr. Der Platz ist mir sicher und zusätzlich bekomme ich die Mitteilung, dass mein Bus nicht 24 Stunden fährt, wie ich ursprünglich ausgerechnet hatte.
Gegen späten Nachmittag mache ich mich nach Hospet auf. Es geht mit der Rikscha zum Busbahnhof. Dort treffe ich auf zwei Neuseeländer, die schon drei Monate in Indien verbracht haben. Sie sind ebenfalls auf dem Rückweg und fliegen von Mumbai aus. Meine Kabine ist echt angenehm, auch wenn sie sich im hinteren Teil des Busses befindet. Ich habe die gesamte Busbreite für mich allein und ich kann liegen. Dafür befindet sich hier der gesamte Staub, der in roten Wolken durch die offenen Fenster hereinweht.
Es geht los und schon am Ortsausgang weiß ich, wie ich schlafen werde: ganz miserabel. Die so genannten „Rumblers“ lassen mich ohne Übertreibung ca. 10 cm. in die Höhe hüpfen. Egal, ich ärgere mich ein wenig, hätte ich doch wissen müssen, dass Reisen im Bus hierzulande nicht bequem sein kann. In der Nacht gibt es immer wieder Staus, die ich aber als sehr angenehm empfinde, kann ich doch endlich mal schlafen ohne diese unfreiwilligen Sprünge. Wir fahren an einigen kürzlich verunfallten LKW vorbei. Sie sehen schlimm aus und mir ist klar, dass in einigen Fahrzeugen niemand überlebt haben kann. Aber das ist Indien, Überholen in der Kurve und so nahe auffahren, dass man nur den Arm ausstrecken muss, um seinen Vordermann zu berühren. Wieder stelle ich mir die Frage, warum ich eigentlich Angst vor dem Fliegen habe - besonders dann, wenn der Fahrer sehr riskante Überholmanöver startet und im wirklich letzten Augenblick voll in die Bremse geht, weil er sich verschätzt hat.
Im Bus mache ich mir so meine Gedanken und plötzlich fällt mir dieser Mann mit seiner Lepra ein. Ich habe ihn zu einem späteren Zeitpunkt etwas Geld gegeben, um mein Gewissen zu beruhigen und dabei ist mein Blick auf seine Hände gefallen. Sie waren beide halb abgestorben. Die rechte Hand war in der Mitte gespalten und zwischen dem fauligen Fleisch krabbelten unzählige Fliegen und andere Insekten. Ich hatte das am Nachmittag noch irgendwie ertragen können. Nun geht mir dieser Mann nicht mehr aus dem Kopf. Dann frage ich mich, warum eine Gesellschaft eine Atombombe entwickelt und baut, wenn die Menschen in eben diesem Land noch nicht einmal die notwendigste medizinische Versorgung erfahren.
Ich könnte mich in diesem Augenblick ohrfeigen, warum ich nicht einfach zum nächsten Arzt gegangen bin, um dort für ein paar Rupien eine geeignete Therapie einleiten zu lassen. Ich habe doch noch so viel Geld über, um zu helfen. Und plötzlich kommen mir auch die Tränen und ich verstehe, was Melli gemeint hat. Es ist alles ungerecht. Ich erkenne, dass ich einen Laptop habe deren Gegenwert eine Behandlung gesichert hätte. Alles was ich besitze und was mir so wichtig war, ist plötzlich so unnütz. Meine Sorgen kommen mir grade zu lächerlich vor. Wie albern ist es denn, über eine Prüfung in der Uni nachzudenken, wenn anderen Menschen die Hände bei lebendigem Leibe abfaulen? Ich denke lange darüber nach und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich nun nicht nur weiß das es Armut gibt, sondern auch, dass ich etwas dagegen tun sollte. In dieser Nacht im Bus habe ich das Gefühl, dass irgendetwas mein Herz berührt hat und ich nehme es als Fingerzeig hin.
26.06.2009
Der Bus schaukelt vor sich hin und irgendwann schlafe ich auch wirklich ein. Gegen Morgen wird es dann heiß. Es gibt im Bus keine Klimaanlage und so lange er fährt, ist das auch alles kein Problem. Nun steht er jedoch im Stau und die lange Kolonne will und will nicht weiter. Zwar kann ich endlich meinen Nikotinspiegel auffüllen, dafür stirbt man vor Hitze im Bus. Die Ursache für den Stau ist am Ende eine Straßensperre der Polizei. In Mumbai ist mal wieder eine Bombe hoch gegangen und nun werden alle Reisenden überprüft.
Durch den Stau habe ich 8 Stunden verloren, zum Glück habe ich ein gutes Zeitpolster. Mittlerweile habe ich nun doch 24 Std. in dem heißen Bus verbracht. Mit Sehenswürdigkeiten und Mumbai ist es vorbei. In der Megacity braucht man unglaublich lange um nur irgendwo hin zu kommen.
Am Abend komme ich in Mumbai an. Die Neuseeländer müssen auch zum Zentralbahnhof und so teilen wir uns eine Rikscha. An der Central Railwaystation verabschieden wir uns voneinander. Der Bahnhof ist voller Polizisten. Vor dem Eingang stehen sie mit Maschinenpistolen, drinnen haben sie Gewehre, die an den ersten Weltkrieg erinnern. Jeder Passagier muss sich durch die Metalldetektoren zwängen. Die Dinger funktionieren sogar, aber um den Alarm den sie auslösen kümmert sich niemand.
Dann warte ich auf dem Bahnhof, Bettler kommen hier nicht hinein. Sie werden von den Polizisten abgehalten, sie sollen ja die Touristen nicht verschrecken. Ich bin dagegen natürlich gern gesehen und während die Leute draußen hungern, schlage ich mir drinnen den Bauch voll. Draußen gibt es derweil eine Schlägerei zwischen einigen Straßenkinderbanden. Die Sicherheitskräfte sehen sich das Schauspiel an und lachen dabei.
Dann fährt endlich mein Zug ein. Er trägt den glanzvollen Namen „Golden Tempel Mail Express“. Es handelt sich um ein 30 Wagon-Monster. Wer im „General“ genannt, der muss sich in schier endlosen Schlangen anstelle, um sitzen zu dürfen.
Ich habe natürlich ein Touristenticket, extra teuer, aber auch dafür exklusiv. Ich bekomme sogar einen Kuli fürs Gepäck, wenn ich will – ich will aber nicht, dass mir wer meinen Arsch nachträgt. Dann sitze ich in meinem Abteil. Mir gegenüber sitzt ein Mann. Er ist in den späten Sechzigern und er macht dauernd Späße. Er sieht es als seine Pflicht an, mir Indien nahe zu bringen und erzählt eine lustige Geschichte nach der anderen. Ich bin ihm dankbar, denn eigentlich ist mein Bild von Indien ein anderes, als jenes welches er mir vermittelt. Als er fragt, wie ich Indien finde, lüge ich ein wenig, ich will ihn nicht verletzen.
Kurz bevor der Zug los fährt, wird es richtig bequem. Eine 10-köpfige Familie stürmt das Abteil und zeigt mir ein Handgeschriebenes Ticket, auf dem alle Plätze des Abteils aufgeschrieben sind. Nun sitzen wir zu zwölft auf sechs Sitzen und schon wieder denke ich, dass ich eine fantastische Nacht vor mir haben werde. In Indien werden Plätze einfach mehrmals verkauft, da verdient man wenigstens was. Als der Schaffner kommt, lasse ich dann auch meinen ganzen Frust an ihm aus und plötzlich geht alles ganz einfach. Der Alte und ich bekommen ein anderes Abteil. Dafür müssen dann drei koreanisch aussehende Inderinnen aus dem Norden des Landes weichen. Der Alte Mann und ich teilen unsere Plätze mit ihnen.
27.06.2009 New Delhi
Der alte Mann hat seine Entertainer-Fähigkeiten über Nacht nicht verloren, er unterhält den gesamten Wagon. Er macht einen Spaß nach dem anderen und ich muss gestehen, dass er ist echt lustig ist. Die Mädchen aus dem Norden mögen mich, sie stehen auf Koreaner. Da hilft es auch nichts, dass ich hundertmal erwähne, dass ich mit Korea nix am Hut hab. Ich muss mir eine volle Simkarte voller Fotos von koreanischen Schauspielerinnen ansehen und zu jeder einen Kommentar ablassen. Ich tue ihnen den Gefallen.
Dann passieren wir die Grenze zu Rajastan und nun wird es unglaublich heiß. Die Vegetation verändert sich schlagartig. Wir fahren durch eine wüstenähnliche Landschaft. Die offenen Fenster werden zur Qual. Es ist, als ob man in einem Föhn Bahn fährt. Alle binden sich nun Tücher vor das Gesicht, weil der Fahrtwind so heiß ist, dass es auf der Haut brennt. Zum Glück gibt es jede Menge Händler, die kalte Getränke verkaufen. Es gibt auch Essen, aber niemand verspürt Hunger. Das Zugfahren in Indien ist ein Erlebnis an sich. Es geht sehr sozial zur Sache. Ständig bekomme ich Essen angeboten und die Leute sind beleidigt, wenn ich nichts nehme. Wir teilen Wasser und Essen, auf diese Weise bekomme ich nun doch noch sämtliches indisches Essen, was ich noch nicht kenne.
Dann kommen wir endlich in New Dehli an. Natürlich hat der Zug Verspätung. Am Bahnhof besorgen mir die Mädchen aus dem Norden eine Rikscha und handeln den Preis für mich runter. Dann fahre ich durch die Stadt. Es ist zwar abends, aber es ist so heiß, dass ich beinahe wahnsinnig werde. Alles was man anfasst hat eine höhere Temperatur als der Körper, sei es der Rucksack oder die eigenen Klamotten.
Die Rikscha wirft mich im Zentrum raus. Man zeigt mir ein Hotel, dessen Preise mir überhaupt nicht gefallen. Ich gehe weiter und finde dann eine etwas günstigere Herberge. Der Taxifahrer rennt mir bis in die Lobby hinterher um seine Vermittlungsgebühr vom Rezeptionisten zu empfangen. Nachdem ich eingecheckt habe, dusche ich erst einmal mit der in Indien allseits beliebten Regentonne, an die ich mich mittlerweile ganz gut gewöhnt habe. Der Erfrischungsgrad ist bei der Wassertemperatur minimal. Abtrockenen muss man sich übrigens bei solchen Temperaturen auch nicht, da jede Flüssigkeit binnen Sekunden von der Haut verdampft.
Draussen ist es mittlerweile dunkel geworden. Im Haus gegenüber beginnen die Arbeiter auf einer Baustelle zu sägen. Es entsteht dort eine luxuriöse Dachwohnung, die so gar mit der Straße in ein Bild passt. Dort stehen Menschen, die mit Handkarren Wasser verkaufen. Es ist laut und staubig.
Mein erster Gang führt mich in ein Internetcafe, da ich aber meinen Ausweis vergessen habe, darf ich dort nicht meine Mails lesen. Später finde ich dann ein anderes, in dem viele Touristen sitzen. Dort nimmt man es mit dem Ausweis nicht so genau, nimmt allerdings auch das Doppelte.
Trotz einiger Warnungen vor dem Nachtleben New Delhis laufe ich noch durch die Innenstadt. Die Straßen werden schnell zu engen Gassen, die schlecht beleuchtet sind. Ich werde oft angerempelt und es ist stickig und heiss. In diesen Gassen liegen Betrunken mitten im Weg, über die ich rübersteigen muss. Von den größeren Straßen höre ich das Hupkonzert der Autos. Auf einer staubigen Seitengasse werde ich von einem Elefanten überholt, der wie eine Halluzination wirkt. Um 23 Uhr ändert sich das Straßenbild. Die Bürgersteige sind nun voller Obdachloser jeden Alters, die dort ihr Nachtlager aufgeschlagen haben. Ich sehne mich irgendwie nach Europa.
28.06.2009 New Delhi
Mein letzter Tag in Indien und wie jeden Tag ist es in New Delhi heiss, obwohl es noch so früh ist. Ich habe schlecht geschlafen. Das hässliche Geräusch des Ventilators hat sich durch meine Ohrstöpsel gebissen.
Ich dusche ein letztes Mal und packe mein Zeug zusammen. Dann geht es runter. Die so genannte „Sicherheitsleistung“, auch „Deposit“ genannt, bekomme ich an der Rezeption nicht zurück. Das ist das letzte Mal, dass ich mich mit so einer Scheiße rumärgern muss, deshalb lass ich es geschehen und lache dem hässlichen Grinsen des Portiers, der nun 500 Rupees reicher ist, an.
Nächste Taxifahrt, nächster Nepp. Der Taxifahrer weigert sich sein Taxameter anzustellen. Alle Taxifahrer weigern sich. Also nehme ich eine Riksha, die ist mit 200 Rupees auch nicht günstig, aber besser, als alles andere. Es geht durch die Stadt, die zum Teil noch britisches Gartenflair versprüht. Große Gärten voller bunter Blumen vor verfallenen Häusern. Die Straßen sind wieder indisch. Hupen, drängeln, die anderen Teilnehmer im Verkehr beschimpfen. Die Fahrt geht an Slums vorbei, die die Zustände Mumbais bei weitem übertreffen. Wie man nur so leben kann - oder vielmehr muss, wird mir auf ewig ein Rätsel bleiben.
Dann geht es auf die Autobahn, die erstaunlich gut ausgebaut ist. Keine Schlaglöcher in denen sich das Wasser des Monsums sammelt, kein Müll. Auf der Piste holt jeder Fahrer alles aus seinem Gefährt raus. So auch mein Riksha-Fahrer, der die 125ccm Maschine quält. Wie schnell das daneben gehen kann, sehe ich wenige Kilometer später. Da rast ein Auto in ein Motorad hinein. Natürlich saß die Mitfahrerin im Damensitz auf dem Sozius und natürlich hatte sie auch keinen Helm auf. Das sie nun mit zerschreddertem Gesicht reglos auf der Straße in ihrem Blut liegt, ist nur all zu normal. Zumindest denkt sich das mein Fahrer, der einen kleinen Schlenker um das Unfallopfer fährt – wie alle anderen auch. Erste Hilfe scheint hier als etwas für Weicheier angesehen zu werden.
Wenig später erreichen wir den Indira-Ghandi Flughafen. Es geht durch zahlreiche, bis an die Zähne bewaffnete, Kontrollen. Mit einem Ausländer auf dem Rücksitz wird meine Riksha aber überall durchgewunken – andere müssen erst einmal beweisen das sie weder Waffen moch Sprengstoff geladen haben.
Vor der riesigen Halle des Flughafens lässt mich der Fahrer raus und ich gebe ihm meine letzten Rupien. Das ich nach Indien zurückkehre, halte ich für unwahrscheinlich. Er bedankt sich – überrascht über den Reichtum, welchem ich ihm verschafft hab – und macht sich dann aus dem Staub. Vielleicht auch weil er Sorge hat, dass ich es mir anders überlege.
Vor der Halle muss ich meinen Reisepass und ein gültiges Ticket vorzeigen, sonst komme ich an den schwer bewaffneten Sikhs nicht vorbei. Drinnen ist dann wieder alles westlich, McDonalds, Pizza Hut und keine Obdachlosen.
Mein erster Gang geht zum Check-In von Virgin Atlantic, die sich irgendwie merkwürdig verhalten, als ich denen meinen deutschen Pass zeige. Ich muss warten, dann wird telefoniert und wenige Augenblicke später erscheint ein Afro-Britannier im Anzug hinter mir. Er zeigt mir seinen Ausweis, auf dem etwas von „British Immigration“ steht. Er stellt zahlreiche lästige Fragen. Was arbeiten die Eltern? Was verdienen die? Wie finanziere ich mein Studium? So langsam rieche ich den Braten, die glauben nicht dass ich die deutsche Staatsbürgerschaft habe. Da kann mein Pass noch so echt sein, das interessiert die nicht. Ich muss nun zum Sprachtest: Er ruft einen Kollegen in England an und ich spreche mit ihm deutsch. Er kann ein paar Sätze und ich texte ihn zu. Beschwere mich, dass ich in zwei Tagen meine Abschlussprüfung in der Uni habe und „rechtzeitig da zu sein wünsche“, bis ich ein „sounds good“ hinter mir höre. Jetzt lachen alle, sind froh und finden es äußerst amüsant, dass ich so gut deutsch spreche. Ich darf passieren und muss meine Gitarre bei einer gesonderten Stelle abgeben, wo man wieder Proben in einen Sprengstoffdetektor schiebt. Während der zeitraubenden Prozedur sehe ich, wie ein Kinderbuggy komplett auseinandergebaut wird. Auch da vermutet man Sprengstoff. Endlich kann ich passieren, nachdem ich einen Aufkleber mit den Schriftzug „unbedenklich“ auf die Gitarrentasche bekommen hab.
In Indien sind die Zigaretten echt günstig, also will ich welche kaufen. Rupien wollen die Inder im Duty-Free nicht haben. Stattdessen rechnen sie von meiner Kreditkarte vermeintlich „harte“ US-Dollar ab – mir soll es recht sein.
An der Sicherheitskontrolle zum Flugzeug muss ich noch einmal mein gesamtes Handgepäck leer räumen, bis ich endlich zu meinem Sitzplatz darf. Noch einmal fliegen, dann ist es auch vorbei mit Sicherheit und Sprachtests.
Wenig später setzt sich die riesige Maschine in Gang und dann geht es auch schon los. Die Häuser New Delhis werden kleiner und weichen einer wüstenähnlichen Landschaft. Dann zieht Pakistan unter mir vorbei, während ich den ersten Imbiss gereicht bekomme. Das Essen von Virgin ist richtig gut. Dann zieht der Jet noch einmal in die Höhe, denn nun kommt Afghanistan. Zerklüftete Furchen durchziehen Berge, in denen Krieg herrscht. Dann schlafe ich ein und wache erst wieder auf, nachdem ich unten Windräder sehe. Die Flightshow zeigt an, dass wir uns über Düsseldorf befinden. Da wäre ich nun gern, aber es nützt nichts. Eine Stunde später zeigen sich die ersten Küstenabschnitte von England. Das ist das erste Mal, dass ich England aus der Luft sehe, da ich bisher immer schlechtes Wetter gehabt hatte. Ich sehe grüne Felder und kleine Häuser und fühle richtig, wie ich mich danach gesehnt habe. Nur noch zwei Kurven, dann lande ich in Heathrow.
Nachdem ich mein Gepäck abgeholt habe, muss ich ein letztes Mal durch die Kontrollen, aber es geht problemlos – ich bin in Indien ja dafür mehrfach überprüft worden. Nicht mal der Zoll interessiert sich für mich. Draußen ist es für England erstaunlich warm und sonnig . Louise steht im Kleid vor mir und uarmt mich. Ich fühle mich, als sei ich zuhause. Wir fahren in ein Hotel nahe dem Flughafen, in dem mir Louise ein Zimmer gebucht hat. Alles ist so sauber und es riecht nach frisch gemähtem Gras. Das Hotel ist toll und ich ertappe mich, wie ich eine Flasche Wasser kaufen will, weil ich denke ich könne das Leitungswasser nicht trinken. Die Nacht schlafe ich hervorragend, es ist nicht heiss und ich habe gut gegessen. Am nächsten Morgen fahre ich direkt nach London rein. Das dauert noch einmal fast eine ganze Stunde. Die Busse nach Deutschland fahren erst am Abend los und so habe ich einen ganzen Tag in Englands Metropole.
In London merke ich erst, wie reich die Stadt ist. Wo der Reichtum her stammt ist mir durchaus bewusst – er kommt genau da her, wo ich gewesen war. Ich blicke auf saubere Straßen und Mülleimer aus Edelstahl. Die Kuppeln mancher Häuser sind gold verziert und strahlen im Sonnenlicht. Menschen liegen an den Wiesen der Themse und sonnen sich. Ein Schotte - oder zumindest einer der sich als solcher ausgibt - spielt auf seinem Dudelsack. Ich habe die tollsten Orte der Welt gesehen und doch liebe ich das alles hier. Europa ist toll, ich kaufe mir an jeder zweiten Bude etwas europäisches und finde sogar eine deutsche Bäckerei, die schwarzwälder Kirschtorte verkauft.
Nachdem ich abends an der Victoria-Station eingecheckt habe, geht es mit dem Bus nach Dover. Es riecht nach Meer, ein Geruch welcher mir schon beinahe zur Gewohnheit geworden ist. Auf der Fähre treffe ich auf eine deutsche Schulklasse, die grade von ihrer Fahrt zurück kommt. Die sind um die 15 Jahre alt. Da sie in mir keinen Deutschen vermuten, reden sie ungezwungen neben mir und ich muss beinahe lachen, wie sie ihre Konsumsorgen darstellen.
Von Belgien aus fährt der Bus weiter. Normalerweise kann ich in Bussen nie schlafen, aber hier funktioniert es gut – kein Vergleich zu Indien. Ich wache am Morgen auf und sehe, dass die Straßenschilder der Autobahn schon von deutschen Orten kündigen. Dann ist es auch schon geschafft. Ich steige in Düsseldorf aus und fahre mit dem Zug die letzten Kilometer nach Duisburg. Im Zug befinden sich die gleichen Deppen mit den Bierflaschen. In meinem Zimmer angekommen, packe ich gar nicht aus. Ich dusche und ziehe mir was an, was nicht durchgeschwitzt ist und dann muss ich lernen. An Schlaf ist nicht zu denken, denn um vier Uhr Nachmittags habe ich die Prüfung und bis dahin muss ich noch über 100 Seiten lesen.
Kommentare
Bitte erst Einloggen oder Registrieren, um Kommentare zu schreiben
Impressum Hinweise zur den grünen Werbelinks im Text Sitemap Reisemagazin
Login
Reisepartner-Aktivitäten
Reisepartner-Orte
Reisepartner gefunden
Miss Sunshine
Miss Sunshine
chail
Amavera
Amavera
Neue Reiseberichte
Mit dem Fahrrad durch ...von Karin Lutz





(0.0 bei Stimmen)
Entwurf - noch ohne Ti...
von herbstlicht





(0.0 bei Stimmen)
Reiseberichte
USA Südstaaten 2...
von FritzundBuddy
Hallo Zusammen, wir laden euch ein auf unsere Südstaaten Rundreise in 2004, 3 Wochen mit...
Thailand und Kam...von hupfi76
Am 20. Januar 2008 geht es für 9 Tage nach Thailand und Kambodscha. ...
von New York mit...
von FritzundBuddy
Die AIDA Family fast komplett auf Tour!ursprünglich veröffentlicht unter: http://www.fritz...
Reiseberichtkommentare
Teschilein
Susn Juchzer
RoteZora007



