Reisebericht: Tortour, 6000 km mit dem Fahrrad durch Afrika

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AdventureAlex

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Bei Interesse, sende ich dir gerne den Reisebericht in einer lesefreundlichereren PDF-Datei per Mail zu. TORTOUR Mit dem Fahrrad 6000 km durch Afrika ------ ------- Sechs Monate vor der Reise Tom und ich sitzen auf zwei orangefarbigen unbequemen Plastikstühlen in einem langen Flur des Münchner Gesundheitshauses. Wir warten geduldig bis uns die Ärztin hereinbittet. An der Wand hängt eine große Weltkarte, auf der alle Gebiete, wo Malaria verstärkt auftritt, rot markiert sind. Zur Abwechslung gibt es auch noch Gelbfieber und die Schlafkrankheit. Die Route, die wir fahren wollen, von Nairobi bis Windhoek, führt uns 6000 km von Kenia über Tansania, Malawi, Sambia, Botswana bis nach Namibia. Dieses Gebiet ist größtenteils tiefrot eingefärbt. Deshalb ist es auch sehr wichtig, dass wir uns ordentlich vorbereiten und die Risiken von Infektionen so gering wie möglich halten. Nach der Impfung bekommen wir ein Pflaster auf die Einstichstelle. Früher waren da immer Flugzeuge oder Dinosaurier drauf, aber heute, wo ich 27 Jahre alt bin, tut es auch ein normales Pflaster. Hat ja auch gar nicht weh getan. Und ich habe auch nicht geweint. Es gibt immer noch diese leckeren Traubenzuckerbonbons in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Während die Arzthelferin mit dem Schreiben der Rechnung abgelenkt ist verschwindet ein Bonbon nach dem anderen in meinem Mund. Mango, Banane, Melone. Dahin, wo wir hinradeln, wird es diese Früchte in echt geben. Original und noch am Baum hängend … Ok, die Wassermelone nicht. Ich schließe die Augen und genieße den fruchtigen Geschmack der Banane und träume schon davon, unter der Bananenstaude Pause zu machen und so viele Bananen zu essen, bis ich nicht mehr weiterradeln kann. 96.50 € ertönt eine genervte, weibliche Stimme, die so gar nicht in meinen Bananentraum passt. Ich bin noch nicht in Afrika … noch nicht. Ein Monat vor der Reise Ich stehe auf meiner wackeligen Holzleiter vor einem der drei großen Büsche, die in meinen Verantwortungsbereich als Hausmeister fallen. Die Heckenschere surrt und ich kürze gekonnt die überstehenden jungen Triebe. Nach dem Friseurtermin sehen die drei wieder kugelrund und gesund aus. Kein vorbeifahrender Radler kann sich nun mehr an den überstehenden Blättern verletzen oder gar daran hängenbleiben. Auf diese akute Gefahr wurde ich von einem aufmerksamen Hausbewohner hingewiesen und so war schnelles Handeln notwendig. Als wenn es keine anderen Probleme auf der Welt geben würde. Während ich das Verlängerungskabel wieder ordentlich aufrolle, stelle ich mir vor, wie furchtbar es wäre, durch Afrika zu radeln und alle Bäume, Büsche und Sträucher und auch das Steppengras wären von einem Gärtner gestutzt und in Form gebracht worden. Selbst in der Serengeti wäre nur Golfrasen verlegt worden. Kein schönes Bild. Gut, dass Afrika noch wild ist. Das setzt auf der anderen Seite dann auch gutes Equipment und die richtige Zusammenstellung der Ausrüstung voraus, wenn man so autark wie möglich unterwegs sein möchte. Wir fahren eben nicht den Isarradweg und ein Stromgenerator passt auch nicht aufs Fahrrad. Die letzten Fahrradtouren durch Alaska und nach Marokko waren für mich lehrreiche Erfahrungen und so ist die Grundausrüstung schon vorhanden. Zum Übernachten hat sich mein kleines Einmannzelt von Jack Wolfskin bewährt. Schlafsack und Isomatte für kühlere Nächte nehmen auch nicht viel Platz weg. Zum Kochen nehmen wir einen Benzinkocher von MSR mit. So können wir uns auch ohne großes Lagerfeuer Tee und warme Mahlzeiten kochen. Für die medizinische Versorgung zwischen den großen Städten stellen wir eine umfangreiche Reiseapotheke zusammen. Jetzt darf uns fast alles passieren, was wir nicht hoffen, aber es ist ein gutes Gefühl für den Notfall gerüstet zu sein. Wir haben uns alle möglichen Szenarien und mögliche Vorkommnisse ausgemalt und dann vorsorglich ausgestattet. Unsere Zelte lassen sich mit einer selbstgebastelten Alarmanlage gegen neugierige Affen oder Menschen sichern. Ein Tarp spendet Schatten und schützt uns vor tropischen Regenmassen. Die Solarpanels versorgen uns während der Fahrt mit Strom und laden das GPS-Gerät, den iPod und auch alle Akkus für die Stirnlampe und für den Notruf-GPS-Tracker auf. Falls wir von wilden Tieren angegriffen werden sollten, habe ich das Bärenspray aus Alaska griffbereit. Gegen die Mücken sollen uns die lange Kleidung aus stichfestem Stoff und die NoBite-Sprays helfen. Das Trinkwasser wird vom MSR-Wasserfilter gereinigt und durch Mikropur-Tropfen entkeimt. Wir haben Ersatzteile für alle erdenklichen Pannen mit, Karten, Kompass, Survival-Gürtel, Kopien aller wichtigen Reisedokumente, Kreditkarten, Reiseversicherung und genug Sonnencreme, um einen ganzen Elefanten einzucremen. Das alles in fünf Fahrradtaschen verstaut bringt 30 kg auf die Waage. Und doch lässt mich das Gefühl nicht los, etwas Wichtiges vergessen zu haben. 24 Stunden vor der Reise Der Quirl dreht sich im Eimer, wo ich nach bewährter Rezeptur Fliesenkleber anrühre. Ich überprüfe die Konsistenz der Matschepampe und entscheide mich für noch ein bisschen mehr Wasser. Umrühren, drei Minuten ziehen lassen und dann kann es weitergehen. Ich trage den Eimer in den Flur, wo schon die nächsten Fliesen darauf warten für immer mit der Ausgleichsmasse zu verschmelzen. Der Dachgeschossausbau im Elternhaus dauert doch länger als geplant, und so nutze ich jede freie Minute der letzten Wochen die Baustelle in einen Wohnraum zu verwandeln. Es ist auch eine prima Ablenkung damit ich mir nicht die ganze Zeit Gedanken und Sorgen um die Afrikaradtour mache. Auf dem Boden kriechend Kleber verstreichend denkt man halt nicht an mögliche Überfälle, Schlangenbisse, Wasserknappheit, Hunger, Gegenwind oder sengende Hitze in der Kalahari-Wüste. Fliese festdrücken, Fliesenkreuze als Abstandshalter einsetzen und so genau wie möglich arbeiten, damit auch irgendwann die Enkelkinder auf dem Boden rumrutschen können, ohne sich die Knie an überstehenden Fliesenecken anzuhauen. Ich mache das Werkzeug sauber und betrachte nicht ganz ohne Stolz die Fliesenfläche vor mir, die mal das Wohnzimmer werden soll. Gut gemacht, Alex, aber jetzt ist Feierabend. Morgen früh um 5 Uhr wird dich der Wecker aus dem Bett klingeln und dann geht es ab zum Flughafen. Das Abenteuer Afrika kann beginnen. Der Flug Vor uns warten die Sicherheitskräfte des Münchener Flughafens darauf, unseren Körper nach Sprengstoff, Bomben und anderen Waffen abzutasten. Sie sind aber auch nicht enttäuscht, als sie nichts finden. Hinter uns stehen unsere Familien und Freunde, die extra wegen uns mitten in der Nacht aufgestanden sind, um sich von uns zu verabschieden. Nun winken sie den beiden Abenteurern hinterher, die jetzt hinter dem Sichtschutz verschwinden. Es muss schon ein unangenehmes Gefühl für Eltern sein, wenn der Sohn vier Monate lang mit dem Fahrrad durch Afrika fährt und die Gefahr besteht, dass er von seiner Reise nicht mehr zurückgekehrt. Man kann aber auch beim Badeurlaub auf Mallorca im Sangria-Eimer ertrinken oder an der Ostsee von der Sandburg erschlagen werden. Unsere Freunde machten sich da ganz andere Sorgen um uns. Zur kleinen Abschiedsfeier in Toms Garten schenkten sie uns eine Tube „ Glitschi“ Analgleitgel, Kondome und Schmerztabletten. Wie sollten wir es auch vier Monate lang ohne Sex aushalten? Die Schmerzmittel wandern mit in die Apothekenkiste. Das Gleitgel und die Gummis bleiben daheim, aus Gewichtsgründen…! Der Flieger bringt uns ohne Zwischenfälle nach Zürich, wo wir in einen größeren Vogel umsteigen. Dieser wird uns dann mit vielen anderen Reisenden aus Europa nach Nairobi fliegen. Der Flug ist unspektakulär, ein Flug eben. Die Sitzplätze der Economyklasse sind ziemlich eng. Am Anfang probierst du noch alle möglichen Sitzpositionen aus, bis du es aufgibst und einsiehst, dass es keine bequeme Variante für 1,90 m große Menschen mit langen Beinen gibt, ohne den Hintermann zu zerquetschen oder vom Getränkewagen überfahren zu werden. Tom sitzt am Fenster und ich habe den kürzeren Weg zum Klo. Das ist dann wohl auch der einzige Vorteil an einem Gangplatz. Mit dem modernen Bord Entertainment kann man jetzt auch Schach gegen den Sitzpartner spielen. Ich verliere kläglich und spiele dann lieber Tetris. Tom fährt Autorennen und spielt ein Kinderspiel, wo er Mickey Mouse helfen soll, ihre Wasserleitungen im Keller zu reparieren. Es gibt leckeres Essen. Die Stewardess rollt regelmäßig mit ihrem Getränkewägelchen vorbei, wobei ich bemerken muss, dass sie wirklich eine aufregende Strumpfhose trägt. Noch ein kleiner Vorteil am Gangplatz. Die servierte Pizza ist noch nicht ganz durch gebacken, aber wir essen sie trotzdem. Kommen wir halt schon mit Bauchschmerzen in Afrika an. Ich schaue mir den Film „Bucket list“ an, in dem sich zwei ältere sterbenskranke Männer nochmal kurz vor ihrem Ableben eine Liste zusammenstellen, was sie noch alles erleben möchten. Da es an Geld nicht mangelt, sehen sie sich die Pyramiden an, machen eine Safari in der Serengeti, klettern im Himalaja und essen in Venedig zu Abend. Und das alles in einer Woche. Nach unserer Afrikaradtour kann ich auch einige Punkte von meiner Löffelliste (bevor man den Löffel abgibt) abhaken. Zum Beispiel: mit dem Fahrrad durch Afrika, wilde Löwen in freier Wildbahn sehen, eine Wüste mit dem Fahrrad durchqueren, in der afrikanischen Savanne wild zelten. Das Flugzeug setzt zur Landung auf dem Kenyatta International Airport von Nairobi an. Noch etwas gerädert von 9 Stunden Flug folgen wir der Beschilderung auf Englisch zu den Gepäckbändern, wo auch schon die anderen Touristen stehen und auf ihre Koffer warten. Nächster Programmpunkt des Pauschal Touristen nach dem Gepäckband. Erst mal schön bequem in der 4 Sterne Lodge einchecken, dann lassen sie sich im Safarijeep durch die Nationalparks kutschieren und vom Servicepersonal rund um die Uhr verwöhnen. Nach 2 Wochen Afrika Show fliegen sie dann wieder gut erholt und sonnengebräunt mit der geschnitzten Holzgiraffe unterm Arm zurück in die Heimat. Aber genau das wollten wir eben nicht. Deshalb fahren wir die ganze Strecke auch mit dem Fahrrad, nah an der Bevölkerung und der Kultur, die dieses Land so faszinierend macht. Aber auch nah an den wilden Tieren, die dieses Land so gefährlich machen. Alles Gepäck ist mitgeflogen und türmt sich nun auf dem quietschenden Wägelchen, mit dem wir uns zum Security Check vorkämpfen. Dort fragt uns der Beamte freundlich, was sich bitte in den zwei großen, vom Flug sichtlich mitgenommenen Pappkartons befindet? Ich mache jetzt mal besser keine Witze über Drogenschmuggel und antworte wahrheitsgemäß: „Two bicyles, Sir“. Sein Gesichtsausdruck verrät mir, dass er schon verstanden hat, „was“ da drin ist, aber auch, dass er absolut nicht nachvollziehen kann, warum wir „ das“ mit nach Afrika geschleppt haben. Kopfschüttelnd blickt er uns hinterher… Als wir den Empfangsbereich erreichen und uns schon viele freundliche Taxifahrer angrinsen, die nur auf uns gewartet haben, bin ich froh, dass wir den Transfer zum Hotel schon vorher per Mail organisiert haben. Wir erkennen unseren persönlichen Fahrer an dem Pappschild mit unseren beiden Namen drauf, das er wohl schon längere Zeit in die Luft hält. Jeden Tag steht er dort an derselben Stelle und wartet auf Touristen. Nur die Namen auf dem Schild ändern sich. Er begrüßt uns freundlich „Welcome to Afrika“. Ich habe leider seinen Namen vergessen, so nenne ich ihn jetzt einfach „Mr. Taxidriver“. Nach dem wir 100 Dollar in 8400 kenianische Schillinge getauscht haben, folgen wir Mr. Taxidriver zu seinem Toyota Minibus. Dort passen normalerweise neun Personen hinein oder eben zwei Fahrräder, aber auch erst, nachdem wir zwei Sitze ausgebaut haben. Nach dem Flug sind wir ziemlich erschöpft und freuen uns auf unsere Betten. Nur das laute Gehupe auf den Straßen Nairobis sorgt dafür, dass wir nicht gleich im Bus einschlafen. Die 15 Kilometer vom Flughafen zum „Upper Hill Campingplatz“ ziehen sich ewig hin und eigentlich hatte ich anfangs geplant, sie mit dem Fahrrad zu fahren, aber so ist es viel angenehmer. Aufgrund der schlechten Erfahrungen anderer Touristen mit afrikanischen Taxifahrern war ich misstrauisch und verfolge mit dem Finger die Route auf meiner ausgedruckten Straßenkarte von Google Maps. Meine Befürchtungen waren unbegründet. Er hielt nach einer halben Stunde vor einem schweren Eisentor. „Welcome to Upperhill Campsite“ posaunte uns Peter zu, der schon auf uns gewartet hatte. Unsere Holzhütte Nummer vier entpuppt sich als echt gemütlich. Zwei Betten für die Fahrräder, zwei für uns beide und für die große schwarze Spinne an der Zimmerdecke ist auch noch genug Platz. Tag 1: Guten Morgen Nairobi Der Nokia Weckerklingelton läutet um 6 Uhr, gefühlte vier Stunden zu früh, aber wir haben heute auch viel vor. Das „Viel vor“ lässt sich aber sicherlich auch noch ab 7 Uhr erledigen und so ziehen wir uns noch mal die Decke über die Ohren. Quietschend öffnet sich die Holztür der Hütte Nummer vier und ich blinzele ins erste afrikanische Tageslicht. Guten Morgen, Nairobi, guten Morgen, Afrika. Wo ist mein Fahrrad? Ach ja, es liegt ja noch oben auf dem Hochbett und wartet darauf, fahrtüchtig zusammengebaut zu werden. Nach einer halben Stunde sind die Bikes wieder montiert, die Pedale angeschraubt, der Lenker in gerader Position und der Sattel in der richtigen Höhe fixiert. Eigentlich könnten wir sofort los starten, wenn meine restlichen Ausrüstungsgegenstände nicht noch in der ganzen Hütte verteilt rumliegen würden. Irgendwann gegen Mittag kommen wir dann tatsächlich los. Wir konnten die Duschen nicht ungenutzt zurücklassen. Wer weiß, wann sich die nächste Möglichkeit zum Waschen bietet? Zum Frühstück gibt es eine kalte Cola und einen Snickers Schokoriegel. Der Küche des Hauses vertrauen wir nicht mehr, nach dem wir gestern Abend einen Hamburger mit Pommes und Salat bestellt hatten und am Ende nur den Hamburger gegessen haben, weil die Pommes und der Salat wirklich ungenießbar waren. Selbst das Ketchup schmeckte komisch. In Zukunft werden wir nur noch Hamburger mit Reis bestellen. Da kann weniger schief laufen … oder noch besser, nur Reis! Die ersten Kilometer mit den schwer beladenen Drahteseln sind gewöhnungsbedürftig. Erschwerend kommt der ungewohnte Linksverkehr hinzu und das Ganze in einem fremden Land, wo es so scheint, als würde die ganze Stadtbevölkerung auf der Straße herumlaufen. Bei der ersten Tankstelle halten wir an. Der Tankwart zögert anfangs noch ungläubig, als ich ihn bitte, in meine rote Aluflasche normales Benzin einzufüllen. Ich erkläre, dass ich damit kochen kann, aber das will er nicht verstehen. Schnell scharrt sich eine Gruppe von neugierigen Menschen um uns herum. Normalerweise brauchen die Kocher hierzulande Paraffin. Ein Weißer, der mit normalem Benzin kochen möchte, scheint nicht ganz geheuer, noch dazu steht er mit einem voll bepackten motorradähnlichen Fahrrad ohne Motor an der Zapfsäule. Nach längerer Diskussion kosten die 700 ml am Ende 80 Schillinge. Als wir alles einen Hügel hochschieben, löst sich Toms Gepäckträger aus der Verankerung und so können wir gleich mal am ersten Tag einen Strich in der Pannenstatistik machen. Das Problem ist schnell behoben und wir folgen weiter der Hauptstraße Richtung Norden aus der Stadt. Es ist viel Verkehr und der Randstreifen zwischen Straßengraben und vorbeiflitzenden LKWs bietet nicht viel Platz für Radfahrer. Es macht heute keinen Spaß, sich hier entlang zu quälen. Der Atemrhythmus muss den schwarzen Abgaswolken der Trucks angepasst werden und wenn gar nichts mehr geht, Halstuch zur Nase und wie ein Bankräuber aus dem Wilden Westen sich durch die Abgase kämpfen. Im „WIDA-Highwaymotel“ setzen wir uns in den Schatten und essen Reis, Fleisch und Gemüse. Kein Ahnung, welches Fleisch und Gemüse es war, aber es war auf jeden Fall Reis dabei. Zum Nachtisch gönnen wir uns zwei Schälchen Obstsalat. Frisch gestärkt ruhen wir uns noch etwas aus. Vier Jungendliche kommen vorbei und wollen sich mit uns unterhalten. Sie fragen höflich, ob wir ihnen nicht helfen könnten, ihren Promille-Pegel aufrecht zu erhalten? Ich gebe ihnen vier Bananen und einen Kugelschreiber. Am nächsten Anstieg scheinen die Kraftreserven schon wieder aufgebraucht zu sein und Tom lässt sich von einem Tanklaster, der hier genauso langsam den Berg hinauf kriecht, ein Stück mitziehen. Ich strampele hinterher und filme. Etwas später hält ein kleiner Truck an und bietet uns an, unsere Bikes hinten rein zu legen und bei ihm mitzufahren. So aus dem Führerhaus blickend lässt sich auch die Landschaft genießen, durch die wir bisher nur grummelnd durchgeschlichen sind. Es fängt leicht an zu nieseln und wir sind froh, dass wir bei Salomon im Truck sitzen. Auch wenn es nicht weniger gefährlich ist als auf dem Fahrrad. Als Salomon einen langsamen Truck überholen möchte, bemerkt er das entgegenkommende Auto erst ziemlich spät, sodass er stark bremsen muss, um wieder hinter dem Truck einscheren zu können. Dabei bricht auf der nassen Fahrbahn sein Heck aus und ich sehe uns schon im Straßengraben liegen. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich gerade noch im Augenwinkel eine Gruppe Zebras am Straßenrand grasen. Obwohl es scheint, als wenn die Afrikaner ihren Führerschein beim Auto-Skooter gemacht hätten, haben sie ihre Fahrzeuge doch meistens unter Kontrolle und so rollen wir auch weiter, als wenn nichts gewesen wäre. An der Abzweigung zum Hellsgate National Park laden wir die schweren Bikes aus und bewegen uns wieder mit Muskelkraft vorwärts. Ich finde den leichten Nieselregen echt angenehm, Tom ist es zu kalt. Es wird langsam dunkel und von Onelly’s Campground ist noch kein Schild in Sicht. In dieser Gegend können wir auch nicht einfach wildcampen, weil sich an beiden Straßenseiten ein Gewächshaus ans andere reiht. Hier werden die Rosen für die ganze Welt angebaut. Wenn dir also ein nett grinsender, indisch aussehender Mann mit „Wollen Rose kaufen?“ eine rote, gut duftende Rose für fünf Euro ins Gesicht hält, dann hatte diese Rose hier ihre Wurzeln und eine lange Reise über Holland hinter sich, bis sie letztendlich in deiner Küchenvase verwelkt. Die riesigen Wassermengen, die diese Gewächshäuser aus dem See pumpen, fehlen den Tieren und Pflanzen in den trockenen Gegenden in Kenia. Aber mit diesem komplexem Problem des Rosenanbaus beschäftige ich mich jetzt nicht weiter, weil es nun echt höchste Zeit wird, das Camp zu erreichen. Die Leute, die wir fragen, geben Angaben zwischen zwei und zehn Kilometer. Onelly’s Camp wurde uns von der Hostel-Mama empfohlen, bei der wir die erste Nacht in Nairobi gepennt hatten. Jetzt, wo wir es endlich erreicht haben und im Schein der Taschenlampe dem Nachtwächter folgen, erweckt es eher den Anschein einer Luxus-Lodge. Die Fahrräder sind im Zimmer eingesperrt und wir sitzen in der Lounge und warten auf unsere leckere Hawaii Pizza aus dem Steinofen. Die kalte Cola tut gut und so lassen wir den ersten Tag gemütlich ausklingen. Tag 2: Lake Naiwasha Ich sitze am Seeufer des Lake Naiwasha. Eine Gruppe Pelikane fliegt dicht über der Wasseroberfläche vorbei. Um mich herum hängt noch der Morgennebel in den Wiesen. Ich genieße jeden Schluck meines Mangosaftes und freue mich, in Afrika zu sein. Vergessen sind die Strapazen des Vortages. Der Bauch ist noch eine Zeit lang mit der Familienpizza beschäftigt, aber der Kopf ist hungrig nach neuen Erlebnissen, Erfahrungen und Begegnungen mit wilden Tieren. Ich habe gerade in der Freiluftdusche fertig geduscht, als ein größerer Tropfen auf meinen Kopf platscht. Ich ertaste die Stelle meines Kopfes und starre etwas verwirrt in meine Handfläche. Augen und Nase bestätigen mir, dass es soeben ein Vogel geschafft hatte, aus beachtlicher Höhe, gezielt auf meinen frisch gewaschenen Kopf zu scheißen. Es sollte aber kein Scheißtag werden. Auf dem Weg zum Parkeingang kaufen wir uns noch ein paar Bananen und eine Mango an den hölzernen Marktständen am Straßenrand. Am Hells Gate National Park Office stehe ich genau dann im Männerklo, als eine Schulklasse mit dem Bus vorbei kommt und genau dieselbe Idee hat. So stehe ich mit ungefähr zwanzig Jungs in dem kleinen Toilettenhäuschen. Ich habe ein Pissoir für mich alleine, die Jungs teilen sich immer zu dritt ein Pinkelbecken. Das war ein Gewusel und ich bin froh, wieder an der frischen Luft zu sein. Der Hells Gate National Park ist einer der wenigen afrikanischen National Parks, bei dem die Möglichkeit besteht, mit dem Fahrrad durchzufahren, weil keine Raubtiere im Park den kleinen Radler verspeisen würden. So radeln wir bei herrlichem Wetter an grasenden Zebras vorbei, Antilopen springen ängstlich davon, Thomson Gazellen weiden in der Steppe und Warzenschweine suhlen sich am Wasserloch. Mittags kochen wir im Schatten eines Baumes Spaghetti mit Tomaten und Zwiebeln. Als Nachspeise gibt es die Mango vom Markt und die importierte Ritter Sport Schokolade aus Deutschland. So haben wir uns das vorgestellt. Später sehen wir auch Giraffen zwischen den Bäumen entlang stolzieren und in Anbetracht dieser schönen großen Tiere fühlen wir uns auf unseren Bikes sehr klein. Das idyllische Bild unberührter afrikanischer Wildnis wird nun mehr und mehr von grauen Rohrleitungen getrübt, die sich kilometerlang durch die Landschaft ziehen. In dieser Gegend wird der heiße Wasserdampf aus dem Untergrund in den Geothermal Kraftwerken in Strom umgewandelt. Der Tag geht zur Neige und wir sind erleichtert, als ein Schild auftaucht, das in 10 km ein Guesthouse am südlichen Parkausgang ankündigt. Wir wollen den Park eh in dieser Richtung verlassen, um dann weiter Richtung Massai Mara fahren zu können. Tom ist schon mal mit einem Pickup mitgefahren und ich unterhalte mich mit einem Massai, der auch in dieselbe Richtung wandert. Zusammen laufen wir den Berg hoch und ich schiebe das Fahrrad. Oben angekommen biete ich ihm an, hinten auf dem Gepäckträger mitzufahren. Ich schnalle ihm meinen Helm auf den Kopf und wir sausen ziemlich schnell die Straße hinunter. Der Massai sieht lustig aus mit meinem blauen Fahrradhelm. Mit breitem Grinsen genießt er den Fahrtwind und das Gefühl, als ob wir fliegen würden. Auf dem weiteren Weg entdecke ich einen abgenagten und von der Sonne gebleichten Zebraschädel im Straßengraben liegen. Geschickt schlagen wir mit einem Stein die Vorderzähne raus und ich nehme sie als Souvenir mit. Es ist schon dunkel, als wir den Parkausgang erreichen. Dort steht Tom an der Schranke und unterhält sich mit einem der Parkranger. So erfahren wir, dass das Guesthouse schon seit zwei Jahren nicht mehr existiert. In dieser misslichen Lage ohne Schlafplatz in Aussicht sind wir sehr froh, dass uns der Massai anbietet, in der Schule seines Dorfes zu übernachten. Es braucht schon eine Portion Vertrauen, Naivität und Mangel an Alternativen, einfach so zwei fremden Menschen in der Dunkelheit durch die Steppe zu folgen. Unsere Fahrradlampen beleuchten den schmalen Trampelpfad, auf dem wir den beiden dunklen Gestalten vor uns folgen. Nach einem längeren Fußmarsch erreichen wir tatsächlich eine Ansammlung von Gebäuden. Der Massai öffnet eine der Holztüren und nachdem sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, werden die Umrisse eines Klassenzimmers erkennbar. Zwischen der Tafel und den Holzbänken rollen wir unsere Isomatten aus und so wird der harte Steinboden etwas bequemer. Als Dankeschön für die Gastfreundschaft koche ich für uns vier Reis mit Erdnusssauce und auch der Nachtwächter möchte für seine Arbeit entlohnt werden. Nach dem Reisgericht singen unsere Gastgeber traditionelle Massai-Lieder, ich spiele auf der Mundharmonika und trommele im Takt auf der Holzbank. Zum Abschied schenken sie uns zwei Massai Zeremonie-Stäbe und wir tauschen 20 Kugelschreiber, ein Feuerzeug und ein paar Dollarscheine gegen ein paar Stunden Schlaf ohne Angst vor wilden Tieren. Verschiedene Gedanken schwirren mir vor dem Einschlafen im Kopf herum. Was hätten wir gemacht, wenn wir jetzt nicht hier in der Schule übernachten hätten können. Ist es vielleicht eine Falle? Was haben die drei Männer in ihrer Landessprache getuschelt? Ich umklammere meinen Brustbeutel mit den wichtigen Dokumenten und den Geldscheinen noch fester und schlafe irgendwann ein. Am nächsten Morgen um fünf Uhr klingelt uns der Wecker aus dem Schlaf. Um halb sechs sind wir bereits auf den Bikes und radeln im Mondschein Richtung Süden. Dreißig Minuten später hätten 800 Kinder die Schule gestürmt und dann wollten wir nicht mehr am Boden ihres Klassenzimmers rumliegen. Die Muskeln schmerzen noch, nicht nur vom Radfahren, sondern auch wegen der unbequemen Nacht, aber es war trotzdem eine tolle Erfahrung im Massai-Dorf. Tag 3 Straße nach Narok Es wird langsam hell und die Natur um uns herum erwacht aus ihrem Schlaf. Die Vögel warnen alle anderen Tiere vor den zwei unbekannten Gestalten, die da gerade durch ihr Revier fahren. Die eine unbekannte Gestalt findet es angenehm frisch heute Morgen, die andere Gestalt findet es arschkalt. Aber beide freuen sich darüber, dass es erst mal bergab geht und sie heute früh nicht gleich wieder irgendwelche steilen Bergpässe überwinden müssen. Die Straße gleicht zwar mehr einem ausgewaschenen Flussbett als einem Feldweg, aber so ist die Abfahrt wenigstens nicht langweilig. Man könnte jeden Moment böse auf die Schnauze fliegen und sich darüber freuen, nach ein paar Doktorspielchen seinen halben Erste-Hilfe-Kasten am Körper verteilt zu tragen. Wäre ja auch blöd, dieses Gewicht die ganze Reise umsonst mitzuschleppen. In den Massai-Dörfern, an denen wir vorbeifahren, ist bis jetzt auch erst der Hahn wach, aber dieser gibt sich alle Mühe, auch den Rest der Familie aufzuwecken. Als wir nach ein paar Stunden endlich die Hauptstraße nach Narok erreichen, hat die Downhilletappe an meinem Rad die ersten Spuren hinterlassen. Nicht nur, dass der kleine Plüschelefant am Vorderrad einen dreckigen Hintern hat, auch die erste Schraube am Frontträger ist gebrochen. Alles halb so wild, sag ich mir. Mit unseren Kabelbindern und der Rolle Gaffa-Tape, könnten wir ein ganzes Haus bauen oder in diesem Fall die Halterung wieder provisorisch festbinden. In Suswa, einem kleinen Ort auf dem Weg nach Narok, kaufen wir uns einen 10 Liter Wasserkanister, Brot und ein Orangensaftgetränk, das lecker aussieht, aber fürchterlich schmeckt. Bei der nächsten Pause kommt ein kleiner Junge auf seinen Fahrrad vorbei und starrt, ohne ein Wort zu sagen, unsere vollbepackten Fahrräder an. Ich mustere sein Fahrrad und sehe eine lose Speiche durchhängen. Mein Versuch, ihm das Rad mit meinem Werkzeug zu reparieren, scheitert leider daran, dass an seinem „Made in China Bike“ meine Speichenschlüssel nicht passen. Wenigstens etwas Kettenspray kann ich ihm anbieten und er fährt strahlend weiter. Der weitere Streckenverlauf führt uns über, ich nenne es mal Hügel. Tom nennt es Berge. Tom schimpft über die Straßenplaner, ich bin froh über den tollen Asphalt. „Die hätten ja auch einen Tunnel durch die Berge bauen können!“ meint Tom. „ Es ist eben günstiger, die Straße über den Hügel zu verlegen, als einen Tunnel für die paar Autos zu bauen. Genieße doch mal die frische Luft!“ „Es könnte auch wärmer sein.“ erwidert Tom. „Es könnte auch regnen.“ ist meine optimistische Antwort und so schieben wir eingeschnappt den Arschlochberg Nummer 15 hoch. Wir haben angefangen, den Bergen Namen zu geben, weil es ungemein befriedigt, den Sündenbock auch persönlich verfluchen zu können. Ich genieße die Abfahrt von Arschlochberg Nummer 15 und winke den Kindern am Straßenrand zu, die sich über jegliche Abwechslung ihres eintönigen Alltags freuen. Tom kann die Abfahrt nicht ganz so genießen. Sein Blick auf die nächsten vor ihm liegenden Anstiege zerstört seine optimistische Einstellung, dass es der letzte Berg für heute gewesen sein sollte. Außerdem bläst der Fahrtwind so kalt durch den Pullover. Arschlochberg Nr. 16 – 25 überqueren wir auf der Ladefläche eines netten Pick-up-Fahrers, der Erbarmen mit den zwei schiebenden Radfahrern hatte. Am nächsten Wasserloch steigen wir wieder aus und machen erst mal Pause. Es gibt Baby-Brei mit Bananenstückchen. Im Schatten des großen alten Baumes ruhen wir uns aus und genießen die Stille und das Gefühl, dass mal keine Menschen um uns herum sind. Der i-Pod erfüllt meine Ohren mit Musik und lässt mich träumen, ich träume von …, doch bevor ich mich entschieden habe, von was ich jetzt träumen möchte, ertönt Hufgetrampel und Kuhglocken und stören die Ruhe. Als ob wir auf einer bayrischen Almwiese liegen würden, läuft eine Herde Kühe nur wenige Meter vor uns vorbei, zielstrebig zu ihrem Getränkelieferanten. Der Massai-Hirte grüßt uns freundlich und nach kurzem Smalltalk lasse ich ihn auch mal meine Musik hören. Er lächelt, als ich lauter drehe und fängt an, im Takt zu tanzen. Na also, die Massai stehen also auch auf elektronische Housemusik. Da ich hier am Wassertümpel nicht übernachten will, müssen wir noch die 20 km bis nach Narok schaffen. Auf den nächsten Kilometern zeigt sich aber, dass Toms körperliche Verfassung doch schlechter ist, als ich angenommen hatte und auf einem flachen Straßenabschnitt legt er unerwartet sein Fahrrad hin und setzt sich daneben auf die Straße. Er hat Muskelkrämpfe in den Oberschenkeln und für heute ist hier Schluss mit Radeln. Wir sind nun gerade mal den dritten Tag unterwegs und haben noch 110 Tage im Sattel vor uns. Das kann ja noch lustig werden. Wir brauchen einen Truck, der uns das letzte Stück in die Stadt mitnimmt, aber irgendwie kommen jetzt nur noch kleine Autos vorbei, in denen kein Platz für unsere Fahrräder ist. Nach einem seelisch aufbauenden Telefonat mit der Freundin zu Hause und einem körperlich aufbauenden Müsliriegel kämpft sich Tom noch ein paar Kilometer weiter, bis wir dann auf der Ladefläche eines Kipplasters Platz finden. Die letzten 11 Kilometer bis zum Hotel in Narok sind im Truck schnell zurückgelegt und wir beteiligen uns mit 10$ an den Benzinkosten. Im Hotel werden wir herzlich willkommen geheißen. Für 30$ pro Nacht haben wir das Dauergrinsen des Hotelpersonals gleich mit bezahlt. Dass der Kugelschreiber am Empfang fehlt, um unsere Registrierung auszufüllen, kann uns heute auch nicht mehr schockieren. Die nächsten Wochen kann er nun mit meinem roten Vodafone-Kugelschreiber seine Arbeiten erledigen. Die Zimmer sind zweckmäßig eingerichtet: Bett, Schrank, Tisch und ein Fernseher mit deutschem Stecker, der einfach so lange verbogen wurde, bis er in die kenianische Steckdose passte. Das Badezimmer ist schön in Pink gefliest – schön jedenfalls für jemanden, der die Farbe pink schön findet. Es ist aber ein richtiges Klo und nicht nur ein Loch im Boden! Dort sitze ich auch gerade drauf und betrachte schockiert die Fliesenlegearbeiten. Hat der Fliesenleger im Dunkeln gearbeitet? Oder war er betrunken? Oder beides? Der hat auch vergessen, die Fugenmasse nach dem Verteilen wieder sauber abzuziehen. Im Restaurant des Hotels ist ein kleines Buffet aufgebaut. Es gibt typisch afrikanische Gerichte wie gebratenes Hühnchen, Maisbreiknödel, Spinat, Maispfannkuchen, Bohneneintopf und zum Nachtisch Obstsalat. Wir probieren alles durch und ich verputze 3 Schälchen Obstsalat. Mit gut gefülltem Bauch gehen wir heute früh schlafen. Da wir zwei getrennte Zimmer haben, erfahre ich erst am nächsten Morgen, dass der Magen von Tom das lecker Essen nicht behalten wollte. Tag 4: Pause machen, Weiterfahren, nach Hause fliegen? Dank meiner Oropads konnte ich trotz der lauten Musik aus der Dorfdisco bis um 9 Uhr schlafen. Die warme Dusche trug auch positiv zur Wiederbelebung meines Körpers bei. So sitze ich gut gelaunt am Frühstückstisch und freue mich auf die Herausforderungen, die der neue Tag so mit sich bringen wird. Tom hatte keine erholsame Nacht. Ohne tiefer in die Details zu gehen, war es eine Scheiß Nacht. Irgendwelche Viren hatten in seinem Bauch eine wilde Party gefeiert und die Dorfdisco vor dem Fenster spielte laut genug die Musik dazu. Nach dem Frühstück laufen wir erst mal in die Stadt, um im Internetcafe ein Lebenszeichen nach Hause zu schicken. Die Entscheidung müssen wir nun treffen, Pause machen und Erholen in der Stadt oder weiterfahren? Wirklich viel kann man aber in Narok nicht unternehmen und so entscheiden wir uns, in kleineren Tagesetappen weiter Richtung Massai Mara zu radeln. An der Tankstelle lassen wir nochmal vorsorglich unseren Reifendruck überprüfen. Der ausgebildete Reifendruckprüfspezialist zeigt uns 35 Euro Cent in Münzen, die ihm ein großzügiger Tourist als Trinkgeld gegeben hat. „Wie viele Schillinge sind das wohl?“ fragt er uns erwartungsvoll und erhofft sich davon wohl auch ein paar Feierabendbierchen kaufen zu können. Wir müssen ihn leider enttäuschen, dass er sich davon noch nicht mal einen Schokoriegel kaufen kann, aber wir füttern sein Sparschwein mit einem Dollarschein für den professionellen Reifendruckservice. Er wird sich wohl täglich fragen, warum er eigentlich die ganzen Jahre in die Schule gegangen ist! Raus aus der Stadt, rein ins Vergnügen. Dieses besteht darin, den Schlaglöchern so geschickt auszuweichen, dass man nicht links im losen Kiesbett landet und auch nicht vom entgegen kommenden Auto erfasst wird, das auch im Slalom um die Löcher eiert. Die Straße wird mehr und mehr zur Piste, beider die verbleibenden Asphaltflecken zum störenden Hindernis werden. Am Ortseingang des nächsten Dorfes werden wir von einer Horde Kinder empfangen, deren Ritual es zu sein scheint, ausländischen Radfahrern, die ihre Reviergrenze überqueren, laut schreiend hinterher zu laufen. Und diese Kinder können so verdammt schnell laufen, dass wir nicht mehr schnell genug wegradeln können. So gelingt es einem Jungen, den Massai-Stab von Toms Gepäckträger runter zu reißen. Der Stab fällt klappernd auf den Boden, Tom bleibt augenblicklich stehen. Ich bleibe auch stehen, alle Kinder bleiben auf der Stelle stehen. Als wenn wir das Spiel, „wer hat Angst vorm schwarzen Mann“ gespielt hätten, traut sich nun kein Kind mehr, sich zu bewegen. Es ist mucksmäuschenstill, das Kriegsgeheul ist verstummt und alle sind gespannt, wie es weiter geht? Ich schaue sie so böse an, wie es nur geht und rufe „ No!“ in einer Art und Weise, dass auch alle Kinder, die noch kein Englisch verstehen, genau wissen, was jetzt Sache ist. Tom hebt ganz ruhig den Stab auf und wir radeln weiter, ohne uns noch einmal um zu drehen. Die Landschaft bleibt unspektakulär. Endlose Savanne, mit Dornenbüschen und kleinen Bäumchen, die sich um die wenigen Regentropfen streiten. Wie in einem schlechten Western weht ein abgerissener Strauchball über die Straße. Nur wir sitzen nicht gemütlich auf einem Pferd, sondern plagen uns auf unseren Drahteseln durch die Prärie. Keine Saloons, keine hübschen Indianerinnen und auch keine Postkutsche, die uns mal ein Stück mitnehmen könnte… Die nächsten weißen Frauen, denen wir begegnen, stehen neben ihrem Auto am Straßenrand und sind aus Finnland. Ihre zwei einheimischen Kumpels wollten ihnen mal die Gegend zeigen, na, klar! Die zwei Finninnen sind echt nett und wenn man der einzige Weiße in der Gegend ist, kommt man auch total einfach ins Gespräch. “Hey, du auch hier? Bist mir sofort aufgefallen! Was macht ihr hier draußen in dieser gottverlassenen Gegend?“ „ Wir waren mit unseren Kumpels bei den „Hot Springs.“ Echt Schade, dass diese heißen Quellen nicht auf unserer Route liegen und auch einen kleinen Umweg von 50 Kilometern bedeutet hätten, aber nur mit Tom und ohne den Finninnen wären sie auch sicher nicht so hot gewesen. Wir unterhalten uns noch ein bisschen und fahren nicht weiter, ohne ihnen den gutgemeinten Rat mit auf den Weg zu geben, … nicht zu früh zu heiraten … und Kondome zu benutzen! In einem typischen Touristen Souvenir Shop machen wir kurz Pause. Beim Schlendern durch die schattige Halle, die bis unter die Decke vollgestellt ist mit Dingen, die die Welt nicht braucht, werden wir penetrant von einem verkaufstüchtigen jungen Mann verfolgt. „Hier eine Giraffe, Sir!“ „Ok, so eine zwei Meter hohe Holzgiraffe sieht sicher toll aus im Hausflur und man könnte auch den nassen Regenschirm ans Ohr oder in die Unterlippe einhängen. Aber wie soll ich sie bitteschön mit dem Fahrrad bis nach Namibia mitschleppen. Außerdem passt sie nicht in mein kleines Zelt.“ lautet meine Ausrede. „Dieser niedliche Affe vielleicht“, so preist er mir den schweren 300 Dollar Affen an, der auf seine Banane schielt. „ Nee, sorry, my friend, der ist zu schwer für den Gepäckträger. Außerdem schauen dann die Leute so komisch…“ Er lässt nicht locker. „Eine Kleinigkeit für die Ehefrau zu Hause ?“ „Nö, die Frau kenne ich noch nicht!“ „Aha, dann vielleicht eine kleine Voodoo-Puppe, um die Exfreundin zu quälen?“ Er nickt befriedigt. Jetzt hat er mich. „Lassen Sie mich überlegen …“ Dabei schaue ich nachdenklich in den Himmel, der vom Holzdach versperrt wird. Er wittert schon den erfolgreichen Verkauf und rollt mit den Augen „Jaa…?“ „Nein!“ ist meine knappe Antwort. Enttäuscht sinkt er zusammen. Es sind auch außer uns keine anderen potenziellen Kunden da, denen er auf die Nerven gehen könnte. So startet er einen letzten Versuch, uns doch noch etwas zu verkaufen. Dabei provoziert er die Angst vor den wilden gefährlichen Tieren in seinem Land, die liebend gern frische Touristen verspeisen, die sich nicht mit einer Machete verteidigen können. Aber heute ist unser Glückstag und zufälligerweise hat er auch noch genau zwei Massai Macheten da. Fast feierlich überreicht er uns die zwei Macheten, „die afrikanische Lebensversicherung“ raunt er mit einem Augen zwinkern zu. „Da steht ja ‚Made in Hongkong‘ drauf.“ lassen wir den Schwindel auffliegen. „Waren sicher asiatische Massai-Krieger!“ erwidert der tapfere Verkäufer kleinlaut. Seine Schweißperlen glitzern auf der Stirn. Weiße Touristen auf Fahrrädern sind echt frustrierend. Ohne einen Kauf verlassen wir die kühle Halle und verabschieden uns von unserem Freund. Er wird in Gedanken sein ganzes Sortiment durchgehen, was Fahrradfahrer ohne Ehefrau wohl brauchen könnten. Dabei haben wir doch genau das gefunden, was wir gesucht hatten - kühlen Schatten! Wir folgen weiter der Straße, die auf unserer Karte als gestrichelte Linie bis zur Grenze von Tansania führt. Gestrichelte Straßen bedeuten so viel wie, hier war mal geteert und vielleicht wird auch mal wieder geteert. Meistens liegen mehrere Jahre zwischen diesen Ereignissen und Trucks und Regengüsse haben genug Zeit, ihre Spuren zu hinterlassen. Eigentlich liebe ich solche Straßen. Entgegenkommende Autos werden schon früh genug durch eine große Staubwolke angekündigt. Man kann sich in aller Ruhe vorbereiten, sein Halstuch über Mund und Nase zu ziehen und auf den Moment warten, in dem man die Luft anhalten sollte, bis das Auto vorbei ist. Es sind die Straßen der Abenteurer, die zu Plätzen führen, zu denen nicht jeder hinkommt, oder auch wo keiner hin will. Wir wollen eigentlich nur noch einen Platz für die Nacht, aber die regelmäßig links und rechts zwischen den Büschen auftauchenden Massai-Hütten halten uns davon ab, hier einfach wild unsere Zelte aufzuschlagen. Kurz vor Sonnenuntergang finden wir dann doch noch einen Zeltplatz, zwei Kilometer von der Hauptstraße entfernt. Der Empfang vor Ort fällt weniger herzlich aus. Im ersten Moment scheint keiner da zu sein und wir sind schon dabei umzudrehen, als eine kleine Taschenlampe auf uns zu wackelt. Die folgende Konversation läuft ungefähr so ab (mit Gedanken in Klammern): Hallo, wir sind Alex und Tom, Wie viel kostet eine Übernachtung? Guten Abend, Der Bungalow kostet 40 Dollar (Ich kann’s ja mal versuchen…?). Oh (ach du Scheiße), das ist dann wohl nicht das Richtige für uns. (Der tickt ja nicht ganz richtig, für seine abgefuckten Hütten 40 Dollar zu verlangen. Das sind umgerechnet 33000 Schilling.) Zelten kostet 10 Dollar (diese weißen Touristen auf Fahrrädern sind echt komische Leute). Ok? ( Arsch ) Ja, ok!( Arsch ) Am Ende der Diskussion bauen wir im Schein der Stirnlampen für 8 Dollar pro Person das erste Mal unsere Zelte auf afrikanischem Boden auf. Tom fühlt sich nicht ganz fit und so koche ich alleine leckere Spagetti mit Tomaten und Zwiebeln. Eigentlich wollten wir auch die kleinen getrockneten Fischlein, die Tom gestern an einem Stand gekauft hatte, mit zu den Zutaten mixen, aber unsere Nasen warnten uns davor. Unsere Körper waren schon gebeutelt genug. Da brauchten wir nicht auch noch eine Fischvergiftung. Der Security kam immer wieder mal vorbei, um zu schauen, was wir da so am Feuer ohne Holz ( Benzinkocher ) treiben und auch um uns zu zeigen, dass er tatsächlich seinen Job macht und uns vor den wilden Tieren beschützt. Die einzigen wilden Tiere, die ich hier finde, sind der grüne Frosch und die Fledermaus im Klohäuschen. Tag 5, Platten, Pech und Pannen Der Tag beginnt wie der letzte geendet hatte - auf dem Klohäuschen. Die Tür ist auf und ich blicke hinaus auf die große Wiese. Da laufen doch tatsächlich mehrere Gnus vorbei. Mir kommt eine lustige Idee, ich laufe schnell zurück zum Zelt und setze mir meine Helmkamera auf den Kopf. Das Messer baumelt am Gürtel und so schleiche ich mich durch das hohe Gras auf die Gnuherde zu. Genau so muss sich ein Löwe fühlen, wenn er sich gerade an sein Frühstück heranpirscht. Langsam nähernd, geräuschlos auf leisen Pfoten durchs Gras tapsend, dann, im richtigen Moment, ein kurzer Sprint, dem Frühstück hinterher jagend, ein gezielter Sprung an die Kehle und das Gnu liegt im Gras. Ich möchte dem Gnu natürlich nicht um den Hals fallen, sondern nur ein Foto machen. Ich bin nur noch 100 Meter von der Herde entfernt und robbe mich auf allen vieren liegend vorwärts. … Knacks, knister… Eines der Tiere hebt den Kopf, sie haben mich gewittert und suchen verstört die Gegend ab. Ich bleibe wie erstarrt liegen und bin mucksmäuschenstill. Der Wind steht günstig und so können sie mich nicht so einfach riechen. Puh, sie grasen weiter. Mein Herz klopft so laut, dass ich Angst habe, sie könnten es hören. Ich mache ein paar Fotos und richte mich langsam auf. Jetzt haben sie mich entdeckt und fangen an panisch in alle Richtungen zu laufen. Es stehen auch ein paar Thomson Gazellen in der Nähe, die jetzt auch davon hüpfen, „keine Ahnung, warum“ werden sie sich denken, „aber wenn die Gnus weglaufen, laufen wir einfach mal mit…“ „ ahhrg, ein nackter Affe…“ ist der nächste Gedankenfetzen, der ihr Kleinhirn erreicht. Gedankenlos waren sie genau in meine Richtung geflüchtet, haben einen weißen hässlichen Affen mit nacktem Oberkörper erblickt und mit dem Schock ihres Lebens wieder umgedreht… Die Zelte sind schnell abgebaut und wenig später befinden wir uns wieder auf der Schotterpiste Richtung Massai Mara. Ab und zu liegen richtig fiese Dornen auf der Strecke. Dornen - das Ergebnis eines über Millionen Jahre andauernden Kampfes, Pflanze gegen Pflanzenfresser. Das würde ich mir als Pflanze auch nicht so einfach gefallen lassen, gerade mal auf der Welt und schon werde ich von so einer blöden Ziege aufgefuttert. Also haben sich die Büsche und Pflanzen zur Selbstverteidigung fiese Dornen wachsen lassen. Eine dieser langen Dornen findet schließlich den Weg in Toms Hinterreifen und mit einem leisen Pfeifen ist nach kurzer Zeit die Luft raus. Wir sind gerade mitten in der Steppe. Weit und breit kein schattiges Plätzchen in Sicht. So bleibt uns nichts anderes übrig, als in der Mittagshitze am Straßenrand den Schlauch zu wechseln. Dank des Schnellspanner-Systems geht es relativ unkompliziert und nach 15 Minuten sind wir wieder abfahrbereit. Irgendetwas stimmt gerade nicht mit meinem Körper und auch Tom bemerkt, dass ich weiß anlaufe. Mir ist plötzlich schwindelig und mein Bauch hat sich wohl gerade dazu entschieden, das Essen nicht weiter zu verdauen, sondern an den Absender zurückzuschicken. Ich stolpere, so schnell ich kann, über die verstreuten Steine und Bodengewächse, bis hinter einen Busch, der mir als Sichtschutz zur Straße als ein geeignetes Plätzchen anbietet, um mich gepflegt zu übergeben. „Als Dornengestrüpp darf man nicht wählerisch sein.“ denke ich mir beim Betrachten meiner Sauerei. „Wer weiß wann der nächste Regen kommt?“ Auch die ersten Fliegen umsurren schon erfreut ihren frischen Brutplatz. So sind am Ende alle happy und mir geht’s auch schon wieder besser. Die Landschaft verändert sich nun langsam und es tauchen vereinzelt größere Bäume auf. Alles wirkt grüner und lebensfreundlicher. Im Schritttempo fahren wir an einer Gruppe Giraffen vorbei, die an den Baumkronen rumknabbert. Solche Momente entschädigen für die ganzen Strapazen, die schlechten Pistenverhältnisse, die Hitze und unsere körperliche Erschöpfung. Alles wie weggeblasen, nur weil man gerade mit einem breiten Grinsen auf seinem Fahrrad sitzt und an Giraffen vorbei fährt. Es wird langsam dunkel und der Haupteingang zum Massai Mara National Park ist noch lange nicht in Sicht. Den nächsten Geländewagen, der uns überholt, halten wir an und fragen, wie viele Kilometer es noch bis zum Park sind? „so um die 40 km.“ Oh, das wird knapp. Heute wird das nichts mehr. Anscheinend sehen wir bemitleidenswert aus - oder es ist eine Falle, aber wir dürfen bei ihm mitfahren. Mein Bike wird auf dem Dach des Toyota Landcruisers festgezurrt. Toms Bike steht zwischen unseren Sitzen und so lassen sich die letzten Kilometer recht bequem zurücklegen. Der Fahrer heißt Pedro und er fährt uns netterweise bis vor ein Guesthouse, das er persönlich kennt - oder es ist eine Falle? Das Plumpsklo befindet sich etwas entfernt von den Zimmern und die alte klapprige Holztür öffnet sich mit einem originalen Gruselfilm-Quietschen, aber für 4000 Schillinge kann man auch nicht mehr erwarten. Die Holzhütte ist dunkel und meine Stirnlampe leuchtet auf ein paar verstaubte Spinnweben, die von der Decke hängen. Es würde mich auch nicht überraschen, wenn auch noch so ein alter Menschenschädel als Kerzenhalter in der Ecke stehen würde. Das Gefühl, - fühl dich wie Zuhause, mache es dir bequem, Fremder - stellt sich auf alle Fälle nicht ein. „Hock dich übers dunkle Loch im Boden und schaue, dass du so schnell wie möglich wieder raus kommst!“ rate ich mir selbst. Es gibt einfach stille Orte, wo sich selbst der Charmin Bär nicht rein traut, weit entfernt von 4-lagigen extraflauschigen Klopapierrollen und stündlich von der Putzfrau unterschriebenen Reinigungsplänen. … Quiiiieeetsch, puh, geschafft. Ich bin froh, wieder raus zu sein aus der stinkenden alten Hütte, und renn dabei fast das Huhn über den Haufen, das nach meinem versehentlichen Tritt demonstrierend das Weite sucht. Die Mama des Guesthouses begleitet uns zum Restaurant um die Ecke und wir bestellen das traditionelle Gericht „Ugalli“. Dieses besteht aus Maisbreiknödeln, Fleisch von der Ziege oder anderen Tieren und grünem Spinatgemüse. Tom geht es wieder richtig gut und verschlingt seine ganze Portion. Ich habe heute irgendwie keinen Hunger, fühle mich nicht gut und habe auch etwas Fieber. Von meinem Sitznachbar bekomme ich Stoney Tangawizi angeboten, einen alkoholfreien Softdrink. Es schmeckt genauso wie das Ginger Beer in Australien, mit echten Ginger Stückchen. Sehr erfrischend und es räumt den Bauch auf. Ich bin begeistert und von nun an trinke ich jeden Tag, wo es verfügbar ist, ein Stoney Tangawizi. Unser Plan, von der Massai Mara direkt in die Serengeti weiterzufahren, scheitert daran, dass dort gar kein Grenzübergang nach Tansania existiert. Die Route, die sich zu Hause so einfach auf GoogleMaps zusammenstellen ließ, hat nun ein unüberwindbares Hindernis - die Bürokratie der Einwanderungsbehörde. Und so bleibt uns nichts anderes übrig, als einen großen Bogen nach Norden zu fahren, wo in der Stadt Isebania der nächste Grenzübertritt nach Tansania möglich ist. Nach diesen schlechten Neuigkeiten gehen wir schlafen. Ich nehm noch eine Kohletablette für die Achterbahn in meinem Bauch und montiere zusätzlich auch noch meine kleine Alarmanlage an der Zimmertür. Auch mein Fahrrad verbringt die Nacht angekettet an den Bettpfosten. Ich traue hier niemandem in diesem Nest. Tag 6 Massai Mara National Park Wir waschen unsere verschwitzten Körper mit warmem Wasser, das extra für uns über dem Feuer erhitzt worden ist. Pedro hatte uns angeboten, uns durch die Massai Mara zu fahren bis zum nördlichen Ollololo Tor, für eine kleine Servicegebühr von 160 Dollar. Er entpuppt sich als geschäftstüchtiges Arschloch, aber wir haben keine großen Alternativen, wenn wir nicht die ganze Strecke zurück nach Nairobi fahren wollen. Unsere Notlage weckt in ihm kein Mitleid, sondern lässt die Dollarzeichen in seinen Augen aufblitzen. Wir nehmen sein Angebot zähneknirschend an und wollen einfach versuchen, den Tag im National Park zu genießen und uns nicht weiter darüber aufregen, überall ausgequetscht zu werden. So zahlen wir die 160 Dollar an Pedro. Am Parkeingang zahlen wir auch brav die 50 Dollar Eintrittsgebühr und wie zwei typische Touristen kaufen wir auch noch zwei Löwenzähne von den Massai Frauen ab, die sich durchs Fenster zu uns in den Wagen lehnen. Man kann sich schon echt beschissen fühlen, weiß zu sein und alle Vorurteile mit zu verkörpern, mit denen wir hier täglich konfrontiert werden. Wir sind weiß, wir sind reich, uns naive Touristen kann man über den Tisch ziehen, uns kann man anbetteln, wir sollen den dreifachen Preis zahlen. Und sie haben auch nicht ganz unrecht. Jeder, der ein Rückflugticket nach Europa hat, ist reich. Wir haben den passenden Schlüssel für die Tür, die raus aus dem Elend führt, der Zugang in eine scheinbar bessere Welt. Die Tür zum Paradies, vor der viele Afrikaner ihr Leben lang warten, auf eine Chance wartend, um es aus dem harten entbehrungsreichen Alltag raus zu schaffen. Es bleibt ihnen aber doch oft verwehrt. Die Tür für den Großteil der Bevölkerung verschlossen. Im Park sieht man nicht die wilden Tiere zuerst, sondern die Ansammlung der weißen Safaribusse, aus denen die Touristen wild knipsend aus dem Dachfenster rausgucken. Dann sehen wir auch die Elefantenherde, die schön nah am Straßenrand ihr morgendliches Wasserbad nimmt. Klick, klick - Foto - und weiter geht’s. Wir sind nun Teil des Massentourismus. Krebsrote weiße Menschen in albernen Kaki Hemden, die man sich extra für den Afrika Urlaub in einem Outdoor Geschäft gekauft hat. Einige haben sich tatsächlich überreden lassen, diese hässlichen Tropenhüte zu tragen. Da kann man ja gleich drauf schreiben: „Hi, ich bin a Depp, bitte zieh mich übern Tisch!“ Wir drücken so oft auf den Auslöser der Digitalkamera, vor Angst, irgendwas zu verpassen und so wollen wir jeden Moment krampfhaft festhalten und auf kleinen Speicherkarten für immer einlagern. Warum eigentlich? Um den Nachbarn zu ärgern? Dabei vergessen wir immer mehr den Moment, der am Ende wirklich zählt. Keine Kamera der Welt kann den Moment wiedergeben, wie ich heute nur wenige Meter von meinem ersten Elefanten meines Lebens entfernt stand und wir uns einfach nur gegenseitig angeschaut haben. Nur ein kleiner Wasserschaden löscht ganz schnell alle Urlaubsbilder, aber die Erinnerungen kann dir keiner mehr nehmen. Der einzige erkennbare Unterschied zwischen uns und den anderen Touristen ist, dass wir zwei Fahrräder auf dem Dach festgeschnallt haben. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl. Sobald wir an diesem verflixten Ollololo Tor sind, geht’s weiter, so wie wir wollen, kein Pedro mehr, dem wir wie Hunde an der Leine folgen müssen, kein Wegezoll mehr, dann sind wir wieder unser eigener Herr. Bis dahin genießen wir den Tag im Park, nicht weiter aufregen, Alex. Außer ein paar weiteren Elefantenfamilien sehen wir aber keine weiteren Tiere mehr. Auch Pedros Extrarunden abseits der Hauptstraße bringen keine weiteren Tiere vor die Kamera. Kurz vor dem Parkausgang fahren wir doch noch durch eine große buntgemischte Herde von Gazellen, verschiedenen Antilopen, Springböcken und Zebras. Ein paar Affen winken uns nach, als wir den Park verlassen. Ich glaube fast, sie haben gelacht… Wir erreichen das Ollololo Tor und unsere Vorstellung von einem Parkausgang mit touristischen Anlagen und Geschäften werden nicht erfüllt. Da ist nämlich nur das Tor und sonst nichts. Ein Tor umgeben von endloser Savanne und sonst nichts. Pedro ist so gütig und fährt uns noch bis in die ein paar Kilometer weiter liegenden Ortschaft. Die Piste, auf der wir unterwegs sind, wurde von den letzten Regenfällen so ausgewaschen, dass selbst der Toyota Geländewagen nur langsam vorankommt. Die Einheimischen, die in der Gegend ihre Farmen haben, kommen uns auf einem Traktor entgegen. Die breiten Reifen graben sich in die tiefen Furchen der aufgerissenen Piste. Für unsere Bikes sieht es schlecht aus. Es würde eine Ewigkeit dauern, bis wir die 100 km bis zur nächsten großen Straße zurückgelegt hätten. In dem Moment stoppt Pedro bei ein paar Lehmhütten und meint, dass hier die Tour zu Ende sei. Er müsse die ganze Strecke schließlich auch wieder zurückfahren. Aber weil er ein Herz hat, würde er sich für weitere 100 Dollar erweichen lassen, uns in den nächsten größeren Ort zu fahren, von dem aus wir die Möglichkeit hätten, mit einem Taxi bis zur Hauptstraße zu fahren. Pedro ist doch wirklich ein Engel: 100 Dollar für 40 Kilometer durch die Hölle afrikanischer Matschpiste. Am liebsten wäre ich ausgestiegen und hätte ihm den Mittelfinger gezeigt. Dieses geldgeile Arschloch! Ich schaue zu Tom rüber und weiß, dass er gerade genau so denkt wie ich, aber die Strecke selbst radeln wollen wir beide auch nicht. So bleibt uns nur eins übrig: Mit dem Teufel eine Runde Poker spielen! Ich erkläre Pedro, so ruhig wie gerade möglich, dass wir niemals 100 Dollar bezahlen werden. Unser Angebot sind 50 Dollar für die Strecke, das so viel ist wie das durchschnittliche Monatseinkommen eines kenianischen Arbeiters. Fairerweise muss man auch erwähnen, dass der Dieselpreis hier auch bei umgerechnet einem Euro pro Liter liegt und der Geländewagen im Vierradbetrieb gerne seine 20 Liter auf 100 Kilometer schluckt. Sein Gegenangebot liegt bei 80 Dollar und so muss ich den letzten Trumpf in der Preisverhandlung ausspielen mit dem Risiko, die Strecke wirklich selbst fahren zu müssen. Ich steige aus dem Auto aus und fange an, meine Taschen auszuladen. Im Augenwinkel beobachte ich dabei Pedro, der mich enttäuscht anschaut und gerade seine Dollarscheine davon schwimmen sieht. Für 60 Dollar wäre es ok, erwähne ich ganz beiläufig und schon grinst unser Chauffeur wieder. Er ist und bleibt ein Schlitzohr, aber immerhin haben wir durch das kaufmännische Theater 40 Dollar gespart, von denen wir uns Lebensmittel kaufen können. Weiter geht’s es unspektakulär bis in den nächsten Ort, mit einem unaussprechlichen Namen, aber ab hier trauen sich wieder die örtlichen Taxifahrer mit ihren kleinen Autos auf die Straße. Es ist wirklich erstaunlich, wie sie es schaffen, die zwei Bikes, 8 Taschen und auch noch 3 Personen in einen kleinen Toyota Corolla zu verstauen. Ich sitze vorne links mit dem Kopf aus dem offenen Fenster. Tom sitzt halb auf meinem Sitz, halb auf der Gangschaltung, was noch unangenehmer wird, wenn der Fahrer schalten muss. Unterwegs trifft der Taxifahrer auch noch einen Freund, der natürlich auch noch mitfahren darf. So sitzen wir zu viert vorne drin und können uns kaum noch bewegen. Auf der Anzeige blinkt rot ein Anschnallsymbol und darunter stehen japanische Schriftzeichen. Kann leider kein Japanisch. Auch die Tankanzeige ist hoffentlich defekt, weil wir sonst jeden Moment mit leerem Tank stehen bleiben müssten. Die Nadel des Kilometerzählers bewegt sich auch kein Stück mehr. Irgendwann ist die gemütliche Taxifahrt zum Glück auch mal zu Ende und wir stehen vor dem „Minory Hotel“ in Minory. Welch ein Zufal,l denk ich mir, als ich mein Bike die schiefen Treppen hochtrage. Ich habe nichts gegen schiefe Treppen, aber unterschiedlich hohe Treppenstufen kann ich überhaupt nicht leiden. Wie ein Volltrunkener stolpere ich in den 1. Stock und muss mich immer wieder am Geländer einkrallen, um einen Sturz zu vermeiden. „Nicht aufregen, Alex, alles wird gut!“ therapiere ich mich selbst. Als alles im Zimmer verstaut ist, wollen wir dem Hotel Restaurant die Chance geben, uns positiv zu überraschen. Dort bestellen wir einen gemischten Salat, Hühnchen, Reis und Tomatentoast und zwei Cola. An der Wand hängt ein alter Röhrenfernseher, auf dem gerade einer der ersten Star Trek Filme läuft. Die Zeit vergeht und unsere müden Augen folgen den bewegenden Bildern aus der Flimmerkiste. Raumschiffe beschießen sich gegenseitig und über Videokonferenz gibt es intellektuelle Wortgefechte: „Du bist doof!“, „Nein, nein, du bist doof!“ „Ihr werdet alle sterben.“ „Schnauf!“. Ja, hey, woher wusste er das? Die Schauspieler aus dem alten Streifen kassieren sicher keine Rente mehr… Unser Essen ist nun endlich da und lenkt unserer Aufmerksamkeit vom Raumschiffkampf auf Tomatentoast. Herr Rach, der Restauranttester, hätte sicher seine wahre Freude daran gehabt, den Jungs in der Küche mal ordentlich den Holzkohlegrill einzuheizen, aber wir sind zu müde und zu schwach, die Teller Richtung Küche zu schmeißen und auch zu hungrig, das Essen den Hühnern zu überlassen. Die Raumschiffe fallen immer noch übereinander her, als wir das Restaurant verlassen und mit extra großen Schritten die gefährliche Treppe zum Zimmer erklimmen. Die letzte Nacht in Kenia. Tansania - wir kommen…. Tag 7: Schachmatt Wir spielen eine kleine Runde Schach im Bett, diesmal gewinne ich. In dem Moment, als Tom in die Enge getrieben ist und es abzusehen ist, dass er nicht mehr gewinnen kann, fegt er alle Figuren vom Schachbrett und gibt auf. Dieses Verhalten zeigt mir, dass wir doch sehr unterschiedliche Charaktere sind. Wenn ich in einer scheinbar ausweglosen Situation bin, hüpfe ich noch solange mit meinen verbliebenen Figuren hin und her, bis nur noch der König übrig ist und auch der gibt nicht auf, bis er am Ende Schach matt ist. Es bringt nichts, zu früh aufzugeben und alles hinzuschmeißen, nur weil mal etwas schief läuft, oder man körperlich am Ende ist. Wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Und dann schlägt der Blitz ein … na super, wenigstens haben wir dann Feuer, an dem wir uns wärmen können. Scheiß Optimisten ;-) Frühstückszeit - wir haben nette Gesellschaft von Becky. Sie ist aus Amerika und hilft hier bei irgendeinem Hilfsprojekt. Ich höre ihr aufmerksam zu, aber meine Augen können es nicht lassen, ihr immer wieder auf ihre wohlgeformten Brüste zu schauen. „How do you think about that, Alex?“ „ Huh, äh,… absolutly, you‘re right Becky“ „Sorry, what are you talking about?“ Ertappt. Ich wende mich wieder meinem Marmeladentoast zu. Beim Verabschieden zwinkert mir Becky provozierend zu und wer weiß, wo wir die nächste Nacht verbracht hätten, wenn wir nicht Richtung Grenze, sondern in Beckys Ort gefahren wären. Auf dem Weg durch die Stadt entdeckt Tom ein Internetcafé. Ich warte davor und bemerke erst jetzt, dass wir unseren Wasserkanister im Hotelzimmer vergessen haben. Sofort fahre ich eilig die 800 Meter zurück zum „Minory Hotel“. Dort freut man sich riesig, mich wieder zu sehen, weil wir den Zimmerschlüssel noch nicht zurück gegeben haben. Hm, Schlüssel, ah genau, wie schusselig von mir. Der ist, äh ja, wo ist der eigentlich? Ich durchsuche alle meine Taschen und hoffe, dass Tom ihn hat, weil ich ihn nirgendwo finden kann. Die Strecke zurück zum Café kenne ich nun langsam und dort angekommen, angelt Tom den vermissten Zimmerschlüssel aus seiner Hosentasche. Ich radele zum vierten Mal zurück zum Hotel. Die Leute in den Bretterbuden werden sich auch langsam fragen, ob ich vielleicht Hilfe gebrauchen könnte? Der Schlüssel ist nun wieder an seinem richtigen Platz an der Rezeption und ich fahre meine Lieblingsstrecke zum letzten Mal zurück zu Tom. Dort kaufe ich mir erst mal ein kühles Getränk nach dem morgendlichen Sportprogramm. Ich sitze vor dem Cyber Café und beobachte das rege Treiben auf der Hauptstraße. Das Solarpanel lädt in der Zwischenzeit mein Handy. Auf dem Plastiktisch vor mir steht ein kaltes Stoney Tangawizi Gingergetränk. An den Holzbuden kann man neben Lederhandtaschen und Schuhen auch getrocknete Babyfischlein und eimerweise Kartoffeln kaufen. Eine kleine selbstgezimmerte Holzbrücke führt über den ausgetrockneten Bachlauf. An den Seiten hat sich der Müll gesammelt, der beim letzten Regen mit geschwemmt wurde. Zwei Hennen mit ihren Küken suchen in den Abfällen nach Essbarem. Von hier sind es noch ca. 20 Kilometer bis zur Grenze von Tansania. Mal schauen, wo wir heute Abend sein werden. Solange Tom unseren Internet Blog mit Storys der letzten Tage füttert, bleibe ich hier draußen an der frischen Luft und passe auf unsere Bikes auf. Frische Luft ist relativ. Eine Mischung aus verbranntem Plastik und den stinkenden Fischlein liegt in der Luft. Ich bin froh, als es weiter geht und wir die Stadt hinter uns lassen können. Die Strecke bis zur Grenze ist unspektakulär. Nach ein paar Formularen und Stempeln im Pass sind wir endlich in Tansania. Juhu… ! Zimmer 107, „Sky Lodge“ in Tarine. Der Generator surrt auf dem Innenhof und übertönt das Geschrei der Kinder von der Hauptstraße. Mein Bike steht abgesperrt neben dem Bett, auch wenn uns der Manager „ maximum Security“ versprochen hat. Die Hauptverkehrsstraße des nahegelegenen Ameisenhaufens führt an meiner Zimmerdecke entlang und so wird es nicht langweilig, im Bett zu liegen und den fleißigen Arbeiterinnen beim Wettrennen zuzuschauen. Ich könnte auch zum Zeitvertreib ein Bad nehmen. Die Dusche funktioniert zwar nicht, aber es steht ein großer Eimer mit kaltem Wasser bereit für das Badevergnügen, gleichzeitig auch zum Po sauber waschen. Gut, dass wir Klopapier mitschleppen. Ich zwei Rollen, Tom hat fünf Rollen dabei. Mal schauen, ab wann ich Blätter von Pflanzen zum Abputzen benutzen muss, weil ich mich verkalkuliert habe. Ich könnte auch raus in die Ortschaft gehen und mich von den Kindern mit „Muzungu“ (Weißer Mann) anschreien lassen oder in die örtliche Kneipe und jedem erklären, warum ich so blöd bin, mit einem Fahrrad durch Afrika zu radeln. Es ist wirklich nicht so einfach, seinen Feierabend zu gestalten. Ich werde einfach warten, bis die Hausdame mir meine Schüssel mit Reis bringt. Bis dahin könnte ich mir auch noch „Cat woman“ auf Videokassette anschauen. Der kleine Fernseher hängt in einem eigens für ihn geschweißten Käfig, so dass man ihn nicht so einfach klauen kann. Das Problem ist nur, dass die Gitterstäbe auch das Fernsehvergnügen stark einschränken. Mein Topf mit Reis ist da und zusammen mit der Erdnussbutter und dem Mangosaft aus Kenia ist das ein echt zufriedenstellendes Abendessen. Der Stromgenerator ist ausgegangen und ich esse weiter im Schein der Stirnlampe. Die Moskitos finden auch im Dunkeln den Weg zu meinen saftigsten Körperstellen. Im stichfesten Hemd ist es mir viel zu heiß geworden. Da grinst mich zwar ein Ventilator von der Decke an, wobei wir aber auch gleich wieder beim Thema Stromversorgung wären. Kein Generator, kein Strom, kein Ventilator und auch kein Licht. Hauptsache, der Reis ist warm, der wurde auch über dem zuverlässigen Holzfeuer gekocht. Die Portion war so groß, dass wohl eine ganze Massai-Familie satt geworden wäre - oder eben ein ausgehungerter Radfahrer, der sich die letzten Tage nur von Kohletabletten und Coca Cola ernährt hat. Jetzt liege ich satt und zufrieden in meinem Bett und mache mir Gedanken über die nächsten Tage. Wir müssen einen Weg zur Serengeti finden, das wird nicht einfach. Einen Bus oder Jeep finden, der uns ohne touristenabzockende Preise durch den National Park fährt, das wird -noch viel mehr - nicht einfach. Nun kommt eine neue Herausforderung hinzu. Tom ist ernsthaft krank. Er kam eben zu mir ins Zimmer und ich habe ihm einen kalten Umschlag auf seine Stirn gelegt. Er hatte sich übergeben und ist sehr geschwächt. Dazu kommen jetzt auch noch Nasenbluten und Schwindelgefühle. Ich bin zugegeben etwas überfordert und hilflos. Ziellos durchstöbere ich unsere Reiseapotheke nach helfenden Medikamenten. Das Breitspektrum Antibiotikum ist da nicht das Richtige. Sonst finde ich auf den ersten Anhieb nichts Passendes für seine Symptome. Nach einer Weile, als er sich wieder besser fühlt, geht er wieder zurück in sein Zimmer. Ich mache mir ernsthaft Sorgen um ihn und weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Zum Doktor will er nicht, Essen und Trinken will er aber auch nicht. Nachdem ich nochmal alle Beipackzettel durchgelesen habe, klingen die fiebersenkenden IBU 400 Schmerztabletten gegen Kopfschmerzen vielversprechend und ich laufe über den kleinen Innenhof zu Toms Zimmer. Ich wundere mich, dass die Tür nur angelehnt ist und als ich ins Zimmer eintrete, sehe ich im Halbdunkeln Tom auf dem Boden vor seinem Bett liegen. Ist er zusammengebrochen oder nur aus dem Bett gefallen? Auf jeden Fall ist es gut, dass ich nochmal nach ihm geschaut habe, sonst hätte er die ganze Nacht auf dem kalten Boden gelegen. Ich helfe ihm vorsichtig zurück ins Bett und decke ihn zu. Er sieht sehr geschwächt aus und ich gebe ihm die Pille und einen Schluck Cola. Ich bleibe noch eine Weile bei ihm und streichele seinen Kopf. Nun können wir nur hoffen, dass es ihm morgen besser geht, sonst ist der Afrikatrip schneller vorbei als gedacht. Gute Nacht, Tom, gute Besserung, Gute Nacht Alex, schlaf gut, Gute Nacht, Spinne im Bad, gute Nacht, Ameisen… Tag 8: Es sind genug Probleme für alle da …! Es sind die kleinen Probleme des Alltags, die das Reisen in Afrika so spannend machen. Im Moment stehe ich zum Beispiel in der Schlange vor dem Bankschalter und dabei schaue ich immer wieder nervös auf die Uhr an der Wand. Es ist viertel vor 9 Uhr. Vor mir stehen noch fünf andere Leute und es geht einfach nichts vorwärts. Um 9 Uhr sollten wir eigentlich am Busbahnhof stehen und Richtung Serengeti fahren, aber wenn der langsame Bankangestellte weiter so in aller Ruhe seiner Arbeit nachgeht und sich anscheinend prächtig mit dem Kunden unterhält, sehe ich uns schon dem einzigen täglich fahrenden Bus hinterher winken. Dabei hatte der Tag so gut angefangen. Ich war früh aufgestanden und die paar Meter in die Stadt gelaufen. Die Bank, bei der ich tansanische Schillinge tauschen wollte, war noch geschlossen und so kümmerte ich mich zuerst um das zweite Problem, einen Bus zu finden, der uns möglichst nah an den nördlichen Eingang des Serengeti National Parks fährt. Die Straßen hier sind alle in schlechten Verhältnissen und nicht geteert und Tom ist auch noch nicht fit genug zum Radfahren. Deshalb ist es am besten, die Strecke mit dem örtlichen Bus zurückzulegen und unsere Bikes und uns selbst zu schonen. Ich treffe einen Lehrer namens Samy, der mir mit dem Bus behilflich ist. Er organisiert uns zwei Tickets für 6000 Schillinge (ca. 3 Euro) und der Bus fährt auch zu einem Ort, der nur noch wenige Kilometer von der Serengeti entfernt ist. Prima, denke ich erleichtert. Bis zur Abfahrt um 9 Uhr habe ich noch eine Stunde Zeit, Tom aufzuwecken, Fahrräder zu bepacken und die Nacht in der Sky Lodge zu bezahlen. Und dafür muss ich aber erst noch amerikanische Dollar in tansanische Schillinge tauschen und hier stehe ich nun schon seit 30 Minuten. Afrikanischer Alltag live und in Farbe, warten bis irgendwann mal jemand Zeit hat, einen zu bedienen. Die Uhr tickt - kurz vor 9 Uhr. Ich möchte doch nur Geld wechseln. In den Wechselstuben läuft man rein, sagt „ Guten Tag, hier ist mein Geld, Danke für dein Geld!“ und schon ist man wieder draußen. Mir wird da hier langsam zu blöd - der ungeduldige Deutsche kommt durch und ich verlasse die Schlange der brav wartenden Menschen und gehe vor bis zum Serviceschalter: „So mein Freund, hier sind 200 Dollar, dafür hätte ich gerne tansanische Schillinge und das Ganze ein bisschen zackig, weil sonst in 5 Minuten mein Bus ohne mich davon fährt.“ Natürlich klingt so ein Satz auf Englisch viel freundlicher, außerdem wüsste ich ja gar nich, was „ zackig“ auf Englisch heißt. Kaum zu glauben, aber 10 Minuten später und nach einem Formular bin ich tatsächlich wieder raus aus der Bank. In meinen Händen halte ich ein Bündel Geldscheine, das auch nach zweimaligem Nachzählen 330000 Schillinge sind. Nachdem unsere Schulden bei der Lodge beglichen sind, eilen wir im Sauseschritt zum Busbahnhof. Der Bus steht zum Glück noch da und erleichtert lassen wir uns auf die Sitze fallen. Der Bus steht auch noch da, als die Uhr 10 Uhr anzeigt. Ich muss mich noch daran gewöhnen, dass das Wort Pünktlichkeit in Afrika ein sehr dehnbarer Begriff ist. Der Bus fährt erst dann los, als er bis unters Dach mit Fahrgästen vollgestopft ist. Unsere Bikes sind auf dem Dach festgezurrt, zwischen einer Sofagarnitur und verschiedenen Kanistern und Säcken. Jetzt konnte die Reise über Stock und Stein los gehen. Der Motor läuft schon, aber der Busfahrer fehlt noch. Solange wir hier stehen und warten, sind wir das Ziel zahlreicher Händler, die uns ihre Ware durchs Fenster anbieten. Bananen für 500 Schilling? Alles klar, gekauft. Zwei Flaschen Wasser? Auch nicht verkehrt! Ein Korb mit Zwiebeln wird nun hochgehalten. Häh? Was sollen wir denn jetzt während der Fahrt mit Zwiebeln anfangen? Der Busfahrer ist endlich da und ich sehe schon eine virtuelle Anzeigentafel der deutschen Bahn vor mir: „Entschuldigen Sie bitte die zwei Stunden Verspätung. Abfahrt in einer Minute. Bitte alles einsteigen, Türen schließen selbsttätig!“ Tatsächlich, um halb 11 rollen wir endlich los und schauen etwas verwundert, als der Busfahrer erst mal in die nächste Werkstatt fährt. Die Reisenden im ICE wären wohl auch nicht begeistert, wenn der Zugführer erst nochmal in die Wartungshalle fährt, um die Räder zu überprüfen. Ein mulmiges Gefühl fährt mit bis Hamburg Altona. Der Reifendruck ist wieder hergestellt, der Tank voll – hoffe ich zumindest – und mein Kompass zeigt auch an, dass wir in die richtige Richtung fahren. Wie kommt denn dieser kleine Schlüssel in meine Hosentasche? Etwas entsetzt schaue ich den kleinen Schlüssel an mit der Zimmernummer 107. Oh oh, das ist jetzt irgendwie saublöd gelaufen. Schnell kritzel ich auf ein Stück Papier „Bitte in der Sky Lodge abgeben, Danke.“ Und gebe diesen an den Busfahrer. Der liest den Zettel, steckt ihn ein und nickt mir zu. Damit wäre auch dieses Problem gelöst und ich kann mich endlich zurücklehnen und die Busfahrt genießen. Von Genießen kann jedoch keine Rede sein, vielleicht im bequemen Sitz des ICEs und dabei noch gemütlich einen Film schauen. Wir sitzen hier zwar in der ersten Reihe, aber ich sitze halb auf einem Sitz, der mal einer war, und halb auf etwas, das noch nie ein Sitz war und auch nie einer werden wollte. Der Busfahrer grinst uns immer wieder freundlich zu und wir lächeln gequält zurück. Geschäftstüchtig wie er ist, hat er uns für unser Gepäck auch nochmal zwei Sitzplätze berechnet. Auf dem Weg kauft er noch ein paar große grüne Bananenstauden ein, die alle aufs Dach wandern. Er ist breit gebaut und etwas dicker und könnte auch der Kapitän eines somalischen Piratenschiffes sein -ein Mann, den kein Schlagloch aus der Ruhe bringt und der den alten klapprigen Bus souverän über die steinige Piste steuert. Als jedoch ein wespenähnliches Fluginsekt durchs Seitenfenster fliegt, hüpft er ängstlich wie ein Schuljunge vor dem ersten Schultag auf meinen Schoß und geht erst dann wieder runter von mir, als die Killerwespe von einem todesmutigen Mitreisenden an der Scheibe zermatscht wird. Zu dem Zeitpunkt hatten wir zum Glück einen Stopp eingelegt und es wurden Wassermelonen zum Kauf angeboten. 1000 Schilling klingt nach einem fairen Preis und so wird unser Bananenfrühstück um eine saftige Wassermelone ergänzt. Nach 80 km Busreisevergnügen haben wir unsere Endstation erreicht. Von hier aus geht es weiter mit einem kleineren Bus bis zum Parkeingang. Bikes runter vom Dach, rauf aufs nächste Dach, Aufpassen, dass im Gewusel auch alle Taschen den Weg in den anderen Bus finden. Dort sitzen wir nun in der letzten Reihe eingequetscht zwischen unseren Taschen. Der Bus fährt auch erst los, nachdem das nennen wir es mal Servicepersonal uns beim Verstauen der Fahrräder geholfen und Geld dafür kassiert hat. Jeder will hier für jeden kleinen Scheiß Geld haben. Als ein Junge nicht aufhört, nach noch mehr Geldscheinen zu verlangen, muss ich erst lauter werden, damit die Bettelei aufhört. Ab jetzt trage ich alle meine Taschen selbst und werde mir von niemandem mehr helfen lassen. 18 Leute sitzen mit uns im Toyota Minibus, aber ich bin der einzige, der sich bei jedem Schlagloch den Kopf am Dach anhaut. Mit schief zur Seite liegendem Kopf überstehen wir auch diese Fahrt und erreichen am späten Nachmittag Ibanitown, das letzte Dorf vor dem Ibani Gate des Serengeti National Park. An Übernachtungsmöglichkeiten gibt es nicht viel Auswahl, weil nur selten Touristen über den nördlichen Parkeingang in die Serengeti fahren. So bleibt uns auch nichts anderes übrig, als die gesalzenen Preise von 40000 Schillingen, also 20,- € für ein Doppelzimmer zu bezahlen. Man kann ja über alles reden und so bezahlen wir nach einem netten Gespräch mit der Hotelmama 30000 und versprechen dafür, in ihrem hauseigenen Restaurant zu speisen und nicht im Dorfgrill. Das Essen ist sogar überraschend gut. Tom hat allerdings nicht so großen Appetit und geht schon früh schlafen. Ich unterhalte mich noch etwas mit einem Angestellten, der auch als Polizist am Parkeingang arbeitet. Er hat ein iPhone 4 aus China, das auf die Entfernung fast so aussieht wie das Original. Aber sobald man das Plastikteil in der Hand hält, erkennt man gleich, warum das Plastikteil nur umgerechnet 25€ kostet. Mit gut gefülltem Bauch geht es ins Bett. Morgen werden wir uns schön die Serengeti mit all den wilden Tieren anschauen und mal richtig Spaß haben. Nach all den Strapazen, Krankheiten und unglücklichen Zufällen hatten wir uns echt mal einen erholsamen Safaritag verdient – doch es sollte alles anders kommen… Tag 9: Serengeti National Park Das kalte Wasser plätschert ohne großen Druck aus den letzten offenen Löchern des verkalkten Duschkopfes. Aber alles ist besser als Eimerdusche! Es werden sogar Handtücher bereit gestellt, aber wo kommen diese schwarzen, gekräuselten Haare auf einmal her, die sich nach dem Abtrocknen in meinen Brusthaaren verfangen haben. Etwas angeekelt, aber auch etwas erleichtert, entferne ich die Haare von meinem Körper. Erleichtert deshalb, weil sie zu lang sind, als das sie von der letzten Intimrasur der Hotelmama stammen könnten. Zumindest gefällt mir die Vorstellung von fremden Kopfhaaren um einiges besser. Auf dem Weg zum Parkeingang passieren wir auch den Checkpoint, an dem der Polizist von gestern Abend arbeitet. Er winkt uns lächelnd durch und nach weiteren 10 km stehen wir von dem Ibani-Gate. „Welcome to Serengeti National Park“. Bitte keinen Müll entsorgen, keine Waffen mitführen und noch weitere Verbote sind schön ordentlich in ein dunkles Holzschild geschnitzt. Leider steht dort auch ganz deutlich, dass es nicht gestattet ist, mit einem Fahrrad durch das Revier der vielen Raubtiere zu fahren. So sitzen wir im Schatten der Rangerhütte und warten auf vorbeifahrende Fahrzeuge, die uns sicher durch den Park fahren könnten. Für 200 Dollar hätten wir die Möglichkeit, die Serengeti aus dem Führerhaus eines alten, vollbeladenen LKWs anzuschauen, aber wir lehnen dankend ab. Wir würden uns ein Leben lang Vorwürfe machen, die Serengeti in einem Truck durchgerast zu sein, nur weil wir nicht länger auf ein anderes Auto warten wollten. So sitzen wir noch eine weitere Stunde und sehen einen vollbeladenen Safarijeep nach dem anderen das Tor passieren, aber kein Jeep mit Platz für uns und die zwei Fahrräder. Da wir nicht den ganzen Tag hier mit Herumsitzen verbringen wollen, entscheiden wir uns schließlich dazu, ein Stück auf der Straße zurückzufahren, von der wir hergekommen waren, und dann dem Schild der Safari Lodge zu folgen, das wir schon heute Morgen gesehen hatten. Hoffentlich können wir dort eine Safari buchen oder bei jemandem mitfahren. Der Weg zur Lodge ist teilweise aus weichem roten Sand, auf dem die Räder nur schwer zu kontrollieren sind. Langsam fahren wir durch die Savanne, an meinem Gürtel baumelt griffbereit das Bärenspray, weil auch hier schon wilde Tiere unterwegs sein könnten, die nicht so harmlos davon hüpfen wie die Gruppe Gazellen, die wir gerade aufgescheucht haben. Ich bremse leicht ab und hinter mir höre ich nur noch einen Schrei von Tom und sehe ihn hinter mir im trockenen Steppengras liegen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht hält er sich seinen Arm fest. Als er stürzte, fiel er ganz unglücklich auf seine Schulter, als er versuchte, sich mit dem Arm abzufangen. Mit einem Dreiecktuch aus dem Verbandskasten binden wir den Arm so um den Hals, dass die Schulter entlastet wird. Tom hat den Verdacht, dass sie womöglich gebrochen ist oder zumindest stark gestaucht ist. An ein Weiterfahren ist vorerst nicht mehr zu denken und wir haben Glück im Unglück, dass es nur noch wenige Meter zur Safari Lodge sind. Das Klientel, das normalerweise vor dieser Luxus Lodge vorfährt, sitzt meistens in voll klimatisierten Bussen oder bequemen Safari Gelände Wagen. So ist es verständlich, dass wir erst mal komisch angeschaut werden. Zwei wilde Typen auf zwei mit Taschen vollbepackten, vom Sand verdreckten Fahrrädern kommen hier seltener vorbei. Ich bin zugegeben etwas überfordert mit der Gesamtsituation. Auf sowas kann man sich schlecht vorbereiten. Bis jetzt hatte ich noch auf keiner Reise eine Situation, wo ich ernsthaft Hilfe gebraucht hätte. Wir sitzen in den Lounge Sesseln im Empfangsbereich der Lodge und die nächste Notrufsäule ist weit entfernt. Tom und ich überlegen gemeinsam, was wir nun tun sollen. Die alles entscheidende Frage: Krankenhaus in Arusha oder in München? 300 km oder 10000 km? Von dieser Antwort hängt vieles ab. Der längere, stationäre Aufenthalt in einem afrikanischen Krankenhaus ist sicherlich nicht so lustig und Tom vertraut den lokalen Ärzten nicht. Eine Operation seiner Schulter möchte er nur zu Hause durchführen lassen, was ich gut nachvollziehen kann. Das bedeutet aber auch das Ende unserer gemeinsamen Tour nach nur 9 Tagen und dass ich die noch vor mir liegenden 5000 km alleine bewältigen muss. Keine leichte Entscheidung. „Was soll ich tun, Tom?“ frage ich ratlos. „Ich möchte nach Hause!“ ist Toms Antwort, die ihm sichtlich nicht leicht fällt, aber wohl doch die einzig richtige Entscheidung ist. Jetzt muss viel organisiert werden. Wir sind mitten im Irgendwo, am Rande der Serengeti, nicht weit entfernt von einem Feldweg. Verdammt weit weg von der nächsten großen Stadt und noch viel weiter weg vom nächsten internationalen Flughafen. Diese Ortsbeschreibung verwirrt auch die Frau von der Notfallhotline des ADAC, die ich nach einer gefühlten Ewigkeit in der Gute-Laune-Musik-Warteschleife am anderen Ende der Leitung habe. Mein Handy hatte schon seit Tagen keinen Empfang und ich bin froh, dass ich das Handy vom Resort Manager benutzen darf. Ich hätte aber auch den Pizza Service anrufen können mit demselben Ergebnis. Der ADAC schickt keinen gelben Engel vorbei und ich kann auch nachvollziehen, dass sie nicht gleich wegen einer gestauchten Schulter einen Helikopter schicken, aber sie hätten zumindest den Flug oder andere Transportfahrzeuge organisieren können. So lege ich etwas frustriert auf. Der nächste Flughafen ist am Kilimanjaro, 400 km von uns entfernt. Ein Transport im Bus wäre eine ewige Qual. Die Serengeti muss auch noch irgendwie auf der Schotterpiste überstanden werden. Mir wird bewusst, dass es Orte in der Welt gibt, an dem man keine Probleme haben sollte. Dies war so ein Ort. Der Resort Manager erzählt uns von einem kleinen Flugplatz im Nationalpark, von dem sie für 180 Dollar nach Arusha fliegen. Von Arusha kostet das Taxi nochmal 50 Dollar bis zum internationalen Flughafen. Der Flieger geht aber schon in zwei Stunden. Na, das klingt doch mal nach einem Plan. Und hey, es lässt sich doch viel besser unter Zeitdruck arbeiten. So eine verflixte Scheiße - zwei Stunden - Taschen flugfertig packen - wichtiges Equipment aussortieren und bei mir verstauen - das Reisebüro in Deutschland kontaktieren, um den Flug umzubuchen - und dann auch noch 60 km bis zum Rollfeld rasen. Das wird verdammt eng. Falls wir diesen Flieger verpassen, können wir heute nichts weiter tun als 24 Stunden zu warten und Schmerztabletten zu schlucken. Der nächste Anruf geht ins Reisebüro, wo ich durch den Anrufbeantworter erfahre, dass heute in Deutschland Feiertag ist. Hey super, alle Hiobs-Botschaften zu mir. Wir sitzen noch nicht tief genug im Schlamassel. Nicht aufgeben, wenn du in der Scheiße steckst, solange du noch ein Strohhalm zum Atmen hast. Nächstes Telefonat: „Mama, hier ist dein Sohn. Wir haben ein kleines Problem. Bitte Flug vom Kilimanjaro-Airport nach München organisieren. Am besten noch heute Abend. Und Toms Mama anrufen und ihr schonend beibringen, dass ihr Sohn schon morgen wieder nach Hause kommt, aber eine verletzte Schulter hat. Sonst geht’s mir gut, und ach ja, nebenbei, die nächsten 100 Tage radel ich dann wohl alleine durch Afrika.“ Es gibt zwar eine Geschwindigkeitsbegrenzung, aber die gilt heute nicht für uns und so rasen wir so schnell wie es die Schotterpiste zulässt in Richtung Flugplatz. Die 50 Dollar Eintrittspreis waren trotzdem fällig. Im Vorbeirauschen sehen wir auch ein paar Giraffen und Gnuherden, aber unser Kopf ist gerade nicht im Safarimodus, sondern im „Gib Gas, sonst fliegen sie ohne Tom“-Modus. Das Flugzeug steht schon startklar auf dem Rollfeld und die Propeller wirbeln den Sand auf, als wir uns noch schnell voneinander verabschieden. „Viel Glück, guten Flug, gute Reise, gute Besserung.“ Dann stehe ich alleine da. Ich sehe Tom hinter dem runden Fenster sitzen, als das kleine Flugzeug abhebt und ich winke ihm hinterher, obwohl er mich schon lange nicht mehr sehen kann. Ich bin nur noch ein kleiner weißer Punkt am Boden. Das Flugzeug verschwindet am Horizont und mit ihm unser gemeinsames Abenteuer. Ein beklemmendes Gefühl beherrscht meinen Körper, zu schnell hat sich alles verändert. Eben noch zu zweit am Anfang einer langen Reise durch Afrika und jetzt stehe ich alleine da. Wir hatten unseren Abenteuertrip doch so lange geplant, an alles gedacht und konnten es beide kaum erwarten, dass es endlich losgeht. Nun sollte nach nur 9 Tagen alles vorbei sein? Irgendwie wollte ich es noch nicht wahrhaben, aber auf dem großen Vorplatz des Flughafens stehe nur noch ich und Seth, der Resort Manager, der geduldig am Wagen wartet. Wie wird es jetzt weitergehen? Was für Herausforderungen warten da noch auf mich? Kann ich das alles überhaupt alleine schaffen? 5000 km ist eine verdammt weite Strecke und 100 Tage eine lange Zeit. Viele Fragen beschäftigen mich auf dem Weg zurück zur Lodge. Dort steht mein Fahrrad in der Abendsonne, geduldig wie ein vollbepackter Esel, der darauf wartet, dass es endlich weitergeht. Ich will noch nicht nach Hause. Es muss weitergehen. Das gesetzte Ziel, die Stadt Windhoek zu erreichen, baut sich vor mir auf wie ein hoher Berg. Der Gipfel ist noch von Wolken verdeckt, aber jede große Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Ab morgen werde ich diesen Berg hochklettern. Und was auch immer passieren mag und sei der Weg noch so steil. Am Ende werde ich am Gipfel stehen und hinunterblicken, mit stolz geschwellter Brust werde ich schreien: „Ich hab’s geschafft!!“ Ich muss grinsen und die Vorstellung, vor dem Ortsschild von Windhoek zu stehen, gibt mir Kraft und Selbstvertrauen. Aber noch stehe ich davon weit entfernt, irgendwo in der Steppe und die Sonne ist bereits dabei, zwischen den Bäumen unterzugehen und die Landschaft in ein sanftes, rötliches Licht zu tauchen. Ich klopfe mir den Sand aus den Klamotten und stapfe zum Restaurant. Der Manager hat mich eingeladen, ihm Gesellschaft zu leisten, und so sitze ich wenig später mit ihm am Tisch und schaue den Kerzen zu, wie sie bei jedem Windhauch flackern und die Schatten der Blumenvasen über die Tischdecke tanzen. Um uns herum sitzen ältere Pärchen und unterhalten sich leise. Das Gemurmel wird im Hintergrund von zirpenden Grillen begleitet. So entsteht eine beruhigende Atmosphäre und doch fühle ich mich unwohl. Ich gehöre hier nicht hin. Mit meinem Bärenspray aus Alaska und dem großen Messer am Gürtel sitze ich am fein gedeckten Tisch und diniere mit all diesen reichen Touristen, die für jede Nacht in ihrem Bungalow 150 Dollar bezahlen müssen. Ich stinke nach Schweiß, mein T-Shirt vom Staub und Sand der letzten Tage verdreckt und klebt an meinem Körper. Ich komme gerade nicht von einer interessanten Safaritour zurück und kann mich auch nicht bei einem Gläschen Wein über die putzigen Löwenbabys unterhalten. Dafür weiß ich, wo der Kellner lebt, der als Teil der großen Touristenshow in seinem albernen Afrikaoutfit noch eine Flasche Wein für 50 Dollar nachschenkt. Seine Familie wohnt in einer einfachen Lehmhütte und zum Frühstück gibt es Haferbrei, zu Abend gibt es Maisbrei mit Reis und Bohnen. Fleisch ist schon etwas Besonderes. Es wird ihn traurig stimmen zu sehen, welche Essensreste die Gäste auf ihren Tellern zurücklassen. Aber er lächelt professionell und schenkt noch einmal nach. Mein Teller ist ratzeputz leergefuttert und wäre ich nicht in einer so gehobenen Gastronomie, hätte ich ihn auch noch abgeschleckt. So verdammt gut hat das alles geschmeckt: Tomatencremesuppe als Vorspeise, Curryreis mit Hühnchen als Hauptgang und als Nachspeise Bananenkuchen. Es ist schon dunkel, als ich gut gestärkt die Lodge verlasse und zu meinem Zelt laufe. Der Vollmond scheint heute so hell, dass der Nachtwächter seine Taschenlampe eigentlich ausknipsen könnte. Der Lichtkegel bewegt sich wie ein Suchscheinwerfer von links nach rechts und leuchtet in die Büsche am Wegrand. Im hohen Gras könnte ein Löwe auf uns lauern, deshalb darf ich auch nicht ohne Begleitschutz die paar hundert Meter zu meinem Zelt laufen. Die französische Familie, die dort heute auch übernachtet, hat ein großes Lagerfeuer entfacht, das wir jetzt schon von weitem leuchten sehen können. Ich setze mich zu ihnen auf einen der Holzstämme und es ist schön, mal mit „Monsieur“ angesprochen zu werden und nicht mit „Muzungu“. Die zwei kleinen Mädchen würden sich wohl gerne ausführlicher mit mir unterhalten, aber von meinem Französischwortschatz ist nach 13 Jahren nicht mehr viel übrig geblieben. So hole ich meine Mundharmonika aus der Tasche und spiele das einzige Lied, das ich spielen kann. „I come from Alabama with my Banjo on my knee.“ Den Rest des Abends musizieren die Kinder mit meinem Instrument und haben ihren Spaß dabei. Die Eltern hätten wohl lieber den zirpenden Grillen gelauscht. „Bon. C’est la vie.“ Tag 10: Erster Tag ohne Tom Ich habe mein Zelt beim Ikoma Bush Camp aufstellen dürfen und relativ gut geschlafen. Die schnarchenden Gnus um mich herum waren etwas laut, aber zum Glück hat sich keines auf mein Zelt gelegt. Heute Morgen durfte ich mit dem Manager in der Lodge frühstücken und am Nachmittag fahren Seth (holländischer Resort Manager) und ich in seinem Jeep durch die Serengeti. Es ist keine Touristensafari, aber wir sehen kleinere Gnuherden, die zur Massai Mara ziehen, Zebras und Gazellen in der Steppe grasen, Affen, Giraffen, Nilpferde im Fluss und eine kleine Elefantenherde mit Babys. Wir fahren auch extra zu den Kopjes (Steinhügel in der Serengeti), wo normalerweise die Löwenfamilien in der Sonne liegen, aber heute findet das Familientreffen wohl woanders statt und so fahren wir aus dem Nationalpark raus, ohne einen Löwen gesehen zu haben. Es ist sicher kein Zufall, dass man von der Serengeti gleich in den Ngorongoro Nationalpark reinfährt und dort natürlich auch gleich seine 50 Dollar Parkeintritt zahlen darf. Genauso zahlt jeder Tourist zweimal, weil die meisten aus Arusha Richtung Serengeti fahren und so auch zwangsweise durch den Ngorongoro Park müssen. Im NgorongoroPark ist allerdings nichts zu sehen, man muss schon runter in den Ngorongoro Crater fahren, um die dort lebenden Tiere beobachten zu können. Auf diesem riesigen Gebiet tummeln sich auch noch 5 ganze Nasshörner, so dass man am besten gleich eine Zwei-Tages-Safari buchen sollte, um eins zu finden. Seth und ich bleiben am Kraterrand stehen und es ist schon eine tolle Aussicht. Dort, wo sich nun ein riesiges Tal erstreckt, war vor ca. vielen Millionen Jahren mal ein großer Berg, der dann beim Vulkanausbruch in der Gegend verteilt wurde. Nun ist hier ein sehr großes Loch, der Ngorongoro Crater eben, und um dort in diesen tollen Krater runterfahren zu dürfen, haben sich geschäftstüchtige Nationalparkbetreiber gedacht, bauen wir doch einfach mal ein Häuschen mit Schranke an den Kraterrand und kassieren nochmal von jedem Auto, das da runter möchte, 200 Dollar ab. Als Tourist bekommt man das vielleicht nicht so mit, es ist alles in dem 700- Dollar-5-Tages-Safari-Preis inklusive. Ich darf das nicht so kritisch sehen. Es ist sicher alles nur den Tieren zuliebe so organisiert, damit nicht so viele Safarijeeps im Crater rumcruisen und die Tiere von der Paarung abhalten. Der Massai, der gesehen hat, dass ich von seinem Kraterrand ein Foto von seinem Krater gemacht habe, möchte ein kleines Geschenk, zum Beispiel Wasser oder Schokolade oder ein Stück Papier mit Dollarzeichen drauf. Seth, der Resort Manager, lebt hier schon seit einigen Jahren und kennt das Spielchen. Er dreht den Spieß einfach um und möchte nun eine Kuh von dem Massaijungen haben. Komischerweise bekommen wir keine Kuh, es wäre auch echt eng geworden im Kofferraum, in dem auch schon mein Fahrrad und die Taschen stehen. In Karatu trennen sich unsere Wege, er fährt weiter zur Lodge und ich suche mir ein kleines gemütliches Guesthouse aus. Die 20 000 Tansania Schillinge pro Nacht werden alleine durch meinen bösen Blick und auch mit etwas kaufmännischem Geschick ganz schnell zu 10 000. (Ein Zimmer zur Miete kostet hier zwischen 10 000 und 20 000 pro Monat). Das sind umgerechnet 6,50 Dollar, also ca. 5 Euro. Dafür bekomme ich ein Bett mit Moskitonetz, einen Tisch und eine Dusche, aus der noch nicht mal kaltes Wasser rauskommt. Kein Problem, ich habe mich langsam an die Eimerdusche gewöhnt. Auch die Steckdosen sind nur Dekoration, solange abends in der ganzen Stadt der Strom abgestellt ist. Tag 11: Weg nach Arusha Ich fühle mich körperlich fit und beginne den Tag mit 30 Liegestütze im Innenhof. Auch wenn es nicht so viel Spaß macht, alleine zu frühstücken, so war es für Tom sicher das Beste, in dieser Situation nach Deutschland zurück zu fliegen und dort versorgt zu werden. Wir wissen beide, dass es keine Zufälle gibt und es hätte uns sicher noch schlimmer treffen können. So hoffe ich, dass er einen schönen Flug über die Serengeti genießen konnte und auch der Heimflug schnell vorübergeht, so dass er seine Freundin bald schon wieder umarmen kann. So, the show must go on. Natürlich bin ich bei den ersten Kilometern noch gedanklich bei Tom und wie es eben wäre, weiter mit ihm hier durch Afrika unterwegs zu sein und dass wir sicher neben den vielen Strapazen und verfluchten Bergpässen auch noch einige tolle Erfahrungen und Erlebnisse hätten miteinander teilen können. Der Tag beginnt gleich mal mit Arschlochberg Nr. 48. Während ich mich die steile Straße raufquäle, findet es der Junge neben mir auf dem Mountainbike total interessant, sich mit mir zu unterhalten und erzählt mir seine Lebensgeschichte. Dafür ist auch genug Zeit, weil es ewig dauert bis wir ganz oben sind. Bin ich froh, dass das nicht mein täglicher Weg in die Arbeit ist. Die Abfahrt ist dafür um so schöner und nach einem kurzen Stopp am Lake Manjara hören die Berge und die grüne Landschaft langsam auf und ich fahre durch eine staubige Steppe, in der letzte Regen ein paar Tage her ist. Massaikinder treiben ihre Ziegen und Rinder durch die Mittagshitze auf der Suche nach den letzten Grashalmen. Als ich im Schatten eines Busches Pause mache und dankbar mein kühles Wasser genieße, stehen da plötzlich zwei Massaikinder und möchten mir ihr Kaninchen verkaufen. Auch ohne Fachkenntnisse und langer Pulssuchen ist dieses Häufchen Fell schon länger tot und ich verspüre auch nicht den Drang nach Kaninchenbraten heute Mittag. Von der Hitze ausgelaugt erreiche ich am späten Nachmittag die Abzweigung nach Arusha und gönne mir eine kalte Cola an der Straßenbude. Die 1500 Schilling lege ich gerne auf den Tresen, ich hätte auch 10 Dollar bezahlt. Normalerweise kostet die Cola 500 Schillinge, aber ein erschöpfter weißer Radfahrer mit rotem Kopf und Schaum vorm Mund bekommt einen Extra Freundschaftspreis. Ich war echt ganz schön ausgepowert. Ich entdecke ein Häuschen und ein Metallschild verrät, dass dies hier das Buffalo Beaver Hotel and Campsite sein soll. „Caribu, caribu, (= kisuaheli, willkommen) welcome, fremder weißer Mann mit dickem Geldbeutel. Bei uns im Garten dürfen Sie Ihr Zelt für 30 000 Schillinge aufbauen.“ Da dieser Preis wohl ein Missverständnis sein muss und ich der Mama des Hauses erklären kann, dass ich nur ein kleines Zelt aufbauen möchte, gibt es die zwei qm Rasenfläche auch für 8000. Ich lass mir die Zimmer zeigen und liege wenig später in einem relativ bequemen Bett für 10 000 Schilling. Die Duschen sind auch da, aber eben auch nur da. Es gibt ein Restaurant, aber das ist auch nur da und man kann dort Dinge kaufen, die wenig Arbeit bereiten. Getränke aus dem von der Coca Cola Company gesponserten Kühlschrank, der aber auch nur läuft, solange der örtliche Stromanbieter Lust hat, Strom ins Netz einzuspeisen. Pünktlich um 8 Uhr gehen die Lampen aus und man könnte es romantisch finden, bei Kerzenschein auf dem Gang zum Klo zu laufen. Die Romantik hört aber spätestens dann auf, wenn man gerade ungemütlich in der Hocke über dem Loch im Boden hockt und ein kleiner Windhauch die Kerze auspustet, der du schon die ganze Zeit Mut zu zugesprochen hast, doch bitte brennen zu bleiben. Hmm,… da hockt man nun. Gut dass ich nachts immer meine Stirnlampe dabei habe und so kann ich im Schein der LED-Lampe die Klospülung anfeuern, den Elefantenhaufen in die Kanalisation zu befördern. “Ja, du schaffst es, noch ein Stückchen, komm schon, nicht aufgeben. Ole, ole. Du bist die Beste...“ Da es hier im Restaurant nichts zu essen gibt, geh ich zum örtlichen Markt Tomaten, Karotten und Paprika zu kaufen. Das Ganze mit 500 g Spagetti klingt nach einer leckeren Mahlzeit. Neben dem Holzstand liegt noch ein Kuhschädel und guckt mich komisch an - soweit ein Schädel ohne Augen halt noch komisch gucken kann. Zurück im Hotel koche ich mir die Spagetti über meinem Benzinkocher, was die Mama des Hauses total witzig findet. Liegt auch daran, dass sie nicht mehr ganz nüchtern ist, aber ein Muzungu (weißer Mann), der am Feuerchen seine Karotten schnitzt und die Tomaten in Würfel schneidet, ist einfach zum quieken komisch. Sie mag Männer, die kochen können, sagt sie mir mit einem Augenblinzeln, das mir verrät, dass sie gerade wohl alle Männer ganz toll findet, die ein bisschen mit ihrem Körper spielen würden. Ich esse einen Teil meiner Spagetti-Gemüse-Masse und sperr mich in meinem Zimmer ein. Zur Sicherheit montiere ich noch die Alarmanlage an der Tür, nicht, dass ich später noch Besuch bekomme…. Tag 12: Niemand mag meine Spagetti…! Um 6 Uhr klingelt der Wecker, um 7 Uhr bin ich bereits auf der Straße und ich bin raus aus dem Ort, bevor der erste Lausebengel Muzungu rufen kann. Dass die Straße gleich wieder bergauf führt, hätte Tom überhaupt nicht gefallen und ich springe auch nicht vor Freude in die Luft, wenn die Morgengymnastik darin besteht, im kleinsten Gang einen nicht enden wollenden Berg hinauf zu schleichen. Die Sonne steht noch tief und es ist angenehm kühl. Ich habe heute ca. 80 Kilometer vor mir, weil ich ein Stück außerhalb von Arusha bei Seth, dem Resort Manager, zu Hause eingeladen bin. Diese Möglichkeit einer warmen Dusche will ich mir nicht entgehen lassen und so bekomme ich auch mal einen Einblick, wie die Menschen hier in Tansania so leben. Im Straßengraben steht ein Bus und ein paar Meter weiter liegt der Grund seiner außerplanmäßigen Pause. Die Fellstücke und die Menge an Fleisch und Innereien, die sich hier auf der Straße verteilen, lassen sich wohl wieder zu einer Kuh zusammenpuzzeln. Ich fahre ohne Aufsehen zu erregen weiter und mache meinen Mp3 Player an, so werden die Kuhcrashbilder im Kopf schnell von Palmen am Strand ausgetauscht, während ich zum Soundtrack von “The Beach” durch die grüne tansanische Landschaft flitze. Danach kommt der Song “Jein”, bei dem sie fragt, “Na Kleiner, hast du Bock auf Schweinerein?“ Hey ja, super Idee, Schweinerein klingt toll. Das Problem ist nur, dass ich im Moment gerade mit einem schwerbepackten Bike durch Tansania gurke und nur ein paar afrikanische Ziegenhirten in der Gegend sind. Ein anders Mal vielleicht. Mittags mache ich in einem kleinen Dorf Pause und kaufe mir eine Gurke und drei Orangen. Zusammen mit meinem Topf Spagetti setze ich mich auf eine wackelige Holzbank und fange an, die Spagettimasse zu essen. Nach dem Tag in der Stofftasche schmeckt es nicht schlechter, aber auch nicht besser. Ich bleibe nicht lange alleine und bekomme Gesellschaft von Interessierten Afrikanern, die das Bike toll finden und ganz verstört schauen, wenn sie hören, dass ich 5000 Kilometer nach Namibia fahre. Ich biete ihnen meine Spagetti an, damit ich mich nicht auch noch die nächsten zwei Tage von Spagetti ohne Soße ernähren muss. Sie sehen sich meine Creation an und da das Auge bekanntlich mitisst, lehnen sie dankend ab. Aber meine Orangen sind essbar und so teile ich gerne mit ihnen meine Nachspeise. Der halbe Topf Spagetti kommt wieder in die Tasche und es geht weiter Richtung Arusha. Es fängt leicht an zu regnen, als ich die Stadt erreiche. Das hektische Verkehrsgewusel erfasst mich und im Strom der Trucks, Busse, Motorrädern und Eselkarren fahre ich konzentriert durch Arusha, bis mich die Abgaswolke wieder am anderen Stadtende ausspuckt. Ich mache genau zwei Fotos in Arusha. Klick, eins von einem echt noblen blauglasigen Edelhotel und eins von der einzigen Verkehrsampel der Stadt. Klick und weiter geht’s. Ich erreiche die Moivaro Lodge gegen 5 Uhr und zu diesem Zeitpunkt habe ich 90 Kilometer auf meinem Tacho stehen. Seth empfängt mich herzlich in seinem Haus und wir sitzen mit einem Gläschen Wein auf seiner Terrasse und schauen in seinen großen Garten. So lässt es sich leben. Zusammen mit seiner Frau und ihrem 1-jährigen Sohn essen wir Hühnchen mit Reis zum Abendessen. Als Dankeschön schenke ich ihm mein Bild, das ich von seiner Lodge gezeichnet hatte und der Sohn Leon bekommt den Papagei, der Geräusche macht, wenn man ihm auf den Bauch drückt. Leon hat seinen Spaß, die Eltern werden hoffen, dass bald die Batterien leer sind… Tag 13: 1. Hilfe Gut ausgeschlafen und frisch geduscht lassen sich die ersten Kilometer an diesem Tag leicht runter strampeln. Außerdem scheint die Sonne und es geht mehr oder weniger bergab. An einer Werkstatt winken mir zwei Männer zu, die gerade einen Landrover anschieben. Ich bleibe stehen und helfe ihnen schieben, bis der Motor wieder anspringt. Der Tag sollte im Zeichen der Ersten Hilfe stehen. In der Nähe vom Kilimanjaro Airport schiebt ein junger Mann sein Fahrrad, bei dem ein Pedal fehlt. Erst als ich neben ihm stehe, erkenne ich, dass er einige blutende Schürfwunden am Bein und den Armen hat. Ich packe meine Reiseapotheke aus und auch meine mobile Fahrradwerkstatt. Während er sich mit meinem Wasser die Wunden reinigt, schraube ich ihm mit meinem 15er Schlüssel das Pedal wieder dran. Es hatte sich wohl während der Fahrt losgelöst und deshalb war er gestürzt. Nachdem die Wunden desinfiziert, mit Jod bestrichen und verbunden sind und auch ein paar Pflaster ihrer Bestimmung zugeführt wurden, ist er überglücklich. Er möchte mich im nächsten Ort auf eine Cola einladen und so sitzen wir wenig später auf der Terrasse des Straßencafes, bei dem er als Kellner angestellt ist und erzählt allen, die es hören wollen, was für ein hilfsbereiter Mensch ich bin und zeigt stolz sein verbundenes Knie. Dann bekomme ich auch noch eine Suppe mit Hühnerschenkeln und eine kalte Cola. Ich fühle mich fast ein bisschen unwohl bei so viel Dankbarkeit und ich sag ihm immer wieder, dass das ganz selbstverständlich sei. Es dauert eine Weile, bis alle Hände geschüttelt sind und ich wieder auf der Straße bin. Das nächste Ziel ist Moshi, noch ca. 30 km weiter Richtung Osten. Ein Schild mit der Aufschrift “Carving Workshop” verleitet mich jedoch von der Hauptstraße abzubiegen und so lerne ich Tony und seine Kollegen kennen. Im Schatten ihrer selbstgemauerten Hütte sitzen 4 Leute umgeben von Sägespänen und schnitzen an Holzfiguren rum. Als ich mit meinem Fahrrad vorbeikomme, werde ich freundlich empfangen und ich fühle mich von Anfang an wohl in der Runde der Holzschnitzer… Eine Giraffe mit 8 Beinen,… Carving Workshop mit Tony Die Eidechsen finden die Idee gar nicht gut, dass ich meine Wäsche an ihre Wand hänge, aber es ist genug Sonne für alle da. Ich hatte meine verschwitzen Klamotten heute Morgen bei Seth in der Dusche mit gewaschen und bin nun froh, sie in der Sonne trocknen lassen zu können. Auch mein Solarpanel freute sich über die Strahlen und wandelt sie gerne für mich in Strom für mein GPS-Gerät um, während Tony und ich ein passendes Stück Holz für meine Giraffe suchen. Ich wollte nicht so eine fertig geschnitzte Teakholzfigur aus dem Touristen Arts and Crafts Shop kaufen, sondern es selber machen. Eine Giraffe erschien mir am Sinnvollsten, weil, wenn ich einen Elefanten schnitze, es bei meinem Talent am Ende aussehen könnte wie ein dicker Esel mit einer verdammt großen Nase. Bei einer Giraffe erkennt selbst ein Blinder am langen Hals, dass es wohl eine Giraffe sein soll … aber warum hat sie fünf Beine? Ähm, das ist der Schwanz… Tony zeichnet mir eine Giraffenskizze auf das Stück Holz. Er macht das mit einer Leichtigkeit, als wenn er sein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Es ist wohl tatsächlich seine 1376. Giraffe, weil Touristen immer Giraffen haben wollen? Wie einfallsreich von mir, mir eine Giraffe zu wünschen! Nächstes Mal schnitzen wir einen bayrischen Wollpertinger. Äh, what...? Bevor ich ihm lange auf Englisch erkläre, wie so ein Wollpertinger aussehen könnte, fange ich lieber an, mit der Säge grob die Umrisse der Giraffe auszusägen. Der unförmige Holzklotz ist noch weit entfernt von seiner Zukunft als Staubfänger in meiner Vitrine zuhause. So werden als nächstes die Ecken abgerundet und der Bauch und der Hals sind schon mit etwas Fantasie als Bauch und Hals zu erkennen. Ich gebe die Holzgiraffe immer wieder zum Meister Tony, er begutachtet die Fortschritte seines Schülers und schnitzt hier und da weiter Holzspäne ab. Ich lade die Jungs auf eine Runde Sodagetränke ein und biete ihnen auch meine Spagetti an, die ich während der Zeit bei Seth im Kühlschrank stehen hatte. Sie lehnen gut erzogen mit Argumenten, wie “ keinen Hunger”, oder “ ich bin schon zu dick” mein Angebot ab. Sie hätten auch einfach ehrlich sagen können, dass sie noch ein bisschen länger leben möchten… Wir packen zusammen und ich darf heute Nacht bei Tony in der Hütte schlafen. Morgen kann ich dann die Giraffe fertig schnitzen. Dafür, dass Tony schon 64 Jahre alt ist, kann er noch ganz schön schnell laufen und ich schiebe mein Fahrrad hinter ihm durch den Ort und dann durch die Maisfelder. Die Hühnchen flüchten laut gackernd in ihren Stall, als wir bei ihm auf dem Hof angekommen. Idyllisch zwischen Mais- und Sonnenblumenfeldern steht ein Steinhäuschen mit vier hellblauen Holztüren. Hinter einer dieser Türen befindet sich das Zimmer von Tony. Spartanisch eingerichtet mit Bett und Tisch, stellen diese 10 qm sein Zuhause dar. In einer Ecke stehen sauber gestapelt seine Küchenutensilien, in der anderen mehrere große Eimer mit sauberem Wasser. Tony kocht uns einen Tee, während ich hinter dem Tisch auf dem Steinboden meine Isomatte ausrolle und meinen Schlafsack darauf ausbreite. 15 000 Schilling bezahlt Tony für sein Reich und er hat nette Nachbarn. Diese kommen aber erst spät in der Nacht nach Hause, als ich schon fast geschlafen hatte. Man hört jedes einzelne Wort und wenn ich besser Kisuaheli sprechen könnte, würde ich wenigstens auch verstehen, was sie sich gerade gegenseitig an den Kopf schmeißen. Ich kann mir aber gut vorstellen, was die zwei Kinder sagen wollen, die die Unterhaltung ihrer Eltern mit Weinen und Schreien begleiten. Ich bin ganz froh, als es in der Nachbarschaft ruhiger wird und dass sie heute Nacht keinen lauten Sex mehr haben. Tag 14: Pfannkuchen… Als kleines Dankeschön backe ich heute früh Pfannkuchen für Tony und mich. Ich habe Milch gekauft und Tony hat genug Mehl und Eier in seinem Lebensmittelvorrat für ganz viele Pfannkuchen. Es ist gar nicht so einfach, über seinem Kocher die Pfannkuchen gleichmäßig braun zu backen, weil ich die Eisenpfanne immer über der kleinen Flamme kreisen muß. Am Ende bin ich trotzdem mächtig stolz über meine Pfannkuchen und Tony sagte mir, dass er noch nie in seinem Leben so leckere Pfannkuchen gegessen hat. Ich glaube ihm gerne. Die Spagetti finden am Ende auch noch einen Liebhaber. Die Hühner auf dem Hof bekommen sie zum Frühstück und im Vergleich zu ihren staubigen Körnern ist das sicherlich ein Festmahl. Zurück im Carving Workshop zeigt mir einer der Schnitzer sein Nokia Handy, bei dem der Klingelton nicht mehr funktioniert. Ich habe erzählt, dass ich Zuhause Handys repariere und so öffne ich mit meinem Taschenmesser sein Handy und reinige sein Lautsprechermodul. Die Einstellungen werden überprüft und am Ende kann er wieder Musik hören. Er grinst bis über beide Ohren und zeigt gleich mal, was für tolle Klingeltöne sein Handy hat. So leicht kann man Menschen eine Freude machen. Ich schnitze weiter an der Giraffe herum und Tony formt gekonnt den Kopf und sägte die Beine aus. Zuerst sind es acht Beine und dann kann ich entscheiden, auf welchen Vieren sie am Ende stehen soll. Eigentlich sieht die Giraffe mit acht Beinen ganz lustig aus, sie würde auch nicht so leicht umfallen und könnte mehrere Paar Schuhe auf einmal tragen. Es dauert nochmal ein paar Stunden, bis der Giraffenkörper soweit in Form ist, dass ich ihn mit Sandpapier abschleifen und polieren kann. Die Holzgiraffe ist fertig und ich bin ein kleines bisschen stolz, als ich sie so betrachte und sie hinstellen kann… und sie umfällt. Kleine Korrekturen vom Meister und eine Ölpolitur bringen den letzten Schliff. Fertig ist mein persönliches Meisterwerk. Ich verabschiede mich von meinen Schnitzer Kollegen und gehe mit Tony in seinen kleinen Shop, wo seine Figuren und Tiere auf Touristen warten. Die Staubschicht zeigt mir, dass einige schon ziemlich lange auf ein neues Zuhause warten. Ich finde ein kleines Holznashorn und Salatbesteck und bezahle Tony die Miete für die nächsten zwei Monate. Er ist sehr gerührt und weiß gar nicht, was er sagen soll. Ich verlasse den Carving Workshop mit dem guten Gefühl, im richtigen Moment am richtigen Ort gewesen zu sein. Die 30 Kilometer bis nach Moshi verlaufen unspektakulär. In Moshi versuche ich ein Internetcafé zu finden, aber das ist gar nicht so einfach, weil im Moment mal wieder der Strom abgeschaltet ist und so muss ich ein Internetcafé finden, das einen eigenen Stromgenerator hat. Ich sende ein paar Lebenszeichen nach Hause und kaufe mir noch einen Mango-Saft im Supermarkt. Dort liegen auch verführerisch in der Kühltheke ausgebreitete Bounty Schokoladenriegel, die sagen “vernasch mich”. Aber ich bin nicht bereit dafür 2000 Schillinge zu bezahlen. Dafür bekomme ich immerhin 20 Bananen auf dem Markt. Von Moshi aus starten die ganzen Kilimanjaro Klettertouren, bei denen die Touristen den über 5800 m hohen Berg mit einer Gruppe von einheimischen Trägern besteigen können. Der höchste Berg Afrikas versteckt sich aber zurzeit hinter einer hartnäckigen Wolkendecke und so bin ich anfangs etwas enttäuscht, ihn nicht zu sehen. Immerhin ist dieser Berg einer der Gründe, warum ich den Umweg über die Ostküste radel und nicht auf dem kürzesten Weg nach Malawi fahre. Es wird schon langsam dunkel, als ich auf der Hauptstraße durch die Vororte von Moshi fahre. Ich suche am Straßenrand nach Schildern, die auf Hotels oder Campingplätze hinweisen. Ein bisschen versteckt finde ich dann schließlich einen Wegweiser zur Honey Badger Lodge and Campsite und folge einem steinigen Weg, bis ich vor einem schwarz gestrichenen Eisentor stehe. Es ist verschlossen und ich mache mich durch Klopfen bemerkbar. Nichts rührt sich und ich bin schon dabei umzukehren und nach einer anderen Übernachtungsmöglichkeit zu suchen, als mich ein vorbeilaufendes Mädchen fragt, ob ich die Lodge suche. Dann müsste ich nämlich noch weiter runter fahren und so folge ich ihrer Wegbeschreibung bis Ich vor dem richtigen Eisentor der Honey Badger Lodge stehe. Das Zelt ist schnell aufgebaut und zusammen mit einer Schulklasse aus Luxemburg stehe ich wenig später in der Schlange am Buffet, wo heute Abend Chicken-Curry und Reis auf dem Speiseplan stehen. Nachtisch Mango Stückchen. Hmm lecker. Im Gespräch mit Jenny, der Lodge Managerin, erfahre ich, das die Lodge ein Teil von einem Hilfsprojekt für Schulabbrecher und Waisenkinder aus der Gegend ist. In der “Second Chance”-Schule hinter der Lodge können die Kinder kostenlos zur Schule gehen und bekommen nach der Schulausbildung die Möglichkeit, in der Lodge als Koch, Kellner oder Gärtner zu arbeiten und ihr eigenes Geld zu verdienen. Zurzeit betreut Lisa, eine junge Frau aus Schweden, ein Projekt, bei dem die Kinder Baumsetzlinge pflanzen und dann die nach einer Zeit gewonnenen Babybäume auf dem Markt verkaufen zu können. Es gibt genug Arbeit, unter anderem müssen die neuen Klassenzimmer angemalt werden. Sie würde gerne eine Weltkarte an eine Hauswand malen und Lisa könnte auch Hilfe beim Bäume pflanzen gebrauchen. Auf dem Weg zurück zum Zelt lerne ich Lisa aus Schweden kennen und sie ist hot. Sie ist 27 Jahre alt und arbeitet hier für zwei Monate ehrenamtlich. Wow, dass finde ich toll, und als sie mir erzählt, dass sie hier so alleine ist, seit dem die anderen Helfer abgereist sind, ist meine Entscheidung schon fast gefallen, dass ich hier ein paar Tage länger bleiben möchte. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn sie mir auch erzählt hätte, dass sie schon seit 7 Jahren einen Freund hat…? Tag 15: Ich bin nun ein Volontier …. Was für ein Tier…? Ich musste auch erst mal in meinem Wörterbuch nachschauen, was ich jetzt eigentlich bin. Volontier heißt so viel wie freiwillig, ehrenamtlich. Also bin ich nun ein freiwilliger ehrenamtlicher Helfer mit der Aufgabe, eine Weltkarte an die Schulwand zu malen. Ich hätte auch den Batik-Stoff Workshop unterstützen können, aber da sah ich nicht so meine Stärken. Mein Zelt tausche ich gegen ein nettes Zimmer, das eigentlich für drei Leute gedacht ist, aber ich habe es ganz für mich alleine. Dort steht nun mein Fahrrad, das die anschließenden Tage erst mal Pause hat. Auf der kleinen Veranda sitze ich nun mit einer Weltkarte aus der Schule und pause gerade die Küstenlinien von Südamerika auf meinen Zeichenblock ab. Als die ganze Welt mit Bleistift auf der Doppelseite meines Blocks erkenntlich wird, sieht es echt gut aus. Jetzt muss ich nur noch einen Weg finden, diese Skizze auf die große Wand der Schule zu projizieren. Am Ende entscheide ich mich dafür, Gitternetzlinien mit fünf cm Abstand durch meine Weltkarte zu ziehen und diese dann mit einer Schnurr alle 50 cm an der Wand anzubringen. So ist der Plan für die anschließenden Tage. David ist 24 Jahre alt und der Volontier Koordinator. Wir verstehen uns von Anfang an prima und Lisa ist natürlich auch nett. Wir fahren zusammen mit dem Dalla Dalla nach Moshi, um ein paar Dinge zu besorgen. Ein Dalla Dalla ist ein Kleinbus von der Größe eines VW Busses, mit dem geschäftstüchtige Fahrer bis zu 20 Leute auf einmal transportieren können. Zuhause in Deutschland bin ich froh einen Sitzplatz im Bus zu bekommen. Hier muss man froh sein im Bus sitzen zu dürfen und nicht auf dem Bus… Für die Strecke nach Moshi brauchen wir nur 15 Minuten und wir zahlen 300 Schilling pro Person (ca. 15 Cent) In Moshi zeigt mir David den Markt, wo es wirklich Säckeweise tolle Sachen zu kaufen gibt. Ich möchte eigentlich nur eine Mango für unterwegs. Eine große Mango kostet 700 Schilling. Ich versuche, noch eine Babybanane on top zu verhandeln und sehe eine Banane, die schon halb von einer Staude mit ca. 20 anderen Bananen abgebrochen ist. Diese breche ich ab und lege sie zu meiner auserwählten Mango. Das Ende meiner Verhandlungen in Körpersprache, weil die Verkäuferin kein Englisch versteht, ist, dass ich 800 Schillinge bezahlen muss für eine Mango und keine Banane. 700 für die Mango und 100, weil ich die Banane abgebrochen habe und die Bananenstaude nun nicht mehr so toll aussieht wie vorher. What ever? Ich streite nicht weiter wegen den paar Cents mit der Marktfrau rum und habe für heute erst mal genug von Bananen. David bringt mich in einen Telefonladen und dort kaufe ich mir eine afrikanische Simkarte. So kann mich meine Familie günstig anrufen und ich kann auch hier für ein paar Cent Leute anrufen. Während meine Simkarte aktiviert wird, verteile ich die Mango in mundgerechten Stücken an die Mitarbeiter im Shop. Mit dem Dalla Dalla geht es wieder zurück zur Lodge. Zeit für Abendessen. Ich bekomme zwar kein Geld für meine Arbeit hier, aber ich darf in dem Voluntierhaus schlafen und bekomme 3 Mahlzeiten am Tag. Als Gegenleistung beteilige ich mich mit 15 Dollar pro Tag an den laufenden Kosten, die so entstehen. Als offizieller Voluntier hätte ich auch noch 120 Dollar an die Behörde bezahlen müssen, weil ich ein Voluntier-Visa gebraucht hätte. Das versucht Jenny gerade zu verhindern, weil ich ja echt nur für ein paar Tage hier bin. Wer den Eindruck bekommt, dass hier versucht wird, Geld zu verdienen mit Leuten, die doof genug sind, für mehrere Monate hier zu leben und nur helfen wollen, muss sich täuschen ;-) Ich freue mich auf mein Weltkarten-Projekt und bin aber auch froh, so flexibel zu sein, jederzeit mein Fahrrad nehmen zu können und auf der Straße weiter meine Abenteuertour fortzusetzen. Tag 16: Gutes Karma bitte zum Mitnehmen einpacken… 8.00 Uhr, Frühstück mit Lisa. Ich darf noch nicht anfangen zu helfen, weil von der Behörde noch kein ok da ist. Aber ich darf im Kindergarten mit den Kindern am Tisch sitzen und das Abc lernen. Im Moment versuche ich, dem kleinen 3-jährigen Jungen zu helfen, ein schönes kleines b zu malen. Strich und Bauch, Strich und Bauch, aber er malt lieber Kirschen und Fußbälle und hat keine Lust auf Buchstaben. In dem Alter hätte ich auch noch keine Lust, schreiben zu lernen. In der Spielstunde werden die Kuscheltiere schnell in Wurfgeschosse umgewandelt und so fliegt der Teddybär an meinem Kopf vorbei, gefolgt von einem Puppenkopf und einem Plüschelefanten. Wir haben unseren Spaß und es ist schön, die lachenden Kinder zu sehen, die in ihrem kleinen Leben sicher nicht immer zu lachen hatten. Die meisten sind ohne Eltern aufgewachsen oder die Eltern waren zu arm, um die Kinder versorgen zu können. So ist Mama Luzi, die Mama und gute Seele der Schule, für sie zur Ersatzmama geworden. Am Nachmittag darf ich endlich mit meiner Weltkarte anfangen und ich erkläre den Mädchen, was ich vorhabe und wie wir am einfachsten die kleine Karte auf meinem Malblock in eine große Weltkarte auf der Wand umsetzen können. Mit vier großen Nägeln fixiere ich den Rahmen mit dem Seil und dann lass ich jedes Mädchen, das sich mal mit dem Hammer auf den Finger hauen möchte, auf die Holzleiter steigen und alle 50 cm einen Nagel in die Wand hauen. Am Ende gibt es ein paar blaue Fingernägel, aber wir freuen uns auch über unser Gitternetz, das sich nun in der Größe von 4 m x 2 m auf der Wand befindet. Mit Hilfe dieser Linien werde ich dann meine Skizze auf die Wand zeichnen. Gemeinsam mit der Klasse werden wir die Welt bunt ausmalen, die einzelnen Kontinente bezeichnen und ein paar typische Tiere in die jeweiligen Länder malen. So wird am Ende ein schönes Teambild entstehen, bei dem jeder seinen Teil dazu beigetragen hat. Lisa hat ihre Freundin aus Israel vom Flughafen abgeholt und sie wollen zusammen die anschließenden Tage den Kilimanjaro besteigen. Sie hatte sie als wunderschön, groß und 18 Jahre jung beschrieben. Jetzt, wo sie vor mir steht und sich als Camilla vorstellt, stürzt mein Fantasiebild von einer wunderschönen großen 18-jährigen Frau ein. Sie ist, sagen wir mal, … groß … und 18 ist sie wahrscheinlich auch. Am Abend schauen wir uns “The Tourist” auf DVD an. Die Qualität ist furchtbar und es fehlen immer wieder längere Abschnitte. Die Story des Films ist so schon kompliziert genug und so verstehe ich ihn am Ende auch nicht so ganz. Lisa hat ihn auch nur deshalb anschauen wollen, weil Jonny Depp mitspielt. Ich habe dafür interessante Träume mit Angelina Jolie… Tag 17 …eine Welt ohne Taiwan und ein paar andere kleine Inseln Ich verbringe den ganzen Tag damit, meine kleine Skizze der Weltkarte mit Bleistift auf die große Wand zu übertragen. 1 cm von Gitter Nr. 4 nach rechts oben und 2 cm nach unten. Dort wird Irland liegen. 10 cm an der Wand nach oben und 20 nach unten mache ich einen Punkt und gebe mir größte Mühe die Küste Irlands zu zeichnen. Wenn ich jetzt Fehler mache, lernen die nachfolgenden Generationen in dieser Schule eine geografisch nicht korrekte Welt kennen und so bin ich bis spät abends mit der Skizze beschäftigt. Ich habe zwar nicht jeden Fjord in Norwegen und auch nicht jede kleine Insel von Grönland auf meiner Weltkarte, aber ich bin sehr zufrieden. Beim Vergleich meiner Skizze und der Weltkarte auf der Wand bemerke ich zum Glück noch rechtzeitig, dass ich Taiwan vergessen habe. So wird noch schnell Taiwan an der richtigen Position eingezeichnet und fertig ist die Welt. Ich entschuldige mich schon mal vorsorglich bei allen kleinen Inselvölkern, deren Inseln ich im Meer versenkt habe… Für den Abend bereiten David und ich eine kleine Privatparty vor und wir laden die Klasse aus Luxemburg ein. Mein iPod spielt ein paar gute House Sounds, während wir die Tomaten und Zwiebeln für die selbstgemachte Guakamole Creme schälen. Weil wir nicht 2500 Schillinge für einen kleinen Beutel Kartoffelchips zahlen wollten, gibt es Gurken- und Karottensticks zum Dippen. Die Schulklasse darf heute leider nicht so lange aufbleiben und mit uns Erwachsenen feiern und Alkohol trinken. So sind wir froh, dass die Camper Gruppe, die heute gekommen ist, unsere kleine Partygruppe auf 15 Leute anwachsen lässt. Jenny und ihr Mann Josef sind dabei, ich und David, Lisa und Camilla und die Camper sitzen in gemütlicher Runde auf unserer Terrasse und schauen ins Lagerfeuer. Es werden ein paar Flaschen Conyagi mit Cola geleert (Art Gin Made in Tansania) und als es Mitternacht wird, fahren David und ich noch nach Moshi, damit ich mal eine afrikanische Großraumdisco kennenlerne. Auf der Tanzfläche hüpfen ein paar weiße betrunkene Hühner rum, aber es sind auch genug einheimische Männer da, die hilfsbereit auf sie aufpassen, dass sie auch sicher zu ihnen nach Hause kommen. Als weißer Mann falle ich auch auf und werde immer wieder von Frauen angesprochen, die nicht lange um den heißen Brei herum reden. “Do you want to fuck?” „Och,…nee. Bin grad irgendwie müde.” “Na, dann können wir ja gleich zu mir gehen!” “… Ich bin verheiratet, aber mein Ehering ist mir beim letzten Abwasch in den Abfluss gefallen.“ „What do you say…?” Ähh… was heißt Abfluss auf Englisch? … “I dropped my ring in the sink.” „You say, I stink…?” „ naja, wenn du so fragst, irgendwie …. Schon… ein bisschen… also nicht du direkt,… aber dieses Parfum!“Die Frau wird böse und mir gehen die Ausreden aus. Ich sag auf keinen Fall irgendetwas in der Richtung, dass ich Schwul sei. Da verstehen die Afrikaner gar keinen Spaß. Ich rette mich zu David an den Billardtisch und erzähle ihm von meiner Bekanntschaft mit der Dorfmatratze und habe für heute Abend erst mal genug von Frauen. Mit dem Piki piki (Motorradtaxi) fahren wir um 5 Uhr früh wieder nach Hause. Ohne Helm und teilweise ohne Licht ist das echt die spannendste Art und Weise, sich transportieren zu lassen. Die Steigerung besteht darin, während der Fahrt einfach die Augen zu schließen. Gute Nacht. Tag 18… Sophia Sophia arbeitet im Büro der Lodge als Buchhalterin. Dort sitzt sie den ganzen Tag und gibt die Rechnungen und Quittungszettel in den Laptop ein. Dort sollte sie auch jetzt sein und nicht vor meiner Zimmertür so einen Krach machen. „Alex,... good morning!“ säuselt eine Honigstimme vor der Tür. „Sophia...?“ „Yes, it’s me.“ „ Es ist mitten in der Nacht, bitte lass mich schlafen“ „Es ist 11 Uhr mittags und ich habe mir Sorgen gemacht.“ Für jemanden, der erst um halb 6 Uhr im Bett gewesen ist, war es einfach noch viel zu früh um aufzustehen, aber ich wollte auch nicht unhöflich sein. Sophia ist meine Schlüsselfigur, um an ihrem Laptop kostenlos ins Internet zu kommen, also darf ich es mir mit ihr nicht verscherzen. Ich rolle mich wie ein altes Walross aus dem Bett, verfange mich wie jeden Morgen im Moskitonetz und schaue nochmal schnell in den Spiegel, bevor ich meine Tür aufsperre. „Morgen, Sophia!“ Sie lächelt, was sie nicht allzu oft macht, weil man dann ihre braunen Zähne sehen kann. „Hast du gut geschlafen?“ fragt sie mich. „Ja, bis mich jemand geweckt hat ...!“ „Es ist aber auch ganz wichtig,“ meint sie, „weil heute habe ich mich extra ganz schick und sexy angezogen - fürs Fotoshooting.“ „Äh,...ja.“ Da war doch noch was. Sie hatte mich mal gefragt, weil ich doch so eine supi Kamera hätte, ob ich nicht mal Fotos von ihr machen könnte, die sie dann auf Facebook stellen kann. Gut, machen wir heute... nach dem Mittagessen, so um 2 Uhr oder so. „Supi!“ Sie freut sich. Ich freute mich, als ich die Tür wieder zu machen kann, stelle den Wecker auf 12.45 Uhr und war schwubsdiwubs wieder im Land der Träume. So eine warme Dusche ist herrlich und weckt wieder meine Lebensgeister. Heute gibt es grüne Bananen mit Tomatensoße und Gemüse. Die Bananen schmecken wie Kartoffeln und zusammen mit den Tomaten super lecker. Ich esse den ganzen Topf ratzeputze leer und bin gut gestärkt für den Tag. Aus einem Truthahn wird kein Pfau, auch wenn er sich noch so sexy in Pose setzt. Ich gebe mir wirklich viel Mühe beim Fotoshooting, aber Sophia ist und bleibt ein Truthahn. Sie stellt sich cool an die Bananenstaude, räkelt sich im Gras und passt auf, dass ihr Ausschnitt offen ist. Sie setzt sich verführerisch auf die Terrassenmauer und ihre Körpersprache sagt: „ Nimm mich hier und jetzt!“ Ich bleibe unbeeindruckt und blicke professionell durch die Kamera, klick, klick, und gebe ihr Tipps: „ Das linke Bein vielleicht anwinkeln?“ Gedanklich bin ich aber schon beim Abendessen, was es wohl heute Leckeres geben wird? Am Laptop zeige ich ihr die 40 Fotos vom Shooting und sie sagt immer wieder „Wow“. Ich selber sage nichts und kopiere die Datei mit den Fotos auf ihren Speicherstick. „Ich geh noch kurz online, Sophia! Ok?“, aber zuhause ist nicht viel passiert. PayPal bietet mir einen Bonus an, der noch bis zum Wochenende gültig ist. Ab in den Papierkorb. Der Aktienkurs der deutschen Telekom turnt immer noch bei 10,60 Euro herum und auf Facebook gefällt 8 Leuten mein Status, dass ich hier jetzt Klassenzimmer anmale. Na dann, raus aus dem Büro, zurück zu meinem Zimmer. Solange es Strom gibt, kann ich nämlich am Laptop von Lisa meine Erlebnisse der letzten Wochen eintippen und diese dann per Mail an Tom schicken, der sie dann auf die Homepage stellt. Damit bin ich bis zum späten Nachmittag beschäftigt und habe nebenbei auch das Handy von Mama Luzie repariert. Sie ist ganz happy, als sie ihr pinkes Samsung Klappenhandy wieder in Händen hält und lädt mich auf eine Cola light ein. Cola light ist wie alkoholfreier Pina Colada oder Erdbeertorte ohne Sahne. Irgendetwas fehlt... Den Abend verbringe ich mal wieder mit David bei Sippy’s Laden an der Ecke. Da gibt es richtige Cola mit Zucker für 500 Schilling. In der Lodge hätte ich einen Dollar dafür bezahlt. Da unterstütze ich doch lieber das lokale Business von Sippy. David erzählt mir, dass er hier 100 Dollar im Monat verdient, was ungefähr 160.000 Schilling entspricht. Davon gehen 10.000 für die Miete drauf, der Rest reicht so für Essen, Trinken und Vergnügen. Er wird den Job im August beenden und zurück nach Mwanza am Viktoriasee ziehen. Er schwärmt vom leckeren Fisch, den es dort gibt. Ich erzähle ihm vom bayrischen Schweinebraten mit Kartoffelknödel. Später in meinem Zimmer schlafe ich mit Gedanken an die gute bayrische Küche ein, die gerade so weit weg ist und träume von Spanferkel, Brezn und Obazda ... Tag 19... The World Map Project... So ein geregelter Tagesablauf kann schon ganz angenehm sein. Eben habe ich noch ihre Eier zum Frühstück verspeist, jetzt scheuche ich die Hühner, die sie gelegt haben, vor mir her. Mein Weg zur Arbeit dauert nur 5 Minuten und dabei sehe ich jede Menge Eidechsen und Geckos, die auf den Steinen in der Sonne liegen. Ich folge dem Wegweiser „Second Chance Education Center“ bis zur Schule. Heute möchte ich die Skizze der Weltkarte, die ich mit Bleistift schon auf die Wand gezeichnet habe, mit Ölfarbe nachmalen. Die Herausforderung beginnt schon damit, Farbe zu organisieren. Ich finde einige Metalleimer mit eingetrockneten Farbresten, bei der sich aber unter der getrockneten Schicht noch gute Farbe versteckt. Verschiedene Grüntöne, Rot, Rosa und Schwarz – aber kein Blau. Dann bleibt der Ozean eben farblos. Man muss ständig improvisieren. Da ich möchte, dass diese Weltkarte perfekt wird, bin ich auch den ganzen Tag damit beschäftigt, mit einem kleinen Pinsel die kompletten Küstenlinien der Welt nachzumalen. Am Nachmittag, als es zu heiß wird, spanne ich mein Tarp auf und arbeite akribisch im Schatten weiter. Die Schulkinder beobachten mich interessiert und finden es lustig, wie der große weiße Mann auf ihrer wackligen Holzleiter steht und nach und nach eine Welt an der Wand erkennbar wird. Fertig - ich wische mir den Schweiß aus dem Gesicht. Ich stehe nicht ganz ohne Stolz vor meinem Werk und bin sehr zufrieden. Auch wenn ich die Fjorde Norwegens und die vielen kleinen indonesischen Inseln verflucht hatte, weil es echt schwer war, sie alle richtig zu platzieren und auch ihre zackigen Küstenlinien nachzuzeichnen, aber nun ist aller Ärger vergessen. Die Welt ist wunderschön so wie sie ist. Und Morgen können wir sie dann gemeinsam bunt ausmalen. Den Rest des Tages verbringen wir mit Frisbee-Spielen. Nach dem Abendessen spielen wir noch Karten in der Sippys Bar und der Tag ist fast zu Ende, als ich in den Spiegel meines Badezimmers schaue. Da kommt mir eine Idee. Meinem Spiegelbild ist in den letzten Wochen ein wilder, ungepflegter Bart gewachsen. Wenn ich alleine auf der Straße herum radele und mich auch kein Spiegel täglich an mein Aussehen erinnert, ist es mir relativ egal, wie ich aussehe. Aber jetzt unter all den anderen gepflegten Menschen fühle ich mich unwohl. Der Bart muss weg, bloß wie? Ich wühlte in meinen Taschen herum und baute meine Instrumente, die ich für bartschneidetauglich hielt, wie ein Doktor vor der Operation vor mir auf dem Waschtisch auf. Ich hatte vergessen, einen Rasierer mitzunehmen und so liegt nun mein Taschenmesser mit der Nagelschere neben meinem scharfen Klappmesser und dann noch ein Feuerzeug vor mir. Ich bin noch recht optimistisch, was die Operation Bart-Ab betrifft. Ich fange an, die einzelnen Barthaarbüschel mit der kleinen Nagelschere aus dem Schweizer Taschenmesser abzuschneiden. Es dauert zwar eine ganze Weile, aber so langsam sammeln sich immer mehr Barthaare im Waschbecken. Der nächste Schritt gestaltet sich um einiges schwieriger als gedacht. Ich fahre vorsichtig mit der Schneide des Messers an meiner Backe entlang, aber keines der Bartstoppel möchte sich von seiner Wurzel trennen. Ich probiere alle möglichen Winkel und Richtungen aus, aber alles ohne Erfolg. Bleibt nur die radikale Methode übrig. Skeptisch betrachte ich das Feuerzeug in meiner Hand und knipse es an. Es brennt und ich bewege die Flamme langsam auf meine Backe zu bis es heiß genug ist und die Härchen anfangen zu kokeln. Es stinkt fürchterlich und ich wiederhole die Prozedur immer wieder, begleitet von kleines Auuu-Schreien, wenn ich mal wieder zu lange an einer Stelle verweilte. Was macht man nicht alles, um gut auszusehen. Ich war ja auch selber schuld. Ich hätte mir ja nur ein paar Einwegrasierer mitnehmen müssen. Um das Kinn herum wollte ich noch einen Ziegenbart stehen lassen. Aber die Flammen sind hungrig und so fängt mit einem Geknister wie bei einem Waldbrand mein Ziegenbart Feuer. Erschrocken darüber im Spiegel meinen brennenden Bart zu sehen und dabei noch live die Hitze des Feuers auf meiner Haut zu spüren, reagiere ich instinktiv und halte mein Gesicht ins Waschbecken, während ich gleichzeitig das kalte Wasser volle Pulle aufdrehe. Der kleine Brand ist zum Glück schnell gelöscht und ich muss einsehen, dass die Operation Bart-Ab gescheitert ist. Ich sehe auch nicht wirklich gepflegter aus, halb abgekokelt, halb stoppelig muss ich morgen früh ganz schnell einen Rasierer organisieren. Schnell ins Bett und Licht aus, dass mich keiner so sieht, aber davor noch alle Fenster auf, weil bei dem Gestank kann ja keiner schlafen. Tag 20: TIA – This is Africa „I miss you“ steht auf dem kleinen Zettel, den mir Sophia zuschiebt, während ich im Internet noch kurz meine Zeit vertreibe bis das Frühstück serviert wird. Mh, ja - und jetzt? Soll ich einen Zettel schreiben „I don’t“? Nein, manchmal ist es besser, einfach nur zu lächeln und zu winken. Schnell raus aus dem Büro. Die Jungs und Mädchen der Schule warten schon ungeduldig auf mich und ich schleppe die Farbeimer, die ich alle neben dem Hühnerstall zusammengesammelt hatte, zur Wand mit der unfertigen Weltkarte. Heute ist der Tag, wo wir die Welt bunt ausmalen. Wir hatten alle gemeinsam überlegt, ob wir die einzelnen Kontinente in verschiedenen Farben anmalen wollen oder die Klimazonen farblich darstellen wollten. Da wir eigentlich nur vier verschiedene Farben haben entschieden wir uns für die Klimazonen und so mixe ich verschiedene Grüntöne und zeige der Klasse, wo die Welt grün ist und wo es eisig kalt ist. So verbinden wir das Ausmalen auch gleich mit einer Lehrstunde in Geografie. Am Anfang zeigen noch einige Schüler auf Südamerika, als ich sie nach Europa frage. Wo Afrika liegt, weiß jeder, aber Tanzania wird geografisch mal einfach in die Sahara verlegt. So zeichne ich auch noch den Grenzverlauf von Tanzania ein, am Ende weiß jeder, wo er in dieser großen Welt zu Hause ist. Es macht Spaß, mit der Klasse zu malen, ist aber auch etwas nervenaufreibend. Ich raufe mir die wenigen kurzen Haare auf meinem Kopf als ich bemerke, dass sie einen Teil des indischen Ozeans grün ausgemalt haben. Eine so schöne Welt und dann dieser grüne Fleck! Ich stehe vor dem Kunstwerk, aber ich sehe nur diesen Fleck. Wie ein Autobesitzer, der fassungslos seinen ersten Kratzer im Neuwagen anstarrt. Ölfarbe ist ganz schön hartnäckig, wenn man sie wieder abwaschen möchte, und bevor ich Benzin auf die Wand schütte, ist es einfacher den Ozean doch blau anzumalen. Nach drei Stunden haben 20 Hände die komplette Weltkarte bunt ausgemalt. Bunt heißt in diesem Fall hellgrün, grün, dunkelgrün, gelbgrün und grauweiß. In der Arktis, Alaska und Nordrußland liegt nun Schnee. Von Amerika, Europa bis rüber nach Asien und Australien zieht sich ein breiter grüner Gürtel. Die Sahara ist hellgrün, weil wir kein gelb hatten und sonst ist der afrikanische Kontinent relativ grün. In Südamerika sieht es auch so aus, als wenn dort noch der komplette Regenwald stehen würde. Und wo größere Gebirge stehen, male ich mit dunkler Farbe ein paar Berge ein. Alle sind sehr zufrieden mit ihrer Welt. Ich finde auch, die Welt ist perfekt … bis auf diesen grünen Punkt. Ich notiere auf meiner virtuellen To-do-Liste im Kopf „Blaue Farbe organisieren“, aber so was dauert hier immer etwas länger. Es heißt absichtlich „Farbe organisieren“ und nicht „Farbe im nächsten Baumarkt kaufen“. Morgen oder übermorgen können wir dann das Meer ausmalen ... oder nächste Woche. Solange kann ich mich schon mal um die nächste Baustelle kümmern: Klassenzimmer streichen. Die Schulklasse aus Luxemburg ist schon fleißig dabei, die Wände der sechs Räume mit Sandpapier abzuschleifen. Ich helfe hier und dort ein bisschen mit und gebe ihnen Tipps, wie sie zum Beispiel rückenschonender arbeiten können. „Dieses Sandpapier kannst du wegschmeißen, damit schleifst du nichts mehr von der Wand ab.“ „Hier ist die Oberfläche noch etwas rau, fühl mal mit dem Finger drüber, so sollte es sein.“ „Nimm die Leiter, dann kommst du auch in die obersten Ecken. Keine Leiter mehr da? Kein Problem, ich bring dir das leere Ölfass.“ „Ja, ich sehe, dass die Wand einen großen Riss hat.“ Wenn es nach mir ginge, würde ich das ganze Gebäude abreißen und dann wieder ordentlich aufbauen, mit geraden Wänden und ohne Risse. Es geht trotzdem ziemlich lustig zu auf der Baustelle und wir machen das Beste daraus. Der iPod spielt Discolieder, die Girls tanzen und singen mit, bisschen Wand schleifen, eine Runde Em-Pom-Pi-Kolonie spielen, weiterschleifen, Mittagessen, weiterschleifen und für alles, was nicht so rund, läuft ist die Standardantwort: „T I A – This is Africa“. Warum ist die Steckdose übermalt? Wieso ist hier so ein großer Riss in der Wand? Ist es normal, dass der Raum unter Wasser steht? Warum müssen wir mit dieser wässrigen Farbe viermal die Räume streichen? Warum ist die Farbrolle aus China nach einem Tag kaputt? Hätte man nicht gleich mit der gelben Farbe streichen können, die erst nach zwei Tagen geliefert wurde? Die Antwort ist immer dieselbe: „TIA“. Schönen Feierabend. Tag 21 – Dienstag Zwei kalte Toasts, eine Kanne Milch, heißes Wasser, Töpfchen Marmelade, Töpfchen Butter, Tee und Zucker sind schön ordentlich auf dem Tisch in der Voluntier-Küche aufgebaut. Wie lange sie schon so auf mich warten, kann ich an der Temperatur der Toasts erkennen … zu lange. So beginnt nun jeder Morgen hier in der Honey Badger Lodge. Meine erste morgendliche Aufgabe besteht darin, dieses Frühstücksequipment so zu stapeln, dass ich es auf ein Mal zu mir auf die Terrasse balanciere. Meistens geht es gut, naja, ab und zu, eigentlich nie. Auf meiner Terrasse ist es einfach viel schöner, hier kann ich unter freiem Himmel frühstücken und bin nicht in dieser durch Gitterstäbe an den Fenstern ungemütliche Mitarbeiterküche. Die Toasts werden mit Erdnussbutter aus meinem eigenen Vorrat aufgepeppt. Solange ich noch Tomaten im Kühlschrank habe, bevorzuge ich Toast mit Tomaten und Salz und Pfeffer. Der schwarze Tee ist mit viel Milch und Zucker auch echt lecker. Die Toasts sind verputzt und auch wenn ich die Marmeladenreste aus dem Töpfchen lecken würde, wäre ich noch lange nicht satt. Aber gerade heute brauche ich viel Kraft, weil ich mit den 20 Schulkindern weiter die Klassenräume anmalen darf. Deshalb bestellte ich mir heute etwas Besonderes: Spiegeleier. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich die Henne, die dieses Ei gelegt hat, persönlich kenne, aber das Spiegelei von Rosi schmeckt wirklich fantastisch. Gestern hatten wir noch den ganzen Nachmittag mit 30 Leuten auf dem Sandplatz Fußball gespielt, deshalb spüre ich auf dem Weg zur Baustelle heute einen leichten Muskelkater in den Beinen. Da radele ich Hunderte von Kilometern ohne Muskelschmerzen und nach einer Runde Fußball machen die Beine schlapp. Es macht keinen Spaß mit dieser viel zu stark verdünnten Farbe graue Wände anzumalen. Und auch nach dem zweiten Anstrich sehen die Wände immer noch grau aus. Ich stehe vor einer Wand und rolle lustlos mit der Farbrolle hoch und runter. Ich könnte jetzt auch auf dem Weg nach Sansibar sein. Auf der Straße unterwegs, am Markstand Mangos vernaschen, aber ich male hier dieses Klassenzimmer an und es ist kein Ende in Sicht. Sobald die Räume hier fertig sind, bin ich weg. Ich war noch nie der Typ, der einfach mittendrin aufhört und vor einem Problem davonläuft. Was ich angefangen habe, wird auch zu Ende gebracht. Gut, dass ich mit zwei Projekten angefangen habe und so schleiche ich mich raus aus dem Gebäude und laufe zur Schule. Es ist natürlich noch keine blaue Farbe da und ich habe das Gefühl, dass es auch nie eine geben wird, wenn ich mich nicht selber darum kümmere. Dort wo sie den Pool für die Lodge gebaut haben, finde ich zwischen dem Bauschutt einen Eimer, mit einem kläglichen, dreckigen Rest blaue Farbe. Das muss reichen. Mit weißer Farbe gemischt ergibt sich ein echt akzeptables Hellblau. Es ist eine große Genugtuung für mich, den grünen Fleck mit Ozeanblau zu überstreichen. Die Welt ist wieder in Ordnung und nach zwei Stunden ist auch überall dort Meer, wo Meer sein sollte. Hallo schöne Welt. Projekt „Worldmap“ erfolgreich abgeschlossen. Tag 22 bis 24 Ich habe langsam genug vom Volunteering, das Bett ist zwar bequem, das Essen superlecker und die Leute sind auch nett, aber ich will wieder unterwegs sein, in der Wildnis campen, die afrikanische Natur sehen … mit fehlt hier das Abenteuer. Wände anmalen kann ich auch Zuhause, und so bin ich echt froh, als wir nach zwei Tagen endlich gelbe Farbe bekommen, die wir mit den letzten noch einsatzfähigen Farbrollern auf den Wänden verteilen. Am Nachmittag fahren wir alle nach Moshi und kaufen Souvenirs, weil die Schulklasse in drei Tagen wieder zurück nach Luxemburg fliegt. Ich helfe ihnen ein bisschen bei der Preisverhandlung und kaufe mir selber eine antike Handtasche, die laut Verkäufer über 60 Jahre alt ist. Beim Straßenhändler kaufe ich mir eine Sansibar Pizza, das ist eine mit Gemüse und Hackfleisch gefüllte Teigtasche, die frisch gebacken sensationell gut schmeckt. Lisa kommt auch wieder lebendig von ihrer Kilimandscharo-Tour zurück und am nächsten Tag fahren wir auf den lokalen Kleidermarkt, ein riesiger Flohmarkt, leider nur für Kleidung. Der Inhalt vieler Altkleidersammelcontainer findet hier einen neuen Besitzer. Ich kaufe mir für umgerechnet 2€ ein schwarzes Hemd orientalischer Herkunft. Auf der Heimfahrt sitzen wir mit 26 Leuten im Dalla-Dalla (VW-Bus) – ein neuer Rekord. Die letzte Farbschicht nach fünfmal Streichen ist trocken und die Klassenzimmer sind fertig. Juhuu! Alle sind sehr erleichtert. Die Schüler aus Luxemburg hatten zwei Jahre lang Spenden für dieses Projekt gesammelt und unter anderem Kuchen verkauft und Spendenveranstaltungen organisiert. Jetzt konnten sie stolz vor dem neuen Schulgebäude stehen und miterleben, was aus den Spenden und ihrer tatkräftigen Mithilfe der letzten Tage am Ende geworden ist. Ich hatte auch ein gutes Gefühl, dabei gewesen zu sein. Aber morgen bin ich hier weg. Wir machen noch ein letztes Gruppenfoto vor der Weltkarte. In die Ecke neben Australien schreibe ich feierlich „© Alex 2011“. Tag 25 – On the road again Sophia ist sichtlich traurig, dass ich schon wieder abreise. Mama Luzie möchte mir als Dankeschön ein Huhn schenken, was ich aber dankend ablehne. Obwohl es sicher lustig wäre, mit einem Huhn auf dem Gepäckträger weiterzufahren – für den kleinen Hunger zwischendurch. Die Klasse der Second Chance Education School schenkt mir ein blaues Batik-Tuch, auf dem jeder von ihnen unterschrieben hat. Dieses Tuch weht nun als kleine blaue Flagge an meinem Fahrrad. Sophia hat mir erzählt, dass sie die Schulgebühr für ihre Tochter nicht bezahlen kann und eigentlich lassen mich solche Geschichten ziemlich kalt. Dafür sind hier einfach zu viele Menschen, die Probleme haben. In diesem Fall wollte ich ihr aber helfen. Zwei Jahre zuvor hatte ich auf meiner Fahrradtour nach Marrakesch in Spanien eine kurze blaue Hose im Straßengraben gefunden. Seitdem lag diese frisch gewaschen in meinem Kleiderschrank zu Hause. Die Hose war mir zu klein und zu feminin. So nahm ich sie mit im Gepäck auf die Afrikatour, um hier jemandem eine Freude zu machen. In der Hosentasche verstecke ich einen 50 US-Dollarschein und übergebe die Hose nun an Sophia mit den Worten „For your daughter with a little surprise.“ In dem Moment, wenn sie später nach Feierabend das Geld finden wird, bin ich schon längst über alle Berge - mit dem Bike auf der Straße und einem zufriedenen Lächeln. Die ersten Meter wieder auf dem Fahrrad sind etwas ungewohnt, aber ich bin gut erholt und voller Energie, die verbrannt werden möchte. Wie von einer unsichtbaren Kraft angetrieben radele ich heute 70 km ohne Zwischenfälle. Als ich einen guten Platz zum Campen erspähe, schiebe ich das Bike von der Straße. Kein Auto und kein Mensch sind in der Nähe, als ich zwischen den Büschen verschwinde. In einem gewissen Abstand zur Straße baue ich auf weichem Sand mein Zelt auf. Ich suche Feuerholz und koche Reis im Topf über dem kleinen Lagerfeuer. Da sitz ich nun auf meinem Schlafsack und betrachte die restliche Glut, die beim Windhauch nochmal kurz aufleuchtet. Über mir ist der Sternenhimmel, in meinem Bauch eine große Portion Reis mit Erdnusssoße. Um mich herum erstreckt sich die Savanne und auf der Straße huscht ab und zu noch ein Auto vorbei. Die Scheinwerfer erhellen die endlose Straße, die ich morgen früh entlang radeln werde. Ich bin glücklich und mümmele mich erschöpft aber zufrieden in den Schlafsack. Ich bin wieder unterwegs – Sansibar, ich komme. Tag 26 – Der Fisch, der Berg und ich. Oder: Der frische Fisch, der steile Berg und der kaputte Alex Gähn, guten Morgen. Ich strecke und recke mich vor dem Zelt. Mein Rücken ist verspannt, weil doch ein kleiner Unterschied zwischen einer Matratze und dem Sandboden ist. Aber der Gedanke, dass ich von dem Geld, das ich bei jedem Mal Wildcampen spare, 100 Bananen auf dem Markt kaufen könnte, löst alle Verspannungen. Auf dem Weg zurück zur Straße bleibe ich in einem Dornenbusch hängen - die fiesesten Dornen, die ich je gesehen habe. Wie Angelhaken sind sie nach innen gebogen und lassen einen nicht mehr so schnell los. Am Anfang war nur ein Ärmel verhakt, doch nach dem Versuch, mich zu befreien, steckte auch noch ein Hosenbein und der andere Arm im Busch fest. Ziemlich jämmerlich, sich von einer Pflanze einfangen zu lassen. Es dauert auch noch weitere 5 Minuten, bis ich mich befreit habe. Doch das passiert mich nicht noch einmal. Ich nenne diesen Typ Busch nun „ganz böser, fieser Angelhakendornenbusch“. Und immer, wenn ich einen sehe, mache ich einen großen Bogen um ihn herum. Andere Dornen- und Stachelpflanzen haben sich ganz hinterhältig in meine Reifen gepiekst. Auf der sicheren Asphaltstraße ist nun erst mal Reifencheck angesagt und ich entferne mit meiner Zange ein paar üble Dornen, die mir die nächsten Kilometer den Schlauch durchlöchert hätten. Den Reifendorncheck mache ich nun jeden Morgen und erst 4000 km später sollte ich meinen ersten Platten haben. Die Straße führt nun immer Richtung Südosten zur Küste. Links von mir begleitet mich eine Bergkette und ich bin froh, dass ich nicht über diese Berge, sondern nur dran vorbei fahren muss. Die Landschaft ist, sagen wir mal, gleichbleibend interessant. Kaum grün und zu dieser Jahreszeit überwiegend ausgetrocknet. Wenige Büsche und Sträucher sorgen für Abwechslung. Ziegen und Rinderherden überqueren ab und zu, von ihren Kinderhirten angetrieben, die Straße zum nächsten Wasserloch. Der Westwind von der Küste erschwert mit das Vorwärtskommen. In niedrigen Gängen strampel ich mich Meter für Meter nach vorne und werde selbst beim Bergabfahren abgebremst. Dort, wo noch Wasser ist, wird die Landschaft von einer größeren Vielfalt an Grünpflanzen und Bäumen geprägt. Auch Baobab-Bäume stehen nun vereinzelt in der Gegend rum. Mit ihren bis zu 1000 m langen Wurzeln erreichen sie selbst tiefliegende Wasserquellen. Laut einer Voodoo-Sage bringt es Unglück, einen solchen Baum zu fällen. Und so verdanken wohl viele dieser Riesen ihr Leben einem Mythos. Es hätte mehr von solchen Geschichten geben sollen. Zum Beispiel: Wer ein Nashorn tötet, hat 7 Jahre schlechten Sex. Wer seine Kinder misshandelt, wird als Ziege wiedergeboren. „New Sunset Beachbar“ steht auf dem Holzhaus und ein paar von der Coca Cola-Company gestiftete Plastikstühle laden zum Pause machen ein. Es tut gut, im Schatten zu sitzen und jetzt freue ich mich auch über den Wind, der meinen heiß gelaufenen Körper wieder runter kühlt. Ich habe eine kalte Cola vor mir stehen und warte noch auf mein Chipsy Myeye. Das ist ein Omelette mit Pommes und Salat. Als ich mein Handy anschalte, wird die Ruhe von einem SMS-Piep-Piep gestört. Eine neue Kurznachricht wartet im Posteingang auf mich. Wer denkt denn da an mich? Gute Nachrichten aus der Heimat? Nummer unbekannt, ich lese den Text aufmerksam durch und auch beim zweiten Mal überlesen ergibt es keinen Sinn. Ich soll auf einen Internetlink klicken, wo ich dann ein Video von Mandy und ihrer Freundin beim Duschen anschauen könne. Der dezente Hinweis, dass sie dabei nackt sind, ist in Klammern gesetzt. Ach nee, und ich dachte schon die Duschen im Badeanzug. Internet ist aber gerade so weit weg wie eine angenehme Dusche, von zwei hübschen weißen Frauen ganz zu schweigen. Mandy und ihre Freundin müssen dann wohl ohne mich duschen. Mein Essen ist da, aber die Gabel ist so scharfkantig, dass ich lieber mit den Fingern esse – so wie die Einheimischen auch. Ein Motorradfahrer fährt vor und bringt Bewegung in die Hütte. Alle, die bis jetzt noch in der Ecke oder im Schatten rumgelungert sind, stehen jetzt im Kreis um die Holzkiste, die auf dem Gepäckträger des Motorrads festgeschnallt ist. Der Mensch ist ja von Natur aus neugierig und so stehe ich auch im Kreis der Einheimischen und betrachte interessiert die Fische in der Kiste. Drei große Fische für 5000 Schilling. Ich schaue mir die Kiemen an und rieche am Fisch. Kiemen sind blutrot und es riecht nicht nach Fisch, so suche ich mir einen schönen Fisch aus und setze mich wieder an meinen Tisch. Erst jetzt stelle ich mir die Frage, wie ich den Fisch überhaupt zubereiten soll. Keine Ahnung. Hauptsache, ich habe einen schönen Fisch. Dieser verbringt noch den ganzen Tag in einer Plastiktüte in meiner Fahrradtasche. 300g mehr, die ich nun die Berge hochschleppen muss. Die Gegend wird hügeliger und teilweise sind die Anstiege so steil, dass ich aus dem Sattel steigen muss, um im Stehen Meter für Meter hochstrampel. Tritt für Tritt der Kuppe entgegen, Einatmen und Ausschnaufen, eine Bewegung wie beim Stepper im Fitnesscenter, mit dem Unterschied, dass man dort die Schwierigkeitsstufe nach Lust und Laune einstellen kann. „Och, Stufe 3 ist heute irgendwie zu anstrengend, stelle ich mal auf Stufe 2.“ Nebenbei laufen die Simpsons auf dem Monitor. Plagt dich der Durst, läufst du einfach kurz die paar Meter zur Vitaloase und füllst deine Trinkflasche mit einem erfrischenden Litschi-Vitaldrink mit Sprudel. Danke, Getränkeflatrate. Ich nehme einen kleinen Schluck aus meiner Wasserflasche. Warmes Wasser ohne Sprudel, keine Vitaloase und auch keine Simpsons, die mir Gesellschaft leisten. Dafür Kinder am Straßenrand, die mir winkend hinterherlaufen. Reisebusse, die nur wenige Zentimeter an mir vorbeirasen und mich von der Straße abdrängen. „In God we trust.“ steht auf der Heckscheibe geschrieben. Na dann kann ja nichts mehr schief gehen. Besser als „Baby an Board“-Aufkleber. Eine leere Red Bull-Dose kann plötzlich Deutsch sprechen. „Hey du, schaust ja ganz schön fertig aus.“ Ich stutze und höre ihr weiter zu. „Mich hat so ein Typ im klimatisierten Auto ausgetrunken, als ich noch eisgekühlt war. Und dann hat er mich einfach aus dem Fenster geworfen, der Flegel.“ Ich nicke der alten Dose zu und wir sind uns einig, dass ich sie viel mehr verdient hätte als der Typ. Beim Weiterfahren frage ich mich, ob ich mich gerade ernsthaft mit einer Red Bull-Dose unterhalten habe. Auf einem langen geraden Straßenabschnitt stoppe ich am Fahrbahnrand und baue mein Kamerastativ auf. Ich möchte nur kurz für die Nachwelt festhalten, wie ich hier gerade durch die Steppe radle. Stativ steht, Kamera läuft, Ton läuft, Alex radelt durch Afrika, Klappe die erste. Ich fahre ein paar Meter zurück, drehe um und fahre grinsend der Kamera entgegen. Genau in dem Moment fährt ein Truck vorbei und der Fahrtwind bläst das Stativ um. Na toll - die Kamera ist noch in Ordnung. Der Film zeigt mich, für kurze Zeit - und dann den Sandboden. Für heute reicht es. Es ist schon später Nachmittag, als ich über den Markt von […] schlendere und nach passenden Zutaten für meinen Fisch Ausschau halte. Tomaten? Passt! Zwiebeln? Auch nie verkehrt! Gurken? Warum eigentlich nicht. Orangen? Auf jeden Fall. So, jetzt muss ich nur noch ein schönes Plätzchen zum Feuermachen finden. Schon nach wenigen 100 Metern außerhalb der Ortschaft bin ich schon wieder im afrikanischen Busch. Aber genau dort, wo ich denke einen geeigneten Platz zum Campen gefunden zu haben, stehen immer wieder Hütten von Massai Familien. Ein größerer Hügel erregt meine Aufmerksamkeit. Von dort oben hat man sicher eine grandiose Aussicht und da wohnt auch sicher keiner. Wer von einem Berg runter schauen möchte, muss erst mal auf einen Berg hochklettern. Bis zur Hälfte der Strecke kann ich noch das voll beladene Rad hochschieben. Ich bin jetzt schon aus der Puste, das T-Shirt ist nass vom Schweiß und frage mich, welcher Vollidiot diese Idee mit dem Berg hatte. Ich äffe mich selber nach. „Sicher ganz toll da oben, hehe!“ Jaja, und klettere mit den ersten zwei Taschen Richtung Gipfel. Lose Steine kullern den Hang abwärts und ich rutsche immer wieder auf dem Geröll aus. Mein Blick ist nach vorne konzentriert. Wo kann ich den nächsten Schritt sicher hinsetzen, und nebenbei muss ich auch noch nach Schlangen Ausschau halten, die auf Steinen liegen könnten, um die letzten wärmenden Sonnenstrahlen zu genießen. Ich kann sie nicht sehen, aber ich weiß, dass sie da sind. Irgendwo?! Oben angekommen suche ich nach einer ebenen Stelle fürs Zelt und genieße erst mal die Aussicht. Die kleine rote Scheibe am Horizont, das weite Buschland und das graue Asphaltband, dem ich noch tagelang folgen muss, bis ich die Küste erreicht habe. Die verkrüppelten Bäumchen werfen lange Schatten und es wird spürbar kühler. Die Sonne wird mir nicht mehr lange Licht zum Zeltaufbau spenden. Ich könnte auf der Stelle einschlafen, einfach sich ins vertrocknete Gras fallen lassen und die Augen schließen. Der Wind und die Berge hatten ihre Spuren hinterlassen, dem Körper die Kraft entzogen, die Energie verbrannt und es kommt nicht genug Energie hinterher. Da unten warten aber noch zwei Taschen und das Fahrrad möchte ich auch nicht da unten stehen lassen. Also los Alex, reiß dich zusammen, gleich gibt’s lecker Fisch! Von den Gedanken ans Essen beflügelt trage ich die Taschen und das Bike auf dem Rücken nach oben. Dann baue ich das Zelt auf und schaffe es auch noch Feuerholz zu sammeln, bevor es zu dunkel wird. Die Stirnlampe beleuchtet das unprofessionelle Entschuppen des Fisches und das Ergebnis meines Filetierversuchs hätte wohl das sofortige Ende meiner Probezeit als Küchenhelfer bedeutet. Am Ende ist der größte Teil des Fisches im blubbernden Wasser. Der Kopf und der Schwanz liegen neben mir im Sand und die Schuppen verteilen sich über meine ganze Kleidung und ein Mix aus Fischmus und Sand klebt an meinen Fingern. Immer noch recht optimistisch, was das Ergebnis meines Fischgerichtes betrifft, schneide ich die Tomaten und Zwiebeln klein. Dazu noch Pfeffer und Salz und fertig ist der Salat und auch der Fisch ist durchgegart. Die Orangen hier sind ziemlich sauer und so dienen sie mir als Zitronenersatz. Das erste Stückchen Fisch mit Orangensaft überträufelt wandert Richtung Mund und … Geschmackstest … es schmeckt nach Fisch. Kapitän Iglu wäre stolz auf mich gewesen. Auch die vielen kleinen Gräten können mir mein heutiges Festmahl nicht vermiesen. Und als der Fisch und der Salat verspeist sind, sitze ich noch eine Weile entspannt am Lagerfeuer und spiele auf meiner Mundharmonika. Sehr romantisch… „Hänschen klein ging allein in die weite Welt hinein“ singe ich und durchbreche die Stille der Nacht mit undefinierbaren Tönen aus der Harmonika. Über mir scheint der volle Mond, das Feuer flackert und knistert und ich sitze ganz allein auf diesem Berg. War eine gute Idee mit dem Berg, lobe ich mich selbst und krieche ins Zelt. Gute Nacht. Tag 27 Der Mann im Ohr Geht ein Mann die Treppe rauf, klopft an, klingelt an, guten Tag, kleiner Mann. Dabei laufen die Finger meiner Mama an meinem Arm entlang bis zum Ohr – und es kitzelt so schön. Damals war ich wohl zwei Jahre alt, aber seitdem weiß ich, dass in meinem Ohr ein kleiner Mann wohnt. Bis heute Morgen habe ich aber schon lange nichts mehr von ihm gehört. Es scheint so, als würde er mit einem Presslufthammer sein Badezimmer renovieren. Mein linkes Ohr tut weh, und auch nach dem Frühstück ist dieser pochende Schmerz noch nicht weg. Sollte es sich nun rächen, dass ich jahrelang den Spruch auf der Wattesticks-Packung ignoriert habe „Bitte nicht in den Gehörgang einführen“? Ich versuche, die Baustelle in meinem Ohr erst mal zu vergessen und spaziere auf meinem Berg herum. Wie eine Insel erhebt er sich aus dem Flachland und ich bin tatsächlich der einzige Bewohner. Axtschläge aus der Ferne erinnern mich aber wieder daran, dass dieses Land jemandem gehört und ich sollte verschwunden sein, bevor sie mich entdecken. Auf dem Weg zurück zum Zelt finde ich auch den Beweis, dass es hier oben Schlangen gibt. Eine circa Ein-Meter-lange vertrocknete Schlangenhaut liegt vor einem Erdloch. Vorsichtig stecke ich die Schlangenhaut ein und lasse dabei keine Sekunde das Loch aus den Augen, nicht dass der Bewohner mich überrascht. Ein Schlangenbiss hier oben auf dem Berg wäre denkbar ungünstig. Ich bin froh, als ich wieder auf der Straße bin und drehe mich noch ein paar Mal um und sehe meinen Berg noch ein paar Mal kleiner werden. Der Wind bläst immer noch in die falsche Richtung und jetzt sind auch die Ohrenschmerzen wieder da. Ich wickel mein Halstuch um den Kopf, sodass die Ohren ein bisschen windgeschützter sind. Das hilft aber auch nicht viel. Für Abwechslung sorgt mein Fronttaschenhalter, der plötzlich laut scheppernd auf dem Asphalt schleift. Die letzte Schraube der Halterung ist nun auch gebrochen. Ihre anderen drei Leidensgenossen hatten schon vor ein paar Tagen das Handtuch geschmissen. Sie konnten dem schweren Gewicht der großen Taschen und den holprigen Pisten nicht länger standhalten. Abenteuerliche Kombinationen aus Gaffa-Tape, Kabelbindern und alten Schnürsenkeln hielten bis heute ganz gut. Aber nun muss ich mir etwas Neues überlegen. Provisorisch festgeschnürt schaffe ich es noch in die nächste Ortschaft, wo ich es durch tiefen Sand bis vor eine Werkstatt schiebe. Da die abgebrochenen Schraubenenden im Gewinde feststecken, kann ich nicht einfach neue Schrauben kaufen. Wäre ja auch zu einfach und auch der Typ von der Werkstatt mag Herausforderungen. Zu Hause würde ich die Schrauben einfach mit einem Metallbohrer aufbohren und so herausdrehen. Hier in diesem kleinen Ort Sorene gibt es aber keine Bohrmaschinen. Der Ort war ja nicht mal auf meiner Karte eingezeichnet. Aber wer hier wohnt, der weiß sich zu helfen und zu improvisieren. So schweißt er geschickt einen kleinen Stahlstift an die Bruchstelle und hat so einen Anhaltspunkt, an dem er mit Hilfe seiner Zange das Schraubenende herausdrehen kann. Mittlerweile wird unser Treiben von 20 anderen Leuten beobachtet. Der Schweißpunkt flackert grell auf, es raucht und stinkt wie in einer Schiffswerft, aber am Ende sind alle Bruchstücke draußen. Vier neue Schrauben halten den Träger in Position und hoffentlich tun sie das auch noch die nächsten 5000 km. Keine Probleme mehr? Nein, nur eins weniger. Die Ohrenschmerzen machen sich wieder bemerkbar, als ich im Schatten der örtlichen Kneipe eine kühle Cola genieße. Ich durchstöbere meine Reiseapotheke, wobei ich bemerke, dass ich für alle Notfälle gerüstet bin – aber nicht für Ohrenschmerzen. Dabei erinnere ich mich an die Ohrenschmerzen aus meiner Kindheit. Ich laufe zur nächsten Holzhütte, die Obst und Gemüse verkauft. Dort suche ich mir eine Zwiebel aus, die noch halbwegs frisch aussieht. Zurück in der Bar schneide ich sie in kleine Würfelchen, packe sie in einem Verband ein und binde mir das Zwiebelpäckchen mit Klebeband aufs Ohr. Es sieht total bescheuert aus, mit grauem Gaffa-Tape ums Ohr durch den Ort zu laufen, aber vielleicht hilft es ja. Fahrradfahren mit Ohrenschmerzen macht keinen Spaß. Fahrradfahren mit Ohrenschmerzen und Gegenwind macht noch weniger Spaß. Deshalb lege ich im nächsten Ort wieder eine Pause ein. Hinter einer roten Plastikplane liegt windgeschützt die kleine Terrasse eines Restaurants. Dort wo bei uns die Speisekarte als Aushängeschild für die gute Küche in einem kleinen Schaufenster vor der Tür ausgehängt ist, ist hier ein Gitterkäfig montiert, wo drei Stücke Fleisch in der Sonne hängen. Die Fliegen scheren sich wenig um mich, als ich die Stufen zu der Terrasse hinaufsteige und fallen weiter über das Fleisch her. Die Entscheidung, was ich zum Essen bestellen soll, ist deshalb einfach. Irgendetwas ohne Fleisch. Reis mit Tomatensauce wird den Bauch wohl nicht überfordern, aber auch nicht ganz satt machen. Der Teller ist schnell verputzt und jetzt kann ich auch den Spruch am Grund des Tellers lesen: „An Apple a day keeps the doctor away“. In dieser Gegend gibt es weder Äpfel noch einen Doktor. Ich bin heute zwar erst 40 km weit gekommen, aber auch nach der Portion Reis fühle ich mich weiterhin schlapp. Da kommt es mir ganz gelegen, dass direkt neben dem Restaurant ein Guest House liegt, wo ich für 5000 Schilling ins Bett fallen darf. Wenig später liege ich im Bett und starre durchs Gittermuster des Moskitonetzes an die Decke. Es ist noch hell draußen, doch ich könnte sofort einschlafen. Aber der Schmerz im Ohr hält mich wach. Ich war schon fast eingeschlafen, als es an meiner Tür klopft. Wer könnte das sein? Der Sandmann? Frauen mit Gewinnabsichten? Oder doch nur der Wind? Es klopft erneut, als ich auf halben Weg zur Tür bin. Es sind die beiden Mädchen von der Rezeption um mir zu sagen, dass der Strom ausgefallen ist und sie mir eine Petroleumlampe anbieten könne, wenn ich Licht brauchen sollte. Nein Danke, kein Licht, kein Klopfen, keine Störungen. Ich will nur noch schlafen. Ich stecke mir zwei Ohrstöpsel ins Ohr und schlucke die erste Schmerztablette meines Lebens mit der Hoffnung, morgen ohne Ohrenschmerzen aufzuwachen. Tag 28. Kikeriki … Ist mal kein Muhezzin zur Stelle, um morgens zu rufen, gibt es mit Sicherheit einen Hahn in der Nähe meines Zimmers. Heute sind da sogar zwei, die sich gegenseitig mit ihrem Kikeriki übertrumpfen wollen. Ich frage mich, wie viele Chicken McNuggets man wohl aus so einem Hahn machen könnte? Heißen diese dann korrekterweise Cock McNuggets und schmecken diese dann besser mit süß-sauer Soße oder Barbecue? An diesem Morgen hätte ich diese beiden Krawallmacher wirklich lieber im Hähnchenwagen an der Grillstange brutzeln gesehen als so quicklebendig herum gackernd. Einen Wecker kann man an die Wand schmeißen, beim Glockenläuten ist nach absehbarer Zeit Schluss mit dem Gebimmel, aber beim krähenden Hahn, was soll ich da machen? Nichts! Es ist 7 Uhr, als ich in den Duschraum laufe. Ein Eimer mit kaltem Wasser und ein Stück grüne Seife stehen bereit für die Katzenwäsche. Die Seife riecht irgendwie komisch und nicht so toll. Nach dem Waschen rieche ich dann nach der grünen Seife, … also auch nicht so toll, … aber besser als vorher. Ich räume das Zimmer auf und schmeiße den stinkenden Zwiebelsack von gestern weg. Das Kopfkissen hat dort einen Fleck, wo mein Ohr lag und riecht nach Zwiebel. Hmm,.. ich schaue mich kurz um, als ob mich jemand beobachten würde, und drehe das Kissen einfach frech auf die andere saubere Seite. So , Fleck weg. Leider hat die Zwiebelkur nicht die erhoffte Wirkung gehabt und so fahre ich auch heute wieder mit Ohrenschmerzen die Straße entlang. Auf meinem Weg passiere ich kleine Dörfer, in denen mir Kinder zuwinken. Ich winke lächelnd zurück. Die Sonne scheint und es wird wieder ein heißer Tag. Ich radele mehr in Trance, als dass ich wirklich mitbekomme, was um mich herum geschieht. Nach 30 Kilometern meldet sich mein Bauch, dass er mal wieder gerne etwas essen würde. Das Frühstück fällt aber eher klein aus. Drei rote Tomaten und zwei Bananen kann ich in einem Shop am Straßenrand kaufen. Der Bauch sollte sich auf entbehrungsreiche Zeiten einstellen. Im nächsten Dorf mache ich wieder Pause und kaufe mir eine kalte Cola. Vor der Holzhütte sitzt eine junge Frau und aus ihrem linken Fuß tropft Blut in den Sand. Ich packe ohne lange zu überlegen meinen Erste-Hilfe- Kasten aus und biete ihr an, mir die Wunde mal anzuschauen. Sie hatte bis jetzt nur mit einem dreckigen Stofflappen das Blut abgewischt, das aus der kleinen Schnittwunde an der Ferse lief. So begann ich erst mal mit meinem Trinkwasser den Fuß zu waschen und die Wunde zu reinigen. Als nächstes ließ ich sie Jod zum desinfizieren auf den Schnitt verteilen, während ich ein großes Pflaster auspacke. Noch etwas Wund- und Heilsalbe drauf, Fuß abtrocknen und das Pflaster drauf, fertig! Ich hoffe, alles soweit richtig gemacht zu haben, aber alles war besser als mit der offenen Wunde weiter in Flip Flops durch den Dreck zu laufen. Als Dankeschön schenkt sie mir einen Mangosaft, den ich mir für später aufhebe. Um die Mittagszeit ist es einfach zu heiß zum Radeln. So verbringe ich die Zeit im Schatten, schaue den Jungs beim Billardspielen zu und esse zwei frische Mangos. Ein älterer Mann fordert mich heraus, gegen ihn eine Runde Billard zu spielen. Alle um die Platte sitzenden Leute schauen sehr gespannt zu, wie das Spiel „ Weiß“ gegen „ Schwarz“ ausgehen wird. Ich gebe echt mein Bestes, aber am Ende der Partie verliere ich doch knapp, was zur allgemeinen Erheiterung beiträgt. Beim Unterhalten merke ich, dass ich mit dem linken Ohr nur noch wenig höre, so als wenn der Gesprächspartner weit entfernt wäre, obwohl er direkt neben mir sitzt. Jetzt muss ich mich immer mit dem rechten Ohr zum Gegenüber drehen, um ihn richtig verstehen zu können. Saublöd und ein Horrorszenario spielt sich in meinem Kopf ab. „ Hey Opa, warum kannst du uns so schlecht hören?“ schreien mich meine Enkel im Schaukelstuhl an. „Ja, also damals, als ich in Afrika war …“ Es wird höchste Zeit, dass ich etwas unternehme, ein Ohrenarzt oder Apotheker oder von mir aus auch ein traditioneller Medizinmann sollen sich mal mein Ohr anschauen. Im 30 Kilometer entfernten Mombo gibt es eine Apotheke, erfahre ich von dem Mann, der mich beim Billard besiegt hat. Also auf nach Mombo, aber schon bei den ersten Tritten in die Pedale wird mir klar, dass es keine leichten 30 Kilometer werden sollten. Die Beine fühlen sich schwer an und die Muskeln knistern. Auch wenn ich den Gegenwind nicht in jedem Satz erwähne, heißt es nicht, dass er nicht da ist. Er ist da, rund um die Uhr, der verflixte Gegenwind. Ein effektiver Ort für einen Windpark, aber nicht zum Radfahren. Ich freue mich über jeden einzelnen Kilometer, den der Tacho mehr anzeigt. Es ist ein gutes Gefühl dem Ziel näher zu kommen, auch wenn es nur sehr sehr langsam näher kommt. Die Anzeige im Display schaltet von 59,9 km auf 60,0 km. Oh Mann, ich war schon lange nicht mehr so kaputt. Normalerweise radele ich 60 Kilometer in 3 Stunden ohne Probleme. Heute kämpfe ich um jeden Meter. Der Körper will aufgeben, aber der Geist will nach Mombo, um so schnell wie möglich Medizin fürs Ohr zu bekommen. Der Kopf glüht und ich trinke gierig mein mittlerweile warmes Wasser. Im richtigen Moment taucht rechts von der Straße ein Orangenverkaufsstand auf und ich lasse mich erschöpft in den Schoss des Baumes fallen. Wäre ich noch weiter gefahren, hätte vielleicht irgendwann mein Kreislauf dafür gesorgt, dass ich mich ausruhe. Schwarz vor Augen, Lichter aus und umkippen geht ganz schnell. Aber ich erkenne die Signale meines Körpers rechtzeitig, bevor es soweit kommt. Im Schatten sitzend wird mir erst so richtig bewusst, wie ausgepowert und kraftlos ich wirklich bin. Fix und fertig. Weit darf es nicht mehr sein nach Mombo, sonst wird das heute nichts mehr. Fünf Orangen später sitze ich wieder im Sattel. Vitamin C gedopt strampele ich wie ein Besessener, der vom Teufel verfolgt wird die Straße entlang. Er sagte „Fünf Kilometer“ wiederhole ich den Satz des Händlers immer wieder. „Fünf Kilometer nach Mombo.“ Das ist genau die Strecke von meiner Haustür bis zu meiner Lieblingseisdiele im Nachbarort. „Fünf Kilometer zur Eisdiele schaffst du doch locker!“ Versuche ich mich selber anzuspornen. Arsch zusammen kneifen, Alex. Au, der schmerzt doch eh schon! Alle Schmerzen sind wie weggeflogen, alles ist fokussiert auf die virtuelle Eisdiele in fünf Kilometern. Psychologisch sehr wichtig und es gibt mir neue Kraft, die ich gerade verdammt gut gebrauchen kann. In meinem Tunnelblick taucht das Ortsschild von Mombo auf. Geschafft. Ich bin in einem Ort mit Apotheke angekommen. Ich frage mich bei den Leuten auf der Straße durch, bis ich endlich vor der verschlossenen Tür der Apotheke stehe - „Neeeiiiinnn“ schreie ich in Gedanken. „Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, zermartere ich mir den Kopf, als ich zum 3. Mal die Öffnungszeiten überfliege. Ich rüttele verzweifelt an der Glastür, aber es hilft alles nichts. Bis morgen früh um 8 Uhr muss ich mich noch gedulden und irgendwie mit den Schmerzen im Ohr klarkommen. Ich mache mich auf die Suche nach einem Guesthouse. Im Ersten verlangen sie noch unverschämte 30000 Schillinge und ich schleppe meinen Körper sofort weiter zum Nächsten. Also da muss ich schon halb tot sein, bevor ich solche Preise bezahle. 6000 Schillinge klingen doch schon viel besser (ca. 3 Euro). So schiebe ich mein Bike durch den engen abgedunkelten Flur bis ins Zimmer Nummer 6. Alles erinnert eher an einen Puff, als an ein seriöses Gästehaus. Ist mir aber jetzt egal. Ich will nur noch ins Bett fallen und schlafen. Tag 29. Puffloch Diese Nacht werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Die erste Hälfte der Nacht wälzte ich mich im Bett hin und her, weil mir der pochende Schmerz in meinem Ohr keine Ruhe geben will. Die zweite Hälfte kann ich nicht schlafen, weil um mich herum so ein Lärm und Geschrei ist, dass ich selbst mit Oropax kein Auge zu bekomme. Da bleibt mathematisch auch nicht mehr viel von der ganzen Nacht übrig, in der ich tatsächlich erholsamen Schlaf hätte bekommen können. Dementsprechend gerädert fühle ich mich heute. Ich starre die Zimmerdecke an, strampel mich aus dem Bettlaken frei und trete die bunte Decke in die hintere Ecke des Bettes. Mir ist heiß, Hitzewellen durchlaufen meinen Körper, aber die Stirn ist kalt. Was ist nur los mit mir? Noch eine Stunde bis die Apotheke öffnet. Noch eine Stunde durchhalten. 60 Minuten können verdammt lang sein. Ich ziehe mich langsam an. Alles dauert heute länger und auch die Schuhe wirken irgendwie schwerer als sonst. Ich schütte mir kaltes Wasser ins Gesicht und betrachte mein zerknautschtes Spiegelbild. Ein Geist mit tropfnassen Haaren schaut mich entgeistert an. Ich schaue blöd zurück. Das Türschloss klemmt, aber ein beherzter Tritt gegen die Tür löst das Problem. Ich schlurfe den dunklen Gang entlang und frage mich, was sich bloß gestern Nacht hinter all diesen Türen abgespielt hat? Es hätte mich auch nicht überrascht, wenn da jetzt eine Putzfrau damit beschäftigt wäre, eine Blutlache auf dem Boden mit einem Lumpen aufzuwischen. Aber außer mir ist keiner da und es scheint auch niemanden zu interessieren, wann ich auschecke. Auf der Straße ist schon früh am Morgen ein reges Treiben. Händler fegen vor ihren Geschäften, Frauen mit Körben auf dem Kopf hasten zum Bus, der gerade am Busstop gehalten hat. Junge Männer sind sofort zur Stelle und bieten den Fahrgästen durchs offene Fenster Kekse, Softdrinks und andere Kleinigkeiten an, die eine lange Busreise angenehmer gestalten könnten. Die kleinen Straßengrills brennen auch schon und hüllen die gesamte Szenerie in Rauchschwaden. Es riecht nach verbrannten Fleisch und Autoabgasen. So stehe ich im Türrahmen, blinzele der Sonne entgegen und beobachte das bunte Treiben eine Zeitlang, bis ich mich dazu aufraffen kann loszulaufen. Ein Geist stolpert durch die dreckige enge Gasse und biegt auf der Hauptstraße rechts ab. Die Menschen weichen zur Seite und schauen verwundert dem weißen Mann hinterher, der irgendwie noch weißer wirkt. Er grüßt nicht, er grinst nicht. Wie eine Marionette an Fäden gezogen läuft er zielstrebig den kleinen Hügel hinauf, bis er vor einem weißen Häuschen zum Stehen kommt. Auf dem Schild über der Tür steht in sauberen Buchstaben geschrieben „ Duka la Dawa“ ( Apotheke ) … und die Tür öffnet sich! Ich habe wieder die Kontrolle über meinen Körper gewonnen und vor mir sitzt eine große ältere Frau mit einem gewaltigen Körperumfang auf einem Stuhl, den ich nicht mehr sehen kann. Ihr sympathisches Lächeln strahlt Geborgenheit und Vertrauen aus und ich spüre sofort, dass ich bei ihr in guten Händen bin. Wahrscheinlich war sie früher im Voodoo Business, aber nach der Wirtschaftskrise tauschte sie Krötenbeinchenextrakt und zu Liebespulver zerriebene Schlangenhaut gegen Fertigpillen aus Fernost und schrieb „Apotheke“ über die Hütte. Gegen meine Ohrenschmerzen empfiehlt sie mir Tropfen, die auch als Augentropfen verwendbar sind. Gleich mal rein ins Ohr, damit ich schnell wieder gesund werde. Die Packung aus Indien kostet umgerechnet 80 Cent. Hoffentlich wirken diese Tropfen auch. Auf dem Rückweg zu meinem Zimmer laufe ich noch am Markt vorbei und zwinge mich, eine Portion Reis mit Erbsen und grünem Spinatgemüse zu essen. Ich muss wieder zu Kräften kommen und wenn mein Feuer im Inneren meines Körpers nicht ausgehen soll, muss ich auch ab und zu mal Holz nachlegen. Relativ optimistisch liege ich kurze Zeit später wieder in meinem Bett. Es hat sich wenig verändert. Durchs offene Fenster sind die Geräusche aus der Nachbarschaft zu hören, Hühner gackern, Menschen unterhalten sich und der Wind spielt mit den Vorhängen. Das Moskitonetz hängt wie ein Zeltdach über mir und erfüllt mit seinen unzähligen Löchern nur noch bedingt seine Aufgabe. Der Wasserhahn tropft im Takt und ich liege schräg im Bett ausgestreckt, den leeren Blick zur Decke gerichtet und darauf wartend, dass der Schmerz im Ohr endlich nachlässt. Ich muss wohl eingeschlafen sein, denn als ich wieder auf die Uhr schaue ist es schon 4 Uhr am Nachmittag. Der Schlaf hat gut getan, aber die Ohrenschmerzen sind immer noch da. Die nächste Nacht möchte ich auf keinen Fall wieder in diesem Puffloch verbringen und so packe ich all meine Sachen zusammen und schiebe das Fahrrad raus auf die Straße. Niemand wundert sich, dass ich so spät erst das Zimmer räume. Ist hier wohl ganz normal, solange zu schlafen, wenn man die ganze Nacht auch so wild f…..feiert. Nur ein paar Straßen weiter finde ich ein nettes kleines Gästehaus mit ruhigem Innenhof für nur 5000 Schillinge. Von den paar Metern schieben bereits erschöpft, lasse ich mich auf mein neues Bett fallen. Die Matratze ist mit einem roten Bettzeug bezogen, auf dem viele bunte Rennautos und Motorräder aufgedruckt sind. In einem Kinderzimmer fühle ich mich gleich viel wohler als im alten Puffzimmer, wo der Inhalt für die Kinderzimmer produziert wird. Ich werde langsam ungeduldig, weil die Ohrentropfen immer noch nicht wirken und da gleich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auch noch eine andere Apotheke ist, will ich dort noch vorbeischauen, bevor ich wieder eine schlaflose Nacht habe. Dort geben sie mir noch eine andere Packung Ohrentropfen und 12 schwarz-pinke Pillen, welche ich 3 x täglich nehmen soll. Die ganzen letzten Jahre meines Lebens habe ich nicht so viele Medikamente genommen, wie in diesen Tagen. Mit einer Überdosis Tropfen im Ohr und mit schwarz-pinken Pillen, die sich gerade in meinem Bauch auflösen, schlafe ich ein und bin sehr gespannt auf morgen. Tag 30. Wasserschaden Zur Abwechslung werde ich heute Morgen nicht vom Hahn geweckt, sondern vom Muezzin der örtlichen Moschee. Damit ihn auch wirklich jeder hören kann hat er sich riesige Megaphone aufs Dach gebaut und so wird in einer ohrenbetäubenden Lautstärke zum Gebet gerufen. „Kann er seinen gläubigen Anhängern keine SMS schicken, wenn es Zeit fürs Gebet ist?“ denke ich mir und begrabe meinen Kopf unter dem Kissen. Der nasse Kissenbezug klebt an meiner Backe stelle ich erschrocken fest. „Puh, kein Blut“ ist mein erster Gedanke, als ich wie bei der Spurensicherung das Kissen inspiziere. Die farblose Flüssigkeit aus meinem Ohr hat auf dem Stoffbezug mehrere Flecken in verschiedenen Größen hinterlassen. Ein paar sind schon eingetrocknet, andere scheinen noch ziemlich frisch zu sein. Sollte ich mir die Frage stellen, ob die Wäscherei diese Flecken wieder raus bekommt? Nein, das frage ich mich natürlich nicht. In dieser Situation ist mir das Kissen erst mal scheißegal. Es würde mich mal eher interessieren, wie zum Geier so viel Flüssigkeit aus meinem Ohr auslaufen konnte. Irgendwo muss die ja schon die ganze Zeit lang in meinem Kopf gewesen sein. Gruselige Gedanken plagen mich noch eine Weile, bis mir später erst auffällt, dass die Ohrenschmerzen weg sind. Einfach weggezaubert, verschwunden, über Nacht weggelaufen - oder ausgelaufen? Egal, Hauptsache weg, olé, olé, aber es ist noch zu früh vor Freude im Zimmer herum zu tanzen. Der Druck im Ohr ist zwar weg, dafür scheint der kleine Mann im Ohr jetzt aber einen Wasserschaden zu haben. Es läuft weiterhin Flüssigkeit aus dem Gehörgang und ich stopfe mir erst mal provisorisch einen Fetzen Klopapier ins Ohr. In mein Reisenotizbuch schreibe ich den selben Satz, den auch Christopher McCandless im Film „into the wild“ in sein Tagebuch schrieb, nachdem er fast an den giftigen Pflanzen in der Wildnis Alaskas gestorben wäre, „Made it, but in very weak conditions“. 2 Wochen später ist er verhungert. Sehr tragisch und im Vergleich zu Christopher geht es mir hier in meinem Kinderzimmer auch echt ganz gut und ich traue mir wieder zu weiterzuradeln. Dann hatte ich mir noch Preise im Notizbuch notiert, die teilweise im Vergleich zu Deutschland in keinem Verhältnis stehen. So zahle ich zum Beispiel für eine Übernachtung in einem einfachen Gästehaus mit WC-Loch und Eimer-Dusche 5000 Schillinge. 500 ml Milch kosten mich 1500 Schillinge. Also sind 1,5 Liter Milch fast genauso teuer, wie eine Übernachtung. Für 1500 Schillinge würde ich auf dem Markt aber auch 15 Bananen oder 15 mittelgroße Mangos bekommen. 1000 Schillinge sind ca. 1 US Dollar. 1 Stunde im Internet surfen kostet 2000 Schillinge. Dafür würde ich auch 4 x 400 ml Colaflaschen bekommen. Weil die Cola eben nur umgerechnet 0,35 Euro kostet, gönne ich mir auch fast täglich mindestens 1 Flasche. Eine Literflasche Mango-Saft im Tetra-Pak für 3000 Schilinge gibt es dafür nur an besonderen Tagen. Für die ärmeren Einheimischen, die den ganzen Tag mit 1000 Schillingen überleben müssen gibt es keine gekühlte Flasche Coca Cola. Ich kann mir wohl nur annähernd vorstellen, wie so ein täglicher Lebenskampf am Existenzminimum für die Betroffenen sein muss. Aber was soll ich machen? Soll ich jeden auf eine Cola einladen oder, um keine Eifersucht zu schüren, keine Cola mehr in der Öffentlichkeit trinken? Ich will ja sowieso das Gewicht meiner Taschen reduzieren und so suche ich Gegenstände, die ich verschenken könnte. Gar keine so leichte Aufgabe, weil ich ja auch nicht weiß, was in den nächsten drei Monaten noch alles passieren wird. Am Ende schenke ich meine alte Fleecejacke, das Geschirrhandtuch und den Strohhut an eine Bauernfamilie, die neben meinem Gästehaus ein paar verfallene Hütten mit ihrem Vieh bewohnt. So war das leicht aufgekommene schlechte Gewissen wieder beruhigt. Ein paar Gegenstände wandern noch in die hinteren Taschen und so hoffe ich, weitere Brüche am Alufrontträger verhindern zu können. Ein Blick auf die Straßenkarte verrät mir, dass der nächste große Ort 40 Kilometer entfernt ist. Solange ich noch nicht wieder 100 % fit bin, möchte ich nicht alleine in der Wildnis campen. In Korogwe werde ich mit Sicherheit ein günstiges Gästehaus finden und die Entfernung ist auch machbar. „Oder?“ stelle ich die Frage an meinen Körper. Er widerspricht mir nicht und so sind wir uns einig. Genug herumgelungert, raus mit uns auf die Straße. Von Korogwe aus sind es auch nur noch 100 Kilometer bis zur Küste und dort warten dann die Strände von Sansibar mit ihrem kristallklaren hellblauen Wasser auf uns. Mit der Postkartenidylle einer Trauminsel im Kopf vergehen die 40 Kilometer wie im Flug. Mein auslaufendes Ohr ist gut mit grauem Panzer-Tape zugeklebt und das rechte Ohr wird mit Musik verwöhnt. Die Landschaft ist mit vielen verschiedenen Grüntönen ausgemalt, überall wachsen Palmen und Bananenplantagen überziehen die flachen Hügel. Ich folge der Straße, die sich am Bachlauf entlang schlängelt. Es geht spürbar bergab durch die letzten Ausläufer des Hochplateaus. Von 500 Metern auf Meereshöhe habe ich die nächsten Tage einfache Strecken vor mir. In Korogwe angekommen lädt mich die überdachte Terrasse eines Restaurants zum Hinsetzen ein. Eine kalte Cola steht wenig später auf meinem Tisch - zwischen ausgebreiteter Straßenkarte und Ohrentropfen. „Das wäre erst mal geschafft!“ Ich lehne mich zurück und genieße einen großen Schluck kühle erfrischende prickelnde Cola. „Money, Mister“ bettelt ein älterer abgemagerter Mann in verschmutzter Kleidung, während er mir seine ausgebreitenden Hände entgegenstreckt. Da war sie wieder - die Realität. Bevor ich mich entschieden habe, ob ich ihm meine Flasche Cola oder ein paar meiner Bananen abgeben sollte, scheucht die Kellnerin den Mann weg und serviert mir den Fisch mit Reis. Nachdenklich schaue ich dem alten Mann hinterher, wie er die Straße entlang schlurft. Der Fisch ist echt überraschend lecker und auch die Portion Reis ist so groß, dass ich das erste Mal nach Tagen wieder das Gefühl habe, gut gestärkt zu sein. Es gibt aber leider nur Hotels und Motels im Ort und bei der Wahl zwischen 40.000 Schillingen und 10.000 Schilingen pro Zimmer fällt die Entscheidung nicht schwer. Das „White House Inn“ ist für heute Nacht mein Zuhause. Das Zimmer ist schön groß, mit hellen Bodenfliesen gefliest und direkt neben der Hotelbar. Diese schließt um 23 Uhr und das dürfte dann auch so die Zeit gewesen sein, in der ich endlich Ruhe fand einzuschlafen. Irgendwann mitten in der Nacht weckt mich meine Blase: „Hey du, aufwachen, ich muss mal ganz dringend aufs Klo Pipi machen“ geht der Befehl ans Gehirn. „Augen aufschlagen“ sagt das Gehirn zu den Augen. „Hey Füße, beeilt euch. Ihr müsst aufs Klo laufen, weil die Blase mal wieder Pipi muss. Den Weg kennt ihr ja“ Was dann passiert, bringt alle Beteiligten durcheinander… Die Füße melden erschrocken an die Zentrale: „Sind nass geworden, Füße komplett unter Wasser!“ Die Augen können auch noch nicht zur Aufklärung der Situation beitragen, weil sie sich erst noch an die Dunkelheit gewöhnen müssen. Die Ohren haben eh andere Sorgen und der Kopf kommt auch noch nicht klar. „Häh…? Füße unter Wasser? Hat die Blase einfach … ohne zu fragen…? Nein, soviel kann das doch nicht sein!“ Die rechte Hand hat nun endlich den neben dem Bett hängenden Lichtschalter gefunden und die 60 Watt Birne bringt langsam Licht ins Dunkle. Ohne Witz, mein ganzes Zimmer steht gut 5 Centimeter unter Wasser! Sauberes kaltes klares Wasser, soweit das Auge reicht. Gut, dass ich barfuß geschlafen habe, und so verlasse ich das geflutete Zimmer, als wenn nichts gewesen wäre. Im Flur erwartet mich ein ähnliches Bild wie den Passagieren der 3. Klasse beim Titanic Untergang. Auch hier steht das Wasser und verläuft weiter Richtung Eingangstür. Unbeirrt wate ich durch die Fluten bis zum Klo. Kleine Wellen brechen sich an den anderen Zimmertüren, als ich nach einem Mitarbeiter des Hotels suche. Jetzt darf sich mal ganz schnell jemand um das ungewollte „Aqua Paradies“ kümmern und den Stöpsel aus der Badewanne ziehen. Hier ist nämlich jemand hundemüde, sein Ohr läuft aus und er braucht dringend Erholung … Tag 31 die „Koch-Show“ Es ist schon um die Mittagszeit und die Sonne steht am höchsten Punkt, als ich vor dem Hoteleingang sitze. Zum Frühstück schäle ich mir zwei Orangen. Dazu gibt es Wasser mit einer Multivitamintablette. An der Wand gegenüber hängt eine schön mit afrikanischen Motiven verzierte „Suggestions Box“ aus Holz - für Kundenwünsche, Anregungen und Feedback übers „ White House Inn“. Es kribbelt in meinen Fingern. Wie gerne würde ich dem Hotelmanagement einen kleinen Brief schreiben, wie unvergesslich die letzte Nacht in ihrem Hause war. „Sehr geehrte Damen und Herren oder die, die es interessiert?… Lobenswert erwähnen möchte ich die gefliesten Zimmer. Da ließ sich gestern Nacht das Wasser viel einfacher mit dem Mob aus der Tür raus wischen. Die offenen Fenster zur Hotelbar im Innenhof sind auch von Vorteil für jeden, der dann rotzbesoffen die paar Meter zum Zimmer kriechen muss, aber nur ärgerlich, dass dann nicht daran gedacht wurde, die Fenster zum Durchrobben auch auf Bodenhöhe zu montieren. Die löchrigen Moskitonetze sind auch nett gemeint fürs gute Gewissen, gegen Mückenstiche helfen sie aber genau so wenig wie eine Rettungsweste auf der Titanic. Ich habe auf meiner Reise schon in vielen Gästehäusern und auch in so manchem Drecksloch übernachtet, auf hartem Wüstenboden, auf durchgefickten Puffmatratzen, Holzbrettern und auch in Lodge-Himmelbetten. Aber die unvergesslichste Nacht hatte ich in Ihrem Hotel. Vielen Dank und ach bevor ich es vergesse: Da gibt es so Aufkleber fürs Badezimmer. „Safe Water! Wenn Sie Ihr Handtuch noch einmal benutzen wollen, hängen sie es auf den Haken. Falls Sie es gewaschen haben möchten, werfen Sie es auf den Boden. So könnten weltweit Millionen Liter Wasser und Reinigungsmittel gespart werden.“ Bringt aber nichts, wenn Sie dann ihre ganzen Zimmer fluten, um die auf dem Boden liegenden Handtücher zu waschen … Für heute habe ich mir kein bestimmtes Ziel gesetzt. Einfach mal losfahren und schauen, wo ich bin, wenn die Sonne untergeht. Mein Ohr läuft weiter aus und ich wechsele den Taschentuchpropfen mehrmals täglich, wenn er vollgesogen ist. Der Mann im Ohr scheint zu trommeln. Ich bemerke das Klopfen erst, als ich aus dem Ort raus bin und es auf der Landstraße ruhiger wird. Tok, tok, tok, tok im gleichmäßigen Takt. Der Rhythmus meines Herzschlags. Wenn ich schneller fahre, wird auch der Beat schneller. So wie früher der Trommelmann auf den römischen Galeeren den Ruderern den Schlagtakt vorgab, peitscht mich mein Technobeat im Ohr nach vorne. Treibt mich an, schneller zu fahren, ohne Nachdenken in die Pedale zu treten. Tok, tok, tok, tok, tok - wie in Trance fliege ich über den Asphalt und die Landschaft zieht wie im Zug an mir vorbei. Die Räder drehen sich wie von selbst, der gelbe Streifen der Fahrbahnmarkierung zieht sich wie eine Orientierungslinie im Augenwinkel durchs Bild. Erst nach einer Stunde gönne ich mir und dem Kilometerzähler eine Pause. Der Highway endet hier an dieser Kreuzung. Links geht es nach Tanga und rechts nach Daar Es Salaam. Geradeaus geht es zu einer Ansammlung von Verkaufsständen. Ich entscheide mich für die Frittenbude auf der anderen Straßenseite. Dort werden in relativ frischem Öl selbstgeschnittene Pommes frittiert, in einer kleinen verbeulten Eisenpfanne mit 2 Eiern übergossen und über der Holzkohleglut zu einem Omelette gebacken. Das noch heiß dampfende Omelette wird gerade auf einem Teller mit Salat zu mir an den Tisch getragen, an dem ich schon hungrig auf mein tansanisches Lieblingsgericht warte, auf Chipsy Myeye mit Ketchup. Dazu eine kalte Coke und ich bin happy. Gut gestärkt verlasse ich die Ortschaft Segera in nordöstlicher Richtung und folge der Straße nach Tanga für 40 Kilometer bis Muheza. Von dort führt ein unasphaltierter Weg an den Küstenort Pangani, von dem aus ich hoffentlich mit einem Fischerboot nach Sansibar segeln kann. Soweit die Theorie. In der Praxis stehe ich noch am Wegweiser an der Abzweigung nach Pangani. 35 Kilometer Schotterpiste trennen mich noch vom Meer. Aber heute wird das nichts mehr, da die Sonne schon dabei ist unterzugehen. Ich will aber nicht wieder in einem bequemen Hotelbett schlafen, sondern in der Wildnis, auf hartem Boden und am Lagerfeuer Spagetti kochen. Die Piste ist anfangs noch in einem guten Zustand und ab und zu werde ich von Einheimischen auf Motorrädern überholt. Ich halte Ausschau nach einem geeigneten Platz zum campen, aber immer dort, wo es die dichte Vegetation zulassen würde und Platz zwischen dem tropischen Pflanzenwuchs wäre, hat schon jemand lange Zeit vor mir seine Hütte aufgebaut. Die Zeit läuft mir davon. Damit meine ich die Sonne, weil sie hier meine Uhr ist. Wenn sie hinter dem Horizont verschwunden ist, bleibt mir nur noch eine Stunde Tageslicht. Die letzten roten Strahlen verschwinden gerade zwischen den Palmenblättern und es wird spürbar kühler. Meine Campsuche ist nicht erfolgreich und so schiebe ich etwas missmutig mein Fahrrad durch die Dunkelheit. Die Straße ist teilweise zu steil und zu steinig, um da jetzt noch sicher entlang fahren zu können. Die Fahrradlampe beleuchtet die 2 Meter vor mir, dann beginnt das Unbekannte. Jetzt, wo es schon mal dunkel ist, bin ich auch wieder relaxter. Ich muss mich nicht mehr hetzen, weil dunkler wird es jetzt auch nicht mehr. So eine Nachtwanderung kann auch ganz spannend sein. Jetzt nehme ich die Geräusche und Laute der Natur um mich herum viel intensiver war. Die Augen werden nicht mehr mit so vielen neuen Reizen überflutet wie tagsüber. Nun können sie entspannen, während die anderen Sinnesorgane umso aufmerksamer reagieren. Die Nase nimmt wilde Gerüche auf, die sie nicht zuordnen kann. Vögel flirten, Grillen zirpen ihr Nachtkonzert und die Palmwedel rauschen im Wind. Alles wirkt so friedlich, so paradiesisch. So muss es Adam ergangen sein, bevor Eva aufgetaucht ist! Wenn da nicht noch das Problem mit der Übernachtungsmöglichkeit wäre. Ohne diese Hintergedanken „Wo zum Geier kann ich schlafen?“ könnte ich die Situation noch mehr genießen. Plötzlich taucht aus der Dunkelheit vor mir ein anderer Fahrradfahrer auf. Ohne Licht höre ich nur sein klapperndes Fahrrad. Er schiebt es langsam vor mir her und dreht sich noch nicht mal um. Wem kann ich vertrauen und wem nicht? Ein Typ mit Fahrrad ist mir schon mal sympathisch und hier in Tansania gehört er damit schon fast zur Mittelschicht. Mein Instinkt wurde noch nie enttäuscht und durch die Menschenkenntnis und Erfahrungen der letzten Reisen merke ich recht schnell, ob ich meinem Gegenüber trauen kann. Jetzt bin ich auf seiner Höhe und erfahre, dass er Martin heißt. Sonst nichts, weil er kein Wort Englisch spricht und ich auch nicht seine Muttersprache verstehen kann. Auf Kisuaheli sage ich ihm die Worte Zelt ( Hema ) und schlafen ( lala ). Dabei mache ich die Geste mit dem Kopf auf die Handflächen zum Schlafen legen. Er nickt mit dem Kopf und fährt weiter. Ich folge Martin durch die Dunkelheit, vertraue ihm mein Leben an, nur weil er ein klappriges Fahrrad fährt. Vielleicht hat er es gerade in der Stadt geklaut und sollte eigentlich auch etwas zu Essen mitbringen. Der große Topf blubbert schon über dem Feuer, drum herum die Eingeborenen in wilder Kriegsbemalung und singen: „ Wiiirrrr haaaaben Hunger, Hunger Hunger, haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Hunger, Hunger, Hunger, haben Durscht!“ Martin, mach bitte keinen Scheiß, denke ich mir, während in meinem Kopf immer noch die singende Meute um mich herum tanzt und wartet bis ich gar bin. In seinem Dorf sorgt die Ankunft eines weißen Radfahrers so spät am Abend für Aufregung und schnell sind wir von Kindern, jungen Männern und alten Weibern umringt. Läuft heute denn nichts Gescheites im Fernsehen? Einer der Jungs kann gebrochen Englisch und übersetzt allen anderen Interessierten meine Geschichte. Dass ich von Kenia nach Namibia 6000 km mit dem Fahrrad reisen möchte und heute Nacht einen geschützten Platz bräuchte, an dem ich mein Zelt aufbauen könnte. Es folgt wildes Getuschel, unterbrochen von „Aahhh“ Lauten, von den Leuten, die verstanden haben, was ich hier mache, und „oohhh“ Lauten von den Leuten, die verstanden haben, was ich jetzt gerade suche, während einige andere Leute noch damit beschäftigt sind 6000 km mit den Fingern anzuzeigen… Es dauert über 1 Stunde, bis geklärt ist, wo ich schlafen darf. Das Dorfoberhaupt ist nicht da und wird am Handy angerufen um abzuklären was nun zu machen ist. Die Wartezeit verbringe ich damit Essen zu kochen. Dabei schauen mir mindestens 20 Schaulustige über die Schultern. So ein Feuer ohne Holz wirft Fragen auf, als ich meinen Benzinkocher anzünde. So etwas haben sie noch nie in ihrem Leben gesehen. Auch sonst scheint es ziemlich spannend zu sein, einem weißen Mann beim Spaghetti kochen zuzusehen. Für Menschen deren Alltag noch nicht von Kochshows, Talkshows, und Daily Soaps beeinflusst wurde ist das nun alles auf einmal und ohne Werbeunterbrechung. Kochshow live, ich streue Salz ins Blubberwasser. Talkshow live. Ich beantworte alle Fragen über meine Biketour. Reden über Fußball oder warum ich in meinem Alter noch nicht verheiratet bin. Die Spaghetti sind fertig. Zucker darüber streuen. Fertig. Geht auch ohne Butter und da jeder gerne probieren möchte bleibt am Ende wenig für mich übrig. Der Mann, der mir als Mr. Bacardi vorgestellt wurde, wohl einer der dorfoberen, kurz unter dem Dorf Obersten aber über dem unteren Volk gibt mir ein Zeichen, dass ich ihm bitte folgen soll. Ich mit dem Fahrrad hinterher und mein Publikum bleibt dicht hinter mir. Es könnte ja noch etwas Spannendes passieren? Mr. Bacardi verschwindet in einem Haus und macht hinter mir die Tür zu. Ich kann mir das enttäuschte „ Ohh“ der Leute vor der Tür vorstellen. Wie wenn die Eltern beim Fernseher den Stecker raus ziehen, immer genau dann wenn es spannend wurde. Sie haben aber nichts verpasst. Mir wurde mein Gästezimmer gezeigt und wo die Toilette draußen auf dem Hof ist. Dann wurde ich alleine gelassen und ich saß auf dem Holzbett mit einem leichten schlechten Gewissen. Wenn ich gewusst hätte, was das für ein Aufwand macht im Dorf einen Platz zum schlafen zu organisieren, hätte ich nach anderen Lösungen gesucht aber zelten lassen wollten sie mich nicht. Ist wohl unter der Würde eines weißen Mannes im Busch zu campen. Tag 32. Sex on the Beach Eigentlich wollte ich als kleines Dankeschön der Familie Bacardi einen meiner roten Vodafone Luftballons schenken, in den ich vorher schon einen 5000 Schilling Geldschein versteckt hätte. Wenn der Luftballon dann irgendwann platzt freut sich die Familie über die Überraschung. Dieser Plan scheiterte aber schon daran, dass ich nur noch einen 10.000 Schilling Schein hatte, der eigentlich viel zu viel für eine Übernachtung auf den 5 Holzbrettern war. Jetzt um 6:00 Uhr früh war aber auch eine verdammt schlechte Zeit zum Geldwechseln und so stopfte ich etwas missmutig den großen Schein in den kleinen Ballon. Als er fast fertig aufgepustet war, zerplatzte er mit einem großen Knall. „Peng“ Man, bin ich erschrocken. Die Familie im Nebenraum war auch sofort wach und die 3 Kinder fingen an zu schreien. Na, super. Das haben sie ja wieder fein hingekriegt Mr.Alex. Herr Bacardi steht noch etwas verschlafen, nur mit einem Tuch bekleidet vor der Tür und fragt verwirrt ob alles in Ordnung sei? „Sorry fort he Badabummm“ entschuldige ich mich schuldbewusst für den Knall und übergebe ihm nun ziemlich unspektakulär den großen Geldschein und einen neuen roten Ballon für seine Kinder. Den darf er dann aber später selber aufblasen.Ich beeile mich aus dem Dorf zu kommen, bevor mein Publikum aufwacht und vom Frühstücksfernsehen unterhalten werden will. Ich kann das Meer schon fast riechen, als ich weiter auf der holprigen Piste Richtung Küste fahre. Große Wurzeln und Auswaschungen gestalten die letzten Kilometer spannend und abwechslungsreich. Mal in Schrittgeschwindigkeit durchs Unterholz, dann wieder mit Schwung den kleinen Abhang hinunter, wo ich gerade noch so abbremsen kann bevor ich im tiefen Sand die Kontrolle über mein Bike verliere. Das Meer übt eine magische Anziehungskraft aus. Egal wo ich in der Welt unterwegs war. Der Moment wo ich das erste Mal das Meer sehen konnte war immer wieder überwältigend. Nach so vielen Tagen durch die ausgetrocknete afrikanischer Steppe tut es mir auch wieder gut den grünen saftigen Küstenstreifen zu erleben. Der letzte Hügel liegt hinter mir und dann ist es einfach nur da… das Meer. Der indische Ozean erstreckt sich von links nach rechts bis zum Horizont blaues, im Sonnenlicht glitzerndes Wasser so weit das Auge reicht. Mit dem Song aus dem Film „Knocking on Heavan`s door“ in den Ohren fahre ich die letzten 300 m bis zum Strand. „The ocean, in heavan, they all talk about the ocean“ sagt der alte weise Mann im Film und lässt die zwei sterbenskranken Männer ihre Reise zum Meer beenden obwohl sie ihm noch 1 Millionen Schulden. Das Meer als großes finales Ziel bevor man die Erde verlässt. Jeder Mensch sollte mindestens ein Mal in seinem Leben am Meer gestanden haben. Der Blick folgt den Wellen bis sie sich am Strand brechen und die nackten Füße umspülen. Das beruhigende Rauschen des Wassers erfüllt die Ohren und wird nur ab und zu vom Schrei der Möwe unterbrochen. Wenn du tief einatmest kannst du das Meer sogar riechen wenn die salzhaltige Luft durch deine Nase strömt. Nach dem fünften Mal „Knocking on heavans’s door“ hören schalte ich den iPod aus und genieße den letzten Schluck Mangosaft, den ich mir extra für den „Magig Ocean Moment“ gekauft hatte. Ich könnte noch stundenlang hier stehen bleiben und aufs Meer hinausschauen aber ich muss auch noch ein paar Kilometer bis in den nächsten Ort fahren um dort am Hafen ein Schiff zu finden, welches mich nach Sansibar mitnimmt. Pangani ist ein kleines Hafenstädtchen mit alten Häusern aus der Kolonialzeit. Mit viel Fantasie kann man sich die idyllische Hafenpromenade von damals vorstellen, von der heute leider nur noch Ruinen und heruntergekommene Häuserfassaden erhalten sind. Dort wo einst die Geliebte dem Seemann aus dem Fenster nachgewunken hat, schaut heute ein Grüner Zweig raus, vom Baum der es sich im alten Wohnzimmer gemütlich gemacht hat. Apropos Seemann. Ich brauche ein Schiff, halbwegs seetüchtig und eine tapfere Mannschaft, die segeln kann. Morgen früh will ich in See stechen und die Insel Sansibar erobern. Alleine bei dem Gedanken an die Überfahrt in einem kleinen Fischerboot wird mir schon schlecht. So pudel wohl ich mich auch am Meer fühle, so unwohl fühle ich mich auf dem Meer. Wie soll ich die Überfahrt überstehen, wenn ich schon auf einer Schiffsschaukel seekrank werde? Nachdem ich mit ein paar Piraten und Fischern gequatscht habe weiß ich nun wie der Hase läuft. Für 25-35.000 könnte ich morgen Früh in Sansibar sein. Treffpunkt heute Nacht um 0:30 Uhr am Hafen. Alles klar. Dem Spar Fuchs Alex gefällt das, weil er sich durch die Nachtfahrt eine Übernachtung im Hotel sparen könnte. Dem Schisshasen Alex gefällt die Idee in der Dunkelheit übers Meer zu Segeln überhaupt nicht. Auch wenn dann keiner sehen könnte wie oft ich mich über die Reling beuge. Ich denke noch einmal darüber nach. Das geht am besten wenn ich etwas zu essen habe. „Seafood Fastfood“ steht über dem kleinen Shop am Hafen. Der McDonalds unter den Meeresfrüchte anbietenden Restaurants, die hier um die wenigen Touristen streiten. Kein Seafood Mcdrive und auch keine Juniortüte mit Tintenfischringen ohne Spielzeug. In der Auslage aus Plexiglas liegen mehrere frittierte Fische in verschiedenen Größen, die meine Lust auf Meeresfrüchte aber nicht befriedigen würden. Gerade in diesem Moment holen sie einen frisch frittierten Oktopus aus dem heißen Öl und legen ihn zu seinen anderen toten Meeresbewohnern. „Den nehme ich“ mit dem Finger auf Miss Occtopussy zeigend, bevor ihn jemand anderes vor meiner Nase Weg schnappt. Ist aber eh niemand da außer mir. Ein noch dampfender Kraken liegt in mundgerechte Stücke geschnitten vor mir auf dem Teller. Dazu gibt es heute frische Zitronenscheiben. Vor mir fährt ein Schiff in den Hafen und zieht die weißen Segel ein, die Möwen kreischen und ich trinke insgesamt drei Cola-Flaschen leer. Ach ist das wunderschön am Meer. Ich verbringe fast den ganzen Nachmittag in diesem Schaukelstuhl und lese mein Buch zu Ende welches ich mir in der Honey Badger Lodge „ ausgeliehen“ hatte. Der Titel lautet “Wer stirbt schon gerne unter Palmen?“ und handelt von einem Werner Becker aus Bremen, der nach einem heftigen Sturm auf See seine Familie und sein Boot verliert und dann versucht auf einer einsamen Insel zu überlebenden. Zu dem Zeitpunkt als ich schlaflose Nächte wegen meiner Ohrenschmerzen hatte, war Werner Becker gerade mit einem gebrochenen Bein an den Strand gespült worden und seine Frau und Kinder hatten die Haie aufgefuttert. Das gab mir damals echt Kraft und Zuversicht weil es mir bewusst machte, dass es mir auch viel schlechter hätte gehen können. Jetzt vor der Überfahrt nach Sansibar war es nicht so empfehlenswert dieses Buch zu lesen über sinkende Schiffe, stürmische See und halb verhungerte, halb verdurstete Schiffsbrüchige, die auf einer Insel krepieren. Aber ich wollte das schwere Buch nicht noch länger mit mir rum schleppen. Zwei blonde gut aussehende weiße Frauen erwecken meine Aufmerksamkeit und lassen mich mein Buch für einen Moment vergessen. Ich lasse alles stehen und liegen und laufe ihnen hinterher. Warum ich das tue? Keine Ahnung. Ich glaube ich stamme vom Affen ab und es tut einfach mal wieder gut sich zu unterhalten. Sie kommen aus Norddeutschland und haben in einem Massaidorf als ehrenamtliche Helfer gearbeitet. Jetzt machen sie hier noch ein paar Tage Urlaub und sind gerade auf dem Weg zum Markt um frische Lebensmittel für heute Abend einzukaufen. Während sie so erzählen merke ich, dass mein linkes Ohr wieder anfängt auszulaufen. In einem unbeobachteten Moment wische ich den Tropfen mit meinem Halstuch weg bevor er meinen Hals herunter läuft. Ich wünsche Ihnen noch eine gute Reise. Dann schimpfe ich den Mann im Ohr.“ Hey man, so nicht! Musst du dich genau dann auskotzen, wenn ich mich mal wieder nach zwei Wochen mit Frauen unterhalten kann?“ Ich fahr auch zum Marktplatz, kann die zwei Frauen aber nicht mehr finden. Neben der Markthalle ist die Touristeninformation von Pangani. Dort erkunde ich mich nach einer Überfahrt nach Sansibar. Ein Motorboot fährt morgen früh um 6 Uhr auf die Trauminsel und könnte mich für 40.000 mitnehmen. Sie hätten auch Schwimmwesten an Bord was die Fischerboote nicht haben. Auf die Frage was die Segelboote der Fischer machen würden wenn kein Wind bläst? Habe ich auch keine Antwort. Als er mir dann auch noch erzählt, dass letzten Monat ein Boot untergegangen ist und alle Leute ertrunken seien, hat er mich soweit und ich buche den Trip mit seinem Schiff. Als günstige Übernachtungsmöglichkeit rät er mir das „Stopover“ Backpackers für 10 000 Schillinge. Ich darf noch kostenlos das Internet benutzen aber der Strom fällt aus bevor der Internetexplorer hochgefahren ist. Na dann sende ich halt morgen von Sansibar ein Lebenszeichen nach Hause. 5 min später trage ich mein Fahrrad die Stufen des Hostels hinauf und schmeiße die Taschen aufs Bett. Ein richtiges großes Bett ist schon etwas Herrliches. Das weiß ich immer wieder erst zu schätzen wenn ich ein paar Nächte im Zelt auf dem harten Boden geschlafen habe. Es ist Essenszeit und ich setze mich vor den Eingang um dort noch die letzten Sonnenstrahlen zum Kochen auszunutzen. Es gibt mal wieder Spaghetti, wieder mit Zucker, wieder ohne Butter, diesmal aber mit zu viel Salz. Kochen ist einfach nicht meine Stärke, aber ein leerer Bauch hat wenige Ansprüche. Mirjam aus Österreich gesellt sich zu mir auf die Stufen und wir unterhalten uns gut über alles Mögliche. Sie will noch zum Strand gehen und fragt mich ob ich sie nicht begleiten möchte? Na klar. Ich liebe Strandspaziergänge bei Mondschein. Und schon laufen wir wenig später barfuß durch den Sand, sagen nichts mehr und genießen einfach nur die abendliche Stille. Die rauschenden Wellen als Symphonie des Meeres. Das Mondlicht spiegelt sich in den Wogen, lässt dem Strand in hellem Licht erscheinen zwischen den dunklen Gras bewachsenen Dünen und dem schwarzen Ozean. Die Wellen, die über den Sand schwappen und manchmal unsere nackten Füße erreichen sind noch vom Tag aufgewärmt. Das warme Wasser umspielt die Zehen und fühlt sich gut an. Echt schade dass Mirjam nicht mein Typ ist. Sex on the beach? Heute nicht. Ein Erdmännchen würde sich auch nicht mit einer Schildkröte paaren! Um es mal in einer Tiermetapher auszudrücken. Und ich bin nicht die Schildkröte! Tag 33 Sansibar „Land in Sicht“ sage ich erleichtert zu mir selbst. „Gut gemacht“ lobe ich meinen Bauch, den ich heute Morgen ganz bewusst nicht mit Frühstück gefüttert habe. In der Nussschale mit Außenbordmotor sitzen mit mir noch vier junge Frauen aus Belgien, ein Pärchen aus Finnland und noch zwei andere, die aber die ganze Überfahrt geschlafen haben. Ich stand fast pünktlich um 6:00 Uhr am Hafen, wo das kleine Boot schon auf mich wartete. Nachdem ich mein Fahrrad festgebunden hatte setzte ich mich auf die hintere Holzbank direkt neben die Reling. Es wehte ein kühler Wind heute Morgen der alle noch etwas frösteln ließ. Der Steuermann lenkte das Boot routiniert aus dem Hafen aufs offene Meer hinaus. Die Lichter der Stadt wurden immer kleiner bis sie ganz verschwunden waren. Um uns herum sah man nur noch Wasser und die ersten Sonnenstrahlen tauchten im Osten am Horizont auf als wäre die Sonne dort über Nacht im Meer verschwunden gewesen. Die Wellen glitzerten, wurden von unserem Bug geteilt und von der Schiffsschraube aufgewirbelt bis sie am Ende unbeeindruckt von unserem kleinen Bötchen weiterrollten. Auf und ab tanzten wir auf den Naturgewalten. Das Meer spielte mit uns wie ein Baby mit seiner gelben Quietsche Ente in der Badewanne. Mit der befriedigenden Gewissheit dass wir ihm hilflos ausgeliefert waren. Mit einer Hand hielt ich mich an der Bank fest, die andere umklammerte einen der Holzpfosten der das schattenspende Stoffdach über unseren Köpfen spannte. Die Rettungsweste hatte ich mir unter den Po geklemmt damit die Wellenachterbahn nicht ganz so unbequem war. Etwas neidisch schaute ich den Belgierinnen zu, wie sie sich Nutella Toasts zum Frühstück schmierten und dann genüsslich davon abbissen. Es lag sicher nicht an der Nutella, dass eine der Frauen das Toast wenig später wieder über Bord auskotzte und damit den Fischen eine sicher unvergessliche Mahlzeit bescherte. Mein Bauch hielt tapfer durch und nach 4 Stunden erreichten wir endlich den nördlichen Strand von Sansibar. Da es keinen Anlegesteg gab, hieß es für uns ins hüfthohe Wasser zu hüpfen und die 30 m an Land zu laufen. Nur mit der Boxershorts bekleidet laufe ich insgesamt sechs Mal hin und her bis alle Taschen und das Fahrrad am Strand liegen. Da wären wir nun „Hallo Sansibar, schön dass ich da bin…!“ Die Touristen auf der Restaurantterrasse blicken verwundert von ihren Tellern auf und schauen dem weißen Mann zu, wie er ein vollbepacktes Fahrrad in der Mittagshitze durch den weißen Sand schiebt, bis er sich erschöpft in den Schatten einer Palme sinken lässt. Die ersten Meter auf der Trauminsel hatte ich mir auch anders vorgestellt. Der Schweiß und das Salzwasser trocknen auf meiner nackten Haut und auch auf dem Fahrrad und den Packtaschen bilden sich weiße Salzkrusten. Als Belohnung schäle ich mir erst mal die letzten zwei Orangen aus meinem Essensvorrat, der dann nur noch aus einer Packung Nudeln und Salz und Pfeffer besteht. Auf der Suche nach einem günstigen Restaurant fahre ich auf den kleinen Wegen durch den Ort bis ich am Fischmarkt von Nijungi ankomme. Die Fischer, die nicht mehr draußen auf dem Meer mit ihren Netzen auf Beutezug sind, sitzen jetzt in einer kleinen reetgedeckten Hütte und genießen ihr Mittagessen. Etwas verwundert schauen Sie mich an, als ich in gebückter Haltung durch die niedrige Tür eintrete und mich auf den letzten freien Platz am Tisch setze. Es verlaufen sich sicherlich nicht so oft weiße Touristen hier her. Sie dinieren lieber in den Lodges am Strand, trinken guten Wein und genießen den Blick aufs Meer während die fünf Gänge serviert werden. Das brauche ich aber nicht und ich finde es auch viel spannender, hier mit den örtlichen Fischern in der verrauchten Hütte zu sitzen. Mit den Fingern essen wir unseren Reis mit Gemüse und lachen den Koch aus, wenn wieder etwas angebrannt ist und die ganze Hütte stinkt. Jeder, den ich unterwegs nach einem Campingplatz auf Sansibar frage bestätigt mir dass es hier keine Zeltplätze gibt und außerdem wild zelten gesetzlich verboten ist. Da war für mich natürlich von Anfang an klar. Ich werde auf jeden Fall auf Sansibar wild zelten. Aber heute Nacht würde ich gerne in einem Bungalow am Strand schlafen. Mit etwas Glück und kaufmännischem Verhandlungsgeschick bekomme ich eine richtig geile Hütte mit Blick aufs Meer für umgerechnet fünf Euro. Nebenan haben sich Alex und seine Freundin aus Wales gleich für zwei Monate eingenistet. Den Rest des Tages verbringe ich auf meiner Veranda in der Sonne. Ich genieße den herrlichen Blick aufs Meer und lese das Buch zu Ende. Als es dunkel wird begleite ich Alex und seine Freundin in den Ort und wir essen zusammen Chipsy my eye auf dem Markt. Ich kaufe mir noch eine große frische Mango für Morgen Früh zum Frühstück. Das Rauschen des Meeres wiegt mich in den Schlaf und so bemerke ich nicht die Mäuse, die sich sehr über die leckere Mango neben meinem Bett freuen. Zansibar, oh Zansibar, meine Perle Insel der Versuchung, Ziel allen täglichen Bestrebens Du Paradies. So weit entfernt, so sehe ich dich in meinen Träumen. Die Nächte ohne Schlaf, der Schmerz im Ohr mich um die Sinne bringt der Wind, die Sonne, die Berge, der Weg zu dir ist steinig und lang Zansibar, oh Zansibar, meine Perle Zusammengereimte Verse über die Trauminsel während der schlaflosen Nächte im Puffloch. Tag 34. Palmen, Strand und ein Bounty Relaxen auf Sansibar steht heute auf dem Programm. So gehe ich morgens erst mal eine Runde im Meer schwimmen und genieße das Bad im kristallklaren Wasser. Die Suche nach Krebsen und Muscheln fürs Frühstück ist nicht sehr erfolgreich und so gibt es süßes Gebäck aus der Backstube. Sieht so ähnlich aus wie ein Krapfen, nur ohne Füllung und schmeckt auch so ähnlich wie ein Krapfen ohne Füllung. Ich mache schöne Fotos von den Fischerbooten die mit ihren dreieckigen weißen Segeln perfekt in die Kulisse der exotischen Gewürz Insel passen. Es tut sehr gut den ganzen Tag mal nichts zu tun und richtig zu entspannen. Kein Fahrrad fahren keine blöden Berge hochkämpfen und selbst mein Ohr lässt mich heute in Ruhe. Ein unvergesslicher Tag am Strand von Sansibar. Ein gekühlter Bounty Schokoriegel vom kleinen Supermarkt macht den Tag perfekt. Am späten Nachmittag fahre ich aus dem Ort und folge der einzigen Straße über die Insel Richtung Stonetown am anderen Ende von Sansibar. Nach 15 km biege ich rechts ab und folgte einem Trampelpfad bis ich auf einem Tomatenfeld stehe. Zwischen zwei Büschen und von der Straße nicht einsehbar baue ich mein Zelt auf. Wild camping auf Sansibar kann ich nun von meiner to-do-Liste streichen. Gesetzlich verboten? Ich bin so ein böser Junge. Tag 35. der Weihnachtsmann auf dem Kartoffelacker Bis heute Morgen habe ich das Versteckspiel immer unentdeckt gewonnen und war wieder zurück auf der Straße ohne dass auch nur irgendjemand gemerkt hätte das ich die Nacht über dort war. Aber heute Morgen überrascht mich eine Gruppe Frauen als ich gerade dabei bin das Zelt abzubauen. Sie stehen dort in sicherer Entfernung und beobachten mich. Nun ist es zu spät nicht zu verstecken und ich muss die Strategie ändern. Schnell weg mit einem übertrieben freundlichen „Guten Morgen Ladies“ schiebe ich mein Fahrrad an ihnen vorbei. Sie hatten bewegungslos zugeschaut wie nach und nach Alles in den Taschen verschwand. Der Schlafsack, das Zelt und die Medizinbox. Dann alles am Fahrrad eingehängt wurde und die ISO-Matte auf dem Gepäckträger festgezurrt wurden. Jetzt wo ich näher kam, wichen sie ein wenig zur Seite immer noch mit einem Blick, als wenn der Weihnachtsmann auf ihrem Tomaten acker gelandet wäre. Mein „good morning ladies“ erzielte die erhoffte Wirkung und ein kleines Lächeln ist in ihren ernsten Gesichtszügen zu erkennen. Dann ist der fremde weiße Mann auch schon wieder verschwunden. Wenn Sie hier einen Mitarbeiter Kantine hätten, wäre ich sicher das Thema der Mittagspause. Aber auch so werden sie noch länger über den weißen Mann rätseln, der da auf ihrem Tomatenfeld übernachtet hat. Ich fahre weiter durch Landes innere. Durch alte tropische Urwälder, an kleinen Dörfern vorbei wo die einzelnen Holzhütten windgeschützt zwischen die Bananenstauden stehen. Jetzt in der Früh brennen überall kleine Feuer auf denen die Frauen den Maisbrei fürs Frühstück zubereiten. Kinder spielen im Sand mit selbstgebauten Autos aus Draht und Cola-Dosen. Junge Männer stehen am Straßenrand und warten auf den nächsten Bus um in die Arbeit gefahren. An einen Verkaufsstand wo es nach frischgebackenem Brot riecht bleibe ich stehen und frühstücke 3 noch dampfende Fladenbrote mit Erdnussbutter. Gut gestärkt fahr ich weiter über die schöne Insel. Es gibt nicht viele Straßen auf Sansibar und doch schaffe ich es mich zu verfahren. Eigentlich wollte ich mir den alten Urwald und die Gewürzfelder anschauen aber irgendwo auf den letzten 30 km bin ich wohl falsch abgebogen. Nun stehe ich schon vor dem Ortsschild von Stonetown und werden nicht noch einmal zurückfahren. Im Auto ist ein kleiner Umweg von 20 km kein Problem. Wenn du aber mit dem Fahrrad unterwegs bist, überlegst du dir genau wie viele Extrakilometer du dir antun möchtest. Rechts von mir glitzert wieder das Meer und ein Jachthafen mit feinen Restaurants hat sich hier breitgemacht. Daneben ist gleich das Treibstofflager und riesige Öltanks versauen den Anblick auf meine Bountyinsel. Sansibar hat seine eigene Coca Cola Abfüllanlage, welche nun zu meiner linken Seite auftaucht. Der markante weiße geschwungene Schriftzug auf Coca-Cola Rot ist auf jeder freien Wandfläche aufgemalt. Ich bin neugierig und wenn ich schon jeden Tag diese Firma unterstütze, kann sie mir ja auch mal frech von innen anschauen. Am ersten Tor werde ich noch durchgelassen, stelle mein Fahrrad auf den mit Customer parking aus geschilderten Kundenparkplatz und laufe selbst bewusst zur großen Halle. Rote Kisten so weit das Auge reicht, hoch aufgestapelt und bereit mit Colaflaschen gefüllt zu werden. Bereit die trockenen Kehlen der Touristen, der Hafenarbeiter, Marktfrauen oder Seemännern zu erquicken. Oder eben die eines durstigen Radfahrers der noch nie so viel Coca-Cola auf einmal gesehen. Meine kleine Tour übers Firmengelände wird von einem Security unterbrochen, der mich freundlich aber bestimmt auf fordert ihn ins Büro des Managers zu folgen. Dort warte ich dann auf die Entscheidung ob ich nun eine Führung durch die Welt der Coca-Cola Flasche bekomme oder nicht. „Nein“ ist die knappe Antwort „heute nicht“. Morgen sicher auch nicht. Hätte auch einfach sagen können, dass es nie eine Tour geben wird. Dass ihm mein 35 Tage Bart nicht gefällt oder mein Deo Geruch „afrikanische Wildnis“ abschreckt. Ich wollte ja auch nicht die geheime Rezeptur der Coca-Cola abschreiben sondern nur ein bisschen hinter die Kulissen schauen. Wo kommt die Flasche her, wie kommt die Cola rein unter Deckel drauf. Warum ist Cola Schwarz und wieso schmeckt Cola aus der Glasflasche anders als aus der Plastikflasche. All diese Fragen bleiben heute unbeantwortet und ich muss sie an die „Sendung mit der Maus“ weiterleiten. Etwas enttäuscht schlurfeich zurück zu meinem Esel. Noch nicht mal eine gratis Cola haben sie mir angeboten. Trotzdem gefällt mir Stonetown vom ersten Augenblick an gut. Die Altstadt wird von vielen kleinen Gassen durchzogen und wie im Ameisenhaufen laufen die Menschen hektisch umher. Heute wuselt sich auch noch ein Fahrradfahrer geschickt seinen Weg durch die viele menschlichen Hindernisse, bis er nach vielem Slalom fahren am alten Fischerhafen der Stadt angekommen ist. Heute möchte ich mir mal etwas Besonderes gönnen und so nehme ich auf der mit Weinranken überdachten Terrasse des „Monsson Fine Dining“ Restaurants Platz. Davor hatte ich nicht vergessen mich von einem verschwitzten, leicht müffelnden dreckigen Radreisenden in einen gut riechenden, sauber gekleideten Touristen zu verwandeln. Deshalb war auch das Badezimmer des Restaurants über eine halbe Stunde belegt, was mir ziemlich böse Blicke von denen davor wartenden Damen eingebrachte. Mein kleinlautes sorry konnte ihre strafenden Blicke nicht mildern. Ich konnte aber auch nicht wissen dass sie hier in diesem Fine Dining Restaurant nur eine Toilette haben. Wo „Fine Dining“ drauf steht ist nicht unbedingt „Fine Dining“ drin. Das merke ich spätestens beim ersten meiner drei bestellten Gänge. „SeafoodSalat“ stand viel versprechend auf der Speisekarte, aber irgendwie haben es wohl die Folgen der Überfischung der Meere bis auf meinem kleinen Teller geschafft. In jedem Goldfischglas ist mehr Seafood drin als in meinem Salat, aber der Küchenchef hat ja noch zwei weitere Gelegenheiten meinen Gaumen zu streicheln. Es dauert eine Weile bis der nächste Gang serviert wird. Diese absichtlich eingebauten Geschmacks und Quatschpausen sind für jemanden der hungrig und alleine am Tisch sitzt unerträglich. Es ist keiner da, mit dem man über den ersten köstlichen Gang gemeinsam schwärmen könnte und es war ja auch kein erster Gang da, über den man hätte schwärmen können. So sitze ich dort und es wird mir bewusst dass ich alleine und einsam bin. Dieses Gefühl geht auch nicht weg, wenn ich zu meinem Reisepartner Mr. Wilson rüber schaue der in seinem Piratenkostüm wie eine Galionsfigur an meinem Fahrradlenker baumelt. „Tja Mr. Wilson da sind wir nun. In Stonetown auf Sansibar, sitzen am Hafen und können aufs Meer schauen. Und doch fehlt etwas!“ „Happiness is only real when shared!“ Schrieb Christopher Mc Candless aus dem Film „into the wild“ in sein Tagebuch, als er in der Wildnis von Alaska alleine in seinem Bus hockte und keiner da war, mit dem er die schönen Momente teilen konnte. Etwas melancholisch und noch in Gedanken versunken schlürfte ich meinen Joghurtdrink mit dem Strohhalm aus, bis dieses Geräusch entsteht, welches auch allen Gästen an den Nachbartischen um mich herum signalisiert, dass das Glas jetzt wirklich leer ist. Den Joghurtdrink mussten sie mit Wasser mixen weil keine Milch mehr da war. Darauf hatten sie mich aber schon vorher aufmerksam gemacht. Ich hoffe nur, dass die gegrillten Calamare noch vorrätig sind, die als nächster Gang angekündigt wurden. Sind Sie, also nicht „sie“ sondern „er“. Kein Plural, sondern Singular. Ein einziger Calamar liegt auf dem Teller und dieser gehörte in seiner Clique auch nicht zu den übergewichtigen Kollegen sondern wohl eher zu den Sportlern. Lang und dünn, lecker angemacht ist er genauso schnell verputzt wie ein Löwe ein kleines Meerschweinchen verspeisen würde. Ich und auch der Löwe sind noch nicht satt. Er könnte noch locker eine ganze Gazelle auffuttern … Und ich auch. Zum Nachtisch gibt es überraschenderweise keine Gazelle sondern eine Schale Obstsalat. Ich korrigiere, ein Schälchen Obstsalat. Die nette Kellnerin räumt den Tisch ab und lächelt auffordern „Waren Sie mit dem Dinner zufrieden, Mister?“ Der Mund spricht manchmal schneller als der Kopf denken kann, und manchmal ist das auch besser so. In diesem Fall war es weiser zu antworten. „Ja, ausgezeichnet, Chakalaka!“ (Was in der Sprache der Einheimischen so viel wie lecker bedeutet), als die Gedanken auszusprechen die ihr gerne verraten hätte. Ob ihren tollen „ Seafoodsalat“ nicht besser einfach nur in „Foodsalat“ umbenennen sollten? Ob sie als toter Single Calamar nicht auch lieber in Gesellschaft serviert werden würde? Ob es ihr etwas ausmachen würde zum Nachtisch eine gegrillte Gazelle für meinen Löwen zuhause einzupacken? Ich bezahle meine 42.000 Schillinge (ca. 20 €) aber meine Gedanken behalte ich für mich. Vielleicht waren meine Erwartungen einfach zu hoch? Das nächste Mal kaufe ich mir von dem Geld einfach 420 Bananen… Am Hafen finde ich recht schnell ein Segelboot, welches mich in die Stadt Bagamoyo auf dem Festland mitnimmt. Fünf US-Dollar verlangt das Hafenamt als Gebühr. Wofür auch immer? Dafür bekomme ich aber auch einen Stempel von Sansibar in meinen Reisepass und das ist mir der Spaß wert. Ein Ausreisestempel von einer Insel bei der ich nie offizielle eingereist bin. Ob das nicht mal zu Komplikationen bei der nächsten Polizeikontrolle führen kann? Das weiße Segel ist gehisst und der Wind spannt das riesige Leinentuch auf. Die Matrosen ziehen an dicken Seilen und klettern hektisch über Deck. Der Kapitän steht am Ruder, seinen Blick zum Horizont gerichtet und einer Mine eines alten Seebären, den keine große Welle oder heftiger Sturm von seinem Platz vertreiben könnte. Hört sich alles so an, als ob ich auf dem richtigen Schiff gelandet wäre. Trotzdem sitze ich etwas beunruhigt an der Reling. Es ist sicher ganz normal, dass schon nach kurzer Zeit ein Mann damit beschäftigt ist, mit einem Plastikeimer Wasser aus dem Boot zu schöpfen. Der Laderaum ist bis an den Rand mit roten Gasflaschen beladen, wo es mich auch nicht wirklich beruhigt mir einzureden, dass sie bestimmt alle leer sind. Der Kapitän trägt zwar eine harmlos wirkende bescheuerte selbstgestrickte bunte Zipfelmütze, aber wenn er zu mir rübergrinst, fühle ich mich wie auf einem somalischen Piratenschiff. Fehlen nur noch die Totenkopf-Flagge, ein sprechender Papagei und ein paar Fässer mit Rum. Auch den Sonnenuntergang kann ich nicht wirklich genießen, weil es jetzt dunkel wird und noch kein Land in Sicht ist. „Die Jungs segeln die Strecke jeden Tag“ versuche ich meinem klopfenden Herz Mut zu machen. „Bei Fahrradtour ertrunken“ ist der nächste Gedanke an die Schlagzeile auf der Titelseite einer bekannten Boulevardzeitung. Der Wellengang wird ungemütlich. Da ich die Wellen auch nicht mehr anrollen sehe, kann ich erst reagieren wenn sich das Boot schon nach oben hebt und gleich darauf wieder nach vorne kippt. Eine Achterbahnfahrt im Dunkeln wo der Tunnel nicht nach 30 Sekunden zu Ende ist und wo auch kein beruhigendes Gefühl mitfährt „ ein TÜV Prüfer hat sich das alles ja auch schon mal genauer angeschaut bevor der Freizeitpark eröffnen durfte.“ Kein TÜV-Siegel und kein Licht am Ende des Tunnels. Dafür Piraten Kapitän mit Zipfelmütze, auf einem Berg Gasflaschen sitzend, Wasser im Boot und kein Land in Sicht. Meine letzten Stunden im Leben hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. „Lichter!“ schießt es mir durch den Kopf, als ich mal wieder meinen Augen öffne. Ich hatte sie geschlossen und habe nur noch dem Wasser gelauscht, welches bei jeder Welle an die Seitenwand klatscht. Nur ab und zu unterbrochen vom Plätschern, wenn mit dem Eimer Wasser aus dem Boot geschöpft wird. Da tauchten ganz eindeutig helle Punkte in der Dunkelheit auf. Das bedeutet Land und Land heißt Sicherheit, Boden unter den Füßen und kein Wellengeschaukel mehr. Erst jetzt bemerke ich, dass ich bei dem ganzen Trouble ganz vergessen hatte seekrank zu werden. Es dauerte noch weitere anderthalb Stunden bis wir endlich den Strand mit den Scheinwerfern erreicht hatten. Ja richtig, einen Strand, kein Hafen, kein Anlegesteg. Also wieder Fahrrad und Taschen an Land tragen während einem das kühle Wasser bis zur Brust steht. Zitternd stehe ich nun, nur mit der nassen Boxershorts bekleidet zwischen meinen Taschen am Strand und betrachten das Segelschiff, welches da nun vor mir so unschuldig vor Anker liegt. „ Nie wieder Boot fahren“ verspreche ich meinem Körper, der sich auf eine heiße Dusche freut. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern wie das Gästehaus in Bagamoyo hieß, wo ich diese Nacht verbrachte, aber ich weiß noch ganz genau das sie kalte Cola hatten und die heiße Dusche funktionierte. Tag 36 Von Bagamoyo führt eine Schotterpiste 80 km bis zur Hauptverkehrsstraße, die aus Dar Es Salaam kommt. Auf dieser Strecke sind alle unterwegs die von Tansania nach Malawi oder Sambia Reisen wollen. Große LKWs Busse und Autos rasen dort auf gutem Asphalt ins Landesinnere. Aber noch strampel ich mich auf der Piste vorwärts, auf der abgesehen von ein paar Fußgängern überhaupt kein Auto unterwegs ist. Ich habe zwar eine gute Karte von der Gegend, aber ich frage sicherheitshalber den ersten Menschen, dem ich an diesem Morgen begegne nach dem Weg nach Mlandiz. „Fünf Kilometer weiter und dann links abbiegen“ antwortet er kompetent. 5 km weiter ist weit und breit keine Abzweigung zu sehen. Auch nach weiteren 5 km geht es nicht nach links. Ich frage in einer Ortschaft erneut nach dem Weg und esse gleichzeitig auch noch fünf frische Orangen bei den Jungs am Marktstand. „Fünf Kilometer zurück und dann nach rechts“ ist die Antwort die mathematisch gesehen logisch klingt aber da war nichts. Dem Mann vom Orangen-Stand gefällt mein großes Klappmesser und weil es ihm zu stumpf ist schleift er es schnell für mich. Echt total lieb! Mit einem verdammt scharfen Messer in der Tasche fahre ich die mir schon bekannte Strecke durch die Felder zurück und fahre nach 5 Kilometern durch das Tor, wo ich dachte das es der Eingang zu einem Privatgrundstück sei. Es entpuppt sich aber als meine gesuchte Straße. Die Gefahr einer Gruppe Gefängnisinsassen vorbei, die alle in orangen Overalls gekleidet in Begleitung von bewaffneten Wärtern mir entgegen marschieren. Sonst passiert bis zum späten Nachmittag nichts spannendes mehr. In Kigogomi gönne ich mir eine kühle Sprite und esse Bananen. Von der Küste aus geht es zwar immer bergauf aber die Steigung ist so gering, dass sich die beim radeln kaum bemerke. Eine kleine Senke liegt vor mir und ich freue mich auch mal wieder bergabzufahren. Ich beschleunige der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, kriecht durch mein Hemd und kühlt angenehm. Am tiefsten Punkt angekommen bemerke ich zu spät den weichen Sand der sich in der Senke angesammelt hat und kann nicht mehr rechtzeitig bremsen. Mit 30 Km/h wühlen sich die Reifen durch den tiefen Sand. Dadurch werde ich zwar langsamer, aber ich kann nur schwer den Lenker in der Spur halten, der links und rechts ausbrechen möchte. Ich nehme die Füße zur Hilfe um die Balance zu halten und nicht in der nächsten Sekunde über den Lenker zu fliegen. Als ich endlich zum Stehen komme fährt ein kleiner Schauer durch meinen Körper und ich zitter kurz. „ scheiße, das war knapp“ murmel ich immer noch etwas gestresst. So schnell kannst du im Graben liegen und wer weiß wann dich jemand findet. Danke Schutzengel, für heute hast du Feierabend. Mit immer noch weichen Knien schiebe ich die restlichen Meter durch den Sandkasten. Erst jetzt fallen mir die Hütten auf, die neben mir zwischen den Bäumen stehen. Das soll dann wohl mein Platz für heute Nacht sein, versuche ich die Zeichen des Schicksals zu deuten. Zumindest die Kinder der Familie scheinen sich über mein Besuch freuen und laufen mir schreiend entgegen. Die Mutter hat sich von ihrer Matte erhoben und beobachtet erst mal den weißen Fremden der sein Fahrrad über ihr Grundstück schiebt. Scheinbar unbeeindruckt von der Gesamtsituation ist nur die Oma die weiter in ihrem Holzgefäß die Maiskörner zu Mehl stampft. Als ich auf ihrer Höhe angekommen bin frage ich höflich ob ich am Rande ihres Gartens unter dem Baum mein Zelt aufschlagen darf. Die Kinder, die wohl am besten Englisch verstehen, rufen gleich „ yes“. Nachdem sie der Mutter alles in kisuaheli übersetzt haben stimmt auch diese zu. Die Oma hat nun aufgehört zu stampfen und macht mir mit einer typischen Handbewegung klar, dass sie gerne Geld haben möchte. Mein Problem ist, dass ich nur noch 700 Schillinge habe. Was mir aber auch erst bewusst wird als ich in meinem leeren Geldbeutel krame. Diese umgerechnet 0,35 € gebe ich der alten Dame und alle scheinen zufrieden zu sein. Beim Zeltaufbau werde ich von etwa zehn Kindern und Jungs aus der Nachbarschaft beobachtet, genauso wie beim Spaghetti kochen. Da ich ein paar Hühner über den Hof rennen sah, biete ich einem der Jungs ein Tauschgeschäft an. Ein roter Luftballon gegen ein Ei. Er freut sich über den Luftballon und läuft zurück zum Hof. Dass er nicht mehr mit einem Ei zurück kommen wird ist mir dann auch nach 10 Minuten klar und so esse ich die Spaghetti nur mit Tomaten und ohne Spiegelei. Weil ich doch ein kleines schlechtes Gewissen habe, hier für 0,35 € zu übernachten montierte ich der Familie meine Wäscheleine zwischen Hausdach unter Papayabaum. Ihre Schnur hing so tief dass ich mich mehrmals fast stranguliert hätte und so konnte ich mich doch etwas dankbar zeigen. Ich liege im Zelt und würde eigentlich gerne schlafen. Die Kinderscharr lief auch erst dann nachhause als ich mein Fahrrad in den Baum gehängt hatte und mit dem Zuziehen meines Reißverschlusses vom Zelteingang die Show für heute Abend beendete. Dann sitzt plötzlich die Alte genau vor meinem Zelt und diskutiert wild mit einem Mann, der wohl auch aus der Nachbarschaft gekommen war um sich mal den weißen Fremden auf dem Fahrrad anzuschauen. Der weiße Fremde ist es jetzt aber hundemüde und würde gerne schlafen. Das ist aber unmöglich wenn sich diese zwei Herrschaften so laut unterhalten. Natürlich ist es ihr Land und ich bin nur zu Gast. Aber ihr Land ist so groß, da müssen sie doch nicht genau bei mir ihren Abend verbringen. So ähnlich sage ich das auch den beiden Hübschen, nur etwas freundlicher und mit zahlreichen Gesten, so dass sie auch, obwohl sie kein Wort von dem verstanden haben, sich doch erheben und laut schimpfend Richtung Hütte dackeln. Nur nicht aufregen, ist schlecht für den Blutdruck. Tag 37 Der Abschied von der netten Gastfamilie verläuft unspektakulär. Ich war einfach so früh aufgestanden, dass ich leise vom Hof schleichen konnte bevor die Bewohner wach waren. Nur die Hühner hüpften schon wild gackernd umher. Wie toll jetzt ein Frühstücksei wäre, so mit gebratenem Speck. Oder Pfannkuchen mit Erdbeermarmelade und Zimt und Zucker. Schwarzbrot mit Honig klingt auch viel versprechend. Ein Müsli mit Cornflakes und kleinen Apfelstückchen. Warmes knuspriges Toastbrot mit geräuchertem Lachs und einer Spitze Sahne Meerrettich oder gleich ein ganzes Frühstücksbuffet „all you can eat“! So verbringe ich die ersten Kilometer 37. Tages gedankenverloren über Frühstückskreationen fantasierend, die ich hier alle nicht haben konnte. Ich erreiche Mlandiz und gönne mir ein Ginger Bier im Schatten der Bretterbude in der ich niemals einen funktionierenden Kühlschrank vermutet hätte. Positiv überrascht werde ich auch vom Straßenzustand. Relativ neu geziert mit einem Seitenstreifen auf die man auch zu zweit nebeneinander hätte fahren können. Tippi toppi und so komme ich auch schnell voran. Nach 51 km mache ich Mittagspause in Chalinze. Auf dem Tisch breite ich die Karte aus und rechne zusammen wie viele Kilometer es noch bis Malawi sind. Noch 800 km bis zur Grenze, also noch zehn Tage auf dieser Straße. Am Nachmittag wird die Strecke hügeliger und als ein Berg zu steil wird steige ich ab und schiebe mein schweres Bike. 3 km/h zeigt der Tacho an und der Anstieg sieht sich ewig hin. Ich könnte jetzt auch zuhause auf der Couch liegen und „Simpsons“ gucken. Im Backofen brutzelt eine Pizza Hawaii und vor mir steht ein Glas gekühlte Apfelschorle. Aber nein, ich musste ja unbedingt mit dem Fahrrad durch Afrika radeln. Das hatte ich nun davon. Keine Simpsons, keine Tiefkühlpizza, dafür sportliche Herausforderungen in Tansania und zur Belohnung einen Schluck warmes Wasser aus der Plastikflasche ohne Zucker und ohne Geschmack. Die Spitze des Berges ist erklommen, auf dem Tacho stehen 90 km und so entschließe ich mich dazu für heute Schluss zu machen. In der Gegend wohnt niemand und ich kann einfach nach 150 m abseits der Straße mein Zelt hinter Büschen versteckt aufbauen. Es gibt keine Pizza Hawaii sondern die Spaghettireste von gestern. Auf der Straße habe schon ab und zu das Gefühl alleine zu sein und mir fehlt ein Gesprächspartner. Aber heute Nacht sollte ich nicht allein… Tag 38. Ameisen, tausende von Ameisen. Ich mag Ameisen, die sind sehr wichtige und nützliche kleine Tierchen, die in der Natur für Ordnung sorgen. Ich gehörte auch nicht zu den Lausebengeln, die mit einem Stöckchen den Ameisenhaufen terrorisierten. Es kam wohl eher mal vor das ich sie mir als Kind in den Mund gesteckt habe weil ich alles probieren musste. Die letzte Nacht hat allerdings mein Verhältnis zu Ameisen stark verändert. Es war so gegen 3:00 Uhr als mich etwas in den Arm zwickte. Ich schlafe unbeeindruckt weiter. Das Gehirn im Stand-by versucht den kleinen Schmerz erst mal zu verdrängen. Nach dem zehnten Zwicker an verschiedenen Körperstellen werde ich dann doch wach. Es ist stockdunkel und ich sehe nichts. Die Hand tastet suchend in der Ecke herum wo eigentlich die Stirnlampe liegen müsste. Die Ohren vernehmen ein Knistern unter dem Zeltboden. Ich lege meinen Kopf flach auf den Boden und das Geräusch nun lauter. Eine Rascheln und Knistern, ganz eindeutig. Aber das kann unmöglich von einem einzigen Tier stammen. „Aua“ schon wieder ein Biss, diesmal in den Bauch. „Wo ist denn die verdammte Stirnlampe. Ich würde gerne sehen wer mich da mitten in der Nacht versucht anzuknabbern!“ Ich finde die Lampe und die Lampe findet den Störenfried. Nicht nur Einen…. Es sind Hunderte. Wo kommen all die Ameisen her und wie sind sie in mein Zelt gekommen? Der Reißverschluss ist zu, darauf achte ich jeden Abend ganz genau. Unzählige große und kleine Ameisen krabbeln in meinem Zelt herum. Auf der Suche nach Arbeit, der großen Liebe, oder dem Sinn des Lebens? Keine Ahnung. Warum sie mich beißen? Keine Ahnung. Sollte ich froh sein das sie zur Familie der Beiß-Ameisen gehören nicht zu den Säurepinklern? Auf jeden Fall weiß ich, dass ich jetzt um 3:00 Uhr nachts lieber alleine schön in meinem Schlafsack geschlummert hätte, als ihn mit der Ameisenfamilie zu teilen. „Aua“ schon wieder ein Biss. Diese Mistviecher, euch werde ich es zeigen. Sie sind nun überall. Unter dem T-Shirt, „Au“ im Schlafsack, in den Haaren „ Au“, bis in die Boxershorts haben Sie sich schon vorgekämpft. Es beißt und zwickt überall. Als ich unter meine ISO-Matte schaue sehe ich nur ein einziges Gewusel. Was hatte ich Ihnen nur getan? Also ich das Zelt aufgebaut hatte war keine Ameise weit und breit zu sehen. Rieche ist schon so sehr nach totem Tier, dass sie dachten hier müsste mal aufgeräumt werden und der Kadaver in kleinste Stücke zerteilt abtransportiert werden? „Halt ihr fleißigen Ameisen, das ist ein Irrtum, ich bin noch nicht tot!“ Ihr tut mir weh und ich würde euch jetzt höflich darum bitten mein Zelt zu verlassen. Ich bin hundemüde und würde gern noch ein bisschen schlafen. Brav in 2er Reihe angestellt und Händchenhaltend wie beim Schulausflug krabbeln nun alle Ameisen zum Zeltausgang und rufen leise „ sorry“ Leider nicht. Mein hilfloses Gequatsche bringt keinen Erfolg. Im Gegenteil. Ich habe den Eindruck dass es immer mehr werden. Ich kann kein Ameisisch und die verstehen kein Deutsch. Sollte ich es mal auf Englisch versuchen? „ Get the fuck out of here, you fucking ants!“ Schrei ich verzweifelt aber keiner hört mich. Als ich mir den Zeltboden genauer anschaue bemerke ich ein paar kleine Löcher in der Plane. Genau in dem Moment zwängt sich eine große dicke Ameisen durch den Geheimgang und steht erst mal verwirrt bei mir im Schlafzimmer. Dann fängt sie an orientierungslos auf ihren sechs Beinchen umher zu krabbeln, so wie es ihre 378 anderen Kumpels auch tun. Euch werde ich zeigen wo der Ausgang ist und ich öffne das Moskitogitter und auch die zweite Zeltplane. Draußen ist es kalt und eine sternenklare Nacht ohne Mond empfängt mich vor der Tür. Die knorrigen Äste der großen alten Bäume sehen aus wie Monsterarme, die den Himmel begrapschen wollen. Keine Angst vor Monsterbäumen, aber die Minimonster in meinem Zelt treiben mich an den Wahnsinn. Ich ziehe mein T-Shirt aus und entferne erst mal die Kollegen, die sich in meiner ersten Hautschicht festgeklammert haben. Es rollen die ersten Köpfe. Naja der Ameisenkopf hängt noch mit den großen Zangen in meinem Unterarm fest. Der Rest des kleinen Körpers ist in meiner Hand. So ein Sturrkopf. Ich töte eigentlich nur Tiere, die ich auch essen möchte. Also so gut wie nie. Heute aber ist es unmöglich alle Ameisen lebendig aus dem Zelt zu befördern. Zuerst klebe ich die Löcher im Zeltboden zu, so dass es nicht noch mehr werden. Ich will gar nicht wissen wie es unter meinem Zelt aussieht. Dann werfe ich die ISO-Matte und den Schlafsack raus und versuche die Ameisen aus dem Zelt zu pusten. Dabei muss ich immer wieder Bisse einstecken, die meistens ohne langes Gerichtsverfahren wegen Körperverletzung mit dem sofort vollstreckten Todesurteilen durch Zerquetschen bestraft werden. Das mache ich nicht gerne aber die haben angefangen. Beleidigt gebe ich nach einer Weile auf. Es ist 3:30 Uhr als ich kapituliere und das Schlachtfeld räumen. Ich überlasse das Zelt der Übermacht und lege mich 10 Meter entfernt auf die ISO-Matte unter freiem Himmel. Den Schlafsack schüttele ich aus und lege ihn wie eine Decke über mich, damit ich nicht frieren muss. Morgen Früh hat sich der aufgebrachte Mob dann hoffentlich wieder beruhigt und ich kann in Ruhe das Zelt abbauen und weiterfahren ohne Begleitung der Ameisenarmee. Meine Hoffnung auf 2 Stunden ruhigen Schlaf wird schon um 4:00 Uhr wieder durch mehrere Zwicker und Beißer zerstört. „Diese Scheißviecher“ schimpfe ich wie ein Rohrspatz. Dabei hüpfe ich wie Rumpelstilzchen durch die Dunkelheit. Ich zerre am T-Shirt und versuche die Plagegeister zu lokalisieren, die sich immer wieder durch Bisse in die Haut verraten. Die Ameisen-Gemeinde wird wohl ein Denkmal aufstellen um an das heutige Massaker zu erinnern. Es ist ein unfairer Kampf, den ich nur verlieren kann. Ich möchte keine weiteren Ameisen Leben auslöschen. Ich kann mir nicht erklären wie sie mich so schnell wieder gefunden haben. Es würde auf jeden Fall keinen Sinn machen noch einmal umzuziehen. Sie würden wieder zum kuscheln in meinen Schlafsack kriechen. Erschöpft und müde baue ich mein Zelt ab. Bevor ich es zusammenfalte und in die Zelttasche stopfe vergesse ich nicht die Bewohner vorher heraus zu schütteln. Sonst habe ich morgen Nacht wieder so ein Spaß. Es ist noch dunkel als ich wieder an der Stelle der Straße stehe, wo ich noch vor 10 Stunden mit dem Gedanken „ Hier ist doch ein idealer Platz für mein Nachtlager“ abgebogen war. Konnte ich auch nicht wissen dass hier Killer-Ameisen leben die sich durch Zeltböden fressen und dann hilflose weiße Radfahrer in den Hintern beißen. Der Tacho zeigt 4.30 Uhr an. So früh war ich noch nie unterwegs gewesen aber es war auch irgendwie spannend. Kein Verkehr, saubere kühle Luft bläst dir entgegen, ganz alleine fährst du durch die Nacht. Alles schläft noch, es ist ruhig, keine Vögel zwitschern. Nur das Abrollgeräusch deiner Reifen auf dem Asphalt ist zu hören. Nur sehr langsam erhellt sich der Horizont, wo erst in 1 Stunde die Sonne auftauchen wird. Im Lichtkegel der Fahrradlampe folgst du der gelben Straßenmarkierung. Ab und zu musst du Zweigen oder größeren Steinen ausweichen, aber bei der Landschaft, die noch im Dunkeln versteckt liegt, verpasst du nichts. Wahrscheinlich ist es sogar interessanter nachts durch diese Gegend zu fahren als tagsüber. Mein Magen knurrt und erinnert mich daran, dass ich mal wieder etwas Essen sollte. Da kommen mir die Gemüsehändler gerade recht die schon um diese Zeit ihre Stände aufbauen. Gibt leider nur Tomaten, aber das ist mir egal. Dann gibt es eben heute fünf Tomaten zum Frühstück, die ich auch sofort ungewaschen verzerre. So hat mein Bauch auch mal wieder etwas zu tun. Um 6:00 Uhr komme ich dann doch noch an einem Obststand vorbei der auch Bananen und Orangen verkauft. Vier Orangen und fünf Bananen später stellt sich so etwas wie ein Völlegefühl ein. Es wird nicht lange anhalten. Das weiß ich. Spätestens in 1 Stunde könnte ich wieder ein halbes Wildschwein verspeisen. Es ist echt schlimm. Ich könnte den ganzen Tag essen. 28 km habe ich heute Morgen schon hinter mich gebracht. Die Sonne war schön aufgegangen und nach und nach konnte ich meine zweite und dritte Schicht Klamotten ausziehen. Nun bin ich kurz vor Morogoro, als eine junge Frau neben ihrem Kleinlaster am Straßenrand steht. Es scheint fast so als ob sie auf mich gewartet hätte. Ich bin erst verwundert, weil es sehr ungewöhnlich ist, eine weiße Frau mit Kleinlaster in Tansania zu sehen. Sie lächelt mich an und ich versuche auch zu lächeln, bin aber auch noch gut damit beschäftigt, den erhöhten Bedarf an Sauerstoff einzusaugen, den meine Lungen nach dem Anstieg dringend brauchen. „ Ich heiße Simone“ sagt sie zu mir auf Englisch, aber mit einem Akzent, der mir sofort verrät, dass wir dasselbe Heimatland haben. „Alex“ sage ich auf Deutsch so dass sie sich nicht weiter mit Englisch rum quälen muss. „Schön dich kennen zu lernen!“ Ich erfahre von ihr, dass sie und ihr Freund Daniel auch mit dem Fahrrad hier sind. Zurzeit arbeiten sie aber auf einer Bio-Farm, bevor sie dann die nächsten Monate weiter um die Welt radeln. „super,“ was für ein Zufall. Bis jetzt hatten sich die Fahrradfahrer, die sie am Straßenrand immer wieder gesehen hatte, als Einheimische mit beladenen Kohlesäcken entpuppt. Aber als sie mich jetzt dabei sah wie ich mich den Berg hochquälte, mit all den Taschen und rotem Gesicht hatte sie sich gedacht „der ist genauso verrückt wie wir!“ und wartete auf mich. Da sie auch nach Morogoro fährt um dort auf den Markt ein paar Sachen einzukaufen und ich ja auch in die Stadt wollte, um mir mal im Krankenhaus das Ohr durchchecken zu lassen fahren wir gemeinsam die restlichen Kilometer. Ich sitze vorne auf dem Beifahrersitz, das Fahrrad liegt hinten auf der Ladefläche und es ist angenehm die Berge hoch und runter fahren ohne selber strampeln zu müssen. Vor dem Krankenhaus von Morogoro steige ich aus und wir verabreden uns 1 Stunde später wieder hier am Eingang. Dass ich nicht wie erhofft nach 5 Minuten wieder draußen sein würde, wird mir spätestens dann bewusst, als ich die vielen anderen Menschen in der Wartehalle sehe. Jung und Alt, krank und kränker sitzen und liegen hier alle herum und warten. Ahnungslos frage ich eine Schwester, die an mir im olivgrünen Kittel vorbei läuft, was ich machen muss wenn ich zu einem Ohrenarzt möchte? Ich soll mich dort anstellen und dabei deutet sie auf ein vergittertes Fenster vor dem auch schon einige Leute warten. Ich setze mich erst mal auf einen freien Platz auf der Steinbank und beobachte die Menschentraube, die mit irgendwelchen Zetteln in der Hand wild in der Luft herumfuchteln. Wer hinter dem Fenster sitzt kann ich wegen der vielen aufgebrachten Menschenkörper noch nicht sehen aber es scheint so als ob sie sich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen würde. Alle paar Minuten verlässt ein Patient den Wartebereich und läuft den Gang entlang, wo es wohl zu den verschiedenen Ärzten geht. Nach 10 Minuten sitze ich immer noch auf meiner Steinbank. Gut erzogen habe ich mich natürlich ganz hinten an der Reihe angestellt. Zumindest dachte ich dass dies das Ende der Schlange sei, aber es geht nichts vorwärts. Die Leute um mich herum beobachten mich mitleidig.“ Warum schauen die so?“ frage ich mich. Weiße Menschen werden auch mal krank. Ich frage meinen Banknachbarn wo ich denn diesen Zettel her bekomme, den hier jeder ganz stolz in der Hand hält und nicht aus den Augen verliert. „Da drüben!“ deute ich seine Körpersprache, was jetzt nicht so ein Kunststück ist, weil ich mit meinen Augen einfach nur seiner ausgestreckten Hand folgen muss. Sein Zeigefinger zeigt unmissverständlich auf ein weiteres Fenster auf der anderen Seite der Halle. Dort stehen auch einige Leute, wild gestikulierend, aber ohne Zettel in der Hand. Gequält lächelnd danke ich dem Mann für die Info und sofort verschwindet mein Lächeln wieder. Grummelnd stapfe ich durch die Halle, gefolgt von den vielen Blicken der mitleidenden Wartenden. Als weißer Mann im afrikanischen Krankenhaus falle ich hier auf, wie Rudolph Mooshammer in der Damenumkleide. Nun stehe ich hoffentlich in der richtigen Schlange an, am richtigen Fenster, für Patienten ohne Zettel. Als ich endlich nach weiteren 10 Minuten mit einem blauen Patientenpass in der Hand die erste Hürde der tansanischen Krankenhausbürokratie genommen hatte, blieben mir nur noch 30 Minuten bis ich wieder Simone an der Straße treffen wollte. Der nächsten Krankenschwester die mir über den Weg läuft, erkläre ich kurz meine Situation und plötzlich ist alles ganz einfach. Als wenn jemand auf die Taste „Vorspulen“ gedrückt hätte, folge ich ihr zu dem Fenster, an dem ich heute schon einmal gewartet hatte, vorbei an allen anderen Patienten. Ich reiche meinen kleinen blauen Zettel durch die Gitterstäbe und nachdem ich in einer Liste handschriftlich erfasst wurde folge ich weiter meine Lieblingskrankenschwester durch die verschiedenen Gänge bis in einen Raum, wo wieder mindestens 50 Leute geduldig auf Steinbänken sitzen und warten. Hier muss man schon zwei Tage vom Jahresurlaub nehmen um sich krankschreiben zu lassen. Ein kleines schlechtes Gewissen habe ich schon als ich als weißer Mann vorgezogen werde. Ohne Wartezeit gehe ich durch eine weitere Tür und bin endlich am Ziel meiner langen Reise durchs Krankenhauslabyrinth angekommen. Eine gut aussehende junge Ärztin sitzt mir gegenüber und nach wenigen Minuten bin ich auch schon wieder draußen. In der Hand halte ich einen weiteren weißen Zettel, mit dem ich ins Labor gehen soll um einen Abstrich von meinem Ohrensekret machen zu lassen. Um die nächsten Schritte etwas abzukürzen jetzt im Zeitraffermodus. Zurück in die große Halle. Am Schalter 2500 Schillinge Laborkosten bezahlen. Weiter Richtung Labor laufen. Auf dem Weg zum Labor verlaufen. Nach dem Weg fragen. Im Kreis zurück zum Labor laufen. Zahlbestätigung für Laborkosten vorzeigen. Mit Wattestäbchen selber Abstrich vom Ohr machen. Kurz vor Kreislauf Zusammenbruch noch rechtzeitig auf einen Stuhl fallen lassen. Wasser trinken, durchatmen, aus dem Krankenhaus raus um fast pünktlich an der Straße zu stehen, wo Simone schon auf mich wartet. In drei Tagen kann ich dann das Ergebnis der Laboruntersuchung abholen. Ich bin froh als ich wieder draußen an der frischen Luft bin. Das war also der zweite Krankenhausbesuch meines Lebens. Beim ersten Besuch habe ich noch nicht so viel mitbekommen. Bin da ja auch erst auf die Welt gekommen. Ohne Blauklötzchen und Frauenzeitschriften im Wartezimmer macht so ein Krankenhausaufenthalt auf jeden Fall keinen Spaß. Ich werfe einen Blick auf meinen Patientenpass. „Alex Player“ steht da drauf gekritzelt und eine Nummer. „Alex Player“ geht mir durch den Kopf. Mein Künstlername für Afrika. Sie hatten meinen Nachnamen in der Hektik einfach falsch verstanden. Um meinen Zuckerhaushalt wieder auszugleichen trinke ich eine kalte Cola auf den Markt und dann geht es zurück zu Simones Farm. Das Farmgelände ist riesig und früher bauten sie hier Mangos für den Export an. Daher stammt auch der Name „Kimango Farm“. Heute haben sie sich auf den biologischen Anbau von Chilischoten und Zitronengras spezialisiert. Simone führt mich herum und zeigt mir alles. Das Haupthaus mit Swimmingpool und einer schönen Natursteinterrasse. Nebenan stehen mehrere Bungalows für Feriengäste. In der Werkstatt lerne ich Simones Freund Daniel kennen, der gerade einen alten Traktor repariert. Die Augen fangen an zu tränen als wir uns der Chilischoten Trocknungsanlage nähern. Dort werden die Schoten in einem Kessel über einem Holzfeuer getrocknet und deshalb brennt die Luft. Im wahrsten Sinne des Wortes. Bei der Zitronengrasverarbeitung geht es weniger heiß zu. Die getrockneten Gräser werden gehäckselt und dann säckeweise in einem Container gelagert. Auch in deutschen Biomärkten gibt es Teesorten mit dem Zitronengras von der „Kimango Farm“ aus Tansania. Feierabend für heute. Die Arbeiter gehen nachhause und ich sitze mit Daniel und Simone auf der Terrasse. In einem bequemen Stuhl zu sitzen ist so wunderbar. Die Köchin des Hauses verwöhnt uns mit einem leckeren Nudelgericht. Dazu gibt es einen gemischten frischen Salat aus dem eigenen Garten mit Balsamico Dressing. Mir geht es so gut und ich genieße die Gesellschaft. Es gibt so viel zu erzählen und es wird spät am Abend, bis wir alle müde ins Bett gehen. Ich habe mein Zelt im Garten aufgebaut, in sicherem Abstand zur Sprinkleranlage, die morgens automatisch den Rasen bewässert. Auch den Boden habe ich gründlich nach verdächtigen Spuren von Ameisenkolonien untersucht bevor ich mein Zelt aufgebaut habe. Ich freue mich über die glücklichen Zufälle immer wieder im richtigen Moment den richtigen Leuten über den Weg zu laufen. Mit vollem Bauch und Gedanken wie wohl das Ergebnis der Laboruntersuchung für „ Alex Player“ ausfallen wird, schlafe ich friedlich ein. Alex Player , tz, tz, tz … Tag 39 Ruhetag Der 39. Tag in Afrika beginnt mit einer herrlich warmen Dusche. Wunderbar, wie die warmen Wassertropfen meinen Körper berieseln. Mit geschlossenen Augen genieße ich den warmen Regen und die Massage meiner Kopfhaut. Ich stelle mir vor wie ich bei tropischem Regen im Dschungel stehe und die heißen Wassermassen durchdringen meine Kleider bis unter die Haut… Der Gedanke an den Wasserverbrauch pro Minute künstlichen Monsunregens im Badezimmer lässt mich nach 5 min wieder vernünftig werden und ich stelle den Regen ab. Ich schüttel mich wie ein frisch gewaschener Hund und hüpfe nackig durch den Garten bis mich die Sonnenstrahlen getrocknet haben. Gute Idee, aber ich möchte die Hausgäste nicht erschrecken und deshalb gibt es keinen FKK-Spaziergang. Daniel ist schon fleißig in der Werkstatt und ich nutze die Gelegenheit, um bei meinem Fahrrad verschiedene Verschleißteile auszutauschen. Die Kette wird getauscht und neue Kettenlaufrädchen montiert. Mit altem Diesel reinige ich die vom Straßenstaub verschmutzten Ritzel und tausche die Bremsklötze aus. Jetzt bin ich wieder gerüstet für die mir noch bevorstehenden 3000 Kilometer. Zum Lunch gibt es echten deutschen „Gouda“ Käse auf Vollkornbrot. Eine Delikatesse in einem Land wo Käse so selten ist, wie saubere „Dixie“ Toiletten auf einem Rockkonzert. Der erste Käse nach einem Monat. Eigentlich gehört der Gouda den Besitzern der Farm und die hatten ihn extra aus Deutschland mitbringen lassen. Sie merken sicher nicht, dass wir ein paar Scheiben von ihrem Stück Käse abgeschnitten haben. Und noch eine Scheibe, ich betrachte den verbleibenden Rest der goldgelben Versuchung in Form von einem kleinen Stück Gouda Käse. Och, eins geht schon noch… und noch ein letztes Klitzekleines! Ich habe noch nie in meinem Leben ein Stück Käse solange genossen wie an diesem Tag in Tansania. Heute Abend kommen die Besitzer, der Farm zurück von ihrem 3 Tage Trip und bis dahin muss ich spurlos verschwunden sein, weil eigentlich keine Besucher erwünscht sind. Der Fahrradwerkstatttag war dringend notwendig. Viele der mitgeschleppten Ersatzteile sind nun verbaut und das Fahrrad fährt wieder wie geölt. Ist es ja auch! Die Wäsche, die ich in ihrer Waschmaschine waschen durfte ist nun auch fertig getrocknet und nachdem ich ihnen noch ein scharfes Chilipulver für meinen Dad abgekauft habe fahre ich wieder auf dem holprigen Feldweg zurück bis zu dem kleinen Ort, wo wir uns vor zwei Tagen getroffen hatten. Ihre E-Mail-Adresse ist jetzt in mein kleines Notizbuch gekritzelt. Wenn ich in Malawi bin, soll ich Ihnen schreiben ob es sicher für Reisende ist. In den Nachrichten wurde über Demonstrationen und Unruhen mit 19 Toten berichtet. Es ist schon dunkel als ich auch vom dritten Gästehaus wegen Überfüllung abgelehnt werde. Das ist mir auch noch nie passiert. Nachdenklich wo ich nun sicher diese Nacht verbringen könnte schiebe ich mein Rad durch die spärlich beleuchteten Gassen. Kleine Lampen flackern vor den Hütten, wo sich die Dorfbewohner zum Brettspiel versammelt haben. Wer es noch nicht geschafft hat, heute seine Einkäufe zu erledigen, findet in den kleinen afrikanischen Tante-Emma-Läden auch noch am späten Abend alles was man zum Leben braucht. Lebensmittel, Toilettenpapier und Kondome. Auch der getrocknete Fisch und die halbe Ziege warten noch auf hungrige Käufer.“ Morgen ist das Fleisch von gestern sicher auch noch frisch“ denkt sich wohl der Metzger während er mit einem scharfen Messer den Ziegenschwanz abhäutet. Alles wird verwertet und auch ohne Kühlkette und Hygienevorschriften haben sie hier keinen Rinderwahn oder Vogelgrippe. Oder keine Medien, die Themen fürs Sommerloch brauchen? An der Polizeistation bleibe ich stehen und unterhalte mich kurz mit den Polizisten, die sich über etwas Abwechslung von ihrer langweiligen Nachtschicht freuen. Mit der Hoffnung auf ein wenig Trinkgeld verschwindet einer der Kollegen gleich in der Dunkelheit und macht sich auf die Suche nach einem Schlafplatz für den weißen Fremden. „Ich könnte doch in der leeren Gefängniszelle übernachten?“ erzähle ich dem Sheriff von meiner Idee. „Das verstößt gegen das Gesetz“. „Ihr könntet ja die Gittertür einen Spalt breit auflassen?“ Antworte ich, ohne mich so leicht von meinem Plan abbringen zu lassen. „Es verstößt gegen das Gesetz jemanden einzusperren, der nicht gegen das Gesetz verstoßen hat“ meint der Sheriff pflichtbewusst. „Was muss ich denn anstellen um eine Nacht eingesperrt zu werden?“ frage ich nicht mehr ganz so ernst gemeint. „Aber nicht länger als 2 Nächte Gefängnis weil dann müsste ich schon wieder im Krankenhaus sein.“ Es wäre sicher der sicherste Schlafplatz in dieser Ortschaft, aber der Polizeichef bleibt hart. In der Zelle darf ich nicht übernachten. Aber in seinem Büro könnte ich auf dem Boden schlafen, falls der Kollege keinen Platz für mich findet. Solange wir warten gebe ich eine Runde „Pepsi“ aus. Ist das Bestechung von Staatsbeamten? Auch der Kollege findet keinen Schlafplatz für mich und darf ich kostenlos auf dem Boden des Polizeichefbüros übernachten. Geld dürfen sie nicht annehmen. Ist gegen das Gesetz! Die zwei haben in der Polizeischule sicher in der ersten Reihe gesessen, oder sie wollen mich in dem Glauben lassen, dass es in Afrika auch unbestechliche gesetzestreue Polizeibeamten gibt. Aber eine Runde Pepsi-Cola für alle ist noch erlaubt. Ich rolle meine ISO-Matte auf dem harten Steinboden aus. Das Fahrrad kette ich am Fenster fest, was eigentlich ziemlich lächerlich ist, wenn man sich im Büro vom Polizeichef befindet. Hier bin ich vor Fahrraddieben so sicher, wie vor Taschendieben im Tresorraum der Bundesbank. Nochmal schnell aufs Klo. Dort ist es dunkel weil die Glühbirne durchgebrannt ist. Für ein wenig Licht muss man die Tür einen Spalt weit auflassen, zum Leid aller anderen anwesenden Kollegen. Als ich mir die Glühbirne genauer anschauen möchte bricht sie aus der alten Fassung.“Ups, was sicher schon vorher kaputt!“ Bevor ich mich schlafen lege darf ich doch noch einen Blick in die Gefängniszelle werfen. Kein großer Unterschied zum Scheißhaus, nur ohne Loch im Boden. In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Moskitos fliegen durch die offenen Gitterfenster ein und aus. Und die Polizisten versuchen im Nebenraum ihren alten defekten Kassetten Radio wieder zu reparieren. Ich habe ihnen dafür mein Schweizer Taschenmesser geliehen, wo sie sich jedes Mal kringelig freuen, wenn Sie eine neue Funktion herausgefunden haben. Tag 40 Made in Tansania. Am frühen Morgen eile ich nochmal kurz zum Markt wo ich zwei 60 W Glühbirnen kaufe. Mit diesem kleinen Abschiedsgeschenk bedanke ich mich bei den Polizisten der Polizeistation die nun wieder bei Licht scheißen können. Jetzt können Sie einfacher das Loch treffen bei geschlossener Tür. Hände werden geschüttelt und dann ist er auch schon wieder weg, der fremde weiße Reisende mit dem verrückten Fahrrad. Daniel hatte mir erzählt, dass auf den 10 km bis nach Morogoro im Durchschnitt vier Menschen pro Tag sterben. Mit dieser Warnung im Hinterkopf schaue ich heute noch häufiger in meinen Rückspiegel. Der Helm sitzt fester auf dem Kopf und ich fahre soweit wie möglich links am Randstreifen. Die rasenden Überlandbusse überholen so riskant, das wenn es eng wird, eher auf den Seitenstreifen ausgewichen wird, als in das entgegenkommende Auto zu krachen. Der geringere Widerstand der dort laufenden menschlichen Körper wird eher in Kauf genommen als eine verbeulte Busfront. Dem massiven Bullbar des Busses ist es egal ob er eine Ziege oder einen Menschen wegschleudert, Eselkarren oder Fahrradfahrer, schwarz oder weiß. Nur ein paar Kratzer im Lack bleiben vom tödlichen Zusammenprall und der Schwerverletzte im Straßengraben hat meistens nicht genug Geld für den lebensrettenden Krankenwageneinsatz. So verblutet er oder wird von seiner Familie von den Schmerzen erlöst. Noch nicht mal ein Holzkreuz wird aufgestellt. Erst ab 20 Unfalltoten wird ein kleines Denkmal errichtet. Ohne ein Strich in der Unfallstatistik zu werden komme ich heile in der Stadt an. Zur Stärkung gönne ich mir beim Straßenhändler ein paar Kekse und warmen Tee mit viel Zucker. Dem jungen Bananenverkäufer kaufe ich auch noch ein paar Bananen ab und nach einem Liechi-Saft aus dem indischen Supermarkt ist mein Frühstück komplett. Da ich erst morgen meine Laborergebnisse abholen kann, verbringe ich den Nachmittag damit in der Stadt herum zufahren, ein bisschen im Park zu relaxen und mich mit Souvenirhändlern zu unterhalten. Sie bieten mir selbst gemalte Bilder ihres Dorfes an. Halsketten aus bunten Perle, aus Knochen geschnitzte Anhänger und viele andere kleine typische Touristensouvenirs. Weil ich ihr Freund und Bruder bin bekomme ich natürlich einen besonderen Preis. Wenn sie merken, dass ihr weißer Bruder kein Interesse hat, haben sie auf einmal große Hunger, oder ein krankes Kind zu Hause. Wenn die Mitleidsschiene auch nicht funktioniert, folgen Sie mir so penetrant, mit der Hoffnung dass ich sie irgendwann entnervt dafür bezahle, mich wieder in Ruhe zu lassen. Natürlich sind nicht alle Souvenirhändler so, aber heute bin ich wohl einer der wenigen Touristen in der Stadt und so umlagert, wie das letzte Wasserloch in der Wüste kurz vor Beginn der Regenzeit. Daniel hatte mir eine Wegbeschreibung ausgemalt, wo ein befreundeter Schrotthändler seine Werkstatt hat. Dort wollte ich die Wartezeit nutzen und mir einen neuen Fronttaschenträger aus stabileren Eisenstangen bauen lassen. Mit der Skizze in der einen Hand, mit der anderen das Fahrrad schiebend irre ich durch die Straßen auf der Suche nach einem Straßennamen, den ich noch nicht mal aussprechen kann. Gefolgt von meinen verkaufstüchtigen Brüdern. Immer wieder wird mir eine günstige Giraffe oder ein Elefantenbaby vor die Nase gehalten. „ Hey brother, You need Elephant!“ „no, Thanks.“ „ Mister man, look at this Giraffe“ „Nö, danke“ irgendwann lässt man automatisch das danke weg und antwortet nur noch mit „ Nein!“ Ich brauche keine blöde Giraffe und auch kein Nashorn, keine Voodoopuppe und auch keine Halskette für die Ehefrau! Ich müsste das ganze Zeug die nächsten zwei Monate bis nach Namibia mitschleppen und ich bin mir ziemlich sicher das ich dort auch ein paar Brüder habe die schon auf mich warten. Endlich habe ich die Werkstatt gefunden und mein Gefolge bleibt vor dem Tor stehen. 2 h später ein stabiler Nachbau meines alten zerbrochenen Frontträgers zusammengeschweißt und am Rad montiert. Jetzt kann ich wieder beruhigt meine schweren Taschen einhängen. Ganz fasziniert schaute ich den Mann über die Schultern der aus zwei Eisenstangen schnell und geschickt mit Hammer und Schraubstock die Form des alten Trägers nachbaute und mit zwei Schweißpunkten fixierte. Für 30.000 Schillinge ( ca. 18 € ) hatte ich nun einen Frontträger „Made in Tansania“ War ein guter Tipp von Daniel hier her zu fahren und auch mein nächstes Ziel ist ein Insider-Tipp von den beiden. Voller Vorfreude erreiche ich das gemütliche Restaurant, welches etwas außerhalb am Berghang gelegen ist. Hier gibt es eine besondere Delikatesse, die es in Afrika nur ganz selten gibt. Eine Original Steinofenpizza! Meine Augen leuchten, als sie über die vielen verschiedenen Pizza Variationen auf der Speisekarte wandern. Am Ende wird es wie immer eine Pizza Hawaii. Am Nachbartisch sitzt auch eine Gruppe weißer Leute die sich über ihre leckeren Pizzen freuen. Sie winken mich tun sich rüber und sie wollen gerne wissen was es mit dem Fahrrad auf sich hat. Wo ich her komme, wohin die Reise geht und ob ich schon viele Pannen hatte? Die Leute kommen aus den USA und Kanada und verlegen hier im Auftrag einer Hilfsorganisation Stromleitungen in entlegene Dörfer. Am Ende lädt mich David aus North Carolina auf meine Pizza ein und ich verspreche ihm positiv über Amerikaner in meinem Reisebuch zu berichten. Also danke David. Bist echt der netteste Amerikaner aus North Carolina, den ich kennen gelernt habe. Es ist ein gemütlicher Abend und ich sitze auch noch ganz entspannt mit der Gruppe am Tisch als es schon dunkel geworden ist. Gleich in der Nebenstraße ist nämlich der „Rock Garden Campingplatz“, wo ich heute übernachten Werde. Mit 1,5 Pizzen und 1 l Cola im Bauch baue ich mein Zelt zwischen großen Felssteinen und Palmen auf. Die Affen, vor denen mich der Campingplatzbetreiber gewarnt hat schlafen wohl schon. Nur die Frösche am nahe gelegenen Bach sind noch wach und erfüllen die Nacht mit ihrem Quarzkonzert. Auch die Grillen stimmen mit ein. Ich stelle mir vor, wie so eine fette hässliche Kröte am Ufer im Schilf hockt und ganz enttäuscht quakt „ keiner will mich ficken!“ Quak Quak. Mit diesem Grinsen im Gesicht schlafe ich ein. Morgen ist der Tag der Wahrheit, der Tag des Laborberichtes, die Antwort was mit meinem Ohr los ist. Tag 41 Affenbande die große Affenfamilie ist schon früher aufgestanden als ich und sitzt in den Bäumen um mein Zelt herum. Neugierig beäugen sie den komischen Stein auf ihrer Wiese, der gestern sicher noch nicht dort lag. Hat sich der Stein gerade bewegt? Die kleinen Affenkinder sind in Alarmbereitschaft und verstecken sich hinter dem Rücken der großen Eltern. Als sich länger nichts mehr bewegt, trauen sie sich schüchtern wieder aus ihrem Versteck hervor. Als nun aber plötzlich ein nackter Riesenaffe ohne Haare aus dem Stein klettert, springen sie kreischend in Panik von Ast zu Ast. Nur weit weg von dem unbekannten Wesen. Die Erwachsenen lassen sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen und lausen sich weiter. „hey Kids, macht euch nicht ins Höschen! Das ist doch nur ein hässlicher Riesenaffe. Der tut uns nichts. Ist eh viel zu fett um von Baum zu Baum zu springen.“ Kannst du mich da am Rücken bitte nochmal kratzen, Schatz? Natürlich mein Mäuschen. Da ist noch eine Laus, hmm lecker, schmatz… Ich beobachte die Familie eine Zeitlang und sie beobachten mich. Ich frage mich, was in so einem Affenhirn wohl vorgeht. „ Ficken,ficken,ficken, Essen, Ficken, ficken, Rücken kraulen, ficken,….???“ Wir haben uns soweit weiter entwickelt, dass wir uns fürs Handy Pupsgeräusche als Klingelton runterladen können! Wer hat sich da wirklich weiterentwickelt, oder hätten wir lieber auf den Bäumen bleiben sollen? Nach einem kleinen Spaziergang am Fluss entlang und einem erfrischenden Bad im kalten Wasser fahre ich zum Krankenhaus. Diesmal kenne ich die Prozedur und laufe gleich zum Labor ohne mich wieder ewig in der falschen Schlange anzustellen. „Mr. Player!“ Stelle ich mich der Frau im Labor vor „Ich kann heute meine Laborauswertung abholen“ Sie reichten einen kleinen Papierstreifen. Dort ist handschriftlich ein Satz draufgeschrieben, der mich strahlen lässt. „ Kein Bakterienherd festgestellt“ das war's schon? „Ja alles in Ordnung, nehmen Sie die nächsten Tage noch die schwarz-pinken Pillen und dann ist wieder alles gut!“ Juhu, Mr Player ist wieder gesund. Wie wäre es mal wieder mit Fahrradfahren? Erinnere ich mich daran warum ich eigentlich hier bin. Ich verstaue die Pillen in meiner Medikamentenkiste und stehen noch eine Weile vor dem Krankenhaus. Blinzel in die Sonne und sagte leise „Danke“. Ich spüre die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut und den leichten Windhauch, der mir durch die immer länger werdenden Haare fährt. Ich fahre los, lassen die große Wartehalle, die auch heute wieder mit wartenden Menschen überfüllt ist hinter mir, Folge der Hauptstraße Richtung Westen aus der Stadt heraus, entfliehe dem hektischen Citylive mit seinen Souvenirverkäufern, die auch heute wieder Touristen belagern müssen um ihre Familien ernähren zu können. Ich bin endlich wieder unterwegs. Mir wird immer mehr bewusst, welch ein Luxus es ist, eine freie Wahlmöglichkeit im Leben zu haben. Ich muss nicht, ich kann… ! Das ist die wahre Freiheit. Ich könnte Holzgiraffen auf der Straße verkaufen, muss ich aber nicht. Ich begegne hier täglich vielen Menschen, die für das was sie ihr Leben lang tun keine große Alternative haben. Sie hatten nie die Wahl. Souvenirs verkaufen oder arbeitslos? Geld verdienen oder verhungern? Keine 38,5 Stundenwoche, kein Hartz IV. Keine tariflich geregelten Urlaubstage und wir nörgeln schon wenn das Weihnachtsgeld gekürzt wird. Mit dem klaren Bewusstsein, wie gut es mir eigentlich geht fahre ich heute noch 53 km durch langweilige Savanne. Pause mache ich dort, wo ich eine Kleinigkeit zu essen kaufen kann. So gibt es mal einen Joghurt mit Bananenstückchen, später eine Portion Chips my eye, dann eine kühle Cola. An den Coca-Cola Kühlschrank ist ein großer Massaikrieger gelehnt und spielt mit seinem Nokia Handy, welches an einer Kette um seinen Hals hängt. Ein stolzer edler Mann in den traditionellen roten Gewändern seiner Vorfahren. Die Vermischung der Traditionen mit dem technischen Fortschritt der modernen Welt fällt mir immer wieder auf. Auf dem Dach der strohgedeckten Lehmhütte liegt ein kleines Solarmodul mit dem das Handy aufgeladen werden kann. Ich frage ihn freundlich ob ich denn ein Foto mit meiner Digitalkamera von ihm machen darf? Er lehnt ängstlich ab „oh nein bitte nicht. Kein Foto! Böser Geist fängt Seele ein!“ Ok, ich erzähle dir lieber nicht was Facebook mit deiner Seele anstellt. „Facebook???“ fragt er mich verstört und ich bin fast erleichtert, dass es wohl noch Orte auf dieser Welt gibt wo das Privatleben noch nicht von virtuellen Communities beeinflusst wird. Der Tag geht zu Ende und ich baue mein Zelt etwas abseits der Straße zwischen ein paar Dornenbüschen auf. Die Erde ist steinhart, so dass ich Probleme habe die Heringe rein zu klopfen. Wie lange es hier wohl schon nicht mehr geregnet hat? Ich trinke noch einen großen Schluck Wasser und esse ein paar Vanillekekse zum Abendbrot. Meine Ohren werden besser und ich wage es die erste Nacht wieder ohne Wattepadsausflußstopfen zu schlafen. Tag 42 Mlandizi… Doma… Mgoda…Kikiboga heißen die kleinen Ortschaften, die ich heute passiere. Dazwischen liegen oft mehr als 30 km ausgetrocknete Steppe. Eine Gegend, wo es spannender wäre Nachts durchzufahren. Eintönig und trostlos. Ein kleiner weißer Mann, der sich durch die Mittagshitze quält. Die Straße flimmert am Horizont wie ein Spiegel aus Asphalt, der verschwindet sobald man näher kommt. Hier leben nur wenige Menschen und auch Tiere sehe ich nur selten. Ein großer Pavian schlendert ohne Furcht nur ein paar Meter vor mir über die Straße und verschwindet zwischen den vertrockneten Büschen. Alle warten sie auf den nächsten Regen. Nicht alle werden die Durststrecke überleben. Herum liegende weiße Knochen sind die letzten Überreste der Verlierer. Die Ortschaften sind willkommene Abwechslung zur einsamen Fahrt durch die trostlose Landschaft. In den kleinen gemütlichen Geschäften fülle ich meine Essensvorräte auf. Ich kaufe frisches Obst und unterhalte mich mit den Kaufleuten. Leckere, frisch über dem Feuer gebackene Pfannekuchen mit braunem Rohrzucker gibt es heute zum Mittagessen. Gutgestärkt fahre ich nachmittags durch den „Mikumii National Park“. Ohne Eintrittskarte kann ich hier einfach auf der Hauptstraße weiterfahren, mit dem Unterschied das jetzt überall wilde Tiere zu entdecken sind. Mehrere noch wasserführende Flussarme lassen die angrenzenden Ufer ergrünen und bieten so vielen Pflanzenfressern lebenswichtige Futterplätze. Eine Gruppe Giraffen nascht die kleinen Blätter von den Baumkronen und auch die Zebras lassen sich nicht vom grasen abhalten, als ich vorbeifahre. Als auf einmal eine Elefantenherde nur wenige 100 m rechts von mir auftaucht bin ich doch etwas angespannt. Die großen grauen Riesen wirken im Zoo oder im Tierfilm so harmlos und friedlich. Da ist auch ein Zaun oder die Glasscheibe vom Fernseher dazwischen. Live sehen Sie hier jetzt viel größer aus und ich fühle mich noch kleiner. Bevor der Elefantenbulle auf die Idee kommt ich könnte Interesse an einer seiner dicken Frauen haben, schleiche ich mich davon. Wow, davon kann ich meinen Enkeln erzählen, wie der Opa Alex mit dem Fahrrad den Elefanten gegenüber stand. Benjamin Blümchen live. Ich sehe auch noch ein paar Büffel im Vorbeifahren und eine Herde Gazellen bricht in Panik aus als sie mich auf dem Fahrrad bemerken. Hmm, so ein saftig gegrilltes Gazellen-Steak wäre jetzt auch etwas feines. Mit Kräuterbutter, knusprigem Baguette und BBQ-Soße, dazu ein kühles Becks Lemon. beim gemütlichen Grillabend mit Freunden. Schöne Gedanken an zu Hause, während ich mein Eieromelette mit Pommes am verrauchten Straßengrill esse. Alleine. Hier in der Stadt Mikumi gibt es sogar einen Schlangenpark. Endlich mal eine Gelegenheit lebendige Schlangen zu sehen die noch nicht platt gefahren auf der Straße liegen. Der Azubi des Zoos gibt sich wirklich viel Mühe mit mir, aber sein Englisch ist echt schwer zu verstehen. Hinter schmutzigen Glasscheiben liegen die verschiedenen Schlangenarten in gemauerten Nischen. Zwischen den Steinen und Wasserschalen liegen auch mehrere kleine tote Vögel herum, die darauf warten verschlungen zu werden. „Wie oft isst denn so eine Schlange einen Vogel?“ Frage ich interessiert den Schlangenexperten in Ausbildung. „one birdi in three weeks!“ Wo Sie Lust und Laune haben setzen Sie einfach bei den englischen Wörtern ein „ i „ ans Ende. „ this sneaki lives in the forresti“ „ aha!“. So wandern wir von einem Schaufenster zum nächsten. Eine Schlange ist giftiger als die andere. Bei der Puffotter hat man nach einem Biss noch 24 h Zeit ein Krankenhaus zu erreichen. Bei der schwarzen Mamba ist man schon nach 5 min alle seine Sorgen los und muß sich keine Gedanken darüber machen, wie man jetzt wohl am Besten zum nächsten Arzt kommt. Die Wahl zwischen Feuerbestattung oder Holzsarg wäre noch zu treffen. Er richtig stehe ich vor der Glasscheibe, die mich vor der giftigsten Schlange der Welt trennt. Konzentriert schauen wir uns gegenseitig in die Augen. Es wirkt fast so als wenn sie lächelt. Ich würde sie wieder erkennen wenn wir uns mal draußen in der freien Wildbahn begegnen. Aber was würde ich in den letzten 5 min meines Lebens tun, wenn ich wirklich gebissen worden wäre. Bin ich dann überhaupt noch in der Lage zu denken? Sollte ich meine Eltern anrufen oder besser nicht? Sie könnten mir eh nicht helfen. Würde ich panisch versuchen mir den Arm oder Fuß abzutrennen. Oder einfach ganz ruhig auf dem Boden sitzen und beten? Läuft dann wirklich das ganze Leben im Zeitraffer an einem vorbei? Würde es ein schmerzvolles Ende sein oder wie beim einschlafen? Und wer macht am Ende das Licht aus? Im Stillen hoffe ich dass eine solche Situation niemals eintreffen wird. „the poisoni of the black mamba can killi hundredi people“ rattert der Azubi weiter seine auswändig gelernten Texte runter. Meine Fragen bringen ihn aus dem Konzept. „Was macht denn ein einheimischer wenn er von einer Schlange gebissen wird?“ will ich wissen. „Er hackt sich mit dem Beil seinen Fuß oder Arm ab“ antwortet er nüchtern. Es ist wohl tatsächlich so, dass man selbst wenn man es rechtzeitig in ein Krankenhaus geschafft hat und die Schlange sogar eindeutig beschreiben kann, noch lange nicht gerettet ist weil oft nicht das richtige Antiserum vorrätig ist. Bei den vielen verschiedenen Schlangen in Afrika und dem kurzen Haltbarkeitsdatum des Gegengiftes ist es fast unmöglich alle vorrätig zu haben und wohl auch zu teuer. Im letzten Gehege ist die Tür offen und in der dunklen Ecke liegt eine tote 4 m lange Python neben einem eingetrockneten Krokodil. Ihren Zustand nach zu urteilen liegen die beiden dort schon eine Weile, aber verkaufen darf er sie auch nicht. Etwas gebildeter verlasse ich den Schlangenpark. Die meisten Namen und Daten habe ich sofort wieder vergessen aber die schwarze Mama geht mir nicht aus dem Kopf. Die „ 5 Minuten-Schlange“. Genau solange wie ein“ 5 Minuten Nudeltopf“ in der Mikrowelle braucht. „Bing“ macht die Mikrowelle, „ game over“ zischelt die schwarze Mamba und schlängelt grinsend davon. Als „special hilly“ (besonders hügelig) wurde mir die Gegend beschrieben, die nun vor mir liegt. Ohne Vorwarnung empfangen nicht die Ausläufer des Udzungwa Gebirges mit einem steilen Anstieg, dass nach der nächsten Stunde alle gefutterten Kalorien des Tages verbrannt sind. Das schwere Treten in den kleinsten Gängen treibt mir den Schweiß auf die Stirn. Sobald sich genug angesammelt hat, löst sich der große Tropfen und rutscht runter auf die Nasenspitze. Wenn ich ihn nicht mit der Hand weg wische, gibt er irgendwann der Schwerkraft nach und stürzt im freien Fall hinunter auf die staubige Straße. Mein innerer Motor ist heiß gelaufen und ich versuche ihn mit Wasser zu kühlen welches ich gierig aus meiner Getränkeflaschen sauge. Den LKWs geht es ähnlich. Nicht wesentlich schneller als ich schleichen sie den Berg hinauf und auch die entgegenkommenden Trucks fahren mit Motorbremse weil sie sonst die Masse nicht mehr abbremsen könnten, sollten die Bremsen mal versagen. Die Sonne möchte schon wieder früh ins Bett gehen und so kommt es mir ganz gelegen als ich einen LKW neben der Straße stehen sehe. Zwei Fahrer haben nichts dagegen wenn ich hinter ihrem Pannenfahrzeug mein Zelt aufschlagen. Sie sind gerade auf dem Weg in den Kongo und haben irgendein Problem am Motor. Deshalb müssen sie jetzt zwei Tagen hier auf die Ersatzteile warten. Über dem Feuer haben sie einen großen Topf Reis mit Bohnen gekocht und sie laden mich ein mit ihnen zu essen. Die schäle ein paar Orangen als Nachspeise und so geht wieder ein schöner aber auch körperlich anstrengender Tag zu Ende. Seit Sansibar bin ich schon wieder über 300 km geradelt, aber es liegen noch so viele Kilometer vor mir. Stolz über die Strecke, die ich schon geschafft habe aber auch ungewiss was die noch vor mir liegenden 3000 km angeht, sitze ich noch eine Weile am Lagerfeuer. Es wärmt mich und gibt mir Kraft. Kleine Funken fliegen hoch in den dunklen Nachthimmel von Tansania. Schön verschiedenen. Schön das ich hier bin. Tag 43: 27. 7.2011 Als ich mich nochmal umdrehe sehe ich die drei Männer auf ihren truck stehen, wie sie mir hinterher winken, bis ich hinter der nächsten Kurve verschwundenen bin. So plötzlich ich gestern Abend in ihrem Leben aufgetaucht bin, so schnell bin ich auch schon wieder weg. Wir hatten eine gute Zeit und nun geht jeder wieder seinen Weg. Die Verabschiedung war herzlich und sie wünschten mir eine gute Reise. Ich soll vorsichtig sein und auf die wilden Tiere aufpassen. „O.k.“ versprach ich ihnen damit Sie sich keine Sorgen um mich machen müssen. Aber mir selbst sagte ich mir „wenn es hier keine wilden Tiere geben würde wäre ich auch nicht hier.“ So radel ich vergnügt mit Musik in den Ohren durch die Udzungwa Berge am „Crocodle River“ entlang. Die Wolkendecke hält die Sonne davon ab, auf mich nieder zu brennen und so ist es ein angenehmes Klima zum Radfahren. Auch die Straße ist erst vor kurzem neu geteert worden und so komme ich gut voran. Vorbei an großen Baobab Bäumen durch die unbewohnte Landschaft bis mich eine Coca-Cola-Reklametafel wieder zurück in der Zivilisation willkommen heißt. Die Werbung ist hier oft noch handgemalt und wechselt nicht im Sekunden Takt wie im Wartebereich der Münchner U-Bahn. Afrika ist angenehm entschleunigend. Der Spruch dass wir die Uhr haben und der Afrikaner die Zeit wird mir täglich bestätigt. Auch wenn ich mich immer wieder selber dabei ertappe, wie ich, wie von einem virtuellen Count-down gehetzt Entscheidungen treffe mit dem Argument „dafür habe ich jetzt keine Zeit“ oder „in der Zeit könnte ich etwas sinnvolleres tun“. Heute bin ich zum Beispiel an einem „Crocodile Camp“ vorbeigefahren, wo man in Bungalows am Flussufer des „Crocodile Rivers“ übernachten könnte. Ich hatte mich darauf eingestellt sofort überall Krokodile sehen zu können und war enttäuscht, weil keins auf mich gewartet hat. Ein Angestellter der geraden mit blumengiesen beschäftigt ist meint dass man sie erst am späten Nachmittag sehen würde und ich könnte auch hier übernachten. Aber nein, ich war nicht bereit 5 Stunden darauf zu warten bis sich mal ein Krokodil vor meinem teuer bezahlten Bungalow verläuft umd so bin ich weitergefahren. Rastlos, in Eile mit der Befürchtung etwas verpassen zu können. Diese innere Uhr in meinem Körper tickte noch im europäischen Takt. Zu schnell und unbewußt den Takt des Lebens bestimmend. In Neuseeland hatte ich mal in einem verlassenen Bauernhof eine alte Taschenuhr gefunden. Die schwarzen römischen Zahlen auf dem vergilbten Ziffernblatt waren noch gut zu erkennen. Nur die Uhrzeiger fehlten. Die perfekte Uhr. Eine Uhr ohne Uhrzeit und ohne tickendes Uhrwerk. Die Uhr eines Reisenden. Dazu passte auch der alte Wandkalender aus dem Jahr 1984. Diesen zeitlosen Rhythmus musste ich wieder finden. Den afrikanischen Rhythmus. So stelle ich am ersten Verkaufsstart mein Fahrrad in den Schatten und setzte mich entspannt auf einen der Holzstühle. Für Essen ist komischerweise immer Zeit. Während ich meine Pommes mit Ei und Salat genieße, möchte mir ein Händler Rubine verkaufen. Leider habe ich von solchen Edelsteinen keine Ahnung und so kaufe ich mir keine Rubine für ein paar Dollar sondern noch eine weitere Portion zu essen. Auf meiner Straßenkarte suche ich die Stadt Mbuyuni, wo ich mich gerade befinde und rechne aus wie viele Kilometer es noch bis Malawi sind. Noch 101 km bis Iringa, welches die nächste größere Stadt auf meiner geplanten Route wäre. Weitere 162 km bis ich die Stadt Markt kam Faktoren erreichen würde. 168 km trennen mich dann noch von Mbeya. Von Mbeya sind es dann nochmal 91 km bis zur Grenze von Malawi. Puh,… 522 km. Mit dem Auto eine Tagesreise. Mit dem Fahrer werde ich wohl sechs Tage unterwegs sein. Da war es wieder, das Thema Zeit. Die Landschaft weiter so unspektakulär bleibt wie heute wurde der Gedanke einen Teil der Strecke zu hören immer verführerischer. Gestärkt mit vollem Bauch und ohne Edelsteine im Gepäck fahre ich heute noch bis Mahenge. Eine kleine Ortschaft, die so wie es aussieht nur aus einem riesigen Hotelkomplex besteht. Hier machen die Reisebusse Zwischenstopp und übernachten wohl auch teilweise. Zufällig lerne ich den Sohn vom Chef des Kompfort Motels kennen,der mich aufgrund meines schwerbepackten Bikes auf dem Parkplatz angesprochen hatte. Er läd mich zum Essen in den riesigen Speisesaal ein wo sonst geschätzt zehn Reisebusgruppen auf einmal essen könnten. Zur Zeit sitze dort aber nur ich. Ein einzelner weißer Mann, der seinen Teller Kartoffeln isst. Verdreckt und müde sieht er aus. Die Kartoffeln sind super lecker und ein weiterer Vorteil, wenn man den Sohn vom Chef seit 5 Minuten kennt, ist auch das man für einen Freundschaftspreis von 5000 Schillingen seinen eigenen kleinen Bungalow bekommt. Das aus der Dusche auch noch warmes Wasser kommt ist da noch die Kirsche auf der Sahnetorte. „Hmm,… lecker Sahnetorte!“ Ich darf keine solchen Vergleiche mit Sahnetorten anstellen. Jetzt habe ich schon wieder Hunger. In Gedanken an riesige Sahnetorten mit rotem saftigen Kirschen schlafe ich schnell einen. Tag 44 Noch etwas verträumt strampel ich den Berg hoch der mit Verkehrsschildern angekündigt wurde, die ich überhaupt nicht leiden kann. Rotes Dreieck in dessen Mitte sich ein schwarzes Auto ein steiles schwarzes Dreieck hoch kämpft. Manchmal steht die Steigung noch in Prozent angeschrieben. In diesem Fall haben Sie diese Angabe pflichtbewusst weggelassen um Fahrradfahrer nicht gleich am Morgen verzweifeln zu lassen. Oder die Zahl 45 % hatte Platz mäßig nicht ins Schild gepasst. Der 44. Tag meiner Reise hätte wirklich angenehmer beginnen können. Der 44. Tag hätte aber auch fast in einer Katastrophe geendet, wenn ich in das tiefe Loch gefallen wäre, welches da ohne Vorankündigung plötzlich vor mir im Boden aufgetaucht war. Nun stehe ich zum Glück vor dem Loch und der Schreck sitzt noch in meinen Knochen. Ich hatte den Lastwagen noch rechtzeitig losgelassen bevor mein Vorderrad in die Grube gesackt wäre. Anfangs kämpfte ich mich noch mit eigener Muskelkraft die nicht enden wollenden Serpentinen hoch. Irgendwann machte mir ein LKW-Fahrer mit Handzeichen klar, dass ich mich bei Ihm hinten am Auflieger festhalten könnte und so würde er mich ein Stückchen mitnehmen. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, da die LKWs eh nicht wesentlich schneller fuhren, als ich. Eine Hand am Lenker, die andere am Anhänger festhaltend und die Augen konzentrierten sich auf den Randstreifen. So kam ich gut vorwärts und musste nur ab und zu größeren Steinen oder Holz Ästen ausweichen. Zwischendurch waren immer wieder Eisengitter eingelassen wo bei starken Regenfällen das angesammelte Wasser abfließen konnte. Ich war nur einen Moment lang abgelenkt und so bemerkte ich erst in letzter Sekunde das beim nächsten Regenwasser Ablauf das Gitter entfernt wurde. Ich ließ erschrocken den Anhänger los und kam kurz vor dem Loch zum stehen. Sonst wäre ich wohl gestürzt und wer weiß wie auf der Straße gelandet. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es ist vom tonnenschweren LKW überrollt zu werden. Schon ein gebrochenes Vorderrad hätte mich vor größere Herausforderungen gestellt auf die ich gerne verzichte. Jetzt war ich auf alle Fälle hellwach und verzichtete bei den weiteren Höhenmetern auf Hilfe von freundlichen LKW-Fahrer. Dass auch LKWs ihre Probleme mit der steilen Bergroute hatten zeigten die überfüllten Parkbuchten, wo die Lastwagen mit Pannen liegen geblieben waren. Weißer Wasserdampf aus der Motorhaube gehörte da wohl zu den kleineren Problemchen. Das Highlight waren die vier Männer die ihr komplettes Getriebegehäuse auf der Straße verloren hatten und dieses nun mit Seilen in Richtung LKW zogen, der ein paar Meter weiter zum stehen gekommen war. Das gab ganz schöne Kratzspuren auf dem Asphalt und der Verkehr staute sich. Ich fuhr weiter an den wartenden Bussen und hupenden LKWs vorbei und hatte kurze Zeit später den höchsten Punkt erreicht. „Das ist nicht der höchste Punkt!“ zerstörte die Antwort eines am Rande parkenden Truckers meine Illusionen. Der Trucker hieß Mr. Iukuku. Ein stämmiger großgewachsener Mann mit kurz geschorenen schwarzen Haaren, dessen Lächeln vertrauenswürdig war. Er ist gerade auf dem Weg nach Mbeya um dort seine getrockneten Fische zu verkaufen. Sein Sohn saß auch mit im Führerhaus und grinste mich dauernd an. Irgendetwas an seinen Sohn wirkte irgendwie falsch zusammengebaut, aber ich kam nicht drauf was es war. Er hatte auch ein rotes T-shirt von Thommy Hilfiger an wie sein Vater, den selben kurzen Haarschnitt wie sein Vater, aber noch nicht den Oberlippenbart wie sein Vater. Er grinste auch weiter als ich erzählte wo ich her kam, was ich hier so treibe und wo ich hin wollte. Er war wohl einfach ein gutgelaunter Mensch dachte ich. Dann stellte mir Mr. Bukuku die Frage, wo ich gehofft hatte sie nicht gestellt zu bekommen, weil ich die Antwort darauf schon wusste. „Wenn du willst kannst du bei uns mitfahren? Heute Abend werden wir in Mbeya sein.“ Das Schicksal hatte es mal wieder gut gemeint. Hatte netterweise ein Eisengitter entfernt damit ich nicht seinen Plan durchkreuze und zu schnell hier oben gewesen wäre. Dann hat es auch noch einen Stau verursacht, indem es ein Getriebe mal soeben aus seiner Halterung plumpsen ließ und alles nur damit ich hier oben im richtigen Moment Mr. Bukuku treffe, der mich nach Mbeya mitnimmt. Wo sollte das alles nur enden? Naja, in Mbeya natürlich! So stand ich abends vor dem Haus von Mr. Bukuku, in einer Stadt, wo ich, wenn es nach meinem Plan gegangen wäre erst in frühestens 4-5 Tagen angekommen wäre. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit mir, was ich aber erst Tage später verstehen sollte. Die 400 km im Truck vergingen wie im Flug. Verglichen mit dem Fahrrad war ein Truck auch so schnell wie ein Flugzeug. Mittags lud ich Vater und Sohn auf Chipsi Meyeye ein und nach dem 14. Augenkontakt mit seinem dauergrinsenden Sohn fiel mir auch endlich auf, was an ihm auffallend anders war. Er schielte, aber irgendwie nicht immer. Ein Auge fixierte mich, das andere Auge schaute auf das Essen. Landschaftlich hatte ich nichts verpasst, langweilig und eintönig und er hatte auch recht gehabt dass mein erklommener Berg von heute Morgen nicht der Letzte war. Erwähnenswert sind vielleicht noch die Nadelholzplantagen auf denen sie mehrere Hektar große Landflächen nachhaltig aufforsten und dann wieder abholzen wenn die Bäume groß genug sind. Es ist nun 19:30 Uhr als ich als Gast in seinem Haus willkommen geheißen werden. Frau Bukuku hat extra für mich Chipsi Meyeye gekocht mit leckerem Salat. „ Chipsi Meyeye“ war auch das einzige Wort, was ich während seines Telefonats bei der Fahrt verstanden hatte. Er hatte extra zuhause angerufen und erzählt, was das Lieblingsessen des weißen Reisenden ist, den er heute mitbringt. Wow! Ich esse alleine im Wohnzimmer, wo auch schon eine Matratze für mich frisch bezogen auf dem Boden liegt. An den Wänden hängen religiöse Texte und Weihnachtsdekoration. Der ganze stolz von Mr. Bukuku dürfte die große Stereoanlage sein, die auf einem kunstvoll gefertigtem Holztisch steht. Der Familie Bukuku geht es sicher nicht schlecht. Der Gewinn aus dem Verkauf der getrockneten Fische reicht dafür nicht aus, aber unter den Fischsäcken liegen noch ein paar Tonnen goldhaltigen Gesteins, sauber in Säcke verpackt und beschriftet. Dieses Geheimnis verrät er mir aber erst am Ende der Fahrt, als ich ihm helfe die schweren Säcke abzuladen. Die heutigen Polizeikontrollen auf der Straße hat er immer mit einem Wink passieren dürfen. War sicher kein Nachteil, dass er auch mal als Polizeichef gearbeitet hatte. Tag 45 Family Pictures meine Fahrradtaschen stinken heute Morgen extrem nach den Fischlein, auf denen sie gestern die ganze Fahrt im Laderaum gelegen sind. Trotzdem war ich der Familie Bukuku sehr dankbar für ihre Gastfreundschaft und wollte ihnen irgendwie „ danke “ sagen, ohne Geldscheine in Luftballons zu verstecken. So hatte ich die Idee ein Familienfoto von allen zu machen und es dann in der Stadt entwickeln zu lassen. Alle setzten sich auf die Couch im Wohnzimmer. Mr. Bukuku neben Mrs. Bukuku und die beiden Töchter links und rechts daneben. Der grinsende Sohn war irgendwie unterwegs, aber zwei andere Söhne fehlten auch noch und wohl auch noch andere Frauen von denen Mrs. Bukuku aber nichts wissen sollte. Mit meiner Speicherkarte in der Hand und der schönen Tochter lief ich zum Foto-Shop. Es war wohl gerade Mode ohne Unterwäsche rum zulaufen und so konnte ich es mir nicht verkneifen immer wieder mal einen Blick auf ihre zwei kleinen Nippel zu werfen, die sich da so herrlich durch ihr enges schwarzes Top bohrten. Da ich aber nicht Teil von Familie Bukukus Familienfoto werden wollte, musste ich Mr. Bukukus Pläne ablehnen,mich mit einer seiner Töchter zu vermählen. Er hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn ich mehrere Frauen hätte, erzählt er mir mit einem Augenzwinkern. Ich verabschiede mich schnell nachdem ich Ihnen das ausgedruckte Foto als Geschenk überreicht hatte. Es wird wohl seinen Platz im Wohnzimmer finden, neben den Jesusbildern und dem tanzenden Weihnachtsmann und sie immer wieder an den Tag erinnern, an dem der weiße Radfahrer ihr Gast war. -9,25 Grad, 33,633333 Grad sind die GPS Koordinaten, die mein nächstes Ziel markieren. Tukuyu heißt die Stadt an diesem Punkt der Karte und war die nächste Station nach Dar Es Salaam, die ich bei der Reiseplanung zuhause ins GPS Gerät eingegeben hatte. Die letzte große Stadt in Tansania. Damals war der Name Tukuyu nur einer von vielen anderen fremd klingenden teilweise auch unaussprechlichen Städtenamen, die wenn man sie alle miteinander mit einer Linie verbinden würde die grobe Reiseroute bis nach Windhoek darstellten. Damals noch weit entfernt liegt Tukuyu heute nur noch 60 km in südlicher Richtung vor mir und uns trennen nur noch die „ Panda Hills“. Panda Hügel klingt erstmal niedlich aber spätestens nach dem ersten Panda Hügel kann man eigentlich auf die noch folgenden Hügel der Pandafamilie verzichten. Grober Schotter macht das Vorankommen schwierig und die Sonne lacht heute wieder wolkenlos vom blauen Himmel und möchte mir die letzten Kilometer bis zur Grenze nicht allzu einfach machen. Ich muss kurz verschnaufen und Pause machen. Diese furchtbare Schotterpiste ist natürlich nicht die Hauptstraße nach Tukuyu, aber ein sich clever vorkommender Reisender auf einem Fahrrad hatte die glorreiche Idee diese Abkürzung durch die Pandahügel der asphaltierten Hauptstraße vorzuziehen. Auf der Karte hatte diese Strecke viel kürzer und auch nicht so steil ausgesehen. Die Hauptstraße windet sich eben in mehreren Serpentinen durch das Höhenprofil, wo die Straße auf der ich mich gerade befinde, dieselbe Höhe auf dem direkten Weg erklimmt. Sicherlich kürzer, aber um einiges schweißtreibender und nicht weniger frustrierend. Ein Gefühlschaos aus sportlichem Ehrgeiz den Panda Hügel Nummer 3 endlich von oben betrachten zu können und der mentalen Verzweiflung jeden Meter schiebend zurück legen zu müssen während die Sonne einem das Gehirn weich kocht. Da helfen auch keine „Gutelaunelieder“ aus dem MP3 Player mehr. Kraftlos sitze ich im Schatten als ein alter Mercedes Truck vorbei rumpelt. Bevor mich die aufgewirbelte Staubwolke eingehüllt, sehe ich noch die vielen lachenden singenden Menschen auf der Ladefläche, die genau wissen, warum sie diese Strecke nicht zu Fuß laufen. Ein kräftiger Schluck aus meiner Wasserflasche spühlt den Staub meine trockene Kehle hinunter. „Singen!“, singen hilft vielleicht, schießt mir der Gedanke durch den Kopf bevor das Gehirn in den den Standby Modus wechseln konnte. Ich sammel die letzten um mich herum verstreuten Kräfte zusammen und fange wieder langsam an mein Fahrrad den Berg hoch zu schieben. Anfangs flüstere ich noch verhalten. „Ich schaffe das schon!“dann wieder eine längere Pause um auch noch nach genug Luft zu japsen. Ich fange an lauter und mit kräftiger Stimme die Verse von Rolf Zukovskis Kinderlied zu singen. „Ich schaffe das schon, ich schaffe das schon!“ Die Worte geben mir Kraft. Als wenn wir nun das schwere Fahrrad zu zweit den Bergpass hoch schieben würden. Ich rutsche immer wieder im Kiesbett aus und auch die Sonne brennt nicht weniger mörderisch vom Himmel. Es hätten auch Geier über mir ihre Kreise ziehen können. Solange ich dieses Lied sang fühlte ich mich unverwundbar. „Ich schaffe das ganz alleine, ich komm bestimmt, ich komm bestimmt auch wieder auf die Beine. Ich brauche dafür, ich brauch dafür bestimmt ne Menge Kraft, aber ich hab immerhin schon ganz was anderes geschafft!“ Nach 1 Stunde hatte ich 5 km zurückgelegt. Zur Belohnung kaufe ich mir ein paar Stangen Zuckerrohr bei zwei Frauen am Straßenrand. Daran kann man super herum knabbern und den süßen Saft auslutschen. Auch der nächste Zahnarzt, der Einem sagen könnte das das sicher schlecht für die Zähne ist, war meilenweit entfernt. Die nächste Belohnung nach einer weiteren Stunde waren drei Gebäckstücke, die Kinder an einem kleinen selbstgezimmerten Stand verkauften. Normalerweise spucke ich eigentlich nie etwas aus, was ich mir erst kurz davor in den Mund gesteckt hatte. Aber dieses Gebäck schmeckte so abscheulich, dass ich nicht anders konnte als es in den nächsten Busch zu spucken. Keine Ahnung welche Zutaten den Weg in diese Backmischung gefunden hatten. Schmeckte irgendwie nach Sandkuchen aus meiner Kindheit am Spielplatz, angemacht mit zwei Wochen alter saurer Milch und dann einfach in der Sonne geröstet. An der nächsten Hütte mache ich schon wieder Pause und verschenke die anderen 2 Gebäckstücke. Ich frage die Frauen nach „Uhjie“, einem Grießbrei ähnlichen Brei der sehr gut schmeckt und satt macht. Als wenn sie mich verstanden hätte, läuft eine der Frauen sofort los um „Uhjie“ für mich zu besorgen. Die andere Frau holt derweil ihre Brust unter dem Shirt hervor und lässt ihr Baby daran saugen. Frischer gibt es hier sicher keine Milch, denke ich und überlege kurz ob ich sie nicht auch fragen könnte, ob ich auch mal … naja hab wirklich nur sehr kurz darüber nachgedacht. Die geschäftstüchtige Freundin kommt ganz außer Atem zurück und reicht mir mit einem zufriedenen Lächeln einen blauen Plastikeimer.“Uhjie!“ beschreibt sie die dickflüssige Masse, die bis zur Hälfte den Eimer füllt. Der Brei wackelt verdächtig und auch aufsteigende Blubberbläschen hätten mich nicht mehr sonderlich überrascht. „No Uhjie, sorry.“ Antworte ich kurz als meine Nase ihre Dienste verweigert und nicht noch einmal in den Eimer gesteckt werden möchte. Wahrscheinlich war es so abgelaufen, dass die Frau zum nächsten Hof gelaufen war und dort nach Uhjie gefragt hatte. „Uhjie kenne ich nicht. Für wen denn?“ „Da ist so ein weißer fremder Mann oben an der Straße und da wollte ich versuchen ein bisschen Geld zu verdienen.“ „Na dann nimm hier die saure Milch und verlange einen ordentlichen Preis dafür. die Touristen kennen sich eh nicht aus.“ Ihr zuliebe probiere ich einen Schluck, was ich aber gleich wieder bereue. Es schmeckte wie abgelaufene saure Milch, so etwa zwei Monate nach Mindesthaltbarkeitsdatum, kurz bevor sich der Aggregatszustand von flüssig zu fest verändert. Da halfen auch keine Höflichkeitsfloskeln mehr wie „Hm, ah, schmeckt interessant“ Sie hatte es schon an meinem Gesichtsausdruck erraten, dass sie sich die Frage ob ich den ganzen Eimer kaufen möchte, sparen kann. Lag es daran dass ich im Vergleich zu den Einheimischen noch Geschmacksnerven besaß oder war ich zu verwöhnt? Ich verstehe schon Leute nicht die Grapefruit oder Bitterlemon lieben, aber dieser Eimer wäre schon eine Herausforderung für das Dschungelcamp gewesen. Ich gebe ihr trotzdem einige Münzen für Ihre gut gemeinten Bemühungen und blicke nochmal kurz eifersüchtig auf das Baby an der Muttermilchquelle bevor ich mich wieder, immer noch hungrig auf den Weg durch meine geliebten Pandahügel mache. Es muss ein recht lustiger Anblick gewesen sein wie dort ein kleiner einsamer Radfahrer singend und pfeifend, kurz vor dem Kreislaufkollaps durch die Pandahügel fuhr. Um ihn herum die fast unbewohnte Landschaft. Nur ein paar Palmen und kleinere Felder säumen den Weg, bis ich nach 40 km endlich den letzten Berg hinter mir hatte. Das Letzte, was ich in diesem kleinen Bergdorf erwartet hatte war ein Poster von Britney Spears. Da rekelt sie sich, nur mit Spitzenunterwäsche bekleidet auf der Holzwand der Bäckerei. Sonst gab es nur ein paar kleine aus Stein gebauten Häuschen und vereinzelt schlurften Menschen über die Straße. Die meisten ruhten wohl im Schatten ihrer Behausungen und warteten auf die kühleren Abendstunden. Zu meinem Glück war der Bäcker in seinem Geschäft wo er mir drei Krapfen verkaufen konnte. Neben dem Zuckerrohr waren die in Fett gebackenen Hefegebäcksstücke meine erste richtige Mahlzeit heute, die ich auch runter schlucken konnte. Als wenn ich eine natürliche Grenze überschritten hätte, blüht ab jetzt die Natur auf und ich blicke in ein grünes Tal. Tropische Dschungelpflanzen, Palmen und große Farne rahmen den rotgeschotterten Weg auf dem ich mich einfach mal Bergab rollen lassen kann. Ich muss sogar bremsen, um nicht zu schnell zu werden. An Bananenplantagen vorbei und Ackerflächen mit schwarzer Erde. Hier macht es sicher Spaß Bauer zu sein. Eine grüne Oase umgeben vom kargen Land. Hier regnen die Wolken ab, die es nicht weiter ins Landesinnere schaffen. Ich werde übermütig und das unkonzentrierte Fahren wird gleich mit einem Sturz über den Lenker bestraft. Das Vorderrad bricht plötzlich aus und so fliege ich über den querstehenden Lenker in den Straßengraben. Nichts passiert, Staub aus der Hose geklopft und weiter gehts. Ich erreiche ein Dschungeldorf, welches sich um die Hauptstraße angesiedelt hat und anscheinend gibt es heute Nachmittag nichts interessanteres als einen weißen Radfahrer. So bin ich schnell umringt von den Dorfbewohnern, die irgendwie den Anschein machen noch nie außerhalb ihrer Bananenplantagen gewesen zu sein. Wieso sollten sie auch, solange es noch genug Alkohol für alle gibt. Und da das selbstgebraute alkoholische Gebräu aus Bananenmus besteht, ist der Teufelskreis perfekt. Ich hatte den Eindruck dass in diesem Dorf selbst die Hunde betrunken waren. Für alle beteiligten Partygäste sicher ein toller Ort der zeitlich begrenzten Glückseligkeit. Das gallische Dorf von Asterix und Obelix mit dem Unterschied, dass alle im Zaubertrank baden und der unmusikalische Barde durch ein Kasettenradio mit dicken Lautsprechern ersetzt wurde. Für einen Durchreisenden der gerade ein paar Tomaten und Bananen kaufen möchte ein eher trostloser Anblick. Erschreckend was Alkohol alles anrichten kann. Ich muss hier weg bevor der große Kater am nächsten Morgen vor der Tür sitzt. Ich frage mich, ob hier auch der Weihnachtsmann vorbeischaut. Ich erreiche endlich wieder die Hauptstraße und kurze Zeit später liege ich in einen bequemen Bett der „Zam Zam Lodge“. Ich werde nie herausfinden wie viel früher ich hier gewesen wäre, hätte ich die normale Straße genommen. Aber dann hätte ich auch nie die Pandahills hassen und lieben gelernt. Hätte mich nicht fast am Gebäck vergiftet, hätte nie von der saure Milch Mutprobe berichten können. O.k. nicht wirklich überzeugende Argumente. Nächstes Mal nehme ich die normale Route und nicht die Abkürzung. Aber in dem Moment wo dieser Gedanke gefasst wurde,weiß ich auch schon das ich der nächsten Versuchung einer Abkürzung nicht widerstehen könnte. Weil ich genau weiß das dort das Abenteuer auf mich wartet… Mein Bauch ist nicht mehr arbeitslos und hat jetzt die Aufgabe aus dem Abendbrot des Restaurants so viel Energie wie möglich zu schöpfen. Ich würde sie die nächsten Tage sehr nötig haben. Die letzte Nacht in Tansania. Ab morgen geht es durch das dritte Land der Reise ... Malawi! Tag 46: Malawi, ein Land ohne Treibstoff nach 54 km erreiche ich mittags die Grenzhäuschen von Malawi. Ein letztes Mal Chipsi Meyeye für die letzten Tansania Schillinge und ich verhandel mit dem Typen vom Schwarzmarkt über den Wechselkurs. Nach einem kurzen Telefonat mit meiner Mama kenne ich den offiziellen Wechselkurs aus der Bank, der heute bei 150 Qwacha für 1 Dollar liegt. Er bietet mir 170 an, aber ich habe das Gefühl das da noch mehr geht. Ich informiere mich bei anderen Geldwäschern und ich würde bis zu 190 bekommen. Der erste Typ wirkt aber am siriösesten, soweit ein Geldwechsler mit einem dicken Bündel Banknoten eben seriös wirken kann. Ich tausche zum Kurs von 180 meine 50 $ in 9000 Malawische Qwacha. Im Immigrationsoffice geht es heute heiter zu. Mit meinem Begrüßungsspruch auf kisuaheli,“ Poah, Kitschisi kamon disi!“ was soviel heißt wie „ hey cool, ich bin eine verrückte Banane!“ sind alle gleich auf meiner Seite und es wird lustig rumgealbert. Der Officer bietet mir sogar von seinem Mittagessen an, aber ich lehne dankend ab. Am Ende wollen sie noch eine Brief- Freundschaft mit mir anfangen. Ich fülle das Formular für Einreisende aus. Familienname, Vorname, wo her ich komme und warum ich nach Malawi gehe. Bei Beruf könnte ich wohl auch Drogendealer oder Pornohandel Import Export reinschreiben und sie würden mir trotzdem grinsend den Schlagbaum öffnen. Ich schreibe aber lieber „Salesman“. Das geht immer. Die Dame fragt mich wo ich eine Adresse in Malawi habe. „Habe ich nicht“ antworte ich ehrlich. Ich schlafe dort wo ich müde werde. Sie denkt sich für mich eine Adresse aus und schreibt sie ins Formular. Stempel in den Pass und schon rolle ich die ersten Meter auf malawischen Straßen. Keine 500 m von der Grenze entfernt freuen sich schon ein paar Kinder am Straßenrand auf die neuen frisch eingetroffenen Touristen und ich höre gleich mal den Spruch „give me money!“. Ich war stehen geblieben um das Schild mit den Kilometerangaben zu den größeren Städten zu fotografieren. Da kommt mir ein Mann mit einem Maispflanzenbeladenen Fahrrad entgegengeschoben und nach einem freundlichen „Hello“ kommt auch gleich, gar nicht frech die Aufforderung hinterher „give me 20 Dollar!“ Das „please“, welches er noch nachschieben konnte er sich auch sparen weil jetzt erzähl ich ihm erstmal, dass ich keine 500 m in seinem Land gefahren bin und schon zweimal angebettelt worden bin. Wenn Sie Touristen haben wollen dann sollten Sie nicht jeden dahergelaufenen weißen Typen um Geld bitten. Das Ganze sage ich ihm in einem Ton, gemixt aus Freundlichkeit und Enttäuschung. Dazu ein Blick der ihm signalisiert, ganz schnell weiter zuschieben weil er sonst sein Gemüse gleich in Tansania wieder einsammeln kann. Malawi, mal schauen was du noch so für Überraschungen für mich bereit hälst. Ein Überraschungsei, wo die Schokolade schon vor langer Zeit gegessen wurde. Dank der Treibstoffknappheit gehören die Straßen den Fahrradfahrern, Eselkarren und den Fußgängern fast alleine. Ab und zu fährt mal ein Auto vorbei. Sonst ist es ruhig um mich herum. Der Asphalt ist relativ rauh und der größere Rollwiderstand verbraucht mehr Energie beim Treten. An den ersten Verkaufsständen bleibe ich stehen und kaufe mir eine kalte Cola. 70 Qwacha für 300 ml schwarze Blubberbrause. Umgerechnet 0,35 €. Am Nachbarstand verkaufen sie selbstgebrautes Bier in kleinen Plastikeimern. Neugierde kann nur durch selber ausprobieren und schmecken befriedigt werden. Ich setze den dreckigen Eimer an meine Lippen und eigentlich signalisieren die Geruchsinne der Nase sofort dem Nervensystem im Kopf „Achtung Gefahr!!! Nicht weiter kippen“ aber zu spät. Das Gebräu ist in meinem Mund und weil ich gut erzogen bin spucke ich es nicht gleich wieder auf die Straße sondern schlucke es mutig runter. „Puh, schmeckt das greislig!“und die Männer trinken das hier echt Eimerweise. Da bleibe ich lieber bei meiner Cola und für die Zukunft weiß ich. Kein Bier mehr aus dem Eimer trinken. 15 km weiter werden mir wieder eine Ansammlung von kleinen Verkaufsständen und Marktbuden zum Verhängnis. Orangensaft lacht mich an, zumindest hat es die Herstellerfirma geschafft die Farbe so zu gestalten, dass ich glaube echten frischen Orangensaft zu trinken. Kaum im Mund will er eigentlich auch schon wieder raus. Ich hatte die letzten Kilometer schon mit dem Bier- Geschmack zu kämpfen, der es immer wieder geschafft hatte aufzustoßen und meine Geschmacksnerven zu quälen. Nun dieser fiese chemische unnatürliche Orangensirup Geschmack. Erst jetzt macht mich die Verkäuferin darauf aufmerksam, nachdem sie sich köstlich über meinen verzerrten Gesichtsausdruck amüsiert hatte, dass man es mit Wasser mixen sollte. Haha, very funny. Ok danke. Sehr freundlich ich fülle einen Teil in meine Wasserflasche und probiere erneut. Es schmeckt verdünnt nur noch halb so furchtbar aber immer noch furchtbar genug, um beide Flaschen der Verkäuferin zu schenken und ich eine Sprit kaufe um den Geschmack los zu werden. Man kann echt nur Cola, Sprite und Wasser trinken. Auf den letzten Kilometern vor Karonga habe ich Gesellschaft von zwei anderen Fahrradfahrern aus Tansania, die in der Stadt ihre zwei Fahrräder verkaufen wollen. Das Geschäft scheint sich zu lohnen. Die Bikes kosten in Tansania 10.000 und hier in Malawi können Sie 17.000 bekommen. Ich bin mir nicht mehr sicher welche Währung sie meinten. 17.000 Qwacha sind umgerechnet 68 €. Das wäre sehr viel Geld für ein Fahrrad, aber ein Gewinn von 7000 Tansania Schilling wären nur 3,50 € und dafür würden sie sicherlich nicht 80 km radeln und dann mit dem Bus zurückfahren. Auf jeden Fall läuft ihr Business ganz gut und sie bringen so 10 Fahrräder im Monat nach Malawi. Wo kein Treibstoff ist, ist der Fahrradfahrer der King of the road. Sie bringen mich noch zu einem günstigen Gästehaus wo die Übernachtung nur 600 Qwacha kostet und verleihen dann die Bikes noch bis zum nächsten Morgen für 100 Qwacha an andere Leute. Echte Geschäftsleute eben. Ich sollte mein Fahrrad auch mal für Geld ausleihen. Das Gästehaus ist sauber und gepflegt. Auch bin ich positiv überrascht als Wasser aus dem Duschkopf kommt. Leider haben sie keine Kartoffeln mehr vorrätig und so esse ich meine Pommes mit Salat eben vor einem Supermarkt am örtlichen Busbahnhof. Anfangs gibt es noch Licht. Die zweite Portion esse ich dann bei Kerzenschein im Supermarkt zwischen Brottheke und Getränkekühlschrank. Der Strom ist mal wieder weg. Zurück im Gästehaus gibt es noch eine erfrischend kalte Dusche, die mich wieder von der müffelnden Ratte in einen Menschen verwandelt. Ich musste grinsen als ich im Klo ein zu geknotetes Kondom schwimmen sehe. Die Jungs hier machen also die selben Fehler wie wir. Zuerst im Klo runterspülen und dann zuknoten und nicht umgekehrt“ich spüle aber der Kondomballon hüpft immer noch auf der Wasseroberfläche auf und ab. Ich finde es super, dass sie Kondome benutzen. Zeit ins Bett zu plumpsen. Immerhin bin ich heute 101 km geradelt. Die erste Nacht in Malawi und ich bemerke sofort erfreut dass die Betten hier länger sind als in Tansania. Meine Füße schauen nicht mehr hinten raus. Allerdings ist das Kopfkissen einfach nur ein altes zusammengeknotetes Moskitonetz mit Überzug. Die Matratze ist zu dünn um den Körper von den groben Brettern fernzuhalten, die den Lattenrost darstellen sollen. Das Glasfenster haben Sie von Anfang an gleich weggelassen, so dass nun meine Ohrropacks die Geräusche der Außenwelt fernhalten müssen. Ich bin zu kaputt um mich über solche Kleinigkeiten noch zu wundern und schlafe sofort ein. Tag 47 Tag 48 Tag 49 Tag 50. Mzuzu City Tag 50 der Reise fängt genau so an, wie jeder andere Tag - mit Essen. Der menschliche Körper will seine Energievorräte wieder auffüllen, die er zurzeit täglich komplett verbraucht. Wenn er keine Nahrung bekommt, fängt er einfach an, meine Fettreserven zu verbrennen und davon sind auch nicht mehr viele vorhanden. Eine kurze Inventur meiner Provianttasche bringt ernüchternde Lagerbestände: 300 Gramm Erdnüsse, 200 Gramm Bananenbreipulver, 2 Bananen, 1,5 Liter Wasser. Auch der Kassenbestand ist mit 400 Malawi Kwacha so, dass es noch gerade so für ein Snickers Schokoriegel mit zwei Flaschen Cola reichen würde. Aber hier in Ekwendeni gibt es keine Schokoriegel, wenn der kleine Hunger kommt. Keine Milchschnitte für die Zwischenmalzeit oder Knoppers für den kleinen Hunger zwischendurch. Auch Müllers Milchreis hat noch nicht den Weg in die Kühlregale von Malawis Supermärkten gefunden. Was rede ich hier von Supermärkten? Die gibt es hier auch noch nicht. Ich muss so schnell wie möglich nach Mzuzu und dort Geld tauschen. In diesem Dorf möchte nämlich niemand meine Schillinge aus Tansania haben. 31 Kilometer trennen mich noch vom nächsten Geldautomaten, aber vorher laufe ich noch ein bisschen durch Ekwendeni. In meiner Straßenkarte von Malawi ist in roten Buchstaben „Historische Mission“ als touristische Sehenswürdigkeit hervorgehoben. Also, wo ich schon mal hier bin, will ich mir diese Mission auch mal genauer anschauen. Vorbei am örtlichen Schrottplatz, wo alte Autowracks vor sich hin rosten und darauf warten, dass nochmal jemand Ersatzteile brauchen könnte. Hier wird nichts weggeschmissen, was ich persönlich echt gut finde. Ein Auto hat eine komplett zerstörte Front. Vielleicht betrunken gegen einen Baum geprallt oder es hat eine nachts auf der Straße stehende Kuh mitgenommen. Hier in Malawi sind so wenig Autos unterwegs, dass es eigentlich keine Auffahrunfälle geben kann. Jetzt müsste also nur nochmal jemand mit demselben Automodell rückwärts gegen eine nachts auf der Straße stehende Kuh fahren und dann findet er hier alle Teile, um sein Auto wieder zusammenzubauen. Tippitoppi. Ein paar Straßen weiter hängt beim Metzger ein frischgehäutetes Hinterteil von einer kleinen Kuh oder von einer verdammt großen Ziege am Haken in der Sonne. Davor steht noch die blutverschmierte Schubkarre, mit der sie transportiert wurde. Mein Bauch knurrt. „Ist ja gut“ rede ich ihm mitfühlend zu. Du denkst gerade an eine große Portion Wiener Schnitzel mit Pommes. „Ich besorge uns was zum Essen, aber ohne Fleisch.“ Ich muss nach dem Maximalprinzip vorgehen. Das habe ich als Kaufmann in der Berufsschule gelernt. „Mit gegebenen Mittel das maximal mögliche erreichen“ oder so ähnlich. In meinem Fall - mit 400 Kwacha so viel zu Essen kaufen wie möglich. Gar nicht so einfach. Geh mal mit hungrigem Bauch einkaufen und versuche mit umgerechnet 80 Cent etwas zu kaufen, das dich satt macht. Ich habe nun einen Hauch einer Ahnung, wie sich Menschen in Malawi und anderen armen Ländern der Welt täglich fühlen müssen. Mit wenig Geld die ganze Familie zu ernähren. Ein täglicher Kampf um Nahrung, betteln, um die nächste Mahlzeit bezahlen zu können. Hart arbeiten um den kargen Böden etwas Essbares zu entlocken. Weit entfernt von einem „All you can eat Buffet“. Ich muss nur zum nächsten Geldautomat und kann mich dann wieder aufführen wie im Schlaraffenland. Es gibt keinen Grund für mich zu klagen. Zwischen den Wolkenschichten blitzt immer wieder die Sonne durch und auch jetzt in dem Moment, als ich an der alten historischen Mission angekommen bin, wirkt die große Kirche aus rotem Backstein wie erleuchtet. Die Morgensonne hüllt den imposanten Bau in ein helles Licht und die hochgewachsenen Bäume drum herum werfen lange Schatten auf die Kirchenmauern. Der rechteckige Turm mit großem Tor erhebt sich aus der flachen Umgebung und das langgezogene Kirchenschiff lässt nur erahnen, wie groß das Gotteshaus im Inneren ist. Eine Meisterleistung für die damalige Zeit, als die ersten Missionare „in kirchlicher Mission“ durch Afrika reisten, um den christlichen Glauben zu verbreiten. Auch heute noch werden die guterhaltenen Missionsgebäude von einer Hilfsorganisation als Schule genutzt. Als ich so herumschlendere und fotografiere, treffe ich eine Gruppe aus England, die hier gerade ein Austauschprojekt als angehende Lehrer begleitet und ich komme genau richtig zum Frühstücken. Es gibt Toast mit Marmelade und Tee. Die haben sogar eine Nutella ähnliche Schokocreme. Ich fühle mich wie im Himmel. Nutella-Toast als himmlisches Zeichen - Gottes Wege sind unergründlich. Ich weiß, dass jemand da oben ist und auf mich aufpasst. Ein gutes Gefühl, nicht alleine zu sein. Auf einer abenteuerlichen Reise einen steten Begleiter zu haben, der meinen Willen stärkt und das Selbstbewusstsein wieder aufpustet, wenn ich am verzweifeln bin. Es ist nicht greifbar, vergleichbar mit dem ersten Sonnenstrahl nach einem Regenschauer. Nach dem Frühstück darf ich auch noch ihr Internet nutzen und nach ein paar Mails an die Freunde zuhause gebe ich aus Neugier einfach mal das Wort „Malawi“ in die Google Suchmaske ein. Was weiß die Welt da draußen von diesem kleinen faszinierenden Land? Welche Nachrichten aus Afrika schaffen es in die „Tagesschau“? Worüber berichtet CNN? Die Medienwelt braucht Schlagzeilen. „18 Tote bei Demonstrationen am 20. Juli in Malawi“ ist die neueste Meldung und erst zwei Wochen her. Auch in Mzuzu, wo ich heute noch durchfahren möchte, hat es Tote nach den Ausschreitungen gegeben. „Madonna scheitert mit Waisenhaus“ ist eine weitere traurige Geschichte in den Online News. Der Versuch des Popstars ein Waisenhaus in Malawi zu bauen ist daran gescheitert, dass die Spendengelder vom Konto plötzlich verschwunden waren. „14 Jahre Haft für schwules Pärchen in Malawi“ ist ein weiterer Beweis, dass es hier noch genug Herausforderungen beim Thema Gleichberechtigung und Aufklärung gibt. Ich gehe offline und bin wieder im Onlinemodus der Afrika-Radtour. Fahrrad satteln, Maschinen hochfahren, Gerätecheck, ein kleiner Schluck aus der Wasserflasche und auf geht’s Richtung Mzuzu. Die 30 Kilometer vergehen nicht ganz gedankenlos. Eigentlich mache ich mir immer Gedanken über alles Mögliche. Wenn ich mir die teilweise nicht mehr ganz fahrtüchtigen Schrottkarren anschauen, die mir mit lautem Geschepper entgegenkommen, muss ich an den deutschen TÜV denken. Dann stelle ich mir vor, wie der TÜV Prüfer einen seitenlangen Mängelbericht schreibt. „Steinschlag im Sichtbereich des Fahrers“ hatte er bei mir bemängelt. Ich muss schmunzeln. Hier gibt’s keinen Steinschlag, da fehlt einfach die gesamte Frontscheibe. ABE’s, Materialgutachten zu Anbauteilen, Reifenprofiltiefe, Auspuff zu laut, Fahrwerk zu tief. All diese Vorschriften und Verbote gibt es hier nicht. Wer in Malawi ein Auto besitzt, ist eh schon ein reicher Mann. Zurzeit mangelt es aber an Treibstoff und so habe ich die Straße mal wieder fast für mich alleine. Nur ein paar Fußgänger sind unterwegs und diese winken mir lächelnd zu. Bei einer kleinen Pause auf halber Strecke unterhalte ich mich mit einem jungen Mann, der Kunstlehrer werden möchte. Stolz zeigt er mir seine Bilder, die er an seiner Hütte aufgehängt hat. Da ich ihm kein Bild abkaufen möchte, mache ich ihm den Vorschlag, dass er mein Bike zeichnen könnte. Als Tausch gebe ich ihm ein paar meiner Stifte und Zeichenpapier aus meinem Block. Während er zeichnet, frage ich ihn über sein Heimatland aus. Ich möchte Dinge erfahren, die es nicht in die Zeitung schaffen. Positive Meldungen aus Malawi. Geschichten aus dem Leben. Er ist verliebt in eine junge Frau und kann aber keine fünf Kühe an die Familie bezahlen, um sie zu heiraten. Eine ausgewachsene Kuh kostet immerhin fast 20.000 Kwacha (120 Euro). Im Vergleich kostet es 1,5 Millionen Kwacha(ca. 9000 Euro), ein Haus zu bauen. Auf der Universität zu studieren, kostet bis zu 150.000 Kwacha. Bei einem monatlichen Einkommen von 2500 Kwacha (umgerechnet 15 Euro) für viele ein unerreichbares Ziel. Aus reinem Interesse und nicht, weil ich es ernsthaft vorhatte, komme wir nach dem Thema HIV auch auf Prostitution zu sprechen und es erschreckt mich, dass es die „käufliche Liebe“ schon für 200 Kwacha (1,20 Euro) gibt. „ Also als weißer Mann könnte ich sie aber auch einfach auf eine Cola einladen und sie würde mit mir nach Hause gehen.“ sagt er aus Spaß, aber in seinem Lächeln sehe ich auch einen Mix aus Spott und Eifersucht. Die Gräben zwischen Weiß und Schwarz waren tief und auch wenn heute viele Brücken darüber gebaut wurden, so sind sie doch immer wieder zu spüren. Das Bild meines Fahrrads ist fertig und er freut sich über meine guten Zeichenstifte und das Papier, das ich ihm nun aus dem Block herausreiße. Mir ist schon bewusst, dass er davon nichts essen kann und so gebe ich ihm auch noch meine letzten 400 Kwacha. Dann kaufe ich mir halt erst in der Stadt wieder etwas zu essen und er kann es sicher besser gebrauchen. Ob er sich eine Mahlzeit oder zwei Prostituierte gekauft hat, werde ich wohl nie erfahren. Ich bin schon wieder auf der Straße und erreiche am späten Nachmittag endlich die Stadt Mzuzu. Geldwechsel ohne Bank ist schon fast so aufregend wie Drogenhandel. Dein Dealer, der dir deine fremde Landeswährung in malawische Quacha tauscht, fällt in dem unüberschaubaren Menschenstrom, der dich umströmt nicht auf. An keinem Stand auf dem Markt steht groß Geldwechsel angeschrieben. Genau so wenig wie bei uns Koks und Nutten mit Werbeslogans angepriesen werden. Aber es gibt sie überall, die Nutten und auch die Gelddealer und es gibt Leute, die wiederum wissen, wo man sie finden kann. Und so einen Informanten finde ich in Joshua. Ich habe ihn einfach frech angesprochen und aus all den vielen Menschen gezielt ausgewählt, nur weil er gepflegte Schuhe anhatte. Der Trick mit den Schuhen hat bis jetzt immer geklappt. Wer sich in Malawi gute Schuhe leisten kann, der gehört schon zur gehobenen Bevölkerungsschicht. Mit Joshua kann ich mich sehr gut auf Englisch unterhalten und er hat gerade nichts zu tun und hat Spaß daran, mir zu helfen. Als wenn der Marktplatz sein Zuhause wäre, führt er mich durch das hektische Gewusel an den vielen verschiedenen Ständen vorbei, an den Marktschreiern, die ihr frisches Gemüse anbieten, durch enge Gassen zwischen Bretterbuden, lebendigen Hühnern und weniger lebendigen Tieren, die schon eher die Schnitzelform angenommen haben bis zu einem bunten Stand, der allerlei elektronischen Technikkram anbietet vom Mobiltelefon bis zum tanzenden Weihnachtsmann. Ich blicke zuerst links und rechts, ob uns jemand beobachtet und schiebe ihm dann mein Bündel Geldscheine über den Tresen. Verhandeln kurz den Wechselkurs und dann habe ich wieder genug Bargeldreserven, bis ich in Sambia bin. Die ersten Kwacha gebe ich für fünf Donut ähnliche Gebäckstücke aus. Joshua isst auch mit und er bietet mir an, heute Nacht bei seiner Familie zu übernachten. Na prima, dann wäre das Problem mit der Schlafplatzsuche auch schon gelöst. Aber ein weiteres kleines Problem macht sich nun langsam bemerkbar. Ich muss aufs Klo. Eigentlich keine große Sache wenn ich außerhalb der Ortschaften unterwegs bin, geh ich einfach mit meiner Klopapierrolle hinter den nächsten Busch und bin nach kurzer Zeit wieder erleichtert. Ich glaube, ich war seit 3 Tagen nicht mehr auf Toilette und jetzt will alles auf einmal raus. Jetzt, wo ich mich auf einer unbekannten Straße befinde, es ist schon stockfinster und um mich herum sind überall Lichter, Menschen, Autos rumpeln vorbei und ich habe keine Ahnung wie weit es noch bis zu Joshuas Haus ist. „ Wann sind wir endlich da?“ quängele ich wie ein kleines Kind von der Rücksitzbank. „ „Nicht mehr weit!“, versucht mich Joshua zu beruhigen. Das haben meine Eltern auch immer gesagt, als wir von München nach Hamburg unterwegs waren und noch 400 Kilometer vor uns hatten. Ich würde auch überhaupt nicht so einen Stress machen, wenn ich nicht echt kurz vorm in die Hose schxxx wäre. Bei jedem Schritt macht sich der verdaute Rest von den vielen kleinen Mahlzeiten der letzten Tage bemerkbar. Erdnüsse, Orangen, Pfannkuchen, Joghurt, Eieromelette, Bananen, Tomaten, Zwiebeln und jetzt auch noch die Donuts. Sie alle drücken mit aller Kraft gegen die einzige Tür aus dem dunklen Raum. Die Tür darf nicht aufgehen, sonst gibt’s ne Schweinerei. Die Lichter tanzen um mich herum, lachende Menschen, die die kühle Abendluft nach der Hitze des Tages genießen laufen uns entgegen. Flackernde Öllampen beleuchten die kleinen Geschäfte, Autos hupen sich den Weg frei und wirbeln den Straßenstaub auf. Ich muss mich konzentrieren, Joshua nicht aus den Augen zu verlieren. Ich kann mich nicht mehr erinnern, mir jemals so dringend ein Dixi-Klo gewünscht zu haben. Und ich nehme auch eins, dass eine Woche lang auf einem Rockfestival stand und nicht geputzt wurde. Scheiß egal … Joshua biegt endlich in eine kleinere Seitenstraße ab und bleibt kurze Zeit später vor einem Haus stehen, welches im Dunkeln leider schwer zu beschreiben ist. Mit der Taschenlampe aus Joshuas Handy in der Hand stolpere ich einem kleinen Holzverschlag entgegen, wo ein rundes dunkles Loch im Boden mein Ziel markiert. Ich überspringe die nächsten 10 Minuten und beginne wieder ab dem Moment, als ich mit einem erleichterten Lächeln mit meiner Klopapierrolle in der Hand vor der Holztür stehe und endlich wieder klare Gedanken fassen kann. Ich bin also nun bei Joshua zu Hause, als Gast bei seiner Familie und ich darf hier übernachten. Diese Gastfreundschaft ist wirklich überwältigend. Wer würde in München schon einen wildfremden Reisenden zu sich nach Hause einladen? Seine Eltern begrüßen mich herzlich und die jungen Frauen im Haus gehen vor mir auf die Knie und verbeugen sich. Das habe ich noch nie erlebt und weiß auch erst mal nicht, wie ich mich richtig verhalten soll. Einfach lächeln und winken. Vor dem Essen soll ich ein warmes Bad nehmen. Wow, ein warmes Bad, wie lange ist das schon wieder her. Das Wasser haben sie extra für mich auf dem Feuer erhitzt und nun stehe ich vor dieser dampfenden Wanne und traue mich nicht hinein. Verrückt, Alex, stell dich nicht so an und lass es dir gut gehen. Ich kann nicht, … weil ich weiß wie viel Aufwand betrieben werden musste, bis diese heiße Wanne hier so stehen konnte. Langsam ist die europäische Selbstverständlichkeit, alles einfach jederzeit bekommen zu können, aus meinem Kopf von der Realität überholt worden, dass in dieser Welt keine Lampe brennt, ohne dass irgendwo jemand dafür Energie produziert hat. Kein Lagerfeuer ohne Holzhacker, kein Obstsalat ohne Obstbauer. Jemand musste Holz hacken, das Holz nach Hause tragen und Feuer machen. Das Wasser aus einem Brunnen holen und in mehreren Eimern erhitzen. Nur damit ich jetzt ein warmes Bad nehmen kann. Dieselben Gründe sprechen aber auch dafür, das heiße Wasser zu nutzen, weil sonst der ganze lange Weg umsonst gewesen wäre. Ich nehme mir, wie selbstverständlich, als wenn ich es nicht anders kennen würde einen kleinen Blecheimer und lass das wärmende Wasser meinen Körper herunter laufen. Mit dem Bewusstsein für die Knappheit von sauberem Wasser koste ich jeden Tropfen auf meiner Haut aus. Es dampft und spritzt, prickelt und tut gut. So erfrischt und duftend darf ich am reich gedeckten Tisch Platz nehmen. Reis mit Kochbananen, Tomatensalat und Spinatgemüse. Alle sitzen um den Tisch im Wohnzimmer, aber keiner isst etwas. Ich esse alleine und alle schauen mir dabei zu. Sie essen nach mir in der Reihenfolge, wie ihre Urgroßväter schon ihre Mahlzeiten zu sich genommen haben. Zuerst die alten Männer, dann ihre Frauen und kleinen Kinder. Erst am Schluss die jungen Männer. Ich als weißer Gast genieße heute eine besondere Stellung in der Hierarchie des Wolfsrudels. Joshua hat extra für mich 2 Joghurt Ananas Drinks gekauft und 2 eisgekühlte Fanta Exotic. to be contiunued... soll ich echt noch weiter schreiben? 61 Tage Abenteuer bis Winthoek warten noch darauf, abgetippt zu werden



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