Reisebericht von Lima nach Rio

von Horst Wehrse am 25.06.

Einmal quer durch den Kontinent

Olá, jetzt ist es endlich soweit, nach langer Vorbereitung, umfangreichem Studium der Reiseführer und großer Vorfreude ist der ersehnte Abreisetag gekommen. Wir dürfen einmal quer durch den Kontinent reisen. nach einigen Abschiedsdrinks im „Windlicht“ fährt mein Bruder Jürgen mich von Minden nach Amsterdam und auf geht das Abenteuer.


Peru

Schlaftrunken steige ich aus, dann gleich der erste große Schock: mein Rucksack ist nicht da und das nächste Flugzeug aus Toronto kommt erst in einigen Tagen.

Übermüdet, niedergeschlagen und frustriert erledige ich die Formalitäten. Und dann auch schon die nächste Enttäuschung: Ein Reiseveranstalter wendet sich an mich und bietet mir seine Dienste an. Von ihm erfahre ich, dass der Zugverkehr zwischen Lima und Huancayo aus politischen Gründen eingestellt wurde. Die Fahrt durch die Anden mit der höchsten Eisenbahn der Welt sollte einer meiner Reisehöhepunkte werden.

Im Flughafen erwerbe ich spezielle Telefoncoins und rufe zu Hause an.

Der Veranstalter empfiehlt mir ein Zimmer im zentralgelegenen Hotel „San Martin“, mit einem colectivo, einem Sammeltaxi, fahren wir in die Innenstadt. Der Chevy hatte schon bessere Zeiten erlebt, kaputte Sitze, keine Scheibenwischer, die Zündung muss kurzgeschlossen werden. Wir kommen an vielen Slums vorbei, der erste Eindruck von Lima ist eher bedrückend, wenn nicht sogar niederschmetternd.

Beim Spaziergang zur Plaza de Armas staune ich über die vielen, vielen Menschen. Auf den Bürgersteigen findet ein lebhafter Handel statt und ich decke mich erst mal mit Toilettenartikeln und Unterwäsche ein. Einmal habe ich das Gefühl, einen Taschendieb zu sehen, vielleicht ist das aber auch nur Einbildung.

Der Geldtausch findet ebenfalls auf offener Strasse statt, für 20 USD erhalte ich 11.200.000 Intis, die Scheine verbreiten einen üblen Geruch, Münzen sind nicht im Umlauf.

Wohin mit dem Geld?

Man rät mir, das Geld in die Hemdtasche zu stecken. Nicht nur Bargeld, auch Reiseschecks werden draußen getauscht.

Stillende Mütter sitzen am Straßenrand, viele Bettler prägen das Stadtbild.

Der Präsidentenpalast wird stark bewacht und ist nur aus größerer Entfernung zu betrachten, Polizisten pfeifen mich bei dem Versuch näher an das Gebäude zu gehen zurück.

Es ist Silvester, kurz vor 23.oo Uhr gehe ich aus dem Hotel, der Portier rät zur Vorsicht: no amigos. Nach einiger Zeit verlasse ich die Plaza St. Martin und gehe ins Lokal. Um Mitternacht wünschen wir uns gegenseitig ein frohes neues Jahr und es werden einige Knaller gezündet.

Am Neujahrstag fahre ich mit dem Taxi nach Miraflores, einem Vorort von Lima direkt am Pazifik. Den Fahrpreis kann ich auf 2 Mio. Intis herunterhandeln. Viele Leute baden im Ozean, es ist etwas bewölkt, das Thermometer zeigt gegen 11.oo h schon 26 Grad an. Ein unangenehmer Geruch liegt permanent in der Luft.

Abends ist nicht viel los, die meisten Restaurants haben, wie in Deutschland auch, an diesem Feiertag geschlossen.

In einem Reisebüro erfahre ich, dass die besagte Zugfahrt nicht aus politischen Gründen sondern wegen starken Regens in den letzten Wochen ausfällt, angeblich ist eine Brücke von den Wassermassen zerstört worden. Ein Mitarbeiter vom staatlichen Reisebüro FOPTUR meint, dass die Andenbahn am Samstag und Montag sehr wohl abfährt. Was stimmt denn nun?!

Die Fahrt nach Huancayo

Am Sonnabend, so heißt es im Flughafen, kommt endlich auch mein Rucksack an, eine ganze Woche ohne eigene Sachen. Es fehlt ja nicht nur Kleidung, nein, auch Bücher und Filme sind im großen Gepäck und ich zwinge mich, das einzige verfügbare Buch ganz langsam zu lesen.

Immer wieder erstaunt mich der Zustand der Taxen, sie sind durchweg alt, baufällig, verfallen und reparaturbedürftig, bis auf die Fahrzeuge vor den Prachthotels Crillon und Bolivar. Hier warten geputzte und glänzende schwarze Limousinen auf betuchte Fahrgäste.

Victor, der Reiseagent, vermittelt mir ein Busticket nach Nazca und will sich in der Zwischenzeit noch einmal um die Fahrt nach Huancayo kümmern.

Nachmittags wird mir schlecht, Montezuma rächt sich an mir. Es kommt vorn und hinten raus und ich greife nach den Durchfalltabletten. Glücklicherweise steht ein Kühlschrank mit Getränken im Zimmer, ich habe riesigen Durst und peinigende Schmerzen, an essen ist nicht zu denken.

Ist mir das gestrige Abendessen, Eier mit Schinken, nicht bekommen? Ist der Pisco sour schuld, immerhin wurde er mit Eiswürfeln gemixt? Die Antwort steht immer noch aus.

Nach und nach stellt sich eine kleine Linderung ein, an die morgige Busfahrt nach Nazca mag ich gar nicht denken. Es wird eine lange Nacht und ich schlafe schlecht und unruhig.

Auf der Panamericana

Am nächsten Morgen werde ich von Victor abgeholt, er bringt mich zum Busbahnhof, wo schon allerhand los ist. Im Terminal warten bereits an die 40 Leute, laute Musik dringt aus den Lautsprechern.

Kurz nach 6.oo h setzt sich der Bus in Bewegung, bis zum Stadtausgang hält er etliche Male an, um noch neue Reisende aufzunehmen. Die Fahrt dauert acht Stunden, trotz meines gesundheitlichen Zustandes genieße ich sie sehr. Die Sicht ist prächtig, hat man mir doch ganz vorn den Platz Nr. 1 direkt hinter dem Fahrer zugewiesen. Es erstaunt mich zu sehen, was die Mitreisenden alles mit sich führen: Elektrogeräte, Bekleidungstücke aller Art, Obst, Gemüse, Kleinmöbel etc.

Wir fahren auf der Panamericana, geradeaus so weit das Auge reicht, neben der Strasse nur Sand und Wüste, häufig ist der Pazifik zu sehen. Die Strasse ist teils vier-, teils zweispurig.

Es sind zumeist LKW und Busse unterwegs, PKW sieht man selten. Ab und zu wird die Öde durch eine Art Oase aufgelockert, ich meine, dass hier Zitronen, Mangos, Bananen angebaut werden, ab und zu sehe ich ein Baumwollfeld. Die Dörfer bestehen aus Lehmhütten, oben teils offen, häufig kein Fensterglas. Es gibt sowohl kleinere Landwirtschaften als auch landwirtschaftliche Kooperativen.

Das Wasser ist knapp, es wird aus acht Metern Tiefe aus der Erde gepumpt.

An den Haltestellen drängeln sofort die fliegenden Händler, oft Kinder, in den Bus, um Sandwiches, Eis, Süßigkeiten, Obst oder Getränke zu verkaufen.

In Nazca quartiere ich mich in das „Hostal La Maison Suizze“ gegenüber dem Flughafen ein. Es ist noch relativ früh und so lasse ich mich zu einer Fahrt zum 20 km entfernten Friedhof Chauchilla überreden. Man kann einige Mumien besichtigen. Sie stammen aus der Zeit um 700 nach Christus und sind noch gut erhalten und konserviert. Überall liegen ausgebleichte Knochen und Schädel, an einigen ist noch das Haar. Grabräuber haben die meisten Schädel auf der Suche nach Grabbeilagen beschädigt.

Der Fahrer kennt alle Leute im Ort, winkt und gestikuliert und will jedem zeigen, dass ein Gringo seine Dienste in Anspruch nimmt. Sein Neffe Jean begleitet uns.

Abends esse ich eine Kleinigkeit, es schmeckt aber noch nicht besonders, dafür ist der Durst umso größer. Nach den hektischen Tagen in der Großstadt genieße ich die Ruhe auf dem Lande.

Nazca, ca. 30.000 Einwohner, wurde durch die Linien und Figuren der umliegenden Wüste bekannt, die Herkunft ist nicht hinreichend erforscht, es gibt verschiedene Theorien. Die in Deutschland geborene Maria Reiche ist die vielleicht kompetenteste Expertin dieses Sachgebietes, am berühmtesten ist jedoch der Schweizer Schriftsteller Erich von Däniken, der in den Linien Landebahnen für außerirdische Wesen vermutet. In seinem Buch „Erinnerungen an die Zukunft“ befasst er sich mit diesem Thema.

„Don´t trust anybody your money“

Während des Fluges kann man die einzelnen Figuren gut erkennen. Meistens sind es Tiere, z.B. ein Frosch über 46 m, ein Affe über 90 m, ein Kondor über 135 m, aber auch gerade Linien und Striche.

Auf der Rückfahrt nach Lima wird mir ein Platz neben der reizenden Magally zugewiesen. Sie studiert Informatik, wir unterhalten uns prächtig und die Heimfahrt vergeht wie im Fluge.

Beim Einsteigen raunt mir der Fahrer zu: „Don´t trust anybody your money“.

Kinder kommen in den Bus, tragen ein Gedicht vor, putzen Schuhe der Reisenden oder verkaufen Süßigkeiten während der Fahrt. Einige Fahrgäste geben ihnen Reste ihres Essens.

LKW halten im Fluss und die Fahrer erfrischen sich im Wasser.

Einmal wird unser Bus von der Polizei angehalten, ich muss als einziger aussteigen und meinen Pass vorzeigen.

Während ich am nächsten Tag im Flughafen auf den Flug nach Cuzco warte, höre ich über Lautsprecher die Ankunft des Flugzeugs aus Toronto. Ich rase zum entsprechenden Schalter und kann nach kurzer Verhandlung überglücklich meinen Rucksack in Empfang nehmen.

Neben einem Pfarrer Im Flugzeug

Eine Stunde dauert der Flug, es ist ziemlich neblig. Neben mir im Flugzeug sitzt ein Pfarrer tief ins Gebet versunken. Das Hotel „Loreto“ ist meine nächste Bleibe, ein schönes altes massives und sicheres Haus, einige Wände sind noch aus der Inka-Zeit. Der Taxifahrer, der mich hinbringt, hält mitten auf der Strasse an und unterbreitet ein Tourenangebot. Zur besseren Verständigung hat er sich selbst ein Phrasenwörterbuch zusammengeschrieben.

Cuzco liegt knapp 3.500 m hoch und man merkt die Höhe bei jeder Bewegung. Es ist Dreikönigstag und ein Prozessionszug marschiert durch die Stadt, vorne weg eine Blaskapelle und ich wundere mich, wo die Musiker die Luft hernehmen.

Die Stadt gefällt mir, es ist kühler und ruhiger als in Lima, wenngleich es mir nicht möglich ist, eine halbe Minute ungestört an einem Platz zu sitzen, immer kommt irgendjemand, der irgendetwas verkaufen oder Geld tauschen will.

Die Inka-Ruine Sacsayhuaman gehört zum Besichtigungsprogramm, auf dem Rückweg kommt mir eine Indio-Familie mit drei Lamas entgegen.

In der Kathedrale beeindruckt mich das Abendmahlsbild. Statt Brot wird ein Meerschweinchen gegessen, Judas ist, wie makaber, als einziger mit indianischen Gesichtszügen dargestellt.

An einem Tag schließe ich mich einer organisierten Fahrt ins Urubamba-Tal an. Es geht zunächst zur Qenko-Ruine, einem Felsen, durch dessen Rinnen früher Wasser oder Opferblut geflossen ist. Schaf-, Ziegen-, Schweine- und Rinderhirten mit ihren Tieren begegnen uns, einmal sehe ich einen Jungen auf einem Schwein reiten.

Auf dem Indio-Markt in Pisac erwerbe ich nach längerem Feilschen und Handeln drei Keramikvasen und Musikpfeifen. Es herrscht ein buntes Treiben, die Einheimischen tragen farbenfrohe Kleider.

Außer mir sind noch drei Engländer und zwei Deutsche im Bus, ein Versuch, mit den beiden Deutschen ins Gespräch zu kommen, schlägt allerdings fehl.

Als nächstes steht Ollantaytambo auf dem Programm, hier ist u. a. der Inkathron zum Sonnenaufgang zu besichtigen. Die Indiofrauen auf dem Wochenmarkt haben ihr Kleinkind auf dem Rücken und gehen ihrer Arbeit nach.

Zum Schluss des Tagesausflugs wird noch in Chinchero angehalten. Hier besichtigen wir den Inkathron zum Sonnenuntergang. Auf dem hiesigen Markt wird nicht nur verkauft sondern auch getauscht.

Abends läuft ein Film mit deutscher Militärmusik im Fernsehen, der „Regimentsgruß“ und „Hoch Heidecksburg“ kommen mir bekannt vor.

Machu Picchu

Etwa vier Stunden benötigt der tren local für die 110 km nach Machu Picchu. Hinter der Dampflokomotive ist ein Pullmanwagen für Gringos angehängt. Es ist eine sehr interessante Fahrt, nur etwas kalt. Viele Einheimische begleiten uns als Trittbrettfahrer oder sitzen auf den Waggondächern. Beim Kilometerpunkt 88 steigen vier Touristen aus, um den Inkatrail zu begehen.

Laut Reiseführer hält der Zug nicht in Puente Ruinas unterhalb der Ruinen, sondern zwei Kilometer vorher in Aguas Calientes. Ich steige aus und gehe den restlichen Weg auf den Schienen zu Fuß. Später erfahre ich, dass die Angabe im Reisehandbuch falsch war.

Machu Picchu ist grandios, die Ruinen liegen noch ein wenig im Nebel, es herrscht eine geheimnisvolle und gespannte Stimmung. Zusammen mit einer jungen Frau aus New York, wir hatten uns auf der Fahrt ins Urubambatal kennengelernt, erkundige ich die Anlage.

Wieviele Fotos hatte ich bei der Reisevorbereitung oder auch sonst schon von dieser einzigartigen Inkaruine gesehen, und jetzt stehe ich selber davor und mag den Blick gar nicht abwenden.

Es ist wenig los, nur einige Touristen verlieren sich auf dem Areal, ich kann mich gar nicht satt sehen.

Machu Picchu liegt in 2400 m Höhe und besteht aus der Landwirtschafts- und der Stadtzone. Die Gebäude entstammen aus der Glanzzeit der Inkas, wahrscheinlich wurden sie im 15. Jahrhundert errichtet, ihre damalige Bedeutung ist nicht gesichert.

Bingham, der die Ruinen 1911 entdeckte, meinte, dass die Anlage als Zufluchtsort für Sonnenjungfrauen genutzt wurde.

Am Bahnhof trenne ich mich von der Amerikanerin. Sie will im nächsten Jahr in Brüssel Management studieren, ihre Eltern waren während der Hochzeitsreise ebenfalls in Machu Picchu.

Zwischen den Schienen herrscht emsiges Treiben, aus jedem Verkaufsstand dudelt „El condor pasa“. Eine Zeitung schreibt über die derzeitige Inflationsrate: 24 %.

Im Zug treffe ich auf einige Holländer, sie haben den Inkatrail gewagt und sind noch ganz begeistert. Mehrere Gesichter der anderen Touristen kommen mir bekannt vor. Die Heimfahrt dauert fünf Stunden, kurz vor Cuzco erleben wir wieder die engen Kurven, die der Zug nicht direkt bewältigen kann. Jede Weiche wird vom Zugbegleiter per Hand umgestellt.

Als Sammler für Münzgeld

Zurück in der Stadt bemühe ich mich als Sammler um Münzgeld. Obgleich ich in einigen Banken nachfrage, ist mir kein Erfolg beschieden. Bevor ich ins Hotel zurückgehe möchte ich noch das Stadttor fotografieren. Plötzlich drängen sich drei Indiofrauen an mich und versperren den Weg. Nach einigen Sekunden geht es weiter, ich greife an die Gesäßtasche und was merke ich, mein Portemonnaie ist weg. Ich schimpfe und klage die Frauen an, ernte aber nur gleichgültige Blicke. Etwa 150,- DM waren in der Geldbörse. Normalerweise habe ich nicht so viel Geld bei mir und schon gar nicht hinten in der Tasche, aber ich wollte im Laufe des Tages noch ein Ticket nach Puno erwerben.

Die nächsten Stunden habe ich schlechte Laune und ärgere mich, nicht nur über den Verlust des Geldes, sondern vielmehr über meine Naivität.

Abends gehe ich mit drei Frauen aus San Francisco ins Restaurant, zwei Schwestern chinesischer Herkunft und einer Frau, die einige Monate in Ecuador gelebt hat, um für eine Dissertation zu recherchieren. Sie erzählen u. a. angeblich wahre Horrorgeschichten über die gewaltige Kriminalität in Rio de Janeiro, aber es wird trotzdem ein lustiger Abend, zum Schluss tauschen wir Adressen aus mit dem Versprechen, uns gegenseitig zu besuchen.

Am nächsten Morgen ist im Bahnhof schon relativ viel los. Ich setze mich gleich in den Kurswagen nach Puno, schließlich ist der Titicacasee, der höchste schiffbare See der Welt, mein nächstes Ziel. Viele Verkäufer, oft Kinder, wandern durch den Zug und verkaufen Obst, Brot, Torte, Zigaretten, Getränke, Toilettenpapier und andere Sachen, die auf einer Reise nützlich sein können.

Den mit 4313 m höchsten Punkt der Fahrt erreichen wir in La Raya, in der Ferne erkennt man schneebedeckte Berge, viele Lamas grasen auf den Weiden des Altiplano, der von Andenkordilleren gesäumten Hochebene.

Zwei Engländer sichern ihr Gepäck mit einem Schloss an der Gepäckablage, später unterhalten wir uns und sie erzählen mir leicht frustriert, dass auch sie Opfer von Taschendieben wurden. Sie haben für alle Fälle einen großen Stock, dicker als ein Forkenstiel, dabei.

Gekochtes aus Maisblättern

Während der Fahrt werden viele Waren feilgeboten, besonders während der Aufenthalte auf den Bahnhöfen kommen Einheimische in die Abteile und bieten ihre Produkte an. Morgens esse ich irgendwas Gekochtes aus Maisblättern, später einen warmen Maiskolben und Brot.

Kinder begeben sich von Wagen zu Wagen und sagen Sprechgesänge auf, Musikgruppen unterhalten uns mit Folkloremusik, Bettler gehen durch die Abteile, manchmal werden sie von Kindern geführt.

Manchen singenden oder bettelnden Kindern wird ein Essen spendiert oder man gibt ihnen Reste der eigenen Mahlzeit.

Die Fahrscheinkontrolle erfolgt im Beisein eines bewaffneten Polizisten, der die ganze Zeit bis Puno im Zug bleibt. Einige Male wird die Lok gewechselt.

Mittags herrscht große Aufregung im Zug, einem Reisenden wurde das Gepäck gestohlen und wir werden wieder ermahnt, peinlich genau auf unsere Sachen zu achten.

Die letzten Stunden der Fahrt sind gespenstisch, es ist bereits dunkel und aus Sicherheitsgründen wird im Zug kein Licht angemacht, der „sendero luminoso“, besser bekannt als Terrorgruppe „Leuchtender Pfad“, könnte in der Nähe sein. Bei Juliaca wird wieder vor vielen Dieben gewarnt und wir werden angewiesen, das Abteil zu wechseln. Leider kommen die Mitteilungen recht spärlich über und ich muss immer wieder bei den Mitreisenden nachfragen, um aktuell informiert zu sein.

Für 5 USD

Nach 13 langen und aufregenden Stunden erreichen wir gegen 21.oo h die Stadt Puno, ich klemme mein Gepäck unter den Arm und steuere das nächstbeste Hotel an. Gegenüber vom Bahnhof erhalte ich im „Ferrocaril“ für 5 USD ein Zimmer ohne Bad aber mit Toilette, wenn man das Loch in der Erde als eine solche bezeichnen kann.

Beim Abendessen im Hotelrestaurant unterhalte ich mich mit zwei Schweizern. Sie reisen für ein halbes Jahr durch Südamerika und haben viel zu erzählen.

Puno ist quasi „unter Wasser“, die Strassen und Plätze sind überschwemmt. Auf dem Weg zum Titicacasee komme ich an einem großen Platz vorbei, der sowohl als Schweinetümpel als auch als öffentliche Toilette seinen Zweck erfüllt. Eine Frau sitzt mitten auf dem Platz, vollkommen ungeschützt, und verrichtet ihr Geschäft, schnell gehe ich weiter.

Zusammen mit vier Spanierinnen nehme ich ein Boot zu einer der Uros-Inseln. Meine Begleiterinnen arbeiten in Bolivien, ich mache ein Foto und verspreche, ihnen einen Abzug zuzusenden.

Die Inseln im Titicacasee, etwa 35 an der Zahl, sind allesamt größtenteils aus Schilf gebaut, auf jeder leben einige Familien. Es gibt eine Schule, die Bewohner betreiben Fischfang und etwas Landwirtschaft, sie bauen Kartoffeln und Bohnen an, außerdem verdienen sie am Verkauf von selbst hergestelltem Kunsthandwerk.

Meines Erachtens sind die Bewohner schon an größeren Tourismus gewöhnt, sie lassen sich gegen Entgeld fotografieren. Es heißt, daß viele Einheimische frühzeitig an Rheuma erkranken.

Zurück in Puno, es hat wieder wolkenbruchartig geregnet, erwerbe ich auf dem Markt nach langem Feilschen einen Pullover aus Alpacawolle. Abends ist der Strom für längere Zeit weg. Beim Abendessen in einer vom South-American-Handbook empfohlenen Hähnchenbraterei haben einige Gäste Mitleid mit den bettelnden Kindern und geben von ihrem Abendessen etwas ab. Coca Cola scheint in diesem Lokal das Lieblingsgetränk zu sein.

Bolivien

Der Bus nach La Paz startet pünktlich um 8.oo h und erreicht gegen Mittag die bolivianische Grenzstadt Copacabana. Wir müssen in einen anderen Bus umsteigen und haben nachmittags eine herrliche Fahrt am See entlang. Der Blick auf den Lago Titicaca und auf einige schneebedeckte Sechstausender ist phantastisch.

Gegen Abend muss ein Teil des Sees mit einer Fähre überquert werden. Wir sehen viele Lamas, Schafe, Esel und Rinder.

Im Bus sind einige Deutsche, ein Paar hatte ich schon in Machu Picchu gesehen. Sie wohnen in Brasilien und ich erhalte einige wertvolle Tipps für meine Weiterfahrt.

Dem anderen deutschen Paar wurde in Juliaca ein Rucksack mit Geschenken gestohlen.

Bolivien erscheint mir preisgünstiger, wesentlich angenehmer, lockerer und fröhlicher. Endlich hat man wieder ein kleines Verhältnis zur Währung, für vier Mio. peruanische Intis erhalte ich den Gegenwert von 20 Bolivianos.

Zwei Italienerinnen im Bus empfehlen das Hotel „Torino“ in La Paz, zusammen mit Gerhard, einem Österreicher, den ich ebenfalls im Bus kennengelernt habe, nehme ich ein Zimmer für 10 Bol./Person, etwa 3 USD.

Die Stadt liegt gut 3.600 m ü. M. in einem Talkessel, die Armenviertel liegen noch 400 m höher im Alto.

Flöte, Gitarre und Charanga

Wir verbringen einen schönen Abend in der höchsten Hauptstadt der Welt und besuchen einige Lokale. In einer Gaststätte wird an fast allen Tischen gewürfelt, in einer anderen spielt eine Folkloreband mit ihren typischen Instrumenten wie Flöte, Gitarre und Charanga, einem Saiteninstrument, dessen Korpus aus Gürteltierpanzer hergestellt wurde. Am nächsten Tag setzen wir die Stadtbesichtigung fort. In der Kathedrale findet gerade eine Trauung statt und wir verweilen einige Momente. Von einer bestimmten Stelle kann man bei klarer Sicht einen über 6.000 m hohen Berg sehen. Auf dem Wochenmarkt kaufe ich einen Beutel Kokablätter, sie sind in Bolivien legal und das Kauen, so habe ich gelesen, soll keinen Rausch erzeugen, aber wie Kaffee stimulieren. Ich kaue und kaue, merke aber keine Reaktion.

Ansichtskarten und Briefmarken sind günstiger als in Peru. Eine Frau spricht mich an, sie hatte uns beobachtet und gemerkt, dass wir uns in deutscher Sprache unterhalten. Sie bittet mich, einen Brief mit nach Bremen zu nehmen und gibt mir ihre Telefonnummer, damit wir die Briefübergabe besprechen können.

Obwohl mir einige Zweifel kommen, warum dieser Brief nicht mit der Post geschickt werden soll, rufe ich später die Nummer an und bin froh, dass niemand ans Telefon geht.

Im Busterminal lernen wir die hübsche Cecilia kennen. Sie ist Buchhalterin in einer landwirtschaftlichen Genossenschaft im Norden Boliviens. Cecilia ist Gerhard beim Kauf eines Bustickets nach Sucre behilflich, sie selber will mit dem nächsten Bus nach Santa Cruz.

Ihre Großmutter wohnt dort, außerdem findet in den nächsten Tagen ein Fußballspiel statt, das sie auf keinen Fall verpassen möchte.

Schade, Santa Cruz ist auch mein nächstes Ziel, aber zuvor möchte ich noch etwas von La Paz sehen. Cecilia gibt mir eine Telefonnummer, unter der ich sie in einigen Tagen erreichen kann, und ich verspreche, sie sofort anzurufen.

Im Terminal ist hektisches Treiben, bei den alten Dodge-Bussen werden die Türen noch mit einer Kurbel aufgedreht.

Eine unangenehme Busfahrt

Die Busfahrt nach Santa Cruz dauert und dauert. Ich sitze neben einer korpulenten Dame, die den meisten Platz für sich benötigt und kann nicht einschlafen. Es wird ein Video gezeigt.

In Cochabamba steigen wir in einen anderen Bus um, danach habe ich wieder mehr Platz und genieße die Fahrt sehr. Es geht durch den Urwald, durch Wolken, vorbei an Bananen- und Aprikosenplantagen, überflutete Sandwege lassen uns manchmal nur langsam vorankommen. Die Hütten sind mit Blättern oder Matacu-Stauden gedeckt, einmal überqueren wir den Rio Grande.

Als ich meinen Nebenmann nach einem günstigen Hotel in Santa Cruz frage, kommen sofort an die zehn Mitreisenden, um mir Informationen zu geben. Eine Bolivianerin, die jetzt in Australien wohnt, hat zufälligerweise eine Visitenkarte des Hotel „La Siesta“ bei sich und ich entschließe mich, hier die nächsten Nächte zu verbringen. Kreditkarten werden akzeptiert.

Das Zimmer ist mit Toilette, Dusche und Fernseher ausgestattet und es verfügt über einen Ventilator, den ich wegen der schwülen Hitze gar nicht mehr ausstelle. In La Paz zeigte das Thermometer 16 Grad an, hier ist es mehr als doppelt so heiß.

Santa Cruz ist eine moderne elegante und pulsierende Stadt, auffallend viele Uhren- und Schmuckgeschäfte sind in der Innenstadt anzutreffen. Die Bewohner sind modisch gekleidet. Drogengeschäfte haben die Stadt reich gemacht, Santa Cruz gilt als die Drogenhochburg des Landes.

Im Bahnhof möchte ich mich über den Weitertransport nach Brasilien erkundigen, es fahren aber keine Züge mehr und die Schalter sind nicht besetzt, weitere Infos mañana.

Cecilia ist noch in der Stadt, sie holt mich pünktlich mit der für Südamerika obligatorischen Verspätung ab und wir fahren auf ihren Wunsch hin zunächst in den Zoo.

Was kann man da nicht alles sehen: Kondore, ein Vogel dieser Art spreizt sogar einmal exclusiv für uns die Flügel, Tapire, Ameisenbären, Schildkröten (davon zwei beim Geschlechtsverkehr), Affen, alle Arten von Lamas, Pumas, Leoparden, Schlangen, farbenprächtige Vögel und, und, und. Meine Begleiterin kennt sich sehr gut aus und ich erfahre viel über die einheimische Tierwelt. Sie hat auch schon viel über Deutschland gehört und schwärmt für Pierre Litbarski.

Rindfleisch mit Yukagemüse

Später fahren wir zum Abendessen in einen Park am Fluss, es gibt Rindfleisch mit Yukagemüse. Es wäre ein romantischer Ort, wären da nicht die vielen Moskitos.

Zum Abschluss des schönen Tages besuchen wir auf Wunsch von Cecilia noch ein Fußballspiel. Real Santa Cruz gewinnt 5 : 2 gegen Blooming. Sitzkissen, das heißt zusammengebundene Zeitungen, können für wenig Geld angemietet werden.

Cecilia ist sehr nationalbewusst und bemüht, mir ihr Land näher zu bringen. Sie erklärt und erzählt mir vieles, was in Reiseführern nicht steht und in Reisemagazinen nicht nachzulesen ist. Auf allen Titelseiten der Zeitungen prangt heute das Wort „guerra“, Krieg, und meine Begleiterin bittet mich, mit ihr auf den letzten Tag des Friedens anzustoßen. Morgen beginnt der Golfkrieg.

Jetzt, Ende Januar/Anfang Februar 2003, beim Aufschreiben dieser Reiseerinnerungen, ist die Situation ähnlich, sogar die Namen der jeweiligen US-Präsidenten sind identisch.

Den letzten Nachmittag in Santa Cruz verbringe ich ruhig. Im Zentrum beobachte ich eine Prozession, verstehe aber den Sinn nicht, hängt es vielleicht mit dem Krieg zusammen? Die Menschen haben Fähnchen in der Hand, es werden Reden gehalten und Kränze niedergelegt, ein Trompeter spielt.

Man kann das nachmittägliche Treiben gemütlich beobachten, niemand stört, kein Vergleich zu Peru. Bolivianer feiern und tanzen gern, so Cecilia, besonders im Karneval, einige Kriege wurden deshalb vom Gegner gerade in dieser Zeit, wo man unachtsam ist und sich der Freude hingibt, begonnen.

Auf der Plaza 24 de septiembre treffe ich einen deutschsprechenden Mann wieder, vermutlich Europäer, er meint, dieser Platz sei „das Gepflegteste, was Südamerika hat“.

ByeBye Bolivien

Nun heißt es Abschied nehmen von Bolivien. Gegen Abend besteige ich den Ferrobus (Schienenbus), der zum Grenzort Quijarro fährt.

Noch vor der Abfahrt weist sich ein Mann aus und herrscht mich an: You took cocain, look at your eyes, look at your tongue! Mein Adrenalinspiegel steigt, ich fange an zu schwitzen. Mit Sicherheit weiß ich, dass ich keine Drogen genommen habe, aber was ist mit den Kokablättern? Mir wird ganz mulmig und widerstrebend füge ich mich der Anweisung des Mannes und folge ihm auf die Zugtoilette.

Dort, eine Hand an der Tür und eine Hand am Fenster, muss ich mich ausziehen. Der Mann guckt und prüft, findet natürlich meine Geld- und Werttasche, die ich unter der Bekleidung trage, öffnet sie und prüft den Inhalt, nicht einmal sondern mehrere Male. Mir kommen die übelsten Gedanken, was ist, wenn er mir ein Päckchen Rauschgift unterjubelt? Habe ich genügend Geld, um mich auszulösen, kann ich die Fahrt fortsetzen, muss ich bei der Botschaft um Hilfe nachfragen?

Irgendwann lässt der Mann von mir ab und gebietet mir, wieder an den Platz zu gehen. Jetzt erst merke ich, dass mein Körper total verschwitzt ist. Ich ziehe mich an und gehe ins Abteil zurück.

Die Fahrt ist sehr angenehm und interessant, es werden Getränke, Sandwiches und andere Speisen gereicht. Die Leibesvisitation versuche ich gedanklich zu verdrängen. Einige Züge kommen uns entgegen, die Menschen stehen in den Waggons, auf den Trittbrettern oder auf dem Dach, Sitzplätze gibt es nicht. Am frühen Morgen erreichen wir Quijarro, mit einem Taxi fahre ich zur Grenze und besorge mir den Ausreisestempel.

Brasilien

Eine Bank gibt es nicht auf dieser Seite der Grenze und die mobilen Geldtauscher nehmen keine Reiseschecks an, glücklicherweise verlangt der Busfahrer, mit dem ich nach Corumba, der nächsten Stadt, fahre, kein brasilianisches Geld.

Am Bahnhof erhalte ich den Einreisestempel, vor den Fahrkartenschaltern stehen riesige Schlangen und es geht überhaupt nicht weiter. Also fahre ich mit dem Taxi erst mal zur Bank, auch dort muss ich mich hinter einer immens langen Menschenschar anstellen.

Leider gibt es wieder nur Papiergeld und keine Münzen, ein Dollar entspricht dem Gegenwert von 210 Cruzeiros. Geldscheine im Wert von 10.000 Cruzeiros wurden auf 100 Cruz. abgewertet.

Die brasilianische Währung wird wegen der hohen Inflation gerade umgestellt. Die früheren cruzados heißen jetzt cruzados novos oder cruzeiros.

Zurück im Bahnhof muss ich immer noch eine Stunde warten, bis ich das gewünschte Ticket nach Campo Grande in der Hand habe. Die Verständigung fällt mir wesentlich schwerer als in Bolivien oder Peru, ich kann zwar meine Wünsche in spanisch äußern, von der Antwort in portugiesischer Sprache verstehe ich aber so gut wie nichts.

Es ist riesig heiß, für die Busfahrt brauchen wir etwa sieben Stunden. Mit einer Fähre überqueren wir den Rio Paraguay. Danach fahren wir ein ganzes Stück am Rande des Sumpfgebietes Pantanal entlang und es ist total interessant.

So können wir viele Papageien beobachten, Reiher, Störche, einmal sehe ich sogar einen Tapir. Wir überholen Rinderherden, die von Vaqueiros, den brasilianischen Cowboys, begleitet werden und kommen an gewaltigen Fazendas vorbei. Auf großen Schildern am Eingangsportal kann man den Namen der jeweiligen Ranch ablesen, manchmal komme ich mir vor wie im wilden Westen.

Im Hotel „Nacional“, in der Nähe des Busterminals, belege ich ein Zimmer mit Dusche und Toilette für 8 USD.

Im Fernsehen wird permanent über den Golfkrieg berichtet, Bush und Weinberger geben ihre Statements ab, leider in portugiesischer Synchronisation, ich verstehe rein gar nichts.

Das Hotelpersonal und die anwesenden brasilianischen Gäste sprechen kein englisch, den anderen geht es wie mir.

Im Zimmer kontrolliere ich meine Habseligkeiten und es fehlen 200 Dollar, der Offizielle in Santa Cruz hat sich an mir bereichert. Jetzt bin ich zum zweiten Male bestohlen worden, wenn das so weitergeht......

Um 10.oo h morgens zeigt das Thermometer schon über 30 Grad an.

Die nächsten Tage lese ich viel und mache ausgedehnte Spaziergänge. Die Stadt ist beschaulich, große Bäume spenden angenehmen Schatten, es sind viele hübsche Frauen unterwegs.

Abends esse ich in einer typischen Churrasceria Fleisch vom Grill bis zum Abwinken.

Die Fernsehbilder zeigen nur Soldaten und Panzer, ich mache mir doch etwas Sorgen und rufe zu Hause bei meiner Familie und bei meiner Freundin Elisabeth an, um mich über die aktuelle Situation zu informieren.

Bis Foz do Iguacu sind es 775 Kilometer. Für gut 19 Dollar kaufe ich mir ein Ticket bei der Gesellschaft Integracas, vorher war ich mit Andorinha gefahren, Busse dieser Firma sieht man am häufigsten.

Der Busbahnhof in Campo Grande ist ebenfalls groß und beeindruckend, viele Gesellschaften wetteifern um die Passagiere.

Aus verständlichen Gründen lasse ich meinen Koka-Vorrat zurück, auch später in den letzten Tagen konnte ich den Blättern nichts abgewinnen, sie haben bei mir nicht gewirkt.

Cecilia braucht fünf Blätter, um im Mund und Bauch eine entsprechende Wirkung zu spüren, ich habe zehn Blätter auf einmal genommen, einige Male sogar mit Aschenstein, und konnte doch nichts fühlen.

Auf dem Weg nach Iguacu kommen wir durch mehrere größere Orte, häufig sind Karussells und Riesenräder aufgebaut. Eine ganze Weile wundere ich mich über die etwa ½ Meter großen Sand- oder Lehmhügel auf den Feldern neben der Strasse, sind es Termitenhügel?

Mein Nachbar im Bus schreibt mir auf meine Frage hin „Soja“ auf, er meint sicherlich die Frucht auf den Feldern.

Auch die heutige Strecke führt an beeindruckenden Fazendas vorbei, gewaltige Rinderherden grasen auf den riesigen Weideflächen. An manchen Stellen kommt der Bus nur im Schneckentempo vorwärts, tiefe Schlaglöcher auf der Strasse machen eine schnellere Fahrt unmöglich. Am Straßenrand liegt ein halb aufgefressener Kuhkadaver.

In den Ortschaften werden kurze Pausen eingelegt, junge Männer bieten in den Terminals Pfeil und Bogen zum Verkauf an.

Während einer Pause entdecke ich einen Mann, der den „Spiegel“ liest. Es ist Markus,

21 Jahre alt, Schweizer und Molkereifachmann. Er hat gerade sein vierteljähriges Praktikum in einer Käserei hinter sich und dasselbe Ziel wie ich.

Einmal fahren wir nachts in absoluter Dunkelheit über einen riesigen Fluss.

Später in der Nacht werde ich von Markus geweckt, denn in Cascavel müssen wir in einen anderen Bus wechseln. Der Schweizer ist zum ersten Mal im Ausland, er hat keine Fremdsprache in der Schule, aber in den letzten Monaten vor Ort schon sehr gut portugiesisch gelernt.

Am frühen Morgen kommen wir in Foz an, suchen uns ein Zimmer im Hotel „Pieta“ und gehen frühstücken.

Dank der guten Sprachkenntnisse von Markus gelingt es uns, einen optimalen Preis für eine Taxifahrt zu den Wasserfällen sowohl auf brasilianischer als auch auf argentinischer Seite auszuhandeln.

Gegen acht Uhr sehen wir das gigantische Naturschauspiel. Wir sind die einzigen Gäste und haben die weltberühmten Iguacu-Fälle für uns ganz allein. Begeistert gehen wir durch die Anlage, niemand stört uns, nur das gewaltige Rauschen des Wassers und das liebliche Singen der Vögel im Ohr. Wunderbar! An vielen verschiedenen Stellen hat man einen traumhaften Blick auf die Fälle, ein Bild ist schöner als das andere. Unglaublich, welche Wassermengen tagtäglich in jeder Sekunde den Parana-Fluss hinunterstürzen.

Auch die Besichtigung auf der argentinischen Seite, wo sich die Wasserfälle ja auch eigentlich befinden, ist grandios. Man kann ganz nah herangehen und sich an der Gischt erfrischen. Im Park haben mich dann noch zwei Fälle, die „Dos Hermanas“, begeistert.

Witzige Nasenbären, dicke Käfer und schöne bunte Schmetterlinge gehören zum lebenden Inventar der Parkanlage. Das Thermometer zeigt um 17.oo h 43 Grad an.

Mein Cousin Heinrich Mues war ein halbes Jahr vorher in Brasilien. Er empfahl mir, unbedingt das Parana-Wasserkraftwerk zu besichtigen. Zusammen mit Markus fahre ich hin und sehe mir die Anlage an. Die Größe und der Wasserdurchlass sind beeindruckend.

Abends höre ich mir in Foz einige Bands an, manche gefallen mir sehr gut, andere sind nicht nach meinem Geschmack. Das Bier wird in Plastik-Kühlern auf den Tisch gestellt.

Rio de Janeiro heißt das nächste Ziel, was hat man nicht schon alles über diese Stadt gehört und gelesen.

Voller Vorfreude mache ich es mir im wieder sehr gepflegten und geräumigen Bus bequem.

Während der Stopps an den Terminals werden jetzt Hängematten verkauft. Einmal haben wir eine Panne und ein Reifen muss gewechselt werden.

Kurz vor sechs Uhr morgens sind wir in Sao Paulo und Rio erreichen wir gegen Mittag. Mit dem Stadtbus fahre ich nach Copacabana. Zu meiner großen Verwunderung und Freude werden Münzen als Wechselgeld herausgegeben. Auf Empfehlung eines Mitreisenden checke ich im „APA“-Hotel ein, drei Gehminuten vom Strand und von der weltberühmten Copacabana entfernt. Das Zimmer verfügt über Bad, TV, Minibar und Safe.

Endlich am Ziel! Obwohl ich in der letzten Nacht im Bus nicht allzu viel geschlafen habe, gönne ich mir keine Pause und mache mich gleich auf den Weg zum Strand.

Genauso habe ich es mir vorgestellt, heller Sand soweit das Auge reicht, viele Menschen beim Sonnenbaden, etliche hübsche schokobraune Frauen in aufreizenden Tangas.

Das Wasser ist nicht ganz klar, ich bade aber trotzdem.

Der Zuckerhut steht als nächstes auf dem Programm. Ich fahre hinauf und bin überwältigt von dem Panorama, was sich mir von oben bietet. Den ganzen Nachmittag verweile ich hier, beobachte, wie ein Video-Clip für einen Rap-Hit aufgenommen wird, erlebe, wie bei einbrechender Dunkelheit die Lichter in der Stadt angehen und bleibe, bis ganz Rio im Lichtermeer erstrahlt ist.

Den Abend verbringe ich an der Copacabana, esse etwas in einem Gartenrestaurant direkt am Meer und bleibe bis tief in die Nacht. Einige Male werde ich von „leichten Mädchen“ angesprochen.

Am nächsten Tag mache ich einen ausgedehnten Spaziergang in Richtung Centrum und sehe mir die Stadtteile Botafogo, Flamengo und Gloria an. Immer wieder lädt ein schöner Strand zur Pause ein, oft hat man einen Superblick auf den Zuckerhut.

In einem Lokal linkt mich ein Kellner um 15 Dollar, kurze Zeit später bemerke ich es, gehe zurück und erhalte das Geld doch tatsächlich zurück.

Beim Mahnmahl des 2. Weltkriegs überlege ich, ob es wohl möglich ist, diese heftig befahrene vielspurige Strasse zu überqueren ohne überfahren zu werden. Plötzlich greifen mich drei bis vier Jugendliche, die ich vorher schon gesehen habe, an, reißen mich zu Boden und versuchen, meine Kamera aus der Hosentasche zu ziehen, jedoch ohne Erfolg. Wir kämpfen eine ganze Zeit, irgendwann lassen sie von mir ab und laufen weg. Mir fehlt eine Tragetasche mit einem Reiseführer und einem Notizblock. Ich hätte heulen können, das Buch ist ersetzbar aber im Block waren die ganzen Adressen der Menschen, die ich während dieser Fahrt kennengelernt hatte. Kreditkarte und Safeschlüssel konnte ich retten.

Ein kleines Stück weiter parken einige Taxis, ich gehe hin und beschwere mich lautstark und frage, warum sie mir nicht geholfen hätten. In dem Moment kommt ein Polizist in Zivil und zeigt auf meinen Arm, vollkommen blutverschmiert. Die ganze Situation ist ihm sichtlich peinlich. Dann, welch Glück, kommen zwei Passanten und bringen mir die Tragetasche samt Buch und Block zurück. Die Jungen hatten keine Verwendung für den Inhalt und haben sie weggeworfen.

Der Polizist geleitet mich zu einem nahegelegenen Kriegsschiff. Hier werde ich von einem Soldaten notdürftig verarztet.

Aber wir lassen uns nicht unterkriegen, meinen Tagesplan ziehe ich durch, jetzt erst recht, auch wenn mich einige Leute wegen der Blutflecken auf der Kleidung eigentümlich ansehen.

Der Corcovado mit der weltberühmten 30 m hohen Christus-Statue, Christo Rei, ist mein nächstes Ziel.

Auch hier hat man wieder einen berauschenden Blick auf die Stadt.

Eigentlich wollte ich abends auf eigene Faust zu einer Samba-Show, buche dann im Hotel aber doch eine organisierte Fahrt mit Abendessen vorweg. Das Erlebnis am Nachmittag hat mir etwas von meinem Mut genommen und ich sehne mich nach einem sicheren Abend in Gruppengeborgenheit ohne böse Zwischenfälle. Der Hotel-Portier rät mir, den Safeschlüssel nicht wie eine Kette am Hals zu tragen, denn man könnte damit stranguliert werden.

Zu meiner Überraschung steuern wir zum Abendessen eine Churrasceria in Botafogo an, die ich heute vormittag beim Spaziergang schon gesehen habe und wo ich an einem der nächsten Abende essen wollte. Mein Cousin hatte mir eine Visitenkarte des Lokals gegeben und mir einen Besuch wärmstens empfohlen.

Das Essen ist sehr gut. Zwei Schweizer klagen mir ihr Leid. Sie waren am Vortage Opfer eines bewaffneten Raubüberfalles. Am hellen Tag wurden sie vor ihrem Hotel in der Nähe der Copacabana von zwei Männern mit der Waffe bedroht. Während der eine dem Schweizer die Pistole an den Kopf hält, zählt der Komplize seelenruhig das Geld, es sind etwa 100 Dollar. Sofort wird das Hotel gewechselt. Niemals, so versichern beide Eidgenossen, werden sie noch einmal nach Südamerika zurückkehren.

Die Samba-Show ist sehr schön und interessant, die Akustik eher hell und blechern. Zum Schluss übernimmt ein Entertainer das Programm. Die Band spielt sogenannte typische Lieder des jeweiligen Landes an und die Touristen aus dem besagten Land sollen sich erheben und mitsingen.

Als Deutschland angekündigt wird, höre ich „Trink, trink, Brüderlein trink...“und ziehe es vor, sitzen zu bleiben.

Die nächsten Tage lasse ich mir viel Zeit, bade im Ozean an der Copacabana oder auch in Ipanema. Die Abschürfungen am Arm sind noch nicht verheilt und ich halte es nur kurze Zeit im Salzwasser aus. Tagsüber mache ich noch lange Spaziergänge am Strand entlang, nachts allerdings bin ich vorsichtiger und lege nur noch kurze Wege zu Fuß zurück. Bei weiteren Entfernungen ist mir eine Fahrt im Taxi doch sicherer.

Leider heißt es nun Abschied nehmen von Südamerika. Der Flughafenbus hält direkt an der Av. Atlantico an der Copacabana.

Ein Mann macht mich auf einen Fleck an meinem Rucksack aufmerksam. Die Masche ist bekannt und ich hatte schon einiges darüber gelesen. Man kippt etwas Spaghettisauce auf ein Kleidungsstück, hilft beim Säubern und stielt die Brieftasche. „Mit mir doch nicht“, sage ich, und der Mann entfernt sich. Da ich nur Papiertaschentüchern habe und mit der Reinigung nicht weiterkomme, stelle ich mein Gepäck ab und frage an einem Kiosk nach einer Flasche Wasser. In dem Moment nehme ich nur noch einen Schatten wahr und realisiere Sekunden später, dass mein Tagesrucksack gerade gestohlen wurde. Der Mann im Kiosk zeigt mir, in welche Richtung der Dieb gelaufen ist.

Ich greife nach meinem großen Rucksack, laufe ohne auf den Verkehr zu achten über die Strasse und rufe „policia“. Einige Momente später sehe ich einen jungen Mann mit meinem daypack, eile weiter und schreie bei jedem Schritt nach der Polizei. Passanten werden aufmerksam, stoßen den Dieb an und, welch Glück für mich, an der anderen Straßenseite ist ein Polizist aufmerksam geworden, eilt herbei und schnappt sich den jungen Mann. Sofort werden Handschellen angelegt. Auf der Polizeiwache fragt man mich, ob ich Anzeige erstatten will, ich verneine, irgendwie tut mir der Mann leid, er besteht nur aus Haut und Knochen. Glücklich nehme ich mein Eigentum in Empfang, immerhin waren über 20 belichtete Filme im Rucksack.

Zurück an der Copacabana nicken mir einige Passanten, die Zeuge des Vorfalls waren, freundlich zu und sind mir bei der Auswahl des richtigen Busses behilflich.

Als mich im Flughafen ein Brasilianer fragt, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm deutsch zu reden, lehne ich dankend ab, jetzt reicht´s.

Im Duty-Free-Shop finde ich nichts, was mir gefallen könnte, es ist eigentlich überhaupt nichts los. Die Verkäufer sitzen gelangweilt auf ihren Stühlen, Friseure dösen vor sich hin, und das im Flughafen einer solchen Metropole.

Kanada

Auf dem Rückflug wird in Toronto wieder ein Stopp eingelegt. Bei der Rote-Kreuz-Station im Flughafen lasse ich meinen Arm neu verbinden.

Einige Tage bleibe ich hier noch bei der Familie Tiemann, die in den fünfziger Jahren von Deutschland nach Kanada ausgewandert ist. Freunde von mir waren schon einmal dort und überreden mich zu diesem Besuch.

Wir treffen uns an der Busstation und ich finde beide, Hanna und Henry, sofort sehr sympathisch. Sie sind bereits pensioniert aber bestens über das Zeitgeschehen, auch über politische Ereignisse in Deutschland, informiert.

Nachdem ich mit den neuesten Nachrichten versorgt bin, fahre ich ins Zentrum von Toronto und friere ganz erbärmlich. Zum einen bin ich Opfer des Jetlags, zum anderen muss mein Körper einen Temperaturunterschied von 55 Grad verkraften. Nach 40 Grad in Rio zeigt das Thermometer in Kanada mehr als 15 Minusgrade an.

Toronto ist eine moderne Stadt, das Wahrzeichen ist der CN-Tower. Eine Fahrt auf die Spitze hinauf ist wegen starken Windes nicht möglich, am übernächsten Tag gelingt es mir jedoch.

Bei gutem Wetter fährt der Fahrstuhl bis auf 447 m hoch.

Riesige Einkaufspassagen bestimmen die Innenstadt, zwischendurch Bistros, Snackbars und andere Lokale. Die Stadt liegt direkt am Ontario-See.

Bis zu den Niagarafällen sind es 130 Kilometer. Wir nehmen das Auto von Tiemanns und ich setze mich ans Steuer.

Die Wasserfälle sind beeindruckend, es sieht geheimnisvoll aus, überall Schnee und Eis, eine wunderschöne Winterlandschaft, das genaue Gegenteil zu den Iguacu-Fällen in der blühenden tropischen Natur.

Wir besichtigen die Horseshoe-Falls auf kanadischer Seite und fahren dann über die Grenze in die Vereinigten Staaten, um das Naturschauspiel auch aus dieser Perspektive zu sehen.

Die Brücken und Stege sind vereist und aus Sicherheitsgründen nicht begehbar.

Zurück in Toronto beobachte ich eine Demo gegen den Golfkrieg.

Wir verbringen einen interessanten letzten Urlaubsabend bei gutem Essen und noch besserem Wein und unterhalten uns prächtig.

Auf dem Rückflug nach London und später nach Amsterdam lasse ich die Erlebnisse noch einmal revue passieren. Jürgen holt mich vom Bahnhof in Minden ab und ich bin froh, wieder zu Hause zu sein.

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Horst Wehrse

JoinMyTrip Tripleader

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